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15.03.2023 |

Einspruch gegen KWS-Patent auf Mais aus konventioneller Züchtung

KWS
Protest gegen KWS-Patente im Dezember 2022 (Foto: Falk Heller)

Das Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“ hat Einspruch gegen ein Patent der Saatgut-Firma KWS auf Mais aus konventioneller Züchtung eingelegt. Das vom Europäischen Patentamt EPA im Juni 2022 erteilte Patent erstreckt sich auf Maispflanzen mit einer verbesserten Verdaulichkeit, deren Ernte und die daraus hergestellten Futtermittel. Doch diese Eigenschaft wurde nicht mithilfe von Gentechnik erzielt, sondern es handelt sich um zufällig veränderte Genvarianten, die entdeckt und von KWS mit konventionellen Züchtungsmethoden in die patentierten Sorten eingezüchtet wurden. Außerdem umfasst das Patent die Verwendung von natürlich vorkommenden Genvarianten für die konventionelle Züchtung. Das Bündnis, dem mehrere europäische Nichtregierungsorganisationen angehören, sieht dadurch die konventionelle Züchtung bedroht. „Patente auf Saatgut behindern den Zugang zur biologischen Vielfalt und beenden die Freiheit in der traditionellen Pflanzenzucht“, sagt Katherine Dolan vom österreichischen Verein Arche Noah. „Damit gefährden die Konzerne die Grundlagen der Nahrungsmittelsicherheit in Europa.“

Das Patent EP3560330 B1 trägt den Namen „Pflanzen mit verbesserter Verdaulichkeit und Markerhaplotypen“ und wurde am 15.06.2022 im Bulletin 2022/24 des EPA veröffentlicht. In der Einspruchsschrift merkt „Keine Patente auf Saatgut!“ an, dass die Beschreibung des Patents verschiedene Beispiele für Anwendungen mit und ohne Gentechnik beinhaltet. Es werde so der Eindruck erweckt, dass in erster Linie gentechnische Verfahren eingesetzt würden, die nach dem europäischen Patentrecht durchaus patentierbar sind. Doch KWS beansprucht auch die Nutzung der natürlicherweise vorkommenden Genvarianten zur Auswahl von Pflanzen im Rahmen der konventionellen Züchtung. Einige Ansprüche erstrecken sich auch auf Pflanzen, die mit diesen Verfahren ausgewählt werden. Zudem werden auch Pflanzen mit nach dem Zufallsprinzip mutierten Genen beansprucht. Das Bündnis kritisierte schon seit Langem die umstrittene Praxis des EPA, Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zu erteilen, obwohl im europäischen Patentrecht diese Patente auf „im Wesentlichen biologischen Verfahren zur Züchtung von Pflanzen oder Tieren“ untersagt sind. Im Juni 2017 hatte das EPA auf öffentlichen Druck hin ein Ende der Praxis angekündigt und 2020 wurde dies durch eine Entscheidung der großen Beschwerdekammer des EPA bestätigt (G3/19). Mit dem KWS-Maispatent erteilte das EPA jedoch auch nach Erlass der neuen Regel 28(2) im Europäischen Patentübereinkommen (EPÜ) erneut ein Patent auf konventionell gezüchtete Pflanzen. „Patentierbar sind nur technische Erfindungen, nicht aber die genetische Vielfalt und das Saatgut konventionell gezüchteter Pflanzen! sagt Christoph Then für Keine Patente auf Saatgut!. „Das Patentamt verstößt mit solchen Patenten auf Saatgut gegen seine eigenen Rechtsgrundlagen.“

Der Zankapfel sind Patente, die auf zufälligen genetischen Veränderungen basieren, wie sie etwa durch UV-Strahlung bzw. Sonnenlicht ausgelöst werden, und die als technische Erfindung beansprucht werden. Das EPA setzt diese zufälligen Mutationen offensichtlich mit gentechnischen Veränderungen gleich. Im Einspruch legt „Keine Patente auf Saatgut!“ dar, warum diese Auslegung als nichtzutreffend erachtet wird. Zuletzt hatte sich auch der Bundesverband der Pflanzenzüchter (BDP) gegen Patente auf natürlicherweise vorkommende Genvarianten ausgesprochen. In Österreich soll das nationale Patentrecht so geändert werden, dass zufällige Mutationen nicht länger als technische Erfindungen beansprucht werden können. „Keine Patente auf Saatgut!“ fordert nun, dass auch der EPA-Verwaltungsrat, in dem Vertreter*innen der 39 Mitgliedsländer sitzen, eine korrekte Auslegung des europäischen Patentrechts sicherstellt. Mit dem Einspruch hofft das Bündnis, eine Klärung der rechtlichen Lage erwirken zu können, um die Vergabe solcher Patente zu stoppen. Andernfalls befürchten die Mitglieder eine Blockade der traditionellen Züchtung, da konventionelle Pflanzenzüchter*innen nicht mehr alle auf dem Markt befindliche Sorten nutzen könnten, um Sorten zu verbessern und zu vermarkten. Das Bündnis befürchtet, dass Züchter*innen eine Patentlizenz benötigen würden, um ihre eigenen Sorten zu vermarkten. „Mittelständische Zuchtunternehmen geraten in neue Abhängigkeiten und werden mit großen rechtlichen Unsicherheiten und erheblichen Kosten konfrontiert“, bemängelt Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) e.V.. „Unter diesen Bedingungen können nur die großen Konzerne überleben, die dann bestimmen was angebaut und geerntet wird. Das würde auch für die bäuerlichen Betriebe in Europa und den Ländern des globalen Südens erhebliche Auswirkungen haben.“

Bereits Anfang Dezember hatte „Keine Patente auf Saatgut!“ anlässlich der Jahreshauptversammlung der Firma KWS in Einbeck (Niedersachsen) protestiert, da KWS in den letzten Jahren vermehrt Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen angemeldet hatte. Die beanspruchten Eigenschaften betreffen wichtige züchterische Merkmale wie Resistenzen gegen Pflanzenkrankheiten, Viren und Pilzbefall, gegen Schädlinge wie Nematoden oder Toleranz gegen Klimaextreme. In einem Bericht zu den Patenten von KWS zeigte das Bündnis auf, welche Risiken derartige Patente für die Pflanzenzucht bergen. Behandelt wird zum Beispiel ein Patentantrag auf Zuckerrüben mit Resistenz gegen die Blattfleckenkrankheit, die zwar auch mithilfe von CRISPR/Cas (neue Gentechnik) erzielt wurde, die aber eben auch durch zufällige Mutationen entstanden ist. „Damit werden die technischen und rechtlichen Unterschiede zwischen Gentechnik und konventioneller Zucht gezielt und systematisch verwischt“, so der Bericht. „Die KWS sollte auch aus eigenem Interesse ihre Patente zurückziehen oder diese strikt auf gentechnische Verfahren begrenzen“, fordern die Autor*innen. „Anstatt das Patentrecht auf Bereiche auszuweiten, für die es nie gedacht war, sollte sich die KWS auf ihre Verantwortung für die Zukunft der Pflanzenzucht besinnen und sich auch aus ihrer Verantwortung gegenüber Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung für wirksame Verbote im Patentrecht einsetzen.“ (ab)

24.02.2023 |

Synthetische Pestizide viel gefährlicher als natürliche Wirkstoffe

Salat
Was und wie viel landet auf dem Acker? (Foto: CC0)

Schon seit Längerem rücken Berichte und Studien zum Verlust der Artenvielfalt und dem Zusammenhang zu Landnutzung und Pestizideinsatz zunehmend in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Spätestens seit sich die EU mit dem Grünen Deal und ihrer „Farm to Fork“-Strategie die Ziele gesteckt hat, den Ökolandbau in der EU bis 2030 auf 25 % der Agrarfläche auszuweiten und den Einsatz und das Risiko von chemisch-synthetischen Pestiziden zu halbieren, hat die politische und gesellschaftliche Debatte über die Art und Zukunft der Landwirtschaft wieder an Fahrt aufgenommen. Die europäische Pestizidindustrie sieht ihre Felle bzw. heimischen Absatzmärkte davonschwimmen und behauptete, dass im Ökolandbau Wirkstoffe verwendet würden, die ähnlich giftig seien wie synthetische Pestizide. In einer Stellungnahme zur „Farm to Fork“-Strategie schrieb sie, dass mehr Ökolandbaus zum „Anstieg des Gesamtvolumens des Pestizideinsatzes in Europa“ führe, „da einige Produkte, die im Ökolandbau oft genutzt würden, in viel größeren Mengen ausgebracht werden müssen als sparsamere chemische Alternativen“. Diese Behauptung unterzog nun die österreichische Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 im Auftrag von „IFOAM Organics Europe“ einem Faktencheck. Gemeinsam mit Professor Dr. Johann Zaller von der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien führte sie einen systematisch toxikologischen Vergleich durch, der Ende Dezember im Wissenschaftsjournal „Toxics“ veröffentlicht wurde. Dieser kam zu dem Ergebnis, dass 55 % der in der konventionellen Landwirtschaft verwendeten Pestizide Hinweise auf Gesundheits- oder Umweltgefahren tragen, während es bei den im Ökolandbau zugelassenen natürlichen Wirkstoffen nur 3 % waren.

Untersucht wurden in der Studie 256 Wirkstoffe (Active Substances = AS), die in der konventionellen Landwirtschaft zugelassen sind, sowie 134 natürliche Wirkstoffen, die auch in der Biolandwirtschaft in Europa erlaubt sind. Gegenstand der Bewertung waren nur Wirkstoffe, die für die Verwendung auf landwirtschaftlichen Flächen bestimmt sind, während Stoffe, die in der Nacherntebehandlung oder -lagerung verwendet werden, nicht einflossen. Alle Wirkstoffe wurden hinsichtlich ihrer Gefahrenpotentiale und Risiken sowie der Häufigkeit ihrer Verwendung analysiert. Als Maßstab für den Vergleich dienten die von der Europäischen Chemikalienagentur (EChA) festgelegten Gefahrenklassifizierungen des Global Harmonisierten Systems (GHS) sowie die von der Europäischen Behörde für Ernährungssicherheit (EFSA) im Zulassungsverfahren festgelegten ernährungs- und arbeitsmedizinischen Richtwerte. Von den synthetischen Pestizidwirkstoffen trugen 55 % (140 der 256 Wirkstoffe) zwischen einem und neun Gefahrenhinweisen auf Gesundheits- oder Umweltgefahren. Bei den natürlichen Wirkstoffen waren es nur 3 % oder vier der 134 natürlichen Wirkstoffe. Insgesamt stehen 8 % der in der konventionellen Landwirtschaft zugelassenen Wirkstoffe im Verdacht, das ungeborene Kind zu schädigen und 7 % wird eine krebserzeugende Wirkung zugeschrieben. Weitere 7 % können Organschäden verursachen, 5 % sind beim Verschlucken giftig und 3 % sind beim Verschlucken tödlich. Keine der oben genannten Gefahrenklassifizierungen findet sich bei den derzeit zugelassenen natürlichen Wirkstoffen, die im Ökolandbau erlaubt sind. Des Weiteren wurden 40 % der synthetischen Pestizid-Wirkstoffe als sehr giftig für Wasserorganismen eingestuft, aber nur 1,5 % der natürlichen Wirkstoffe, nämlich die beiden Insektizide Pyrethrine und Spinosad. Was die chronische aquatische Toxizität betrifft, so waren 50 % oder 127 konventionelle Pestizide schädlich, giftig oder sehr giftig für Wasserlebewesen mit lang anhaltenden Wirkungen. Bei den natürlichen Wirkstoffen waren es nur 1,5 % oder zwei - wieder die Wirkstoffe Pyrethrine und Spinosad, welche die Übertragung von Nervenimpulsen hemmen.

Außerdem wurden die gesundheitlichen Richtwerte untersucht, die sich auf die annehmbare tägliche Aufnahmemenge (ADI) für die regelmäßige Aufnahme über die Nahrung, die akute Referenzdosis (ArfD) für den sicheren Verzehr einer Mahlzeit und die annehmbare Anwenderexposition (AOEL) für die sichere nicht-alltägliche Exposition gegenüber Pestiziden beziehen. Die Festlegung von ernährungs- und arbeitsmedizinischen Richtwerten hielt die EFSA bei 93 % der konventionellen, aber nur bei 7 % der natürlichen Wirkstoffe für angebracht. Bei den im Ökolandbau zugelassenen Wirkstoffen wurden für die Insektizide Spinosad, Pyrethrine und Azadirachtin sowie das Fungizid Thymol die niedrigsten annehmbaren Werte für die ernährungsbedingte und nicht-ernährungsbedingte Exposition festgestellt. Sie lagen im Bereich zwischen 0,1 und 0,01 mg/kg Körpergewicht. Die niedrigsten annehmbaren Expositionswerte bei den konventionellen Pestiziden waren deutlich niedriger (zwischen 0,001 und 0,0001 mg/kg Körpergewicht) und betrafen die synthetischen Herbizide Tembotrion, Sulcotrion, Fluometuron, Metam (ebenfalls ein Nematizid, Insektizid und Fungizid) und Diclofop, sowie die zwei Insektizide Emamectin und Oxamyl. „Die Unterschiede, die wir festgestellt haben, sind ebenso signifikant wie wenig überraschend, wenn man die Herkunft der jeweiligen Pestizidwirkstoffe genauer betrachtet“, erklärt Helmut Burtscher-Schaden, Biochemiker von GLOBAL 2000 und Erstautor der Studie: „Während rund 90 % der konventionellen Pestizide chemisch-synthetischen Ursprungs sind und Screening-Programme durchlaufen haben, um die Substanzen mit der höchsten Toxizität (und damit höchsten Wirksamkeit) gegenüber den Zielorganismen zu identifizieren, handelt es sich beim Großteil der natürlichen Wirkstoffe gar nicht um Stoffe im eigentlichen Sinn, sondern um lebende Mikroorganismen.“ Dazu gehören etwa Bakterien oder Pilze. „Diese machen 56 % der zugelassenen ‘Bio-Pestizide’ aus. Als natürliche Bodenbewohner haben sie keine gefährlichen Stoffeigenschaften“, fügt er hinzu. Weitere 19 % der Bio-Pestizide seien von vornherein als „Wirkstoffe mit geringem Risiko“ (z.B. Backpulver) eingestuft oder als Grundstoffe (z.B. Sonnenblumenöl, Essig, Milch) zugelassen.

