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22.09.2022 |

Oxfam: Akuter Hunger in „Klima-Hotspots“ nimmt stark zu

Vertrocknet
Klimawandel und Hunger gehen Hand in Hand (Foto: CC0)

In den zehn weltweit am stärksten von extremen Wetterereignissen betroffenen „Klima-Krisenherden“ ist die Zahl der Menschen, die an akutem Hunger leiden, in den letzten Jahren enorm angestiegen. Darauf macht eine neue Publikation von Oxfam International aufmerksam, die am 16. September erschienen ist. Demnach hat sich der akute Hunger in diesen Ländern während der letzten sechs Jahre mehr als verdoppelt. Laut der Organisation ist der Zusammenhang zwischen wetterbedingten Krisen und dem Anstieg des Hungers in diesen und anderen Ländern „eindeutig und unbestreitbar“. In dem Kurzbericht „Hunger in a heating world“ heißt es: „Die Klimakrise verstärkt zunehmend Bedrohungen und verbündet sich so mit anderen Hauptursachen von Hunger, wie Konflikten, wirtschaftlichen Schocks, Vertreibung, Armut und wachsender Ungleichheit.“ Der Klimawandel erhöhe den Druck auf die Ernährungssysteme, untergrabe die Ernährungssicherheit und erhöhe Sicherheitsrisiken. „Klimawandel ist nicht länger nur eine tickende Zeitbombe, sondern eine, die gerade vor unseren Augen explodiert“, betont Gabriela Bucher, die Generaldirektorin von Oxfam International. „Die Klimakrise bringt mehr und mehr extreme Wetterverhältnisse wie Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen mit sich – diese haben sich in den letzten 50 Jahren verfünffacht, treten immer öfter auf und fordern immer mehr Todesopfer.“

Oxfam nahm jene zehn Länder genauer unter die Lupe, für die es von den Vereinten Nationen seit dem Jahr 2000 die meisten humanitären Hilfsaufrufe in Reaktion auf extreme Wetterereignisse gegeben hatte. Das waren Somalia, Haiti, Dschibuti, Kenia, Niger, Afghanistan, Guatemala, Madagaskar, Burkina Faso und Simbabwe. Für Somalia und Haiti etwa zählte Oxfam in den letzten zwei Jahrzehnten 16 bzw. 12 UN-Hilfsaufrufe. Die Berechnungen zu den von akutem Hunger betroffenen Menschen basieren auf dem „Global Report on Food Crises“ (GRFC), einem UN-Bericht, der seit 2016 jährlich vom Food Security Information Network veröffentlicht wird. Der GRFC verwendet eine Skala (IPC), die das Ausmaß der Ernährungsunsicherheit in fünf Phasen (minimal, angespannt, Krise, Notfall und Katastrophe/Hungersnot) einteilt. Aktuell leiden 47,5 Millionen Menschen in den zehn untersuchten Ländern an akutem Hunger (IPC-Phase 3+), gegenüber 21,3 Millionen im Jahr 2016. Das ist ein Anstieg um 123 %. Fast 18 Millionen Menschen in diesen zehn Ländern stehen derzeit am Rande des Hungertodes (Gesamtzahl der Menschen, die im Jahr 2021 in die IPC-Phase 4 und 5 eingestuft wurden). „Millionen von Menschen, die bereits unter anhaltenden Konflikten, grassierender Ungleichheit und Wirtschaftskrisen leiden, verlieren nun durch Unwetterkatastrophen, Klima-Extreme und die schleichenden Veränderungen ihre Lebensgrundlagen“, beklagt Bucher. „Die Zunahme solcher Ereignisse ist so extrem, dass Menschen mit niedrigem Einkommen die Folgen immer weniger abfangen können und schließlich hungern müssen.“

Unter den zehn Ländern hat Burkina Faso mit einem Plus von 1350 % seit 2016 die höchste Zunahme akuten Hungers zu verzeichnen. Mit Stand Juni 2022 litten mehr als 3,4 Millionen Menschen dort aufgrund bewaffneter Konflikte und der zunehmenden Versteppung von Acker- und Weideland unter extremem Hunger. Im Landwirtschaftsjahr 2021/22 ging die Getreideproduktion in Burkina Faso im Vergleich zum Vorjahr um 10 % zurück. Bei einer globalen Erwärmung von mehr als 2°C könnten die Erträge von Getreide wie Hirse und Sorghum in Ländern wie Burkina Faso und Niger um 15-25 % zurückgehen. In Niger sind heute 2,6 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen (ein Anstieg um 767 % gegenüber 2016). Die Getreideproduktion ist um fast 40 % eingebrochen, da häufige Klimaschocks und anhaltende Konflikte die Ernte zunehmend erschweren. Auch in Lateinamerika nimmt der Hunger zu, obwohl es dort viele Länder mit mittlerem Einkommen gibt. In El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua hat sich die Zahl der Hungernden in den letzten zwei Jahren fast vervierfacht von 2,2 Millionen Menschen im Jahr 2018 auf fast 8 Millionen Menschen im Jahr 2021 – eine Folge von Extremwetterereignissen in den letzten Jahren und der durch COVID-19 verursachten Wirtschaftskrise. Guatemala befindet sich auch in der traurigen Top Ten mit 6 UN-Aufrufen, die Wetterextreme als Hauptursache hatten. Das Land verzeichnete zwischen 2016 und 2021 einen Anstieg des akuten Hungers (IPC3+) um 147 %. Eine schwere Dürre hat zuletzt zum Verlust von fast 80 % der Maisernte beigetragen und Kaffeeplantagen verwüstet. „Wir hatten fast acht Tage lang kaum etwas zu essen“, wird Mariana López, die mit ihren Kindern in Naranjo im Trockenkorridor Guatemalas lebt, von Oxfam zitiert. Die anhaltende Dürre zwang sie, ihr Land zu verkaufen.

Der durch die Klimakrise verursachte Hunger ist auch eine Folge der globalen Ungleichheit, erklärt Oxfam. Die Länder, die am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich sind, leiden am meisten unter seinen Auswirkungen und haben zugleich die geringsten Ressourcen, um ihn zu bewältigen. Dem Kurzbericht zufolge belief sich der CO2-Ausstoßes der 10 als Klimakrisenherde eingestuften Länder im Jahr 2020 auf insgesamt 0,002 Billionen Tonnen – das sind gerade einmal 0,13% der weltweiten Emissionen. Die Kohlenstoffemissionen der G20-Länder – die zusammen über 80 % der Weltwirtschaft kontrollieren und für über drei Viertel des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich sind – sind 650 Mal höher als die Emissionen dieser zehn Länder. Die Wohltätigkeitsorganisation prangert an, dass die Staats- und Regierungschefs der reichen Länder weiterhin milliardenschwere Unternehmen unterstützen, die Umwelt und Klima schädigen, weil diese oft ihre Partei und ihren Wahlkampf fördern. „Die täglichen Profite der fossilen Energiekonzerne lagen in den vergangenen 50 Jahren im Durchschnitt bei 2,8 Milliarden Dollar. Die Profite von nicht einmal ganz 18 Tagen könnten die 49 Milliarden Dollar decken, die laut der UN gebraucht werden, um den gesamten Bedarf an humanitärer Hilfe im Jahr 2022 zu decken“, rechnet Oxfam vor. „Wir können die Klimakrise nicht bewältigen, solange wir die grundlegenden Ungleichheiten in unseren Ernährungs- und Energiesystemen nicht bewältigen“, führt Bucher aus. „Die Kosten dafür können leicht gedeckt werden, indem umweltverschmutzende Unternehmen stärker besteuert würden. Ein einziges Prozent des durchschnittlichen Jahresprofits der fossilen Energiekonzerne würde 10 Milliarden Dollar freisetzen. Damit wäre der größte Teil der Finanzierungslücke für den UN-Aufruf zur Ernährungssicherung geschlossen.“ (ab)

07.09.2022 |

Studie: Gesunde Ernährung spart Fläche und Emissionen ein

Gesund
Gesund für Mensch und Klima (Foto: CC0)

Wenn sich die Deutschen nachhaltig und gesund ernähren und weitgehend auf tierische Lebensmittel verzichten würden, könnten drei Viertel der aktuell durch die Landwirtschaft und Ernährung verursachten Treibhausgase eingespart werden. Durch eine Ernährung nach dem Vorbild solch einer „Planetary Health Diet“ würden nur noch 60% der momentan bestellten landwirtschaftlichen Nutzfläche für die Ernährung der Bundesbürger*innen benötigt: Auf der übrigen „freiwerdenden“ Fläche könnten entweder Lebensmittel für weitere 70 Millionen Menschen angebaut oder Wälder gepflanzt werden, um die deutsche Landwirtschaft treibhausgasneutral zu machen. Das geht aus einer Studie des Öko-Institut hervor, die am 6. September veröffentlicht wurde. „Nur wenn wir unsere Ernährung vorrangig auf pflanzliche Produkte umstellen, können wir die Treibhausgase der Landwirtschaft drastisch reduzieren und das Ziel der Treibhausgasneutralität für Deutschland überhaupt erreichen“, betont Margarethe Scheffler, Expertin für nachhaltige Landwirtschaft am Öko-Institut und eine der beiden Hauptautorinnen.