„Es ist klar, dass die in der konventionellen Landwirtschaft zugelassenen synthetischen Wirkstoffe weitaus gefährlicher und problematischer sind als die in der Biolandwirtschaft zugelassenen natürlichen Wirkstoffe“, kommentierte Jan Plagge, Präsident von IFOAM Organics Europe, die Ergebnisse in der Pressemitteilung zur Studie. „Biobetriebe konzentrieren sich auf vorbeugende Maßnahmen wie die Verwendung robuster Sorten, sinnvolle Fruchtfolgen, die Erhaltung der Bodengesundheit und die Erhöhung der Artenvielfalt auf dem Feld, um den Einsatz von externen Betriebsmitteln zu vermeiden. Aus diesem Grund werden auf rund 90 % der landwirtschaftlichen Flächen (vor allem im Ackerbau) keinerlei Pestizide eingesetzt, auch keine natürlichen Stoffe.“ Dies gilt vor allem für Ackerkulturen wie Weizen, Mais, Roggen, Gerste usw, bei denen im konventionellen Ackerbau hingegen routinemäßig Herbizide, häufig Fungizide und je nach Kultur und Witterung auch Insektizide gespritzt würden. Wenn die Schädlinge im Ökolandbau dennoch überhand nehmen, sei der Einsatz von Nützlingen, Mikroorganismen, Pheromonen oder Abschreckungsmitteln die zweite Wahl der Biobäuer:innen. „Natürliche Pflanzenschutzmittel wie die Mineralien Kupfer oder Schwefel, Backpulver oder pflanzliche Öle sind der letzte Ausweg für Spezialkulturen wie Obst und Wein“, betont Plagge. (ab)

16.02.2023 |

Bioanbaufläche legt in Deutschland und weltweit zu

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Der Umsatz ging 2022 zurück (Foto: CC0)

Alljährlich, wenn das Branchentreffen BIOFACH in Nürnberg stattfindet, werden auch die neusten Zahlen rund um den Ökolandbau veröffentlicht. Am 14. Februar war es wieder soweit: Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL und IFOAM – Organics International präsentierten ihren Bericht „The World of Organic Agriculture“ mit Zahlen zum Ökolandbau rund um den Globus sowie der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) seinen Branchenreport für Deutschland. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche nimmt weiter zu, sowohl weltweit als auch in Deutschland, doch die neuen Zahlen zeigen auch, dass die Coronakrise und die Folgen des Kriegs in der Ukraine nicht ohne Auswirkungen auf die Umsatzentwicklung der Biobranche blieben. Laut dem FiBL/IFOAM-Jahrbuch, das sich auf das Jahr 2021 bezieht und Daten aus 191 Ländern zusammenführt, wurden weltweit rund 76,4 Millionen Hektar Land ökologisch bewirtschaftet – ein Anstieg um 1,3 Millionen Hektar oder 1,7 % im Vergleich zu 2020. Im Jahr betrug der Anstieg noch 4,1 %.

Das Länder-Ranking führt weiter Australien mit einer absoluten Biofläche von 35,7 Millionen Hektar an, wobei schätzungswiese 97 % dieser Fläche extensiv bewirtschaftetes Grünland sind. Auf Platz zwei steht Argentinien mit 4,1 Millionen Hektar Bioanbaufläche, während sich Frankreich mit 2,77 Millionen Hektar und einem Anstieg um 8,9 % im Vergleich zu 2020 auf Platz 3 vorarbeitete. Es folgen China mit 2,75 Mio. Hektar (+13,1 %) und Uruguay mit 2,74 Mio. Hektar. Deutschland schaffte es im globalen Vergleich 2021 auf Platz 10 mit 1,8 Millionen Hektar. Aufgrund des hohen Flächenanteils Australiens liegt fast die Hälfte der weltweiten ökologischen Anbaufläche in Ozeanien (36 Mio. ha). Europa bringt es auf eine Fläche von 17,8 Millionen Hektar oder 23 %, gefolgt von Lateinamerika mit 9,9 Millionen Hektar und 13 % der Gesamtfläche. In Europa war mit 747.924 Hektar das größte Plus in absoluten Zahlen zu verzeichnen (+4,4 %), während Afrika mit einem prozentualen Zuwachs von 17,3% führte. In Lateinamerika und Nordamerika hingegen ging die Biofläche zurück.

Der weltweite Anteil des Ökolandbaus an der landwirtschaftlichen Fläche ist mit 1,6 % weiterhin deutlich ausbaufähig, doch mittlerweile 20 Länder bringen es schon auf einen Anteil von über 10 %. Liechtenstein führte auch 2021 mit einem Bioanteil von 40,2 % an der Gesamtfläche. In Samoa wurden 29,1 % der Fläche ökologisch bestellt, während es in Österreich 26,5 %, in Estland 22,4 %, in Sao Tome und Principe 21,1 % und in Schweden 20,2 % waren. Weltweit gab es dem Bericht zufolge 2021 rund 3,7 Millionen Bioproduzenten – ein Anstieg um 4,9 % gegenüber 2020. Fast die Hälfte (48,6 %) der Bioproduzent*innen leben in Asien, während 30,6 % in Afrika und 12 % in Europa ackern. Die meisten Biobäuerinnen und -bauern sollen in Indien leben (1,6 Millionen), gefolgt von Uganda mit rund 400.00 und Äthiopien mit 218.000 Personen. Genaue Zahlen sind hier jedoch schwer zu ermitteln, da einige Länder nur die Anzahl der Unternehmen, Projekte oder Erzeugergemeinschaften melden, sodass die Gesamtzahl der Produzent*innen noch höher liegen könnte.

Mit einem Plus von 4 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr verzeichnete der globale Markt für Bioprodukte 2021 einen Zuwachs, der aber deutlich niedriger ausfiel als im Vorjahr, als ein Umsatzplus von 14 Milliarden verbucht werden konnte. Der Biomarkt wurde für 2021 auf umgerechnet 125 Milliarden Euro geschätzt. Hier sind die USA führend mit einem Umsatz von 48,6 Milliarden Euro vor Deutschland und Frankreich mit 15,9 bzw. 12,7 Milliarden Euro sowie China mit 11,3 Milliarden Euro. Am stärksten legte der Biomarkt in Estland mit 21 % zu. Die Schweizer Verbraucher*innen gaben am meisten für Biolebensmittel aus (durchschnittlich 425 Euro pro Nase), während die Menschen in Dänemark 384 Euro und in Luxemburg 313 Euro für Bio locker machten. Dänemark weist mit 13 % den höchsten Biomarktanteil am gesamten Lebensmittelmarkt auf.

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) wartete für Deutschland mit ganz aktuellen Zahlen für das Jahr 2022 auf. Der Bio-Umsatz lag im Jahr 2022 bei 15,3 Milliarden Euro. Das sind 25 % mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019, aber ein Rückgang um 3,5 % gegenüber 2021 „Bio kann das Umsatzplus aus der Coronazeit trotz der aktuellen, anspruchsvollen Herausforderungen weitgehend halten“, betont Peter Röhrig, geschäftsführender Vorstand des BÖLW. Doch das Einkaufsverhalten habe sich verändert. „Wir sehen, dass Verbraucherinnen und Verbraucher verstärkt zu günstigeren Waren bzw. Einstiegsprodukten innerhalb eines Sortimentes greifen. Auch bei Bio. So zum Beispiel zu günstigen Bio-Nudeln.“ Was die Produktionsseite anbelangt, so ist ein stetiger, wenn auch verlangsamter Aufwärtstrend zu beobachten: In Deutschland erhöhte sich die Öko-Fläche im letzten Jahr um 66.996 Hektar auf nun insgesamt 1.869.227 Hektar – ein Zuwachs von 3,7% gegenüber 2021. Der Bio-Anteil an der gesamten Landwirtschaftsfläche stieg so auf fast 11 %. Es gibt mittlerweile 36.548 Bio-Höfe in ganz Deutschland – 784 konventionelle Betriebe stellten 2022 neu auf Bio um. Mit 14% aller Betriebe wirtschaftet jeder siebte Betrieb ökologisch. Deutschland hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 dann 30% zu schaffen. „Die Transformation von Landwirtschaft und Ernährung mit Bio als zentralem Baustein kann jedoch nur gelingen, wenn alle Politikbereiche gemeinsam den Umbau hin zum 30 Prozent Bio-Ziel auf den Weg bringen“, betont der BÖLW. Das Wirtschaftsministerium müsse dies mit auf Nachhaltigkeit fokussierte Förderprogramme und Bio-Gründungsfonds tun, das Finanzministerium mit einer ökologischen Steuerreform, das BMBF mit gut ausgestatteten Öko-Forschungsprogrammen sowie mehr Bildung zu Bio, das Umweltministerium mit Konzepten, die das volle Umweltleistungspotenzial von Bio heben, und das Verteidigungsministerium etwa durch Bio-Verpflegung der Bundeswehr. Nicht zuletzt sei das Landwirtschaftsministerium gefragt, Bio in allen Gesetzgebungsverfahren – von der GAP bis zur Kennzeichnung – einzuplanen. (ab)

25.01.2023 |

Kritischer Agrarbericht: Landwirtschaft und Ernährung krisenfest machen

KAB23
Der Kritische Agrarbericht 2023 (Foto: CC0)

Alle Jahre wieder im Januar ist es soweit: Wenn die Grüne Woche in Berlin und die „Wir haben es satt-Demo“ im Kalender stehen, kommt auch eine neue Ausgabe des „Kritischen Agrarberichts“ frisch aus der Presse. Mit dem soeben erschienenen „KAB 2023“ ist es nun die 31. Ausgabe des Jahrbuches, das vom AgrarBündnis e.V., einem Zusammenschluss von derzeit 26 Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt-, Natur- und Tierschutz sowie Verbraucher- und Entwicklungspolitik, herausgegeben wird. Auf 352 Seiten liefert die Publikation, die auch kapitelweise online abrufbar ist, eine Bestandsaufnahme der aktuellen politischen Debatten rund um Landwirtschaft und Ernährung, eine gesalzene Kritik am derzeitigen Agrarsystem, aber auch gute und hoffnungsstiftende Konzepte, Ideen und gelungene Leuchtturmprojekte aus der Praxis, die zeigen, wie es besser laufen könnte. Im Fokus der diesjährigen Ausgabe steht das Thema „Landwirtschaft & Ernährung für eine Welt im Umbruch“. 29 der insgesamt 46 Beiträge sind diesem Schwerpunkt gewidmet, der sich mit den multiplen Krisen beschäftigt, mit der die Welt und die Landwirtschaft gerade zu kämpfen haben. „Klima, Corona, Krieg, Welthunger, Artensterben: Die Landwirtschaft und das gesamte Ernährungssystem müssen nicht nur nachhaltiger werden, sondern auch resilienter, krisenfester“, erklärt Frieder Thomas, Geschäftsführer des Bündnisses. „Agrarindustrielle Methoden mit ihren ökologischen Kollateralschäden, der hohen Abhängigkeit von fossilen Energien und globalen Lieferketten sind dabei eher ein Problem als Teil der Lösung. Gebraucht werden neue Strukturen – dezentral, regional, vielfältig –, aber auch das Wissen um nachhaltige Produktionsmethoden.“ Beides müsse politische Unterstützung finden.

Den Auftakt zum Themenfokus bildet Benny Haerlin, Leiter des Berliner Büros der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und einst Mitglied im Aufsichtsrat des Weltagrarberichts, mit seinem einleitenden Kapitel „Die Party ist vorbei – Aufbruch ins Ungewisse“, einem Überblick zu Landwirtschaft und Ernährung in Zeiten von Krieg und Dauerkrise. „Die Krise als das neue Normal wird die Menschen, die gegenwärtig auf diesem Planeten leben, wohl für den Rest ihres Lebens begleiten: ein Dauerzustand der Instabilität des Ökosystems Erde und der globalen menschlichen Gesellschaften“, so seine wenig rosige Prognose. „Die Welt ist aus den Fugen geraten und wir können nicht vorhersagen, auf welches neue Gleichgewicht sie zustrebt – falls ‚Gleichgewicht‘ dafür noch der passende Begriff ist.“ Die Menschheit habe in mehreren Bereichen „den ökologischen Gleichgewichtskorridor, den safe operating space des Holozäns, bereits überschritten“, wie schon Rockström und Co 2009 in einem wegweisenden Artikel in „Nature“ verkündeten. Die Dauerkrise sei vielschichtig: ökologisch, geopolitisch, wirtschaftlich, kulturell und erkenntnistheoretisch. Die Frage sei nicht mehr, „ob sie kommt, sondern wie zivilisiert wir als Gesellschaften mit ihr umgehen werden“, konstatiert Haerlin. Sein „Kleines Krisen-Panoptikum“ listet eine Krisen-Top-Ten und führt sie im Artikel weiter aus. Die industrielle wie die bäuerliche Landwirtschaft, inklusive der kleinbäuerlichen Subsistenzlandwirtschaft, gehe denkbar schlecht gerüstet in die aufziehenden Krisengewitter. „Während ein Teil der Menschheit mit einer absurden Mischung aus fossiler und technologischer Übersteuerung und Abhängigkeit zu viel vom Falschen produziert und konsumiert, kann ein anderer sich nur schwer selbst ernähren, weil es an Frieden, Sicherheit, Menschenrechten, besonders für Frauen, sowie an minimaler Ausbildung, Technik und regionalen Marktzugängen fehlt.“ Haerlin endet dennoch mit einem Lichtblick: „Langfristig wegweisend für neue und innovative Trampelpfade durch die Dauerkrisen sind Gemeinden, die ihre Energie schon heute gemeinsam vor Ort erzeugen und verteilen und daran gemeinschaftlich verdienen.“ Ähnliches scheine in vielen Varianten auch machbar bei Gesundheit, Pflege und Altenversorgung sowie bei der lokalen und regionalen Erzeugung und Versorgung mit Lebensmitteln, z.B. in Form von solidarischer Landwirtschaft, Mikrofarmen oder Erzeuger-Verbraucher- Genossenschaften. „Was in akuter Not und Katastrophen an praktischer Solidarität, Gemeinsamkeit und Zusammenhalt möglich ist, haben wir in den letzten Jahren immer wieder eindrucksvoll bewiesen. Das Prinzip ‚Freiwillige Feuerwehr‘ funktioniert.“

Im Anschluss folgt ein bunter Strauß lesenswerter Artikel, die 11 Oberkapiteln zugeordnet sind. Das erste und umfangreichste davon widmet sich der „Agrarpolitik und sozialen Lage“. Daniela Wannemacher, Leiterin Team Landnutzung beim BUND, und Phillip Brändle, Referent für Agrarpolitik bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, blicken auf die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) und kritisieren, dass die EU-Agrarreform den ökologischen und sozialen Herausforderungen nicht gerecht werde. Am 1. Januar begann eine neue Förderperiode und bis 2027 sollen alleine in Deutschland rund 30 Mrd. € EU-Fördermittel in die Landwirtschaft gesteckt werden. Neu eingeführt wurde etwa das Instrument der Öko-Regelungen (Eco Schemes), womit rund 25 % der Gelder aus der Ersten Säule an konkrete Leistungen, v.a. im Bereich des Biodiversitätsschutzes, gebunden sind. „Zur Umsetzung der Brüsseler Vorgaben haben die EU-Mitgliedstaaten nationale Strategiepläne erarbeitet, so auch Deutschland“, erklärt Brändle in der Pressemitteilung des AgrarBündnis. Doch diese Reform und ihre nationale Umsetzung reichten nicht aus, um die Ziele im Bereich des Umwelt-, Klima- und Tierschutzes zu erreichen und für eine gerechte Verteilung der Gelder zu sorgen. Zudem funkte der Krieg Russlands gegen die Ukraine dazwischen. „Minister Özdemir gab in der Folgezeit, gemeinsam mit den Bundesländern, dem Druck der Agrar- und Ernährungsindustrie nach und weichte die GAP zugunsten der ‚Ernährungssicherung‘ auf. So wurde die Fruchtfolgeregelung auf 2024 vertagt und die Verpflichtung zur Stilllegung von mindesten 4 % der Ackerfläche unter Berücksichtigung von Landschaftselementen im Zuge der Konditionalität ebenfalls 2023 ausgesetzt, sodass statt Brachflächen bestimmte Kulturen angebaut werden konnten, obwohl von wissenschaftlicher Seite mehrfach deutlich gemacht worden sei, dass der zu erwartende Effekt für die Produktion von Lebensmitteln marginal sei, schreiben die beiden Autor*innen. Brändle kritisierte, dass Özdemir die Chance, die GAP deutlich gerechter und ökologischer zu machen, bisher nicht genutzt habe. „Damit muss 2023 Schluss sein.“ Özdemir müsse baldigst einen praxistauglichen Fahrplan vorlegen, wie und in welchem Zeitraum die Bundesregierung aus den pauschalen Flächenprämien aussteigen werde. „Spätestens ab 2027 muss die GAP vollständig auf ein System zur Honorierung von Umwelt- und Tierwohlleistungen umgestellt werden, welches sich betriebswirtschaftlich lohnt und zudem die Fördergelder zwischen den Betrieben gerecht aufteilt.“ Das 1. Oberkapitel enthält u.a. auch eine Analyse der Carbon-Farming-Initiative der EU-Kommission, widmet sich der zunehmenden Bedeutung der Nebenerwerbslandwirtschaft für die agrarstrukturelle Entwicklung in Deutschland und beleuchtet das Tabu-Thema Physische Erkrankungen, Burnout und Depression in der Landwirtschaft und die Folgen.

Im 2. Kapitel „Welthandel und -ernährung“ zieht Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt, die traurige Bilanz, dass eine Welt ohne Hunger in weite Ferne rückt und die Ziele der Agenda 2030 nicht mehr zu erreichen sind. Zwar habe der “Angriff Russlands auf die Ukraine und seine Folgen für das Welternährungssystem die Hungerthematik sprichwörtlich mit aller Gewalt zurück ins Zentrum der politischen und medialen Aufmerksamkeit gebracht“, da Russland ganz gezielt von Beginn an Hunger und Getreide als Waffe nutzte. Es werde nun endlich darüber berichtet, dass bis zu 828 Millionen Menschen hungern, doch Politik und Medien beschränkten sich dem Autor zufolge in ihrer Analyse der Lage allzu häufig auf den Krieg und seine Folgen. Dabei gerate aus den Augen, dass Hunger und Mangelernährung komplexe, gewachsene globale Probleme sind und schon vor Kriegsbeginn bis zu 811 Millionen hungerten. Die Corona-Pandemie habe bereits die Anfälligkeit internationaler Lieferketten offenbart, doch als Antwort habe man vor allem die Wiederherstellung der langen, von multinationalen Konzernen dominierten Agrarwertschöpfungsketten angestrebt. „Nicht im Fokus stand aber die Stärkung der Ernährungssouveränität und der Unterstützung lokaler Produzent:innen“, bemängelt Tanzmann. Das Recht auf Nahrung habe in der Debatte keine Rolle gespielt. Der Krieg sei nun „eine weitere Krisenschicht, die sich drastisch verschärfend auf ein sich seit Längerem bereits in der Krise befindendes Welternährungssystem“ lege. Auf internationaler und UN-Ebene habe es eher Rückschritte gegeben, als die „dringend notwendige Transformation des Agrar- und Ernährungssystems einzuleiten“ – angefangen mit dem UN Food Systems Summit (UNFSS) im Herbst 2021, der mit seinem diffusen Multistakeholder-Ansatz das Recht auf Nahrung geschwächt und „zur Fragmentierung der Welternährungsarchitektur“ beigetragen habe, indem er den UN-Ausschuss für Welternährung (CFS) in seiner Bedeutung herabgesetzt habe. Im Weiteren skizziert Tanzmann die aktuellen Entwicklungen und Reaktionen, internationale Konferenzen und Ereignisse seit Kriegsbeginn und benennt Versäumnisse bei der Lösung des Welthungerproblems. Die Lösung der Krise liege hingegen auf dem ‚Acker um die Ecke‘ und „in der Solidarität zwischen der ländlichen und urbanen Bevölkerung.“ Die anderen beiden Artikel in Kapitel 2 beschäftigen sich damit, wie Klimaschutz in der Landwirtschaft die Ernährungssicherheit fördern kann und wie die Abhängigkeit von synthetischen Düngemitteln diese und andere globale Ernährungskrisen anheizte.

Zahlreiche weitere spannende Artikel verbergen sich in den restlichen neun Kapiteln, die den Themen Ökologischer Landbau; Produktion und Markt; Regionalentwicklung; Natur und Umwelt; Wald; Tierschutz und Tierhaltung; Gentechnik; Agrarkultur sowie Verbraucherschutz und Ernährungskultur gewidmet sind. Wer nicht zwischen den Artikeln hin- und herklicken möchte, kann sich beim AbL-Verlag ein gedrucktes Exemplar des Kritischen Agrarberichts bestellen. Die Autor:innen der zehn Jahresrückblicke (Entwicklungen & Trends) im Bericht haben zudem für das jeweilige Politikfeld je fünf Kernforderungen an die Bundesregierung, aber auch an andere politische Entscheidungsträger:innen sowie Akteur:innen der Zivilgesellschaft, formuliert, die zudem als separates Dokument „10 x 5 Kernforderungen an die Politik“ zum Download bereitstehen. So fordern die Autor*innen des Jahresrückblicks in Kapitel 3 etwa eine Stärkung des Ökolandbaus, denn dieser beweise gerade in Krisenzeiten seine Stärken: Durch geringere Abhängigkeit von externen Betriebsmitteln, die Schaffung besserer Bedingungen für die Artenvielfalt und in der Regel einen Schwerpunkt auf Regionalität trage er zu Resilienz und Nachhaltigkeit unseres Ernährungssystems bei. Die Bundesregierung müsse erstens Bio in der Außer-Haus-Verpflegung stärken mit mindestens 50 % Bio in öffentlichen Kantinen, Mensen und Klinikküchen. Zweitens brauche es, um einen Ökoflächenanteil von 30 % zu erreichen, auch eine staatliche Informationskampagne für Verbraucher:innen. Drittens bedarf es des Ausbaus von Forschung, Aus- und Weiterbildung im Ökolandbau sowie viertens der Einbindung aller Ministerien im Rahmen der neuen Bio-Strategie, zum Beispiel des Wirtschaftsministeriums mit auf Nachhaltigkeit fokussierten Förderprogrammen. Fünftens müsse die Wahlfreiheit für Essen ohne Gentechnik durch ein starkes EU-Gentechnikrecht weiterhin abgesichert bleiben. Antje Kölling von Demeter weist darauf hin, dass 2023 ein entscheidendes Jahr für alle sei, die auch künftig Lebensmittel ohne Gentechnik anbauen und essen wollen, da die EU-Kommission an einem Gesetzesentwurf zu neuen Gentechnikverfahren (NGT) in der Landwirtschaft arbeite. „Es darf jedoch keine Gentechnik durch die Hintertür geben“, fordert Kölling. „Wahlfreiheit und Vorsorgeprinzip müssen weiterhin auch für neue Gentechnikverfahren gelten!“ (ab)

18.01.2023 |

Superreiche sahnen zwei Drittel des Vermögensplus seit 2020 ab

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Arm und Reich Seite an Seite (Foto: CC0)

Erstmals seit 25 Jahren haben extreme Armut und extremer Reichtum gleichzeitig zugenommen. Mit der Corona-Pandemie sind die Superreichen noch viel reicher geworden und die Ungleichheit hat sich weiter verschärft. Seit 2020 gab es weltweit einen Vermögenszuwachs von 42 Billionen US-Dollar, wovon sich das reichste Prozent der Weltbevölkerung 63 % unter den Nagel riss, während sich die übrigen 99% den Rest teilten. Das sind nur einige der niederschmetternden Botschaften des Berichts „Survival of the Richest”, den die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam am 16. Januar zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlichte. 828 Millionen Menschen hungern und damit etwa jede*r zehnte auf der Erde. Zugleich haben die weltweit größten Lebensmittel- und Energieunternehmen 2022 ihre Gewinne mehr als verdoppelt im Vergleich zum Mittel der Jahre 2018-2021 und sie schütteten 257 Milliarden US-Dollar und damit 84 % ihrer Übergewinne an ihre Aktionär*innen aus. „Während Millionen Menschen nicht wissen, wie sie Lebensmittel und Energie bezahlen sollen, bringen die Krisen unserer Zeit gigantische Vermögenszuwächse für Milliardär*innen“, betonte Manuel Schmitt, Referent für soziale Ungleichheit bei Oxfam Deutschland. Der Bericht zeigt, dass das Gesamtvermögen aller Milliardär*innen im Schnitt täglich um 2,7 Milliarden US-Dollar anwuchs, während gleichzeitig 1,7 Milliarden Arbeitnehmer*innen in Ländern leben, in denen die Lohnentwicklung mit der Inflation nicht Schritt hält.