In Auftrag gegeben wurde die Studie von Greenpeace mit dem Ziel, herauszufinden, wie sich eine grundlegende Veränderung unserer Ernährung auf die Landwirtschaft in Deutschland auswirken und welche neuen Chancen sich daraus ergeben würden. An die Fragestellung gingen die Verfasserinnen der Studie in vier Schritten heran. Zunächst ermittelten sie, welchen Anteil die Ernährung der inländischen Bevölkerung an der heutigen landwirtschaftlichen Produktion hat und dies von der Produktion für den Export und den Anbau von Energiepflanzen abgegrenzt. Im zweiten Schritt wurde analysiert, welche zusätzlichen Flächen nötig wären, damit Deutschland seine Umwelt- und Klimaziele erreichen kann. Laut Klimaschutzgesetz muss Deutschland bis 2045 treibhausgasneutral sein. Zu den in die Analyse einbezogenen Umweltzielen gehören etwa die Ausweitung der Biodiversitätsflächen auf insgesamt 10% des Ackerlands und 10% des Grünlands gemäß den Zielen der Biodiversitätsstrategie, eine großflächige Wiedervernässung der Moore sowie die Ausweitung des Ökolandbaus von heute 10% auf 30% wie im Koalitionsvertrag festgehalten. Einkalkuliert in die Flächenberechnungen wurde auch eine Erhöhung des Selbstversorgungsgrades für bestimmte Ackerkulturen, Gemüse und Hülsenfrüchte. Drittens wurde untersucht, welche Produktionsumstellung sich durch eine Änderung der Nachfrage aufgrund der Planetary Health Diet ergeben und wie sich dies auf den Flächenverbrauch, die Tierhaltung und die Treibhausgasemissionen auswirken würde.

Die sogenannte „Planetary Health Diet“ wurde im Januar von der EAT Lancet Kommission vorgelegt. 37 Wissenschaftler*innen aus 16 Ländern und unterschiedlichen Disziplinen hatten sich damit befasst, wie eine nachhaltige und gesunde Ernährung für eine wachsende Weltbevölkerung bis 2050 aussehen könnte. Denn unsere Ernährungsweise ist nicht nur die Ursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit, sondern auch eine Reihe anderer ernährungsbedingter Leiden und sie schädigt den Planeten. Als Grundlage für die Sicherung der „planetaren Gesundheit“ nutzte die Kommission das Konzept der planetaren Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, damit wir den sicheren Handlungsbereich („Safe operating space“) der Menschheit nicht verlassen. In einer 2009 veröffentlichten und später aktualisierten Studie (Steffen et al. 2015) hatten Forscher*innen Grenzbereiche für die sechs Oberkategorien Wasser, Land, biologische Vielfalt, Klima, Stickstoff und Phosphor festgelegt. Die Ernährungsempfehlungen der EAT Lancet Kommission sehen 2.500 kcal pro Person am Tag vor. Ziel ist eine Verdopplung des Gemüseanteils auf dem Teller und eine Halbierung des Konsums von rotem Fleisch und Zucker. Die Studie des Öko-Instituts wendet nun die Empfehlungen für Deutschland an. Hier ist der Fleischkonsum mit rund 55 Kilo pro Person und Jahr noch recht hoch, auch wenn er zuletzt leicht zurückging. Gemäß der Planetary Health Diet müsste sich hier der Konsum tierischer Lebensmittel um 75% verringern und im Gegenzug müsste sich der Verzehr von Gemüse, Obst, Nüssen und Hülsenfrüchten zum Teil mehr als verdoppeln. Gleichzeitig würden Lebensmittel nach ökologischen Standards angebaut und bei Milchkühen auf grünlandbasierte Fütterung umgestellt, wodurch die Milchleistung pro Kuh sinkt. Das Öko-Institut berechnete so die gesamten Produktionsmengen für die Versorgung der inländischen Bevölkerung, den Flächenbedarf und die Emissionen.

Das Fazit der Studie lautet: Gelingt eine Ernährungsumstellung nach dem Vorbild der Planetary Health Diet und die Umsetzung der Umweltziele, dann können die Emissionen des Landwirtschaftssektor inklusive der CO2 Emissionen aus der landwirtschaftlichen Nutzung der Moorstandorte stark gesenkt werden. Das liegt vor allem daran, dass deutlich weniger tierische Produkte nachgefragt würden und sich der heutige Tierbestand drastisch verringern würde. Die Nachfrage nach pflanzlichen Produkten dagegen stiege stark an. Produkte wie Nüsse, Oliven und Öle müssten weiterhin aus dem Ausland importiert werden. Von den heute ca. 95 Millionen Tonnen von der Landwirtschaft ausgestoßenen CO2-Äquivalente entfallen allein 81 Millionen Tonnen auf die Ernährung und mehr als 80% davon stammen aus der Tierhaltung. Die Gesamtmenge von 95 Mio. t CO2-Äquivalente könnte mit einer gesunden und nachhaltigen Ernährung auf 23 Millionen Tonnen gesenkt werden. Ein Großteil dieser Minderungen (31 Mio. t CO2) ist auf die Wiedervernässung der Moore zurückzuführen. Insgesamt würden die Emissionen pro Hektar von heute ca. 8,3 t CO2e auf 2,5 t CO2e sinken. Gleichzeitig würde, was die Fläche anbelangt, nur noch 60% der Nutzfläche für die Ernährung der Bundesbürger*innen belegt werden. Es stünden 1,6 Millionen Hektar Grünland und 4,6 Millionen Hektar Ackerland für eine alternative Verwendung zur Verfügung. „Die Ergebnisse sind deutlich. Mit einer Ernährungswende können wir nicht nur das Klima schützen, sondern auch Flächen sparen und ökologischer wirtschaften“, kommentierte Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter die Ergebnisse.

Die Autorinnen befassten sich im vierten Schritt mit zwei Varianten von Nutzungsmöglichkeiten für die durch die Ernährungsumstellung verfügbar gewordene Fläche. Die erste Variante betrachtet die Schaffung von zusätzlichen Kohlenstoffsenken durch neue Wälder. „Wenn die frei gewordene Fläche aufgeforstet wird, könnten die Restemissionen aus der Landwirtschaft fast komplett kompensiert werden. Durch diese zusätzliche Kohlenstoffsenke von 20,4 Mio. t CO2, die innerhalb der nächsten 23 Jahre entstehen könnten, verblieben im Saldo nur noch 2,7 Mio. t CO2e an Restemissionen aus der Landwirtschaft. Damit wäre die landwirtschaftliche Produktion fast treibhausgasneutral“, heißt es in der Studie. Alternativ könnte die Fläche genutzt werden, um zusätzliche Lebensmittel für den Export zu erzeugen. Gegenüber heute steigen damit die Exportmengen von tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln, aber auch die Emissionen würden zunehmen und von 10 Millionen Tonnen CO2e auf 33 Millionen Tonnen ansteigen. Werden die Exporte aber für die Ernährung genutzt würden, könnten 70 Millionen zusätzliche Menschen nach dem Vorbild der Planetary Health Diet ernährt werden. „Kohlenstoffspeicher oder Export von Lebensmitteln – in unserer Studie zeigen wir zwei Optionen für mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft auf“, erklärt Kirsten Wiegmann, Co-Autorin der Studie. „Welchen Weg wir einschlagen, ist eine gesellschaftliche Entscheidung, die von der Politik getroffen werden muss.“ Zunächst müsse es uns jedoch gelingen, unsere Ernährung entsprechend umzustellen. Das sieht auch Hofstetter so: „Um die notwendige Transformation anzustoßen, kann jeder und jede etwas beitragen. Vor allem aber müssen Politik und Wirtschaft viel stärker als bisher gestaltend wirken“, betont er: „Wir fordern von der Politik jetzt umfassende Maßnahmen, um das Ziel der Ernährungswende in den kommenden Jahren zu erreichen. Die offiziellen Ernährungsempfehlungen sind anzupassen. Vor allem sind die Umweltkosten bei der Produktion von Milch und Fleisch einzuberechnen und die Viehbestände abzubauen.“ (ab)

16.08.2022 |

Studie bescheinigt Veggie-Produkten bessere Umweltbilanz als Fleisch

Tofu
Gemüse & Tofu toppt Wurst & Co (Foto: CC0)

Wer beim Einkauf im Supermarkt Klima und Umwelt einen Gefallen tun möchte, sollte vor allem zu Obst, Gemüse und vegetarischen Produkten greifen und fürs Grillen Tofuwürstchen statt Steaks besorgen. Darauf machen Wissenschaftler*innen der Universität Oxford und Aberdeen aufmerksam. In einer Studie, die am 8. August in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht wurde, untersuchten sie mehr als 57.000 im Supermarkt erhältliche Produkte, darunter auch viele hochverarbeitete Produkte mit mehreren Zutaten. Ihr Ergebnis: Der Verzehr von pflanzlichen Lebensmitteln ist besser für die Umwelt als der von Fleisch- und Milchprodukten. Die Umweltauswirkungen vieler Fleischersatzprodukte, wie Würstchen oder Burger auf pflanzlicher Basis, waren um ein Fünftel bis Zehntel geringer im Vergleich zu den tierischen Originalen. Zudem schauten sich die Forscher*innen den Zusammenhang zwischen dem ökologischen Fußabdruck und dem Nährwert der Lebensmittel an. Sie fanden heraus, dass nachhaltigere Produkte tendenziell auch nahrhafter sind. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, wie zuckerhaltige Getränke, die zwar eine geringe Umweltbelastung aufwiesen, aber in puncto Nährwert schlecht abschnitten. „Durch die standardisierte Abschätzung der Umweltauswirkungen von Lebensmitteln und Getränken haben wir einen wichtigen ersten Schritt unternommen, um Informationen bereitzustellen, die es ermöglichen, fundierte Kaufentscheidungen zu treffen“, sagte der Hauptautor der Studie, Dr. Michael Clark.