Im Fokus des Berichts steht die Frage, wie durch Besteuerung der Reichen die derzeitigen Krisen und die stark zunehmende Ungleichheit bekämpft werden könnten. Die Berechnungen von Oxfam International basieren auf aktuellen Daten: Die Zahlen zu den reichsten Menschen der Welt stammen aus der World‘s Billionaires List 2022 von Forbes, während sich Vermögensdaten auf den Global Wealth Report 2022 der Credit Suisse und andere Quellen wie die Weltbank stützen. Eindrücklich legt der Bericht zunächst dar, wie die Superreichen in Zeiten von Pandemie und steigenden Lebensmittel- und Energiepreisen ihren Reichtum vermehren konnten. Zwischen Dezember 2019 und 2021 erhöhte sich das weltweite Vermögen von 421,5 auf 463,5 Billionen US-Dollar. Davon flossen 26 Billionen oder zwei Drittel in die Taschen des reichsten 1 Prozents der Menschheit, während 99% sich 16 Billionen teilen mussten. Bereits im letzten Jahrzehnt hatten sich die Zahl und das Vermögen der Milliardäre verdoppelt. Zwischen 2012 und 2021 wurde neues Vermögen im Wert von 127,5 Billionen geschaffen. Auf die oberen 1 % entfielen 69 Billionen bzw. 54 %, was zeigt, dass ihr Anteil am Kuchen seit Beginn der Pandemie deutlich größer geworden ist. Der Oxfam-Vergleich der Forbes-Listen der Milliardäre 2020 und 2022, für den Oxfam alle Zahlen anhand des US-Verbraucherpreisindex an den Stand Oktober 2022 angepasst hat, um die Inflation einzubeziehen und die Zahlen vergleichbar zu machen, zeigt, dass das Vermögen der Milliardäre real um 2,63 Billionen Dollar gestiegen ist. Zwischen den Daten der beiden Listen liegen 987 Tage, sodass das Vermögen der Superreichen jeden Tag um 2,7 Milliarden Dollar zunahm. In Deutschland profitierten die Reichsten noch stärker: Vom gesamten Vermögenszuwachs, der zwischen 2020 und 2021 hierzulande erwirtschaftet wurde, ginge 81 % an das reichste Prozent, während die restlichen 99 % nur 19% des Vermögenszuwachses verbuchten.

Versorgungsengpässe und unterbrochene Lieferketten, die durch die Pandemie und den Krieg in der Ukraine, das Verhalten der Unternehmen und den Klimawandel verursacht wurden, haben dazu geführt, dass die globalen Lebensmittelpreise 2022 im Vergleich zu 2021 um 18 % und die Energiepreise um 59 % gestiegen sind. Das hat vor allem ärmeren Menschen einen heftigen Schlag versetzt und viele in Armut gestürzt. Das Vermögen der Reichen und vieler Unternehmen hingegen ist mit den steigenden Lebensmittel- und Energiepreisen weiter gewachsen. Oxfam untersuchte die Gewinne von 95 großen Lebensmittel- und Energieunternehmen und stellte fest, dass sich ihre Gewinne im Jahr 2022 um mehr als das Zweieinhalbfache (256 %) im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2018-2021 erhöhten. Sie erzielten insgesamt 306 Milliarden US-Dollar an Übergewinnen (definiert als 10 % über dem durchschnittlichen Nettogewinn 2018-2021) und schütteten 257 Milliarden und damit 84 % der Übergewinne an ihre Aktionär*innen aus. Steigende Gewinne für Unternehmen machen meist die Reichen reicher, da der Aktienbesitz sich vor allem in einkommensstärkeren Gruppen konzentriert. In den USA zum Beispiel befinden sich 53 % der Aktien im Besitz des reichsten 1 %. Die Walton-Dynastie, der die Hälfte von Walmart gehört, erhielt im vergangenen Jahr 8,5 Milliarden Dollar an Dividenden und Aktienrückkäufen. Der indische Milliardär Gautam Adani, Eigentümer großer Energiekonzerne, hat allein 2022 einen Vermögenszuwachs von 42 Milliarden Dollar (46 %) erzielt. Währenddessen haben viele Otto Normalverbraucher damit zu kämpfen, dass die Inflation die Preise in die Höhe treibt, ihre Löhne aber nicht mitziehen. Studien haben gezeigt, dass in den USA 54 % und in Großbritannien 59 % der Inflation auf gestiegene Unternehmensgewinne zurückzuführen sind. Die Weltbank spricht von der größten Zunahme der weltweiten Ungleichheit und dem größten Rückschlag bei der Armut seit dem 2. Weltkrieg und macht keinen Hehl daraus, dass die Welt ihr Ziel, die extreme Armut bis 2030 zu beenden, verfehlen wird. Das Gleiche gilt für das Hungerziel: Über 820 Millionen Menschen sind derzeit unterernährt.

Oxfam fordert daher eine systematische und umfangreiche Besteuerung der Reichen, vor allem des reichsten Prozents, das 45,6 Prozent des weltweiten Vermögens besitzt. „Jahrzehntelange Steuersenkungen für die Reichsten und Unternehmen auf Kosten der Allgemeinheit haben die Ungleichheit verschärft und dazu geführt, dass die Ärmsten in vielen Ländern höhere Steuersätze zahlen als Milliardär*innen“, sagt Manuel Schmitt. So zahlte Elon Musk zwischen 2014 und 2018 einen „wahren Steuersatz“ von etwa 3 %. Oxfam verglich dies mit einer Mehlverkäuferin in Uganda, die 80 Dollar im Monat verdient und von der lokalen Regierung erhobene Marktgebühren in Höhe von 40 % ihres Gewinns zahlt. Die Autor*innen argumentieren, dass in der jüngeren Geschichte die Reichsten weitaus höher besteuert wurden. „In den letzten vierzig Jahren haben die Regierungen weltweit die Einkommenssteuersätze für die Reichsten gesenkt. Gleichzeitig haben sie die Steuern auf Waren und Dienstleistungen erhöht, was die Ärmsten unverhältnismäßig stark belastet und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern noch verschärft“, heißt es im Bericht. Von jedem US-Dollar, den Staaten aus Steuern einnehmen, stammen aktuell nur vier Cent aus Steuern auf Vermögen. Die Hälfte aller Milliardär*innen lebt heute in Ländern ohne eine Erbschaftssteuer, was bedeutet, dass sie 5 Billionen US-Dollar steuerfrei an ihre Nachkommen weitergegeben können. Das ist mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt des afrikanischen Kontinents. Das Einkommen der Superreichen stammt oft aus den Erträgen ihres Vermögens, doch die Steuersätze auf Kapitalerträge liegen in mehr als 100 Ländern im Durchschnitt bei nur 18 % – etwas weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Spitzensteuersatzes in den OECD-Ländern. „Unser Bericht zeigt erneut: Dass von Steuersenkung für die Reichsten alle profitieren, ist ein Mythos. Konzerne und ihre superreichen Haupteigentümer*innen müssen endlich ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl leisten“, betont Schmitt.

Oxfam fordert die Regierungen auf, exzessive Übergewinne und hohe Vermögen stark zu besteuern und mit den Einnahmen in den Ausbau von sozialer Sicherung, Bildung und Gesundheit zu investieren. Gemeinsam mit anderen Institutionen hat Oxfam International errechnet, dass eine Steuer von bis zu 5 Prozent auf das Vermögen der Multimillionär*innen und Milliardär*innen der Welt 1,7 Billionen US-Dollar pro Jahr einbringen könnte. Dies würde u.a. ausreichen, um zwei Milliarden Menschen über die erweiterte Armutsgrenze der Weltbank von 6,85 US-Dollar pro Tag zu heben und universelle Gesundheitsversorgung und soziale Sicherung für die 3,6 Milliarden Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen bereitzustellen. „Die Besteuerung der Superreichen ist die strategische Voraussetzung für den Abbau der Ungleichheit und die Wiederbelebung der Demokratie“, so Gabriela Bucher von Oxfam International. „Wir brauchen das für Innovation. Für stärkere öffentliche Dienstleistungen. Für eine glücklichere und gesündere Gesellschaft. Und für die Bewältigung der Klimakrise, indem wir in Lösungen investieren, die den irrsinnigen Emissionen der Reichsten entgegenwirken.“ Oxfam Deutschland fordert von der Bundesregierung ebenfalls eine systematische und weitreichende Besteuerung von Krisengewinnen und eine höhere Besteuerung reicher Menschen. Durch eine Übergewinnsteuer müssten exzessive Krisengewinne von Konzernen abschöpft werden. Die Vermögenssteuer müsse wieder eingeführt werden und es brauche angesichts der aktuellen Krisensituation eine einmalige Abgabe auf sehr hohe Vermögen. In Deutschland wird Vermögen im internationalen Vergleich bislang unterdurchschnittlich besteuert. (ab)

11.01.2023 |

Mooratlas 2023: Moorschutz bedeutet Klima- und Artenschutz

Wildsee
Hochmoor Wildsee (Foto: A. Beck)

Natürliche Moore beherbergen seltene Pflanzen und Tiere und speichern enorme Menge Kohlenstoff im Torfboden. Da sie jedoch aus wirtschaftlichen Gründen entwässert und zerstört werden, setzen sie große Mengen des Treibhausgases CO₂ frei und belasten das Klima. Darauf macht der Mooratlas 2023 aufmerksam, der am 10. Januar von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Michael Succow Stiftung, Partner im Greifswald Moor Centrum veröffentlicht wurde. Die Trockenlegung von Mooren ist mit über zwei Milliarden Tonnen CO2 für rund 4 Prozent aller menschengemachten Emissionen verantwortlich. Die landwirtschaftliche Nutzung macht einen großen Anteil aus. Für die Klimakrise und das Artensterben wirkt die fortschreitende Moorzerstörung wie ein Brandbeschleuniger, warnen die Herausgeber der Publikation. „Um das im Pariser Klimaschutzabkommen vereinbarte 1,5 Grad-Ziel zu erreichen, müssen bis 2050 die globalen Netto-Emissionen auf null gesenkt werden. Dafür werden insbesondere auch intakte Moore als Senken benötigt“, erklärte Dr. Imme Scholz, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie nennt auch konkrete Zahlen: „Die Europäische Union muss 500.000 Hektar pro Jahr wiedervernässen, weltweit müssen zwei Millionen Hektar pro Jahr wiedervernässt werden.“ In Deutschland wäre eine jährliche Wiedervernässung von mindestens 50.000 Hektar Moorböden nötig, um die Klimaziele zu erreichen – eine Fläche fast so groß wie der Bodensee.

Der Mooratlas beleuchtet auf 50 Seiten und mit 52 Grafiken die Geschichte der Moore, ihre Bedeutung als Lebensräume und für den Klimaschutz sowie ihre Zerstörung und die damit verbundenen Folgen auf lokaler und globaler Ebene. Die Autor*innen erklären aber auch, wie Moore geschützt und ihre Funktionsfähigkeit wieder hergestellt werden kann. Über Jahrtausende haben sich in Mooren mächtige Torfschichten angehäuft. Moore entstehen dort, wo der Boden ganzjährig nass ist. Dadurch werden abgestorbene Pflanzenteile nicht vollständig zersetzt und sie werden unter Luftabschluss konserviert. Der so entstehende Torf wächst im Durchschnitt um rund einen Millimeter pro Jahr und besteht zu mehr als 50 % aus Kohlenstoff. Obwohl Moore nur 3 Prozent der weltweiten Landfläche bedecken, speichern sie mit rund 600 Milliarden Tonnen mehr Kohlenstoff als jedes andere Ökosystem. In der Biomasse aller Wälder der Erde, die 27 % der globalen Landfläche ausmachen, sind nur 372 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert. Allein in Deutschland speichern Moore 1,3 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Doch seit dem 17. Jahrhundert werden Moore systematisch entwässert für den Torfabbau, Siedlungen sowie für die Forst- und Landwirtschaft. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Industrialisierung der Landwirtschaft die großflächige Entwässerung vor allem in der gemäßigten Klimazone der Nordhalbkugel noch einmal stark beschleunigt. In einigen Industriestaaten sind nur noch wenige natürliche Moore erhalten. Bereits jetzt sind laut Mooratlas weltweit über 10% der 500 Millionen Hektar Moore entwässert und so zerstört, dass kein neuer Torf mehr gebildet wird und der noch existierende verschwindet. Jedes Jahr gehen weitere 500.000 Hektar Moor durch menschliche Aktivitäten verloren. In Mitteleuropa sind über 90 Prozent der Moore zerstört.

Die weltweit größte Gefahr für Moore ist die künstliche Entwässerung und Entwaldung für die Land- und Forstwirtschaft sowie den Torfabbau, heißt es in der Publikation. Brände und die Klimakrise bedrohen die Moore aber ebenfalls. Über die Hälfte der bekannten tropischen Moore liegen in Südostasien. Viele von ihnen sind trockengelegt und degradiert. In der Region wurden in den letzten 20 Jahren vor allem in Indonesien und Malaysia in großem Umfang Moorwälder in Palmöl- und Akazienplantagen umgewandelt. Die globale Produktion von Palmöl stieg von knapp 15 Millionen Tonnen im Jahr 1994 auf über 74 Millionen Tonnen in 2019. Grund ist die zunehmende Verwendung von Palmöl als Kraftstoff und in Lebens-, Wasch- und Reinigungsmitteln. Gerade in Südostasien häufen sich immer wieder unkontrollierte großflächige Land- und Waldbrände: Feuchte Moorflächen brennen unter natürlichen Umständen nicht, aber sehr wohl im trockengelegten Zustand. Oft lassen große Konzerne – oft legale und auch illegale – Brandrodungen durchführen, um neuen Platz für Plantagen zu gewinnen. Auch der Torfabbau trägt zum Schwinden der Moore bei, doch gerade auch die Klimakrise verschärft die Zerstörung der Moore. Zum einen werden viele der trockengelegten Moorflächen noch anfälliger für Waldbrände. Zum anderen gefährdet die Klimakrise Permafrostböden, die quasi gefrorene Moore sind. „Tauen sie auf, zersetzt sich ihre organische Substanz – und Kohlenstoff wird als CO₂ freigesetzt, genauso wie Methan (CH₄). In der Arktis, wo sich die meisten Permafrostböden befinden, ist die Temperatur in den letzten 40 Jahren fast viermal so schnell gestiegen wie im globalen Durchschnitt“, heißt es im Mooratlas.

Moore tragen also nur zum Klimaschutz bei, solange sie intakt sind. Obwohl entwässerte Moore weniger als ein halbes Prozent der Landfläche der Erde ausmachen, sind sie für etwa 4 % aller weltweiten menschlichen Emissionen verantwortlich. Die weltweite Entwässerung von Mooren verursacht deutlich mehr CO2-Emissionen als der globale Flugverkehr. Entwässerte Moorböden emittieren weltweit pro Jahr über 1,9 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente. Fast 90 % davon macht CO₂ aus, der Rest stammt von Methan und Lachgas. Hinzu kommen Emissionen aus Torfbränden. Deren genaue Menge schwankt stark und lässt sich nicht exakt beziffern, erläutern die Autor*innen, aber im Schnitt dürften es zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr sein. Den höchsten Anteil an den globalen Emissionen aus entwässerten Mooren verursacht Indonesien mit 34,4 %, gefolgt von Russland mit 11,9% und der EU mit 11,8% sowie China mit 7,2% und Malaysia mit 4,7%. Innerhalb der EU entfällt die Hälfte der Emissionen auf Deutschland, Finnland und Polen und der überwiegende Teil davon stammt von landwirtschaftlich genutzten Flächen. „Dabei stehen wir in Europa auch als industrielle Nachfrager für die in anderen Regionen der Welt auf zerstörten Moorregenwaldflächen produzierten Güter wie Hölzer, Zellstoff oder Palmöl in der Verantwortung“, betont Dr. Imme Scholz. „In Deutschland sind trockengelegte Moore für etwa sieben Prozent aller Treibhausgasemissionen, in der Landwirtschaft sogar für über 37 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich“, fügt sie hinzu. Der Abbau und Verbrauch von Torf ist besonders klimaschädlich. In der EU schlägt er mit Emissionen in von circa 21,4 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Jahr zu Buche. Das entspricht etwa einem Sechstel aller Emissionen aus Moorböden. Doch der Abbau von Torf verursacht im Vergleich zu allen anderen Moornutzungen die höchsten Emissionen pro Hektar, weil der Kohlenstoff bei Torfnutzung besonders schnell freigesetzt wird.

Damit Moor- und somit auch der Klimaschutz gelingt, ist eine tiefgreifende Transformation der landwirtschaftlichen Betriebsstrukturen nötig, betonen die Herausgeber des Mooratlases. Auch die Tierhaltung auf trockenen Moorflächen müsse reduziert werden. Für die nasse Nutzung großer Moorgebiete sind Alternativen zur herkömmlichen intensiven Landwirtschaft gefragt, die landwirtschaftliche Nutzung mit dem Schutz des Klimas und der Biodiversität verbindet und diese müssen finanziell gefördert werden. „Intakte Moorökosysteme können auch weltweit erhalten bleiben, wenn es gelingt, effektive und überprüfbare Schutzmaßnahmen gegen Übernutzung und Zerstörung zu treffen – dazu gehört auch, unseren Verbrauch von Rohstoffen von entwässerten Moorregenwäldern zu reduzieren und in einer effektiven Lieferkettenverfolgung verbindlich auf Moor- und somit auch Klimaschutz zu zertifizieren“, sagt Scholz. Darüber hinaus seien schnellstmöglich auch internationale Abkommen zum Schutz und der Wiederherstellung von Mooren nötig, die sowohl die unkontrollierte Übernutzung beenden wie auch den Erhalt, die Restaurierung und die nachhaltige Bewirtschaftung von Mooren weltweit rechtsverbindlich festlegen. Bisher gibt es nur ein einziges Abkommen, das den Moorschutz im Fokus hat: Die Ramsar-Konvention entstand bereits 1971, ist aber nicht rechtlich verbindlich. Auf freiwilliger Basis gehören ihr 172 Staaten an, darunter auch Deutschland. Sie führt eine Liste mit international bedeutenden Feuchtgebieten und schützenswerten Flächen. Mittlerweile machen Moorflächen auf der Ramsar-Liste rund ein Viertel der aufgeführten Feuchtgebiete aus.

„In Deutschland sind weit über 90 Prozent der Moore bereits trockengelegt und geschädigt. Um die globalen Klimaziele zu erreichen, müssen in Deutschland jährlich mindestens 50.000 Hektar Moorböden wiedervernässt werden – eine Fläche fast so groß wie der Bodensee“, sagt Jan Peters, Geschäftsführer der Michael Succow Stiftung. Vergleichbar sei diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe in finanzieller und politischer Hinsicht mit dem Kohleausstieg. Die Moorschutzstrategie und das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK) seien erste wichtige Schritte für den Klima- und Moorschutz, betonen die Herausgeber. Das Bundesregierung hat das ANK bis 2026 mit 4 Milliarden Euro budgetiert. Es soll zum Zweck haben, den Klimaschutz zu fördern und die Biodiversität zu stärken – als wichtige Handlungsfelder werden dabei der Schutz intakter Moore und die Wiedervernässung trockengelegter Moorflächen genannt. Doch „bei jährlichen Emissionen von 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten aus entwässerten Mooren in Deutschland – immerhin über sieben Prozent der Gesamtemissionen – ist die vorgesehene Reduktion von lediglich fünf Millionen Tonnen pro Jahr bis 2030, also weniger als zehn Prozent der jetzigen Moor-Emissionen, nicht ambitioniert genug – wenn gleichzeitig die Volkswirtschaft 65 % einsparen muss“, kritisiert Peters. Es müsse ein Umdenken zum Umgang mit Mooren in der ganzen Gesellschaft stattfinden und auch die Wirtschaft sollte die Potenziale erkennen. „Klimaleistungen aus nasser Landwirtschaft auf Moor oder innovative Produkte „nasser Biomasse“ müssen anerkannt und attraktiv finanziell unterstützt werden.“ Das Vertrauen auf Freiwilligkeit allein reiche mittelfristig nicht aus. Daher müsse die Politik entschieden, konkret und transparent Rahmenbedingungen richtig setzen und alle Akteur*innen zu einem schnellen und praktischen Handeln ermutigen. Die Wiedervernässung der Moore werde eine Kraftanstrengung für die Bäuerinnen und Bauern, sagt Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. „Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz und die Agrarpolitik wirksam miteinander kombiniert werden. Einerseits braucht es einer Honorierung der Landwirtinnen und Landwirte, wenn sie wiedervernässte Moorflächen bewirtschaften. Andererseits brauchen wir eine Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren für Wiedervernässungs- und Naturschutzmaßnahmen“, so Bandt. (ab)

18.12.2022 |

Ernährung und Landwirtschaft - die letzten 2 Jahrzehnte in Zahlen

Mias
Mais - eine der Hauptkulturen (Foto: CC0)

Seit der Jahrtausendwende hat sich in der Landwirtschaft einiges getan. Die weltweite Produktion der Hauptanbaukulturen, wie Mais und Weizen, ist zwischen 2000 und 2020 um mehr als 50 % gestiegen, während die Zahl der weltweit in der Landwirtschaft tätigen Menschen im gleichen Zeitraum um 17 % sank. Diese und noch zahlreiche andere Zahlen und Fakten aus dem Bereich Welternährung und Landwirtschaft liefert das neue statistische Jahrbuch, das am 12. Dezember von der Welternährungsorganisation FAO veröffentlicht wurde. Auf 380 Seiten widmet sich die Veröffentlichung, die im jährlichen Turnus erscheint, Themen wie dem Agrarhandel, dem globalen Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden sowie Umwelt- und Klimaaspekten. Zwar sind viele der Informationen auch mit etwas Übung der Statistik-Datenbank FAOSTAT zu entlocken, doch im Jahrbuch sind sie leicht und schnell zugänglich und die wichtigsten Fakten zu aktuellen Entwicklungen in der globalen Landwirtschaft werden mithilfe von 69 Grafiken, 32 Karten und 59 Tabellen sowie einigen Themenboxen illustriert. Die Statistiken, die auf den mehr als 20.000 in FAOSTAT aufgeführten Indikatoren beruhen und mehr als 245 Länder und Gebiete abdecken, werden in vier thematischen Kapiteln vorgestellt.

Das erste Kapitel befasst sich mit wirtschaftlichen Faktoren. Heute arbeiten etwa 866 Millionen Menschen – oder 27 % der weltweit Erwerbstätigen – in der Landwirtschaft (inklusive Forstwirtschaft und Fischerei). Im Jahr 2000 waren es noch 1,04 Milliarden Menschen oder 40 % der Erwerbstätigen. Zwischen 2000 und 2021 ging die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft in Asien von rund 800 auf etwa 580 Millionen zurück. Das bedeutet, dass mehr als jeder vierte Beschäftigte in der Region den Sektor verlassen hat, um eine andere Tätigkeit außerhalb der Landwirtschaft auszuüben. In Europa verließ die Hälfte der Arbeitskräfte den Agrarsektor, während in Afrika die Beschäftigung in der Landwirtschaft zunahm. Der Beitrag der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei zur Wirtschaft nahm zwischen 2000 und 2020 real um 78 % zu und erreichte im Jahr 2020 eine Wertschöpfung von 3,6 Billionen US-Dollar. In Afrika hat sich die Wertschöpfung in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt (+147 %) und erreicht 413 Milliarden US-Dollar. Der größte Anteil an der Gesamtwertschöpfung entfiel mit 64 % auf Asien: Der Kontinent verzeichnet einen Anstieg um 91 %, von 1,2 Billionen USD im Jahr 2000 auf 2,3 Billionen USD im Jahr 2020. Bis 2019 verringerte sich der weltweite Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), doch aufgrund der Pandemie und den Einschränkungen im Zusammenhang mit COVID-19 ging die Wertschöpfung im Industrie- und Dienstleistungssektor zurück, während sie in der Landwirtschaft weiter anstieg, wodurch es 2020 zu einem „künstlichen“ Anstieg des Anteils der Landwirtschaft am gesamten BIP kam.

Kapitel 1 befasst sich auch mit den Inputs in der Landwirtschaft: Der Einsatz von Pestiziden stieg im Zeitraum 2000-2020 weltweit um 30 % auf 2,7 Millionen Tonnen. Die Ausbringung von Pestiziden erreichte bereits 2012 ihren Höchststand und begann 2017, leicht zu sinken. Auf Nord- und Südamerika entfiel mit 51 % der Löwenanteil des Pestizideinsatzes, gefolgt von Asien (25 %), Europa (18 %), Afrika und Ozeanien. Der Anteil Amerikas am globalen Pestizidverbrauch stieg um 7 Prozentpunkte, während der Anteil Asiens und Europas um 4-5 Punkte auf 25 % bzw. 18 % zurückging. In absoluten Zahlen waren die USA im Jahr 2020 Spitzenreiter mit 0,41 Millionen Tonnen oder 15 % des weltweiten Pestizidverbrauchs, knapp vor Brasilien (0,38 Mio. t.) und China (0,27 Mio. t.). Die Länder mit dem höchsten Pestizideinsatz pro Hektar waren St. Lucia mit 20 kg/ha, die Malediven (17 kg/ha) und Oman (16 kg/ha). Der gesamte landwirtschaftliche Einsatz von anorganischen Düngemitteln, ausgedrückt als Summe der drei Nährstoffe Stickstoff (N), Phosphor (P2O5) und Kalium (K2O), betrug im Jahr 2020 rund 201 Millionen Tonnen. Der Anteil von Stickstoffdünger machte 56 % aus, während auf Phosphor 24 % und Kalium 20 % entfielen. Der Gesamtverbrauch von Düngemitteln war im Jahr 2020 um 49 % höher als zur Jahrtausendwende. Der Einsatz von Stickstoffdünger stieg um 40 %, von Phosphor um 49 % und von Kalium um 81 %.

Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über Produktion, Handel und Preise von Rohstoffen. Von 2000 bis 2020 stieg die Produktion von Hauptanbaukulturen wie Zuckerrohr, Mais, Weizen und Reis um 52 % auf insgesamt 9,3 Milliarden Tonnen. Getreide war mit etwa einem Drittel der Gesamterzeugung die wichtigste Gruppe der Ackerkulturen. Gerade einmal vier Pflanzensorten machten rund die Hälfte der weltweiten Produktion aus: Zuckerrohr (20 % der Gesamtmenge mit 1,9 Milliarden Tonnen), Mais (12 % mit 1,2 Mrd. t.), Weizen und Reis (jeweils 8 % mit 0,8 Mrd. t). Bei jeder Kultur nahm der jeweilige Top-Erzeuger auch eine recht dominante Stellung bei der Produktion ein: So wurde etwa 40 % des Zuckerrohrs in Brasilien produziert, während die USA 31 % der weltweiten Maisernte einbrachten. Die weltweite Produktion von Pflanzenölen stieg zwischen 2000 und 2019 um 125 % auf 208 Millionen Tonnen. Palmöl verzeichnete mit 236 % den größten Zuwachs. Aufgrund seiner Verwendung für die Herstellung von Biodiesel überholte Palmöl im Jahr 2006 Sojaöl als das wichtigste Pflanzenöl. Weltweit wurden 2020 gut 337 Millionen Tonnen Fleisch erzeugt. Das sind 45 % oder 104 Millionen Tonnen mehr als im Jahr 2000. Mit einem Anteil von 35 % führte Hähnchenfleisch, gefolgt von Schweinefleisch (33 %). Seit 2000 verzeichnet Hähnchenfleisch in absoluten und relativen Zahlen den größten Zuwachs (+104 % oder 61 Mio. Tonnen).