Die Studie nutzt öffentlich zugängliche Informationen. Für die am häufigsten in Supermärkten verkauften Lebensmittel und Getränke wurden die Umweltbilanz berechnet mit einem standardisierten Wert auf einer Skala von 0 bis 100. Der Fokus lag auf Produkten mit mehreren Inhaltsstoffen. „Während frühere Analysen die Auswirkungen von Lebensmitteln wie Obst, Weizen und Rindfleisch verglichen, enthalten die meisten Nahrungsmittel zahlreiche Zutaten. Da die Menge jeder einzelnen Zutat in einem Produkt jedoch oft nur der Hersteller kennt, war es bisher schwierig, die Folgen für die Umwelt zu bewerten“, schildern die Autor*innen im Abstract die Hauptschwierigkeit beim Berechnen der Bilanz. „Diese Arbeit ist sehr aufregend – erstmals haben wir eine transparente und vergleichbare Methode zur Bewertung des ökologischen Fußabdrucks von verarbeiteten Lebensmitteln mit mehreren Inhaltsstoffen gefunden. Diese Art von Lebensmitteln machen den größten Teil unserer Supermarkteinkäufe aus, aber bisher konnten wir ihre Umweltbilanz nicht direkt vergleichen“, betont Pete Scarborough, Professor für Bevölkerungsgesundheit an der Universität Oxford.

Die Forscher*innen ermittelten die einzelnen Inhaltsstoffe und ihr prozentualer Anteil am Endprodukt durch die Analyse des Zutatenverzeichnisses auf der Verpackung, wo die Zutaten der Menge nach aufgelistet sind. Die Informationen zu jeder einzelnen Zutat wurden dann mit Umwelt- und Ernährungsdatenbanken abgeglichen. Die Analyse stützt sich auf foodDB, eine große Datenmengen umfassende Forschungsplattform, die täglich Daten zu allen in 12 Online-Supermärkten im Vereinigten Königreich und in Irland erhältlichen Lebensmitteln und Getränken sammelt und verarbeitet, sowie auf eine umfassende Auswertung von 570 Studien über die Umweltauswirkungen der Lebensmittelproduktion, die Daten von 38.000 landwirtschaftlichen Betrieben in 119 Ländern enthält. Basierend auf dem prozentualen Anteil der Zutaten wurden dann die Umweltauswirkungen und die Nährwertqualität jedes einzelnen Produkts geschätzt. Die Umweltfolgen umfassen vier Indikatoren: Treibhausgasemissionen, Landnutzung, Wasserstress und Eutrophierungspotenzial (die Anreicherung von Gewässern mit zu vielen Nährstoffen und die daraus resultierende Algenbildung). Aus diesen vier Werten wurde ein Gesamtwert für die Umweltauswirkungen pro 100 g des Produkts gebildet. Die Mandelproduktion etwa verursacht relativ geringe Treibhausgasemissionen, ist aber in der Regel mit hohem Wasserstress verbunden, während der Fang von Krustentieren in der Fischerei große Mengen an Treibhausgasen ausstößt, aber kaum Landnutzung erfordert.

Die Studie ergab, dass Produkte, die aus Obst, Gemüse, Zucker und Mehl hergestellt werden, wie z.B. Suppen, Salate, Brot und viele Frühstückscerealien, geringe Umweltauswirkungen aufweisen. Viele der Produkte mit den geringsten Auswirkungen bestehen vor allem aus Wasser, daher auch die „gute“ Bilanz von Softdrinks. Zu den Produkten mit mittleren Umweltauswirkungen gehören viele Desserts und Backwaren. Produkte, die aus Fleisch, Fisch und Käse hergestellt werden, rangierten am oberen Ende der Skala. Dörrfleisch, Biltong und andere getrocknete Fleischprodukte, wie BiFi, die oft mehr als 100 g Frischfleisch pro 100 g des Endprodukts enthalten, hatten die mieseste Umweltbilanz. Bei bestimmten Lebensmittelkategorien wie Fleisch und Fleischalternativen, Lasagne, Keksen oder Pestos traten innerhalb ein- und derselben Lebensmittelart große Unterschiede zutage. Oft verursachten jene Produkte mit der besten Bilanz oft nur die Hälfte bis zu einem Zehntel der Umweltauswirkungen von den Produkten mit einem schlechteren Fußabdruck. Bei Würstchen etwa gab es einen deutlichen Unterschied bei den Auswirkungen, je nachdem, welches Fleisch im Endprodukt Hauptbestandteil war. Würste, die vor allem Rind- oder Lammfleisch enthielten, hatten im Durchschnitt eine um 240% höhere Umweltbelastung als jene aus Schweinefleisch, welche wiederum eine um 100% höhere Belastung als Würste aus Hühner- und Putenfleisch hatten, die wiederum eine um 170% schlechtere Bilanz als vegane oder vegetarische Würste hatten. Eine Limitation der Studie besteht darin, dass in den Zutatenlisten keine Infos über die Herkunft der Zutaten, wie z.B. das Herkunftsland oder die landwirtschaftliche Produktionsmethode, enthalten sind, wodurch die Umweltauswirkungen noch zuverlässiger eingeschätzt werden könnten. So hat etwa brasilianisches Rindfleisch einen ganz anderen ökologischen Fußabdruck als Rindfleisch aus Europa von Tieren aus Weidehaltung.

Den Autor*innen zufolge ist „die Bewertung und Kommunikation der Umweltauswirkungen von Lebensmitteln eine wesentliche Voraussetzung für die Umgestaltung unserer Ernährungssysteme, die dringend nötig ist, um die rasch voranschreitende Zerstörung der Umwelt zu verhindern.“ Sie kommen zu dem Schluss, dass der Ersatz von Fleisch, Milchprodukten und Eiern durch pflanzliche Alternativen dort große Vorteile für Umwelt und Gesundheit haben könnte, wo der Verbrauch dieser Lebensmittel hoch ist. Es gebe mehrere Möglichkeiten, Ernährungsweisen umzustellen. Dazu gehört der direkte und umfangreiche Ersatz tierischer Produkte (z.B. von Rindfleisch durch Bohnen) oder kleinerer Umstellungen zwischen gleichartigen Produkten. Die Wissenschaftler*innen räumen ein, dass in einigen Fällen große Substitutionen aufgrund von geschmacklichen Vorlieben, kulturellen Normen oder dem fehlenden Zugang zu geeigneten Alternativen schwierig sein können, während „kleinere Umstellungen leichter schmackhafter gemacht werden könnten“. „Diese Arbeit kann zur Unterstützung von Instrumenten dienen, die Verbraucher*innen dabei helfen, umweltverträglichere Entscheidungen beim Lebensmittelkauf zu treffen. Noch wichtiger ist, dass sie Einzelhändler und Lebensmittelhersteller dazu veranlassen könnte, die Umweltauswirkungen ihres Angebots zu verringern und uns allen eine gesündere, nachhaltigere Ernährung zu ermöglichen“, so Professor Scarborough. Nach Ansicht der Autor*innen liegt der Schlüssel für den Übergang zu ökologisch nachhaltigen Ernährungssystemen darin, die Umweltauswirkungen von Lebensmitteln zu verstehen und sie richtig zu kommunizieren. „Wir müssen noch herausfinden, wie wir diese Informationen am effektivsten vermitteln können, um Verhaltensänderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit zu erzielen, aber die Bewertung der Umweltbilanz von Produkten ist ein wichtiger Schritt nach vorn“, fügte Dr. Michael Clark hinzu. (ab)

28.07.2022 |

Erdüberlastungstag am 28. Juli: Menschheit verbraucht 1,75 Planeten

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Wir gehen mit den Ressourcen der Erde um als hätten wir Ersatz (Foto: CC0)

In gerade einmal 7 Monaten hat die Menschheit die nachhaltig nutzbaren Ressourcen der Erde für das gesamte Jahr bereits aufgebraucht: 2022 fällt der „Earth Overshoot Day“ oder globale Erdüberlastungstag auf den 28. Juli – zwei Tage früher als im Vorjahr. Die restlichen 156 Tage des Jahres leben wir wieder auf Kosten künftiger Generationen und strapazieren die natürlichen Ressourcen über das regenerierbare Maß hinaus. Das zeigen Berechnungen der internationalen Nachhaltigkeitsorganisation „Global Footprint Network“, die den Erdüberlastungstag alljährlich neu berechnet. Die Zahlen basieren auf den „National Footprint and Biocapacity Accounts“ (NFA), die sich auf UN-Datensätze stützen. Es werden zwei Größen gegenübergestellt: einerseits die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Aufnahme von Müll und Emissionen und andererseits der ökologische Fußabdruck – der Bedarf an Acker-, Weide- und Bauflächen, die Entnahme von Holz, Fasern oder Fisch, aber auch der CO2-Ausstoß und die Müllproduktion. Seit Anfang der 1970er Jahre lässt sich ein rasanter Anstieg des Ressourcenverbrauchs beobachten: Nach den aktuellen Berechnungen lag der erste Erdüberlastungstag 1971 am 25. Dezember. Anfang der 90er Jahre war er bereits Mitte Oktober erreicht und 2018 fiel der Tag erstmals in den Juli. Nach einer Verschiebung auf August in 2020 durch die coronabedingten Lockdowns leben wir nun schon wieder Ende Juli auf Pump.