In diesem Kapitel wird auch der FAO-Lebensmittelpreisindex analysiert, der die monatliche Veränderung bei einem internationalen Warenkorb an Lebensmitteln misst. Seit Januar 2000 ist der Food Price Index von 85,4 Punkten auf 138 Punkte im August 2022 gestiegen. Während der Lebensmittelkrise 2007/2008, als die Preise für Getreide, vor allem für Reis und Weizen, Rekordwerte erreichten, ging er stark in die Höhe. Ende 2010 und Anfang 2011 zogen die Lebensmittelpreise erneut massiv an (insbesondere Zucker und Milchprodukte). Zu Beginn der COVID-19-Pandemie sank der Index, was die Unsicherheiten auf den Rohstoffmärkten widerspiegelt. Zwischen Mai 2020 und März 2022 kletterte er jedoch unaufhörlich auf 159,7 Punkte, seinen bisher höchsten Wert. Dies lässt sich auf eine Kombination an Faktoren zurückführen, wie die Folgen der COVID-19-Pandemie für die Versorgungsketten, die Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit und der Nachfrage in 2021 sowie Beeinträchtigungen der Exporte von Getreide und Pflanzenöl aus Russland und der Ukraine.

Kapitel 3 dreht sich um Ernährungssicherheit und Ernährung, aber die Zahlen sprechen keine grundsätzlich andere Sprache als im SOFI-Bericht, der im Juli von fünf UN-Organisationen herausgegeben wurde. Das Jahrbuch bietet jedoch nochmals einen Abriss zum 20-Jahres-Trend, der durchweg frustrierend ist. Der Anteil der unterernährten Menschen an der Gesamtbevölkerung hat nach einem jahrzehntelangen Rückgang – und fünf Jahren relativer Stabilität seit 2014 – zwischen 2019 und 2020 wieder stark zugenommen und kletterte zwischen 2020 und 2021 weiter, wenn auch langsamer. Fast 10 % der Weltbevölkerung litten 2021 an Hunger, verglichen mit 8 % im Jahr 2019. Am schlimmsten ist die Lage in Afrika: 2021 waren 20,2 % der Bevölkerung des Kontinents unterernährt. Die Zahlen zur weltweiten Versorgung mit Lebensmitteln zeigen, dass eigentlich genug für alle vorhanden wäre. Die durchschnittliche Energieversorgung (DES), gemessen in Kalorien pro Person und Tag, stieg kontinuierlich an auf 2.963 kcal im Zeitraum 2019-2021. Das sind 9 % mehr als im Zeitraum 2000-2002, als die Energiezufuhr bei im Schnitt 2.712 kcal lag. Am höchsten ist der Kalorienverbrauch in Nordamerika und Europa mit 3.537 kcal pro Person/Tag. Afrika hat mit 2.589 kcal das geringste Angebot. In der Region war zunächst ein stetiger Anstieg zu verzeichnen, der jedoch 2012-2014 stagnierte und dann ging die Menge wieder zurück. Der schnellste Anstieg fand in Asien statt, wo die Energiezufuhr in den letzten zwei Jahrzehnten um 14 % zunahm. Der Bericht zeigt auch das andere Gesicht der Unterernährung: Die Fettleibigkeit bei Erwachsenen ab 18 Jahren nahm zwischen 2000 und 2016 in allen Regionen der Welt rapide zu. Im Jahr 2016 waren 13,1 % der erwachsenen Bevölkerung fettleibig, während es 2000 erst 8,7 % waren. In Ozeanien und Nordamerika sowie Europa lebten prozentual gesehen die meisten fettleibigen Erwachsenen (ca. 27-28 % der Bevölkerung), gefolgt von Lateinamerika und der Karibik.

Kapitel 4 befasst sich mit den Nachhaltigkeits- und Umweltaspekten der Landwirtschaft. Zwischen 2000 und 2020 schrumpft die landwirtschaftliche Nutzfläche um 134 Millionen Hektar – eine Fläche fast so groß wie Peru. Etwa 4,74 Mrd. Hektar der Erdoberfläche sind landwirtschaftliche Nutzfläche, einschließlich Wiesen und Weiden sowie Ackerland. Die Autor*innen betonen, dass die Landwirtschaft sowohl vom Klimawandel betroffen ist als auch eine wichtige Verursacherin von Treibhausgasemissionen ist. Die Gesamtemissionen auf landwirtschaftlichen Flächen beliefen sich im Jahr 2020 auf 10,5 Mrd. Tonnen Kohlendioxidäquivalent (Gt CO2eq) – ein Rückgang von 4 % gegenüber dem Jahr 2000. Er ist darauf zurückzuführen, dass die Verringerung der Emissionen aus der Umwandlung von Wäldern höher ausfiel als der Anstieg der Emissionen in landwirtschaftlichen Betrieben. Aktivitäten auf den Höfen verursachten 7,4 Gt CO2eq oder 70 % aller Emissionen im Jahr 2020, gefolgt von der Umwandlung von Wäldern/Abholzung (28 %) und Feuern in tropischen Regenwäldern und auf organischen Böden (2 %). Nach Weltregionen betrachtet war Asien der größte landwirtschaftliche Emittent (36 % der Gesamtemissionen) im Jahr 2020, gefolgt von Amerika (30 %), Afrika (23 %) und Europa (9 %). Von den 7,4 Gt CO2eq landwirtschaftlicher Emissionen, die in Betrieben anfielen (d.h. mit dem Anbau von Feldfrüchten und der Tierhaltung in Verbindung stehen), entstanden 38 % durch enterische Fermentation im Verdauungssystem von Wiederkäuern. Auf Weiden verbleibender Dünger machte 24 % aus, während entwässerte organische Böden einen Anteil von 12 % und Methan aus dem Reisanbau 9 % verursachten. Als CO2-intensivstes Produkt identifizierte der Bericht Rinderfleisch, das im globalen Durchschnitt 30 kg CO2eq pro Kilo verursachte, gefolgt von Schaffleisch (24 kg CO2eq/kg), während die Emissionsintensität von Schweine- und Hühnerfleisch deutlich geringer war (1,8 kg bzw. 0,6 kg CO2eq/kg). Bei der Produktion von Getreide fallen deutlich weniger Emissionen an, aber Reis verursachte das Fünffache an Emissionen im Gegensatz zu Weizen. (ab)

30.11.2022 |

Brasilien: Sojaanbau für die EU heizt Entwaldung im Cerrado an

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Typische Cerrado-Landschaft bei Mato Grosso: Soja, soweit das Auge reicht (Foto: Jeff Belmonte, bit.ly/CerJeff bit.ly/4_CC_BY_2-0)

Der Sojaanbau im brasilianischen Cerrado – unter anderem auch für die Fütterung deutscher Masttiere – hat in den letzten 20 Jahren zur Zerstörung von 4,2 Millionen Hektar Land geführt. Darauf weist ein neuer Bericht hin, den die Deutsche Umwelthilfe (DUH) am 29. November gemeinsam mit der brasilianischen Recherche-NGO Repórter Brasil veröffentlichte. Das Papier belegt die dramatischen Auswirkungen des Sojaanbaus auf das Biom, das sich über knapp 25% des brasilianischen Staatsgebiets in elf Bundesstaaten erstreckt und eine zentrale Rolle als „Wasserspeicher“ für das Land ausübt, da dort Flüsse entspringen und drei wichtige Grundwasserspeicher liegen. „Der brasilianische Cerrado ist nicht nur die artenreichste Savanne der Welt. Mittlerweile zählt sie längst zu einem Hotspot für den Sojaanbau in Brasilien und wurde bereits zu großen Teilen zerstört. Und wofür? Für billiges Futtermittel und die deutsche Massentierhaltung“, kritisiert Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH. Die Veröffentlichung des Berichts ist nicht zufällig gewählt: Anfang Dezember entscheiden die EU-Kommission, Rat und Parlament abschließend über eine EU-Verordnung gegen Entwaldung und über entwaldungsfreie Produkte. Doch die DUH befürchtet, der Cerrado könne hier nicht ausreichend berücksichtigt werden und fordert daher die Bundesregierung auf, sich für eine starke EU-Verordnung einzusetzen und den Cerrado darin aufzunehmen.

Gegenwärtig entfallen 52% der gesamten Sojaanbaufläche Brasiliens auf den Cerrado und dort insbesondere auf die Region Matopiba, dem neuen landwirtschaftlichen Grenzgebiet Brasiliens, das Gebiete in Maranhão, Piauí, Bahia sowie das gesamte Gebiet von Tocantins umfasst, heißt es in der Einleitung des Berichts. Die Sojaanbaufläche im Cerrado nahm von 7,5 Millionen Hektar in der Erntesaison 2000/2001 auf 20 Millionen Hektar im Jahr 2020/2021 zu – ein Anstieg von fast 170%. Im selben Zeitraum stieg die Anbaufläche für Soja in Matopiba von 970.000 Hektar auf 4,7 Millionen Hektar und somit fast auf das Fünffache. Die Geschichte der Besiedlung der Cerrado-Region zeigt, „dass die Ausweitung des Sojaanbaus für den globalen Rohstoffhandel nicht ohne Abholzung der einheimischen Vegetation, Ausbeutung von Wasserressourcen und Konflikte mit traditionellen Gemeinschaften vonstattenging“, schreiben die Autor*innen. Dies lässt sich nun auch in der Matopiba ablesen, wo die Expansion der Agrarindustrie zu einer enormen Belebung des Immobilienmarkts und einer intensiven Suche nach Land geführt, das schnell in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt werden kann. „Unermessliche Flächen einheimischen Waldes wurden – und werden – eingezäunt, abgeholzt und in Plantagen umgewandelt, und es gibt deutliche Anzeichen für illegale Landnahme“, so der Bericht, der anhand von drei Fallstudien darstellt, wie einige der größten derzeit im Cerrado tätigen Handelsunternehmen Geschäftsbeziehungen zu Sojaproduzenten unterhalten, die in Landkonflikte und Fälle von Entwaldung verwickelt sind.

In dem Bericht werden Zahlen zur Abholzung zusammengetragen. Demnach war Soja zwischen 2000 und 2016 für 9% der Abholzung von Urwäldern in Südamerika verantwortlich. In diesem Zeitraum wurde fast die Hälfte (44%) der neuen Anbauflächen auf dem Kontinent im Cerrado erschlossen. Laut einem vom Brasilianischen Verband der Pflanzenölindustrie (ABIOVE, Associação Brasileira das Indústrias de Óleos Vegetais) finanzierten Bericht wird im Cerrado Soja auf 4,19 Millionen Hektar Flächen angebaut, die in den letzten 20 Jahren abgeholzt wurden – eine Fläche doppelt so groß wie Hessen. Das entspricht 14,4% der gesamten Entwaldung im Cerrado, doch die Hauptursache für die Abholzung dort bleibt nach wie vor die Viehzucht: 67% der Fläche wird als Weideland genutzt.

Als Reaktion auf öffentlichen Druck hin haben einige der größten in den Sojahandel involvierten Agrarkonzerne vor kurzem Pläne angekündigt, in ihren Lieferketten „Nullentwaldung“ zu erreichen. Cargill und ADM wollen dieses Ziel bis 2030 erreichen, wobei alle Biome einbezogen werden sollen, während Bunge und LDC für 2025 ähnliche Ziele angekündigt haben. „Theoretisch gibt es die „Nullentwaldung“ im brasilianischen Amazonasgebiet bereits seit über einem Jahrzehnt. Im Rahmen des Sojamoratoriums haben sich die größten Handelsunternehmen des Sektors verpflichtet, nach 2008 kein Soja mehr zu erwerben, das in entwaldeten Gebieten der Region angebaut wurde“, so die Autor*innen. Die Übertragung ähnlicher Kriterien auf den Cerrado ist nun erneut ein Zankapfel zwischen den verschiedenen Interessengruppen und es bestehen erhebliche Zweifel daran, dass sich die wichtigsten Agrarunternehmen im Cerrado daran halten werden. Zudem lässt sich dem Bericht zufolge der tatsächliche Ursprung von Soja durch Fälschung von Dokumenten durch die Farmer leicht verschleiern oder wenn Soja von Erzeugern bezogen wird, die nachweislich Sojabohnen aus illegal entwaldeten Gebieten angebaut haben, bleiben Sanktionen oft aus. Die Misserfolge bei der Überwachung des Sojamoratoriums im Amazonasgebiet sind ein Warnsignal auch für künftige Initiativen im Cerrado, so das Fazit des Berichts, der fordert, daraus Lehren für den Cerrado zu ziehen.