Der seit 50 Jahren anhaltende Overshoot bedeutet, dass sich die jährlichen Defizite zu einer ökologischen Schuld aufbauen, betont das Netzwerk. Wir haben bereits eine „Schuld“ von 19 Jahre an Regenerationskapazität des Planeten angehäuft. Der anhaltende Overshoot führte zu einem massiven Rückgang der biologischen Vielfalt, einem Überschuss an Treibhausgasen in der Atmosphäre und einem verschärften Wettbewerb um Nahrungsmittel und Energie. Die ungewöhnlichen Hitzewellen, Waldbrände, Dürren und Überschwemmungen, die wir aktuell erleben, führen uns dies deutlich vor Augen. „Der Earth Overshoot Day zeigt, dass das derzeitige Produktions- und Konsumsystem nicht mit der Absicht vereinbar ist, unseren Planeten weiterhin zu bewohnen“, erklärte der ecuadorianische Minister für Umwelt, Wasser und ökologischen Wandel, Gustavo Manrique, der den Tag mit Videos von Umweltminister*innen aus der ganzen Welt eröffnete. „Unsere natürlichen Ressourcen zu schützen und unsere Nachfrage nach ihnen zu steuern, braucht konkrete Maßnahmen, die auf ein neues Entwicklungsmodell abzielen, das auf Nachhaltigkeit und Regeneration beruht. Von Ecuador aus rufen wir die Welt auf, diesen Fragen wesentlich mehr Gewicht zu geben“, appellierte Manrique.

Die Daten des Netzwerkes zeigen auch den Zusammenhang zwischen Ressourcen und Ernährungssicherheit auf. Allein die Ernährung beansprucht heute 55 % der Biokapazität unseres Planeten, also mehr als die Hälfte der Erde. Die Analysen ergaben, dass bereits mehr als 3 Milliarden Menschen oder 38 % der Weltbevölkerung in Ländern leben, die weniger Nahrungsmittel produzieren als sie verbrauchen und zudem ein geringeres Einkommen als der Weltdurchschnitt erzielen. Sie verfügen also nicht nur über unzureichend Nahrung, sondern sind auch beim Zugang zu Lebensmitteln am Weltmarkt stark benachteiligt. Nepal beispielsweise produziert nur 78 % der konsumierten Lebensmittel und ist auch noch finanziell benachteiligt, da das Pro-Kopf-Einkommen nur 9% des globalen Durchschnitts beträgt. Mit derselben Kombination an Risikofaktoren sind auch Länder wie Ruanda, Äthiopien, Afghanistan, Pakistan, Nigeria, Bangladesch, Mexiko, Irak und Iran konfrontiert. Wenn alle Ressourcen einkalkuliert werden, steigt die Zahl der Menschen, die in einem Land leben, das ein Biokapazitätsdefizit aufweist und weniger Einkommen erwirtschaftet als der globale Sschnitt, auf rund 5,8 Milliarden. Dieser Trend, der durch die Pandemie und bewaffnete Konflikte wie in der Ukraine verstärkt wird, führt zu einer zunehmenden Ernährungsunsicherheit.

Das Global Footprint Network weist aber auch darauf hin, dass eine Trendwende möglich ist und vor allem auch wirtschaftliche Vorteile für die Vorreiter*innen mit sich bringt. „Ressourcensicherheit wird zu einem immer wesentlicheren Parameter der wirtschaftlichen Stärke. Zu warten hat keinen Vorteil. Vielmehr liegt es im Interesse jeder Stadt, jedes Unternehmens und jedes Landes, die eigene Handlungsfähigkeit in einer voraussehbaren Zukunft des Klimawandels und der Ressourcenknappheit zu schützen“, betont Mathis Wackernagel, Gründer des Netzwerkes. Er geht davon aus, dass Unternehmungen und Unternehmen, deren Produkte dazu beitragen, den Overshoot zu verringern, mit größerer Wahrscheinlichkeit an Wert gewinnen werden als jene, die den Overshoot anheizen. Wenn die Menschheit den Earth Overshoot Day jedes Jahr um 6 Tage hinauszögern würde, wäre 2050 weniger als ein Planet nötig. Das vom Weltklimarat vorgeschlagene 1,5 C°-Ziel könnte erreicht werden, wenn das Datum jedes Jahr um 10 Tage verschoben wird. Als Möglichkeiten zum Handeln nennt das Netzwerk etwa die Halbierung der weltweiten Lebensmittelverschwendung, durch die der Overshoot Day um 13 Tage verschiebbar wäre. Weltweit eine städtische Fahrradinfrastruktur zu schaffen wie in den Niederlanden würde 9 Tage einsparen. „Nutzen wir die Macht des Möglichen und gestalten unsere Zukunft so, wie wir sie wollen”, appelliert Wackernagel.

Das Netzwerk berechnet zudem die nationalen Erdüberlastungstage, wobei deutliche Unterschiede zutage treten. Um ihren Ressourcenbedarf nachhaltig zu decken, bräuchte die Weltbevölkerung rechnerisch rund 1,75 Planeten. „Würden alle Menschen so wirtschaften wie wir in Deutschland, läge der Erdüberlastungstag bereits Anfang Mai. Dann bräuchten wir nicht zur zwei, sondern drei Planeten“, sagt Christoph Bals von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch, die auch jedes Jahr auf den Tag aufmerksam macht. Alle EU-Staaten verzeichnen ihre nationalen Überlastungstage vor dem weltweiten Datum. In Spanien war es zum Beispiel am 12. Mai, in Italien am 15. Mai soweit. Germanwatch sieht daher die Politik in der Verantwortung, Unternehmen in die Pflicht zu nehmen und den Klimaschutz vorantreiben: „Der Erdüberlastungstag macht deutlich, dass wir in grundlegender Weise unsere Art zu wirtschaften überdenken müssen“, sagt Finn Robin Schufft, Referent für Unternehmensverantwortung bei Germanwatch. „Die EU mit ihrem überdurchschnittlichen Ressourcenverbrauch darf die Kosten zerstörerischer Geschäftspraktiken nicht länger der Umwelt und den besonders Betroffenen insbesondere im globalen Süden aufbürden. Sie muss ihre Unternehmen dazu verpflichten, endlich Verantwortung zu übernehmen und ihre Geschäftsmodelle an den planetaren Grenzen und der Achtung der Menschenrechte auszurichten.“ Die Organisation zielt hier auch auf das EU-Lieferkettengesetz ab, das derzeit im EU-Ministerrat verhandelt wird, dessen erster Entwurf aber nur unzureichende Umweltpflichten enthält. Um die Klimakrise abzufedern sei es notwendig, dass Unternehmen 1,5-Grad-kompatible Pläne aufstellen mit kurz- und mittelfristigen Meilensteinen zur Minderung der Emissionen in ihrer Wertschöpfungskette, so Germanwatch. (ab)

12.07.2022 |

UN-Bericht: 828 Millionen Menschen hungern weltweit

Gemuese
Fast 3,1 Milliarden Menschen können sich keine gesunde Ernährung leisten (Foto: CC0)

Beim Kampf gegen Hunger und Unterernährung gibt es deutliche Rückschritte. Einem neuen Bericht zufolge, der am 6. Juli von fünf UN-Organisationen veröffentlicht wurde, stieg die Zahl der weltweit von chronischem Hunger betroffenen Menschen 2021 auf 828 Millionen an. Das sind rund 180 Millionen mehr Menschen als 2015, als die Agenda 2030 aus der Taufe gehoben wurde, doch der Großteil des Anstiegs (150 Millionen) erfolgte seit dem Ausbruch von COVID-19. Aktuell ist also ein Zehntel der Weltbevölkerung chronisch unterernährt. Zudem konnten sich im Jahr 2020 fast 3,1 Milliarden Menschen keine gesunde Ernährung leisten – 112 Millionen mehr als noch 2019, was den gestiegenen Lebensmittelpreisen im Zuge der Pandemie geschuldet ist. „Die Herausforderungen beim Kampf gegen Hunger, Ernährungsunsicherheit und alle Formen von Unterernährung nehmen weiter zu. Die COVID-19-Pandemie hat die Fragilität unserer Agrar- und Ernährungssysteme und die Ungleichheiten in unser Gesellschaft noch sichtbarer gemacht und zu einem weiteren Anstieg des Welthungers und der schweren Ernährungsunsicherheit geführt“, schreiben die Leiter*innen der Welternährungsorganisation FAO, des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), von UNICEF, dem Welternährungsprogramm (WFP) und der Weltgesundheitsorganisation in ihrem gemeinsamen Vorwort zum Bericht.

In der diesjährigen Ausgabe des Berichts „The State of Food Security and Nutrition in the World“ wird eine Spanne von 702 bis 828 Millionen chronisch unterernährten Menschen angegeben, um den Unsicherheiten bei der Datenerhebung aufgrund der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen Rechnung zu tragen. Den Autor*innen zufolge sind die Informationen über die tatsächliche Verfügbarkeit und den Verbrauch von Nahrungsmitteln in den Jahren 2020 und 2021 nach wie vor spärlich und ungenau. Nimmt man die Mitte der geschätzten Spanne (768 Millionen), so ist die Zahl der unterernährten Menschen seit 2020 um 46 Millionen gestiegen. „Es besteht die reale Gefahr, dass die Zahlen in den kommenden Monaten sogar noch weiter ansteigen werden. Der weltweite Preisanstieg von Lebensmitteln, Treibstoff und Düngemittel ist das Folge des Krieges in der Ukraine, der droht, Länder auf der ganzen Welt in Hungersnöte zu stürzen“, sagte WFP-Exekutivdirektor David Beasley. „Das Ergebnis wird eine globale Destabilisierung, Hungersnöte und Massenmigration in einem noch nie dagewesenen Ausmaß sein. Wir müssen heute handeln, um die sich anbahnende Katastrophe zu verhindern.“

Nachdem der Anteil der von Hunger betroffenen Menschen seit 2015 relativ gleich geblieben war, stieg er 2020 sprunghaft an und kletterte 2021 weiter auf 9,8 Prozent der Weltbevölkerung. Berücksichtigt man die obere Grenze der Spanne von 828 Millionen Menschen, liegt der Anteil bei 10,5 Prozent. Die Zahlen zeigen ein anhaltendes regionales Gefälle, wobei in Afrika der Anteil der Hungernden an der Bevölkerung am heftigsten ist, während Asien in absoluten Zahlen trauriger Spitzenreiter ist. Mehr als die Hälfte (56,2 %) der 828 Millionen Menschen, die im Jahr 2021 unterernährt waren, lebten in Asien (465,4 Millionen Menschen), gefolgt von Afrika mit 289,1 Millionen (34,9 %) sowie Lateinamerika und der Karibik mit 64 Millionen (7,7 %). In Afrika beträgt der Anteil der unterernährten Menschen an der Bevölkerung nunmehr 21 % gegenüber 20,3 % im Jahr 2020. Besonders alarmierend ist die Lage in Zentralafrika, wo im letzten Jahr ein Drittel der Bevölkerung (33,3 %) unterernährt war. Zu dieser Subregion gehören Länder wie der Tschad und die Demokratische Republik Kongo. In Ostafrika waren 30,8 % von Hunger betroffen. In Asien waren 9,9 % der Bevölkerung chronisch unterernährt, während der Anteil in Lateinamerika 9,7 % betrug.

Der Bericht enthält nicht nur Schätzungen zur Zahl der chronisch unterernährten Menschen, sondern auch zur moderaten und schweren Ernährungsunsicherheit. Moderate Ernährungsunsicherheit wird definiert als „ein Schweregrad der Ernährungsunsicherheit, bei dem die Menschen unsicher sind, ob sie sich mit Lebensmitteln versorgen können“, was bedeutet, dass sie gezwungen sind, zu bestimmten Zeiten im Jahr aufgrund von Mangel an Geld oder anderen Ressourcen Abstriche bei der Qualität und/oder Quantität der verzehrten Lebensmittel zu machen. Insgesamt hatte fast jeder dritte Mensch auf der Welt (2,3 Milliarden) im Jahr 2021 keinen ganzjährigen Zugang zu angemessener Nahrung – ein Anstieg um fast 350 Millionen Menschen seit 2019, dem Jahr vor Ausbruch der Pandemie. Von den von moderater und schwerer Ernährungsunsicherheit betroffenen Menschen waren fast 40% oder 923,7 Millionen Menschen von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen, was bedeutet, dass ihnen die Nahrungsmittel ausgingen, sie Hunger litten und im Extremfall einen Tag oder länger nichts zu essen hatten. Dies ist ein Anstieg um 207 Millionen Menschen im Vergleich zu 2019. Auch eine gesunde Ernährung ist für Menschen in allen Regionen der Welt immer unerschwinglicher geworden. 2021 konnten sich fast 3,1 Milliarden Menschen keine gesunde Ernährung leisten, 112 Millionen mehr als 2019. Diese Zahlen könnten sogar noch höher sein, sobald Daten vorliegen, die die Einkommensverluste im Jahr 2020 berücksichtigen.

Der Bericht zeichnet auch ein düsteres Bild von der Ernährungssituation bei Kindern. Schätzungsweise 45 Millionen Kinder unter fünf Jahren litten an Auszehrung (wasting), der tödlichsten Form der Unterernährung, die das Sterberisiko von Kindern um das Zwölffache erhöht. Darüber hinaus waren 149 Millionen Kinder unter fünf Jahren in ihrem Wachstum und ihrer Entwicklung gehemmt (stunting), was bedeutet, dass sie aufgrund eines chronischen Mangels an essenziellen Nährstoffen in ihrer Ernährung zu klein für ihr Alter sind. Weitere 39 Millionen Kinder waren übergewichtig. „Das noch nie dagewesene Ausmaß dieser Ernährungskrise erfordert eine noch nie dagewesene Reaktion. Wir müssen unsere Bemühungen verdoppeln, um sicherzustellen, dass die schutzbedürftigsten Kinder einen sicheren Zugang zu nahrhafter und bezahlbarer Ernährung haben – sowie Zugang zur frühzeitigen Prävention, Erkennung und Behandlung von Mangelernährung“, betonte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Wenn die Zukunft und das Leben von so vielen Kindern auf dem Spiel stehen, ist das nun die richtige Zeit, um unser Engagement für Kinderernährung zur verstärken – wir haben keine Zeit zu verlieren.”

Auch der Ausblick in die Zukunft fällt düster aus. Der anhaltende Krieg in der Ukraine, in den zwei der weltweit größten Produzenten von Grundnahrungsmitteln, Ölsaaten und Düngemitteln verwickelt sind, unterbricht die internationalen Lieferketten und treibt die Preise für Getreide, Düngemittel und Energie in die Höhe. Die Lieferketten wurden bereits durch immer häufiger auftretende extreme Klimaereignisse beeinträchtigt, gerade in Ländern mit niedrigem Einkommen. All dies wirkt sich negativ auf die weltweite Ernährungssicherheit und Ernährung aus, warnt der Bericht. Das Ziel, Hunger, Ernährungsunsicherheit und Unterernährung in all ihren Formen bis 2030 zu beenden, rückt in immer weitere Ferne. Laut aktuellen Prognosen werden im Jahr 2030 immer noch fast 670 Millionen Menschen (8 % der Weltbevölkerung) von Hunger betroffen sein – selbst wenn man von einer wirtschaftlichen Erholung auf globaler Ebene ausgeht. Das ist eine ähnliche Zahl wie 2015, als im Rahmen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung das Ziel formuliert wurde, Hunger, Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bis zum Ende dieses Jahrzehnts zu beenden. „Dies sind deprimierende Zahlen für die Menschheit. Wir kommen immer weiter von unserem Ziel ab, den Hunger bis 2030 besiegt zu haben“, beklagte IFAD-Präsident Gilbert F. Houngbo. „Die fortlaufenden Auswirkungen der globalen Ernährungskrise werden voraussichtlich die Erträge im kommenden Jahr weiter verschlechtern. Wir benötigen einen intensiveren Ansatz, um Hunger zu beenden.” (ab)

30.06.2022 |

Bericht: ‚Patentdickicht' blockiert die konventionelle Pflanzenzüchtung

KeinePatente
Protestaktion vor dem EPA am 29.6.22 (Foto: Lukas Barth)

Die traditionelle Pflanzenzucht könnte bald unmöglich werden, da große Konzerne verstärkt versuchen, Patente auf natürlicherweise vorkommende Gene und zufällige Mutationen anzumelden. Darauf macht ein neuer Bericht des Bündnisses „Keine Patente auf Saatgut!“ aufmerksam, der am 29. Juni veröffentlicht wurde. Die Nutzung der biologischen Vielfalt für die konventionelle Züchtung von Pflanzen und Tieren wird so behindert oder sogar blockiert, da diese Patente ein undurchdringliches ‚Patentdickicht‘ für kleinere und mittlere Züchter*innen schaffen. Ganz davon abgesehen, dass sie eigentlich unzulässig sind, da in Europa nur gentechnische Verfahren und nicht konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere patentierbar sind. „Durch die zunehmende rechtliche Unsicherheit über die Patentierung von Pflanzen und deren Genen entsteht eine ernsthafte Gefahr für die konventionelle Züchtung. Diese Patente können den Zugang zur biologischen Vielfalt blockieren, die von allen ZüchterInnen benötigt wird“, beklagt Dagmar Urban von ARCHE NOAH, einem Verein, der sich für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt einsetzt und dem Bündnis angehört. „Die derzeitige Praxis des EPA steht im Gegensatz zu den politischen Zielen der europäischen Regierungen, die die Regel beschlossen haben.”