Die EU ist hier in der Verantwortung. 2021 exportierte Brasilien 86,1 Millionen Tonnen Sojabohnen, wobei China mit 70% der wichtigste Handelspartner war, gefolgt von der EU mit 8,4 Millionen Tonnen. Beim Sojaschrot (Gesamtexport 17,1 Millionen Tonnen) ist die EU der Hauptabnehmer. Die Niederlande waren mit 2 Millionen Tonnen der größte Importeur innerhalb der EU, gefolgt von Frankreich (1,3 Mio. Tonnen) und Deutschland (1 Mio. Tonnen). Schätzungsweise 20% der Sojaexporte aus dem Cerrado und dem Amazonasgebiet in die EU könnten Soja umfassen, die durch illegale Entwaldung gewonnen wurde, wie eine Studie brasilianischer Wissenschaftler im Fachjournal Science besagt. Laut der non-profit Transparenzinitiative Trase konzentriert sich ein Großteil des Entwaldungsrisikos durch den Import von Sojafuttermitteln in die EU auf den Cerrado. Die 4,6 Mio. Tonnen Soja, die 2018 direkt von dort in die EU exportiert wurden, stehen laut Trase in Verbindung mit einem Entwaldungsrisiko von knapp 26.000 Hektar. Somit konzentrieren sich fast zwei Drittel (65%) der durch Sojaimporte in die EU verursachten Entwaldung auf den Cerrado. Trotz illegaler Entwaldung und Landraubs soll der Cerrado womöglich nicht im Anfang Dezember stattfindenden finalen Trilog zur EU-Verordnung aufgenommen werden, wie die DUH befürchtet. Grund sei, dass der Europäische Rat sich mehrheitlich auf klassische Wälder wie den Amazonas-Regenwald beschränken möchte. Laut einer FAO-Definition wird die Savanne nur zu geringen Teilen als Wald und zu über 70% als sogenanntes „other wooded land“ eingestuft. Sollte sich der EU-Rat auf die Definition der FAO stützen, wären nur knapp 26% des Cerrado geschützt. Damit würde ein Großteil der durch die EU verursachten Entwaldung jedoch außer Acht gelassen, bemängelt der Umweltschutzverband. „Sollten sich die Hardliner im EU-Rat durchsetzen, besteht die Gefahr, dass Soja aus Landraub und Entwaldung weiter zu uns gelangt. Damit das nicht passiert, muss die Bundesregierung jetzt ihr politisches Gewicht in die Waagschale werfen, denn wir dürfen diese historische Chance nicht verpassen“, so Müller-Kraenner. Die DUH fordert daher die Bundesregierung auf, sich für die Aufnahme von Buschland und Trockenwäldern in die EU-Verordnung einzusetzen. (ab)

11.11.2022 |

IPES-Food: COP27 soll auf Agrarökologie statt nebulöse Konzepte setzen

Nebel
Nebulöse Konzepte bei COP27? (Foto: CC0)

Bevor die Weltklimakonferenz (COP27) in Ägypten überhaupt erst ihre Pforten öffnete, wurden erhebliche Zweifel daran laut, dass in Scharm el-Scheich der große Wurf im Kampf gegen den Klimawandel gelingen werde. Stattdessen mehrten sich Greenwashing-Vorwürfe – sei es gegen den UN-Gipfel, dessen Hauptsponsor Coca-Cola ist, als auch gegen dort vertretene Staaten, Konzerne und sonstige Akteure. Die Klimaaktivistin Greta Thunberg hatte ihre Teilnahme im Vorfeld abgesagt, da sie unter anderem zu geringe Beteiligungsmöglichkeiten für die Zivilgesellschaft beklagte. „Die Klimakonferenzen sind vor allem eine Bühne für Staats- und Regierungschefs und Menschen in Machtpositionen, um Aufmerksamkeit zu erhalten, indem sie viele verschiedene Arten des Greenwashing betreiben“, sagte sie dem Guardian. Vertreter*innen der NGOs Powershift Africa, Greenpeace und Climate Action Networks kritisierten, es seien viele Gas-Lobbyisten auf der Konferenz vertreten und sie drohe, zu einem „Greenwashing“-Festival zu verkommen. Auch UN-Generalsekretär António Guterres richtete scharfe Worte gegen die Öl- und Kohleindustrie, da manche Konzerne ihre üblen Klimabilanzen bewusst mit falschen Null-Emissions-Versprechen schönzureden versuchten. Dieses „toxische“ Greenwashing müsse aufhören. Am 12. November stehen nun die Landwirtschaft, die von ihr verursachten Emissionen und ihr möglicher Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel beim „Adaptation and Agriculture Day“ im Fokus. Vor Gipfelbeginn wartete eine Arbeitsgruppe der Sustainable Markets Initiative (SMI), der Konzerne wie Mars, McDonald’s, Bayer und Yara angehören, mit einem Aktionsplan auf, in dem sie die Ausweitung der regenerativen Landwirtschaft fordern. Andere sprechen von klimasmarter Landwirtschaft, wieder andere fordern mehr Gelder für „naturbasierte Lösungen. Doch was ist damit genau gemeint?

Zu diesen Begriffen meldete sich Ende Oktober das International Panel of Experts on Sustainable Food (IPES-Food) mit einem neuen Papier zu Wort. Dessen Fazit lautet, dass auf internationalen Klima-, Biodiversitäts- und Ernährungsgipfeln immer mehr „grüne Schlagworte“ verwendet werden, die die Transformation der Ernährungssysteme eher behindern als sie zu beschleunigen. Das Expertengremium unter dem gemeinsamen Vorsitz von Olivier De Schutter, UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte und einst für das Recht auf Nahrung, sowie Maryam Rahmanian, einer unabhängigen Expertin für Agrar- und Ernährungssysteme, ist der Ansicht, dass sich Agrar- und Lebensmittelkonzerne, internationale Wohltätigkeitsorganisationen und einige Regierungen derzeit verstärkt des Begriffs „naturbasierte Lösungen“ bedienen, um in der Diskussion um Agrar- und Ernährungssysteme die Nachhaltigkeitsagenda zu „kapern“. Oft hätten sie dabei problematische „Carbon Farming“-Programme zur Kohlenstoffspeicherung in Böden oder Kompensationsmechanismen („Carbon Offsetting“) im Gepäck, die in Partnerschaft mit großen Naturschutzverbänden durchgeführt werden. IPES-Food, dem auch mehrere einst am Weltagrarbericht beteiligte Wissenschaftler*innen angehören, nahm daher im Vorfeld von COP27 genauer unter die Lupe, wie die konkurrierenden Begriffe „Agrarökologie“, „naturbasierte Lösungen“ und „regenerative Landwirtschaft“ auf internationalen Konferenzen in letzter Zeit verwendet wurden und tauschte sich mit Forscher*innen des Institute of Development Studies (IDS) dazu aus. „Es herrscht ein Meinungsstreit über die Zukunft der Lebensmittelsysteme. Auf internationalen Gipfeltreffen wird mit sehr vagen Begriffen wie ‚naturbasierte Lösungen‘ um sich geworfen, die keine klare Definition aufweisen und die für jegliche Agenda eingespannt werden können“, sagte Melissa Leach, Expertin von IPES-Food und Direktorin des IDS. Schlimmstenfalls seien sie ein Deckmantel für ‚green grabs“, bei denen unter dem Vorwand von Klima- und Umweltschutz die Rechte von Menschen untergraben werden sowie eine Aneignung von Land und Ressourcen stattfindet, von denen diese abhängig sind. „COP27 muss sehr vorsichtig bei der Verwendung dieser mehrdeutigen Begriffe sein und Lösungen ablehnen, die nicht klar definiert sind“, betonte sie.

Laut dem IPES-Papier (Smoke & Mirrors: Examining competing framings of food system sustainability) herrscht breiter Konsens über die Notwendigkeit, Ernährungssysteme nachhaltiger zu machen, aber es besteht Uneinigkeit darüber, auf welche Art und Weise dieses Ziel verfolgt werden soll. In den letzten Jahren hätten Begriffe wie „regenerative Landwirtschaft“ und „naturbasierte Lösungen“ auf dem internationalen Parkett, in der Entwicklungspolitik und bei Agrar- und Lebensmittelkonzernen an Popularität gewonnen. Diese Begriffe reihen sich ein in eine wachsende Sammlung von Konzepten und Ideen, die oft als Schlagworte für nachhaltige Entwicklung verwendet werden, wenn über die Zukunft von Ernährungssystemen debattiert wird. Dazu gehören z.B. ‚nachhaltige Landwirtschaft‘, ‚klimasmarte Landwirtschaft‘, ‚naturverträgliche Lebensmittelproduktion‘, ‚nachhaltige Intensivierung‘, ‚konservierende Landwirtschaft‘ und so weiter. Das Papier konzentriert sich auf drei Konzepte: Agrarökologie, naturbasierte Lösungen und die regenerative Landwirtschaft und betrachtet ihre Ursprünge, Entwicklung und Verwendung in Diskussionen über die Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung. Die Autor*innen analysieren, wie diese Begriffe vor, während und im Nachgang zu drei wichtigen Konferenzen im Jahr 2021 verwendet wurden: dem UN Food Systems Summit (UNFSS), der UN-Klimakonferenz in Glasgow (COP26) und der UN-Biodiversitätskonferenz (CBD COP15). Zudem schauten sie sich auch deren Verwendung in anderen Bereichen an, z.B. bei Nachhaltigkeitspläne von Unternehmen, Entwicklungsinitiativen und Stiftungen.

IPES-Food beobachtet, dass die umstrittene Idee der „naturbasierten Lösungen“ auf internationalen Gipfeltreffen rasch an Boden gewinnt. Der Begriff war auf dem UNFSS-Gipfel sehr präsent, wurde bei einigen COP26-Verhandlungen kontrovers diskutiert und bei Verhandlungen zum „Übereinkommen über die biologische Vielfalt“ (CBD) für die Zeit nach 2020 von einigen Parteien stark gepusht, während andere es vehement ablehnten. Beim UNFSS wurde in früheren Phasen der Begriff ‚naturverträglich‘ (nature-positive) bevorzugt. In den Dokumenten und Prozessen zum Gipfel wurden ‚naturbasiert‘ und ‚naturverträglich‘ allen möglichen Substantiven vorangestellt, von naturbasierter Landwirtschaft bis hin zu naturverträglichen Ernährungssystemen, Ansätzen, Praktiken und Lösungen. Das deutet den Autor*innen zufolge darauf hin, dass die Begriffe auf eine unpräzise Weise verwendet werden, die möglicherweise dazu diene, die genauen und eventuell umstrittenen Ansätze dahinter (z. B. Kohlenstoffausgleich), die von Befürwortern naturbasierter Lösungen vorangebracht werden wollen, zu verschleiern. Der UNFSS war um fünf Themenschwerpunkte (action tracks) herum organisiert und Track 3 widmete sich einer „naturverträglichen Produktion“. IPES-Food beklagt, dass dem Konzept der naturbasierten Lösungen keine allgemein anerkannte Definition und keine auf Transformation ausgerichtete Vision zugrunde liege und es genutzt werde, um das Weiter-wie-bisher der Agrarindustrie fortzuschreiben. Es sei ein „entpolitisiertes Konzept, das Macht- und Wohlstandsgefälle außer Acht lasse, die bedingen, dass Ernährungssysteme nicht nachhaltig sind“. Daher sei das Konzept ungeeignet, um den tiefgreifenden, strukturellen Wandel anzustoßen, der nötig ist, um Ernährungssysteme zu schaffen, die wirklich nachhaltig in allen drei Dimensionen sind: ökologisch, sozial und wirtschaftlich. Zudem sei der Begriff oft mit riskanten Programmen zur CO2-Kompensation verknüpft, deren Nutzen nicht belegt sei, die aber die Macht der Agrarindustrie festigen. Eine Transformation der Ernährungssysteme würde so verwässert.

Im Gegensatz dazu ist Agrarökologie – das zweite Konzept im Fokus – durch demokratische und inklusive Governance-Prozesse definiert worden und wird durch jahrelange wissenschaftliche Forschung und soziale Bewegungen unterstützt. Auf internationalen Gipfeltreffen dagegen wird sie recht selten erwähnt. Den Autor*innen zufolge stellt die Agrarökologie einen inklusiveren und umfassenderen Weg hin zur Transformation unserer Lebensmittelsysteme dar, weil sie soziale und ökologische Aspekte der Nachhaltigkeit miteinander verbindet, das gesamte Ernährungssystem in den Blickt nimmt, Machtungleichheiten berücksichtigt und aus einer Breite an Wissen schöpft, wobei marginalisierte Stimmen gehört werden. „Die Agrarökologie ist das einzige der drei Konzepte, das in einem langen Prozess umfassender und internationaler Beratungen Klarheit und konzeptionelle Reife erlangt hat“, heißt es in dem Papier. 2018 legte die Welternährungsorganisation FAO nach einem vierjährigen Beratungsprozess die ‚10 Elemente der Agrarökologie‘ fest. Dieser Rahmen markierte einen Meilenstein auf dem Weg, die Agrarökologie in die allgemeine politische Debatte einzubringen und eine ganzheitliche Version davon zu etablieren, die auch Komponenten der sozialen Gerechtigkeit umfasst. Das Konzept reifte 2019 weiter, als das Hochrangige Expertengremium (HLPE) des UN-Ausschusses für Welternährungssicherheit (CFS) diese 10 Elemente in 13 Handlungsgrundsätze überführte, die als Leitschnur für die agrarökologische Transformation des Lebensmittelsystems dienen sollten. Beim UNFSS wurde die Agrarökologie als eine ‚naturbasierte Lösung‘ unter Track 3 erwähnt, die sich als „bahnbrechende Lösung“ abzeichne. IPES-Food kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Agrarökologie bei COP, CBD und UNFSS nicht als übergeordneter Rahmen verwendet wird. Die fehlende Einbeziehung von Agrarökologie und Ernährungssouveränität war einer der Gründe, warum Hunderte zivilgesellschaftlicher Gruppen den Welternährungsgipfel boykottierten. Seine Ergebnisse bleiben nach wie vor heftig umstritten. Auch beim Klimagipfel in Glasgow wurde die Agrarökologie stiefmütterlich behandelt und in dem bisher konkretesten Ergebnis der CBD, der Erklärung von Kunming, findet sie keine Erwähnung.