„Keine Patente auf Saatgut!“ übergab den Bericht am Mittwoch auch offiziell dem Europäischen Patentamt (EPA) in München, dem Stein des Anstoßes. Denn das Bündnis kritisierte schon seit Langem die umstrittene Praxis des EPA, Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zu erteilen, obwohl im europäischen Patentrecht diese Patente auf „im Wesentlichen biologischen Verfahren zur Züchtung von Pflanzen oder Tieren“ untersagt sind. Im Juni 2017 hatte das EPA auf massiven öffentlichen Druck hin ein Ende dieser Patente beschlossen. Die neue Regel 28(2) wurde in die Ausführungsordnung des EPA aufgenommen und 2020 durch eine Entscheidung der großen Beschwerdekammer des EPA bestätigt (G3/19). Doch es gibt immer noch rechtliche Schlupflöcher: Das EPA gewährt zum Beispiel weiter Patente auf Pflanzen, die auf der Grundlage von zufälligen genetischen Veränderungen gezüchtet werden. Der Bericht kritisiert etwa ein jüngst erteiltes Patent, bei dem das Patentamt eine zufällige genetische Variation, die durch Sonnenlichtstrahlung ausgelöst wurde, als technische Erfindung durchgehen ließ: Das Patent EP3560330 der Firma KWS betrifft Mais mit einer verbesserten Verdaulichkeit. Beansprucht werden die Pflanzen mit zufällig veränderten Genen und deren Ernte. Das erteilte Patent umfasst auch die Verwendung von natürlicherweise vorkommenden Genvarianten für die konventionelle Züchtung. Es ist das erste Patent, bei dem trotz der neuen Regel 28(2) erneut ein Patent erteilt wurde, das nicht auf den Bereich der Gentechnik begrenzt ist.

Die aktuelle Patentrecherche von „Keine Patente auf Saatgut!“ zeigt, auf welche Weise große Konzerne wie BASF, Bayer-Monsanto, Syngenta oder eben KWS systematisch versuchen, die bestehenden rechtlichen Schlupflöcher so weit wie möglich auszunutzen: „Diese Firmen gehören zu denen, die das Erbgut von Pflanzen systematisch nach zufälligen Mutationen und interessanten genetischen Variationen durchsuchen, um diese dann als ihre Erfindung zu beanspruchen. Einige der 2021 veröffentlichten Patentanträge beanspruchen Dutzende, hunderte oder sogar tausende Genvarianten, die in Getreidearten wie Soja und Mais entdeckt wurden, aber auch in Gemüsearten wie Kartoffeln, Spinat, Salat, Gurken oder Früchte tragenden Pflanzen wie Tomaten oder Melonen“, heißt es in der deutschen Zusammenfassung des Berichts. „Die Konzerne beanspruchen dann alle Nutzungen dieser Gene und Genvarianten für die weitere Züchtung.“ Viele Firmen würden zudem in ihre Anträge spezielle Formulierungen einbauen, mit denen technische Elemente (wie CRISPR/Cas) mit üblichen Methoden der konventionellen Züchtung vermischt werden, um den Eindruck einer technischen Erfindung zu erwecken. „Dadurch werden die Grenzen zwischen konventioneller Züchtung und gentechnischen Eingriffen sprachlich systematisch verwischt“, kritisiert das Bündnis.

Der Bericht illustriert anhand einiger Patente, welch erhebliche Auswirkungen diese auf die konventionelle Züchtung haben. Ein Beispiel sind die Patentanträge von Syngenta /ChemChina, die die Nutzung von tausenden Genvarianten beanspruchen, u.a. von Ackerpflanzen wie Soja und Mais, die natürlicherweise vorkommen und die zum Beispiel die Widerstandskraft der Pflanzen gegenüber Krankheiten stärken können. „In den meisten Fällen wurden die jeweiligen Genvarianten in wilden Verwandten der gezüchteten Sorten entdeckt und auf diese per Kreuzung und Selektion übertragen. Der Konzern beansprucht alle züchterischen Verwendungen der beschriebenen Genvarianten und allen Pflanzen mit diesen Genen, die aus züchterischen Aktivitäten hervorgehen. Im Patent erwähnt werden gentechnische Verfahren (wie der Einsatz der Gen-Schere CRISPR/Cas) genauso wie traditionelle züchterische Verfahren wie die Selektion nach interessanten Genvarianten und die weitere Kreuzung“, so der Bericht. Beansprucht werden alle resultierenden Pflanzen, deren Saatgut und die Ernte. So würden andere Züchter durch erhebliche rechtliche Unsicherheiten abgeschreckt, da es kaum herauszufinden sei, ob eine bestimmte Sojapflanze, die eine erhöhte Resistenz gegenüber dem asiatischen Soja-Rost zeigt, einige der rund 5.000 Genvarianten in ihrem Erbgut trägt, die z.B. in der Patentanmeldung WO2021154632 aufgelistet sind. Daher können ZüchterInnen nicht mehr alle Sorten für die weitere Züchtung verwenden. Es sei nicht einmal möglich, auf wilde verwandte Arten der Soja auszuweichen, weil die Patente jegliche züchterische Verwendung der betreffenden Gene abdecken. Im Ergebnis werden diese Patente so zu einem undurchdringlichen Dschungel für alle anderen Züchter.

Ein weiteres Beispiel ist die Zucht von Tomaten mit einer Resistenz gegen das sogenannte Tomato Brown Rugose Fruit Virus. Hier beanspruchen mehrere Unternehmen verschiedene Regionen im Erbgut von Tomaten, die auf mehreren Chromosomen liegen. „Beispielsweise ist das Chromosom 11 von Tomaten das Ziel von zehn Patentanträgen, die von fünf verschiedenen Unternehmen (wie Bayer/ Seminis, BASF/Nunhems und Rijk Zwaan) eingereicht wurden und in denen ähnliche Genregionen beansprucht werden, die sich zum Teil auch überlappen. Alle Tomatenpflanzen, die diese Genvarianten aufweisen und aus irgendwelchen züchterischen Aktivitäten stammen, werden als Erfindung beansprucht. Die beanspruchten Genvarianten kommen natürlicherweise und insbesondere in wilden Arten der Tomate vor“, betonen die Autor*innen. Konventionelle Züchter, die neue Tomatensorten mit einer Resistenz gegen das Virus anstreben, werden meist den genauen Genotyp ihrer Pflanzen nicht kennen. Um Patentverletzungen zu vermeiden, müssten sie Dutzende Patentanträge analysieren, nach den beanspruchten Genvarianten durchsuchen und ggf. rund ein Dutzend Lizenzverträge abschließen. Johanna Eckhardt von „Keine Patente auf Saatgut!“ spricht von einer „Überpatentierung, die den Zugang zu dem biologischen Material blockiert, das benötigt wird, um die erwünschten Tomatensorten zu züchten.“ Bisher hätten im Rahmen des Sortenschutzes alle konventionell gezüchteten Sorten frei genutzt werden, um neue und noch bessere Sorten auf den Markt zu bringen. „Wenn die europäischen Regierungen jetzt nicht aktiv werden, wird diese Freiheit der ZüchterInnen in einem Patent-Dschungel erstickt“, warnt sie.

Dem Bündnis zufolge sind politische Entscheidungen notwendig, um die Freiheit der traditionellen Züchter*innen zu bewahren. Diese ist eine Voraussetzung dafür, dass neue Pflanzensorten auf den Markt gelangen, die beispielsweise eine Anpassung an den Klimawandel ermöglichen. „Wir fordern, dass die Vertragsstaaten des EPA zu einer internationalen Konferenz zusammenkommen, um zu entscheiden, wie die bestehenden Verbote im Patentrecht auszulegen sind”, sagt Verena Schmitt vom Umweltinstitut München. „Unser Bündnis hat bereits mehr als 200.000 Unterschriften gesammelt, jetzt wenden wir uns an die europäischen Regierungen und an den Bundesjustizminister Dr. Marco Buschmann. Wenn die notwendigen politischen Entscheidungen nicht getroffen werden, ist das das Ende der Pflanzenzucht, so wie wir sie kennen.” (ab)

19.05.2022 |

IPES-Food: Lebensmittelpreis- und Hungerkrise wäre vermeidbar

Gewitter
Die Welternährungslage ist düster (Foto: CC0)

Dass die Lebensmittelpreise infolge des Ukrainekriegs in exorbitante Höhen schnellten und das Gespenst des Hungers umgeht, wäre durch eine längst überfällige Reform der Ernährungssysteme verhinderbar gewesen, beklagen führende Agrar- und Ernährungsexpert*innen. Laut einem am 6. Mai veröffentlichten Bericht des internationalen Expertengremiums IPES-Food hat das Ausbleiben dieser Reform dazu geführt, dass sich der Ukraine-Konflikt „zu einer ausgewachsenen globalen Lebensmittelpreiskrise und einer großen Bedrohung für die Ernährungssicherheit von Millionen von Menschen entwickeln“ konnte. Die Preis- und Hungerkrise hat es mittlerweile auch auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft: Die globalen Lebensmittelpreise sind um ein Drittel höher als im Vorjahr. Im Sudan verdoppelten sich die Brotpreise seit Kriegsausbruch, im Libanon stiegen sie um satte 70%. Die Kosten für den Import von Weizen erhöhten sich um ein Drittel zu. Die Armen in Ländern mit geringem Einkommen müssen einen Großteil ihres Verdienstes für Lebensmittel aufbringen, viele können sich nicht mehr ausreichend Nahrung leisten. Nach Ansicht von IPES-Food, dem auch mehrere einst am Weltagrarbericht beteiligte Wissenschaftler*innen angehören, hätte diese erneute Preiskrise verhindert werden können, doch grundlegende Fehler im globalen Ernährungssystem, wie eine starke Importabhängigkeit oder die übermäßige Spekulation mit Rohstoffen, haben bewirkt, dass der Krieg nun die dritte globale Lebensmittelpreiskrise innerhalb von 15 Jahren auslöste.

„Eine neue Generation sieht sich erneut mit einer zunehmenden Ernährungsunsicherheit konfrontiert und es scheint, dass aus der letzten Lebensmittelpreiskrise keine Lehren gezogen wurden“, beklagt Olivier De Schutter, Ko-Vorsitzender von IPES-Food und UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte. „Wenn man sich bei der weltweiten Lebensmittelversorgung weiterhin auf eine Handvoll Agrarrohstoffe und Länder verlässt, ist das in Kombination mit räuberischen Finanziers, die auf Nahrungsmittel wetten, ein Rezept für eine Katastrophe“, so De Schutter. Der Food Price Index der Welternährungsorganisation FAO hatte bereits im Januar 2022 einen Stand erreicht, der den Höchststand der Lebensmittelpreiskrise von 2008 übertraf. „Vor diesem Hintergrund war es unvermeidlich, dass ein Versorgungsschock, der zwei der wichtigsten Getreideexportländer der Welt betrifft, die globalen Märkte in gewissem Maße destabilisieren würde“, heißt es im IPES-Food-Bericht. So beziehen etwa 26 Länder mehr als 50% ihrer Weizenimporte aus der Ukraine und Russland. Im Fall von Eritrea, Somalia und der Demokratischen Republik Kongo sind es sogar 80 bis 100%. Die Autor*innen bezweifeln jedoch, dass die derzeitige Krise ein unvermeidliches Resultat dieses Krieges gewesen wäre – die Probleme und Schwächen der globalen Ernährungssysteme hätten die Folgen des Kriegs für die Ernährungssicherheit lediglich verstärkt. „Die weltweite Ernährungssicherheit ist auf einem Kartenhaus aufgebaut – der ganze Turm kann einstürzen, wenn eine Karte fällt“, schreibt Jennifer Clapp, stellvertretende Vorsitzende von IPES-Food und eine der Hauptautor*innen des Berichts, in einem Gastbeitrag für Civil Eats. „Die Konzentration im globalen Lebensmittelsystem schafft Schwachstellen, die kaskadenartige Folgen haben können, wenn irgendein Teil des Systems zusammenbricht. Diese Größenvorteile mögen auf gewinnbringende Effizienz ausgelegt sein, wenn alles nach Plan läuft. Aber sie sind weder stabil noch widerstandsfähig noch verlässlich, wenn Risiken auftreten, vor allem nicht für verletzliche Menschen.“

Die Expert*innen analysieren vier strukturelle Schwachstellen, die die Lebensmittelsysteme anfällig für Preisschocks machen. Das erste Problem ist die Importabhängigkeit vieler Länder. Die Vielfalt unserer Ernährung nimmt seit Jahrzehnten ab. Bereits 1995 machten Weizen, Reis und Mais – nur drei der 7.000 vom Menschen verzehrten Pflanzen – über 50 % der weltweit aufgenommenen pflanzlichen Energiezufuhr aus. „In vielen Ländern haben Cash Crops den vielfältigeren Anbau von Nahrungsmitteln und ernährungsphysiologisch wichtigen Nahrungsmitteln verdrängt“, heißt es im Bericht. So habe der Tabakanbau in Bangladesch Gemüse und Hülsenfrüchte verdrängt, ebenso wie Maniok, Hirse und Süßkartoffeln in einer Reihe von afrikanischen Ländern. Während die meisten Länder weiterhin Grundnahrungsmittel für sich anbauen, produzierten viele nicht genug, um ihren Bedarf zu decken und sind stark von Importen abhängig geworden, betonen die Autor*innen. Einige Länder seien inzwischen zu 100% von Grundnahrungsmittelimporten abhängig und gleichzeitig hoch verschuldet. Die Länder, die Nahrungsmittel importieren, sind zudem auf eine geringe Zahl an Getreideexporteuren angewiesen. Auf nur sieben Länder plus die EU entfallen 90% der weltweiten Weizenexporte und gerade einmal vier Länder exportieren 80% der weltweiten Maismenge. Der globale Handel mit Grundnahrungsmitteln wird von einer Handvoll Länder und Konzerne dominiert. So wird etwa 70-90% des gesamten Getreidehandels von 4 Firmen kontrolliert: Archer-Daniels Midland, Bunge, Cargill und Dreyfus. Dies führe zu erheblichen Störungen, wenn ein großer Exporteur ausfalle.

Zweitens stellt der Bericht fest, dass eine Reihe von Hürden Landwirt*innen daran hindern, ihre Produktion umzustellen und zu diversifizieren, wenn die Instabilität der Weltmärkte und die Welternährungslage es erfordert. Zu den Hürden gehören die Überspezialisierung in bestimmten Regionen, die Präferenzen von Händlern und Regierungen für Cash Crops und Biokraftstoffe sowie die Abhängigkeit von synthetischen Düngemitteln. So haben sich z.B. Regionen wie der US-Maisgürtel oder der argentinische Sojagürtel stark auf bestimmte Agrarrohstoffe spezialisiert. Da gehäuft in diese Kulturen investiert wird, entstünden „Pfadabhängigkeiten“. Rohstoffspezifische Fertigkeiten, Schulungen, Ausrüstungen, Netzwerke und Beziehungen zum Handel sind kostspielig im Aufbau und wären teils nicht mehr relevant beim Umstieg auf andere Kulturen oder Produktionsmethoden.

Drittens stellen Marktversagen und Spekulation zusätzliche Probleme dar. Laut IPES-Food gibt es Hinweise darauf, dass auch Finanzspekulant*innen den Anstieg und die Volatilität der Lebensmittelpreise verschärfen könnten. „In nur 9 Tagen im März 2022 stieg der Weizenpreis an den Terminmärkten um 54%. Und das, obwohl die weltweiten Weizenvorräte verglichen mit bisherigen Trends hoch sind. Die weltweiten Weizen- und Maisvorräte nahmen seit 2012 stetig zu. Das Verhältnis der Vorräte zum Verbrauch ist 2022 beim Getreide mit 29,7% angemessen und liegt nur geringfügig unter dem Wert von 2020/21, was auf ein relativ komfortables Versorgungsniveau hindeutet.“ Zudem sei seit Beginn der Ukraine-Invasion verstärkt in Rohstoff-Futures und rohstoffgebundene Fonds investiert worden. Der tägliche Handel mit einem solchen Fonds stieg von Januar bis Anfang März auf das 100-fache an. Das Handelsvolumen an der Chicago Mercantile Exchange und der Anteil der Spekulanten an den Weizen- und Maismärkten nahmen zu. „Der Preisanstieg in den vergangenen Wochen beruht zu großen Teilen auf Spekulation am Weltmarkt“, sagte Hans Herren, Mitglied von IPES-Food und einst Ko-Präsident des Weltagrarberichts. „So wird ein künstlicher Mangel kreiert und es werden riesige Mengen an Getreide zurückgehalten in der Hoffnung, dass der Preis steigt und man später teurer verkaufen kann. Ich finde es unglaublich, dass man mit Ernährung spekulieren darf.“

Die vierte strukturelle Schwäche, die der Bericht nennt, ist der Teufelskreis aus Konflikten, Klimawandel, Armut und Ernährungsunsicherheit, der dazu führt, dass Hunderte Millionen Menschen nicht in der Lage sind, sich bei plötzlichen Schocks anzupassen. Die derzeitige Krise hat gezeigt, dass diese Menschen nicht über das Einkommen oder die Mittel verfügen, um mit steigenden Lebensmittelpreisen oder den Folgen des Klimawandels fertig zu werden. „In mehreren Ländern des globalen Südens mit einer großen Landbevölkerung leben mehr als 50% der Bauern und Landarbeiter*innen unterhalb der Armutsgrenze. Die ärmsten Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen geben mehr als 60% ihres Einkommens für Lebensmittel aus, so dass selbst geringe Preissteigerungen verheerende Auswirkungen haben können – Schwachstellen, die durch die COVID-19-Pandemie auf grausame Weise offengelegt wurden“, heißt es in dem Bericht.