Die „regenerative Landwirtschaft“ als drittes Konzept ist in der internationalen Politik weniger präsent, besagt das Kurzdossier. Geprägt wurde er vom „Rodale Institute“, einer US-Organisation, die sich für die Erforschung des ökologischen Landbaus einsetzt und seit über 40 Jahren einen Systemvergleich zwischen Bio- und konventioneller Landwirtschaft durchführt. Akteure, die sich für nachhaltige Lebensmittelsysteme einsetzen, verwenden den Begriff, um sich auf die Regeneration natürlicher Ressourcen und vor allem von Böden zu beziehen. Aber auch Agrar- und Lebensmittelkonzerne (darunter Walmart, Pepsi und Cargill) berufen sich auf das Konzept in ihren Nachhaltigkeitsstrategien, oft in Verbindung mit Programmen zur CO2-Kompensation, bei denen die Dimension der sozialen Gerechtigkeit keine Rolle spielt - oder wie zuletzt der SIM-Aktionsplan. „Regenerative Landwirtschaft ist ein Begriff am Scheideweg. Die Hervorhebung der Prinzipien, die er mit der Agrarökologie teilt (...), kann dazu beitragen, die regenerative Landwirtschaft der Vereinnahmung durch Unternehmen wieder zu entziehen und sie mit konzeptioneller Klarheit zu füllen“, betonen die Autor*innen.

Das Papier enthält auch eine Reihe von Empfehlungen für jene politischen Akteure und Beobachter, die sich mit Ernährung, Klima und Umwelt befassen, inklusive staatliche Vertreter*innen auf internationaler Ebene. IPES-Food ruft sie dazu auf, Lösungen abzulehnen, denen es an klaren Definitionen mangelt, die Mehrdeutigkeit ausnutzen und ein Weiter-wie-bisher der Agrarindustrie verschleiern. Es reiche nicht, Ernährungssysteme auf die Agenda zu setzen. Sichergestellt werden müssen inklusive globale Prozesse, die auf einem gemeinsamen Verständnis bezüglich der Transformation der Ernährungssysteme beruhen, sowie eine umfassende sozial und ökologisch nachhaltige Vision für das Ernährungssystem. Business as usual durch naturbasierte Lösungen, wie sie beim UNFSS zum Ausdruck kamen, sollten auf der Klimakonferenz in Ägypten abgelehnt werden. „COP27 steht vor wichtigen Entscheidungen zur Landwirtschaft. Ein rascher Übergang zu nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Ernährungssystemen ist unerlässlich, wenn wir die globale Erwärmung begrenzen und massive Ernteausfälle verhindern wollen“, sagte IPES-Food-Expertin Molly Anderson, die am Middlebury College lehrt. Undefinierte Begriffe wie ‚naturbasierte Lösungen‘ würden international verwendet werden, um den Fokus auf vage Bestrebungen zu lenken und dies sei nur eine weitere Form des Greenwashing. Echte Lösungen für Ernährungssysteme entstünden durch globale, beratende und demokratische Prozesse und die Agrarökologie erfülle diese Kriterien am besten. (ab)

14.10.2022 |

WHI 2022: Krisen verschärfen weltweite Hungersituation

Tansania
Zugang zu Nahrung: ein oft verwehrtes Menschenrecht (Foto: CC0)

Die weltweite Hungersituation hat sich aufgrund mehrfacher Krisen und Konflikte dramatisch zugespitzt und die Bemühungen, den Welthunger bis 2030 zu beseitigen, geraten immer weiter ins Stocken. Das ist die Kernaussage des Welthunger-Index (WHI) 2022, der am 13. Oktober im Vorfeld des Welternährungstages von der Welthungerhilfe und Concern Worldwide veröffentlicht wurde. Sie deckt sich mit den Botschaften vieler anderer Berichte von UN-Organisationen und NGOs, die in den letzten Monaten vor einer sich anbahnenden Hungerkrise warnen. Der aktuelle Welthunger-Index zeigt, dass sich die aktuellen Krisen gegenseitig verstärken: „Durch die toxische Mischung aus bewaffneten Konflikten, Klimakrise und Covid-19 Pandemie waren bereits vor dem Krieg in der Ukraine Millionen Menschen mit enormen Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln konfrontiert gewesen. Der Krieg in der Ukraine hat dies verschärft und so werden aus den weltweiten Hungerkrisen zunehmend Katastrophen“, sagte Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe. Im Jahr 2021 mussten bis zu 828 Millionen Menschen hungern. Besonders besorgniserregend ist die Lage am Horn von Afrika, wo die schlimmste Dürre seit 40 Jahren herrscht. In Somalia erleben Menschen in einigen Regionen bereits eine lebensbedrohliche Hungersnot. Die Weltgemeinschaft wird den Hunger in der Welt bis 2030 nicht einmal ansatzweise beseitigen können, wenn wir so weitermachen wie bisher, lautet die traurige Prognose des Berichts, die sich damit kaum von denen der letzten Ausgaben unterscheidet.

Der Welthunger-Index wird jedes Jahr von der Welthungerhilfe und der irischen Hilfsorganisation Concern Worldwide herausgegeben. Die diesjährige Ausgabe wertete Daten zur Ernährungslage von 136 Ländern aus. In den Index fließen vier Indikatoren ein: Der Anteil der Unterernährten an der Bevölkerung gemessen an der Deckung des Kalorienbedarfs, den Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die an Auszehrung leiden (zu niedriges Gewicht im Verhältnis zur Körpergröße) oder die wachstumsverzögert sind (zu geringe Körpergröße im Verhältnis zum Alter, ein Anzeichen für chronische Unterernährung) sowie die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf. Darauf basierend wird der WHI-Wert auf einer 100-Punkte-Skala ermittelt, wobei 100 der schlechteste Wert ist. Die Lage jedes Landes wird als niedrig, mäßig, ernst, sehr ernst oder gravierend eingestuft. Für 121 Länder lagen 2022 verlässliche Daten zu allen Indikatoren vor, während 15 Länder eine unvollständige Datenlage aufwiesen, sodass kein WHI-Wert berechnet werden konnte. Für acht dieser Länder reichte die Datenlage zumindest für eine vorläufige Einstufung des Hunger-Schweregrads. Demnach ist in 44 Ländern die Hungersituation nach wie vor ernst oder sehr ernst. Sehr ernst ist sei in neun Ländern: der Zentralafrikanischen Republik, Tschad, der Demokratischen Republik Kongo, Madagaskar und Jemen. Auch Burundi, Somalia, Südsudan und Syrien wurden dieser Kategorie vorläufig zugeordnet, auch wenn Datengrundlage unsicher ist. „Vor allem für Teile Somalias ist eine dramatische Entwicklung zu befürchten: Bis Juli 2023 könnten etwa 1,8 Millionen Kinder unter fünf Jahren (54,5 Prozent aller Kinder des Landes) von akuter Fehlernährung betroffen sein“, heißt es in dem Bericht. Der Jemen ist das Land mit dem höchsten WHI-Wert. Gewaltkonflikte und die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten beeinträchtigen die Ernährungssicherheit der Menschen massiv. Die Zentralafrikanische Republik verzeichnet den zweithöchsten WHI-Wert. Dort sind Gewalt und Vertreibung Hauptursachen für den Hunger.

Bei 20 Ländern, die den Kategorien mäßiger, ernster oder sehr ernster Hunger zugeordnet sind, lagen die WHI-Werte 2022 höher als im Jahr 2014, dem ersten Referenzjahr des Berichts. Betrachtet man den globalen Durchschnittswert, gab es in den letzten Jahren bei der Bekämpfung des Hungers kaum noch Fortschritte. Der globale WHI-Wert lag 2022 bei 18,2 und damit einem mäßigen Hungerniveau. 2014 lag er nur geringfügig höher bei 19,1. Positiv zu verbuchen seien zwar leichte Fortschritte in 32 Ländern, in denen sich die WHI-Werte seit dem Jahr 2000 mindestens halbiert haben. Diese Fortschritte entwickeln sich jedoch zu langsam. Ohne einen grundlegenden Richtungswechsel werden schätzungsweise 46 Länder bis 2030 kein niedriges Hungerniveau erzielen können. Doch allein die Tatsache, dass ein Land oder eine Region „nur“ einen niedrigen oder mäßigen Schweregrad an Hunger aufweist, heißt nicht, dass die Lage dort nicht allzu verheerend ist. Dem Bericht zufolge zeigt einer der vier WHI-Indikatoren – die Verbreitung von Unterernährung – auf, dass der Anteil der Menschen ohne regelmäßigen Zugang zu ausreichend Kalorien zunimmt. So ist die Unterernährungsrate in Westasien und Nordafrika in den letzten Jahren gestiegen und zwar von 6,1 % im Jahr 2010 auf 8,6 % im Jahr 2021, den höchsten Wert seit 2001. Auch in der Region Lateinamerika/Karibik ist der Trend problematisch: Zwar gilt hier ein noch niedriges Hungerniveau, aber die Unterernährungsquote ist seit 2014 (5,3 %) auf 8,6 % im Jahr 2021 geklettert.

Der Schwerpunkt des diesjährigen Berichts weist darauf hin, wie wichtig neben kurzfristigen Nothilfemaßnahmen die Schaffung von gerechten, nachhaltigen und krisenfesten Ernährungssystemen ist. Die Mitbestimmung lokaler Akteure bei der nationalen Ernährungspolitik spielt dabei eine Schlüsselrolle. Danielle Resnick, die für Brookings Institution und das International Food Policy Research Institute arbeitet, hat hierzu als Gastautorin ein Kapitel beigesteuert. „Angesichts eines globalen Ernährungssystems, das ungeeignet ist, Armut und Hunger nachhaltig zu beenden, finden Bürger*innen innovative Wege, die Ernährungspolitik auf lokaler Ebene zu verbessern und Entscheidungsträger*innen im Kampf gegen Ernährungsunsicherheit und Hunger zur Verantwortung zu ziehen“, schreibt sie. Durch aktuelle Entwicklungen zur Dezentralisierung von Regierungsfunktionen hätten Lokalregierungen in einer Reihe von Ländern mehr Autonomie und Autorität gewonnen, auch in Bezug auf entscheidende Funktionen der Ernährungssysteme. Doch in anderen Ländern werden zivilgesellschaftliche Räume zunehmend eingeschränkt, was die Bürger*innen daran hindert, ihr Recht auf angemessene Nahrung einzufordern und zu verwirklichen. „Das Recht auf Nahrung muss bei der Transformation der Ernährungssysteme im Mittelpunkt stehen. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, dass die Zivilgesellschaft vor Ort Möglichkeiten hat, die jeweiligen staatlichen Strukturen zu überprüfen und Verbesserungen einklagen zu können“, betont daher auch Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe. „Nur wenn die Gemeinschaften und Bäuerinnen und Bauern mit ihrem lokalen Wissen und ihren konkreten Bedürfnissen mitbestimmen, können nachhaltige Lösungen für die Beseitigung des Hungers gefunden werden.“

Der Bericht enthält zudem eine Reihe an Handlungsempfehlungen. Das Recht auf Nahrung sollte in nationalem Recht verankert und durch Beschwerdemechanismen gestützt werden. Regierungen sollen auf allen Ebenen eine inklusive Koordinierung ernährungsbezogener Strategien fördern. Planungs- und Haushaltsverfahren sollten Machtungleichgewichte und die Stimmen der vulnerabelsten Gruppen vorrangig berücksichtigen. Dies erfordert ein klares Verständnis der Bürger*innen ihrer Rechte, der relevanten Prozesse in Ernährungssystemen sowie Zugang zu Daten und Informationen. Zuständigkeiten für die Ernährungssicherung sollten auf untere Verwaltungsebenen übertragen und vermehrt lokale Ressourcen bereitgestellt werden. Mehr Geld müsse auch die internationale Gemeinschaft definitiv in die Hand nehmen, um Erfolge zu erzielen: „Wir müssen schnell auf die humanitären Notlagen reagieren und sowohl flexible und höhere Mittel zur Verfügung stellen und zugleich größere Investitionen für die Transformation der Ernährungssysteme bereitstellen“, fordert Marlehn Thieme. Je länger wir warten, desto geringer die Erfolgsaussichten. „Prävention zahlt sich aus. Investitionen, die heute getätigt werden, können künftige Krisen abwenden, die noch teurer und tragischer sein könnten“, schreiben Mathias Mogge und Dominic MacSorley, Vorstandsvorsitzender von Concern Worldwide, in ihrem Vorwort zum Bericht. „Die Verantwortung für die Beendigung des Hungers und die Sicherstellung des Rechts auf Nahrung für alle dürfen wir nicht der nächsten Generation zuschieben. Es ist unsere Pflicht, jetzt zu handeln.“ (ab)

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