Das Expertengremium warnt vor kurzsichtigen Reaktionen auf die Krise, die die aktuellen Trends noch verschärfen, wie etwa die Aussetzung von Umweltvorschriften, die Steigerung der industriellen Nahrungsmittelproduktion oder die weitere Förderung einer exportorientierten, düngerbasierten Landwirtschaft. Stattdessen fordert IPES-Food dringende Maßnahmen zur Unterstützung der nahrungsmittelimportierenden Länder, unter anderem durch Schuldenerlass. Der Bericht hebt hervor, dass Maßnahmen, die die Fähigkeit der Länder zum Aufbau und zur Aufrechterhaltung von sozialen Sicherungssystemen verbessern, den größten und nachhaltigsten Nutzen bringen. Das war auch schon nach der Lebensmittelpreiskrise 2007-2008 bekannt. Die Einrichtung eines neuen Finanzierungsmechanismus in Form eines Globalen Fonds für Sozialschutz würde ärmere Länder in die Lage versetzen, soziale Sicherungssysteme zu schaffen, so die Autor*innen. Letztendlich ist ein Schuldenerlass bzw. eine Streichung der Schulden unabdingbar, damit einkommensschwache Länder, die Nettoimporteure von Nahrungsmitteln sind, die steigenden Importrechnungen bezahlen und soziale Sicherungssysteme einrichten können. „Jahrzehntelang haben reiche Regierungen und Institutionen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank einkommensschwache Länder dazu gedrängt, Pflanzen für den Export in reiche Länder anzubauen und Grundnahrungsmittel wie Weizen und Mais zu importieren, um sich selbst zu ernähren“, so Raj Patel, Mitglied von IPES-Food und Professor an der University of Texas. „Jetzt sind Millionen von Menschen immer wiederkehrenden Lebensmittelpreisschocks ausgesetzt, die Länder sind verschuldet, und die Zinsen steigen. Ein Schuldenerlass für Länder, die von Nahrungsmittelimporten abhängig sind, ist unerlässlich, um Unruhen im eigenen Land zu verhindern, gefährdete Bevölkerungsgruppen zu schützen und die Nahrungsmittelproduktion wieder aufzubauen und zu diversifizieren“, forderte er.

Eine weitere Empfehlung lautet, die übermäßige Spekulation mit Rohstoffen einzudämmen und die Markttransparenz zu erhöhen. „Es gibt Hinweise darauf, dass sich Finanzspekulanten auf Rohstoffinvestitionen stürzen und auf steigende Lebensmittelpreise setzen, was die ärmsten Menschen der Welt noch tiefer in den Hunger treibt“, bestätigt Jennifer Clapp. „Die Regierungen haben es versäumt, exzessive Spekulationen einzudämmen und bei den Nahrungsmittelbeständen und Rohstoffmärkten Transparenz zu schaffen – das muss dringend geändert werden.“ Darüber hinaus raten die Expert*innen den Regierungen, regionale Getreidereserven und Reaktionssysteme für Ernährungssicherheit aufzubauen. „Es ist alarmierend zu sehen, dass die Preise steigen und in vielen Ländern Afrikas wieder Hunger und Lebensmittelunruhen drohen. Der Wiederaufbau regionaler staatlicher Getreidereserven ist der Schlüssel zur Widerstandsfähigkeit bei derartigen Schocks – Westafrika hat einige Fortschritte gemacht, aber es ist ein Weckruf und alle Regionen brauchen Unterstützung, um dies zu beschleunigen“, sagte Mamadou Goïta von IPES-Food und geschäftsführender Direktor von IRPAD Afrique.

Darüber hinaus empfehlen die Autor*innen, Schritte zur Diversifizierung der Nahrungsmittelproduktion und zur Umstrukturierung der Handelsströme zu beschleunigen. Schritte zum Wiederaufbau der heimischen Nahrungsmittelproduktion in den kommenden Monaten und Jahren könnten dazu beitragen, Preisspitzen abzufedern und den Zugang zu Grundnahrungsmitteln zu gewährleisten. „Länder brauchen kontextspezifische Ansätze, die es ihnen ermöglichen, bei den wichtigsten Grundnahrungsmitteln einen gewissen Grad an Selbstversorgung wiederherzustellen, auf widerstandsfähigere traditionelle Kulturen (z. B. Hirse statt Reis) umzusteigen und gleichzeitig den Lebensmittelkonsum zu diversifizieren sowie eine vielfältigere Mischung aus lokalen und globalen Lieferungen sicherzustellen“, heißt es im Bericht. Schließlich weist IPES-Food auf die Notwendigkeit hin, die Abhängigkeit von Düngemitteln und fossiler Energie in der Lebensmittelproduktion durch Vielfalt und Agrarökologie zu verringern. „Agrarökologie ist eine Form der Krisenbewältigung, ein Weg zur Resilienz und eine kostengünstige Möglichkeit, sich gegen verschiedene Schocks abzusichern.“ (ab)

13.05.2022 |

G7-Treffen: NGOs fordern mehr Geld für die Hungerbekämpfung

Frau
Millionen Menschen haben nicht genug für die nächste Mahlzeit (Foto: CC0)

Mehrere Nichtregierungsorganisationen haben zum Auftakt des am 13. und 14. Mai in Stuttgart stattfindenden Treffens der G7-Agrarminister*innen mehr Geld für den Kampf gegen den Hunger eingefordert. Deutschland hat aktuell die G7-Präsidentschaft inne. Angesichts rasant steigender Lebensmittel-und Energiepreise warnten die Organisationen einhellig vor einer drohenden Hungerkrise. Das Hilfswerk „Brot für die Welt“ etwa prognostizierte einen massiven Anstieg der Zahl der Hungernden. Allein in Ostafrika seien aktuell rund 20 Millionen Menschen aufgrund der Dürre von akutem Hunger bedroht. Der rasante Preisanstieg infolge des Ukraine-Kriegs verschärfe die Lage. „Wenn die internationale Gemeinschaft nicht gegensteuert, kommt es zu Hungersnöten enormen Ausmaßes“, mahnte Dagmar Pruin, die Präsidentin des Hilfswerks. „Deutschland muss jetzt seiner Verantwortung gerecht werden. Ein Einfrieren des Entwicklungsetats in der globalen Ernährungskrise wäre fatal.“ Brot für die Welt fordert, die Haushaltstitel für den Kampf gegen den Hunger in den Etats des Entwicklungs- und des Landwirtschaftsministeriums sowie im Budget des Auswärtigen Amtes um insgesamt 2,7 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr anzuheben.

Auch die Entwicklungsorganisation Germanwatch erwartet vom G7-Ministertreffen und der Bundesregierung „wegweisende Beschlüsse“. „Durch den Angriff auf die Ukraine sind auch die Preise für wichtige Grundnahrungsmittel wie Weizen drastisch gestiegen“, heißt es in der Pressemitteilung. Daher würden sie für die Katastrophenhilfe des Welternährungsprogramms und viele importabhängige Entwicklungsländer zu teuer und könnten nicht in ausreichender Menge beschafft werden. „Die G7 muss auf die drohende Hungerkatastrophe kurzfristig reagieren, indem sie zum einen die Zahlungen an das Welternährungsprogramm erhöht und Getreide frei gibt, das bislang für Sprit oder Fleischproduktion eingesetzt wird. Zum anderen sollte sie den importierenden Entwicklungsländern zum Beispiel durch einen Schuldenerlass mehr Mittel für den Kauf von Getreide und ländliche Entwicklung zur Verfügung stellen“, fordert Konstantinos Tsilimekis, Leiter des Teams Welternährung, Landnutzung und Handel bei Germanwatch.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen beklagt schon seit Langem, dass das Budget nicht ausreiche, um die Hungernden zu versorgen und dass die ohnehin sparsam bemessenen Essensrationen weiter gekürzt werden müssen. Besonders schlimm ist die Situation am Horn von Afrika und in einigen Ländern Südasiens sowie in Afghanistan und im Jemen. Schon vor Kriegsbeginn war die Lage dramatisch: Laut dem Anfang Mai erschienenen „Global Report on Food Crises“ des Globalen Netzwerks gegen Ernährungskrisen (GNAFC), einem internationalen Bündnis aus den Vereinten Nationen, der EU sowie Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, waren schon im Jahr 2021 rund 193 Millionen Menschen in 53 Ländern oder Gebieten von akutem Hunger auf Krisenniveau oder schlimmer betroffen. Dies bedeutet einen Anstieg um fast 40 Millionen Menschen im Vergleich mit dem Höchststand 2020. Besonders verheerend war die Lage für mehr als eine halbe Million Menschen (570.000) in Äthiopien, im Süden Madagaskars, im Südsudan und im Jemen: Sie litten „akuten Hunger“ (IPC/CH-Phase 5) und benötigten dringend Hilfe, um den weitgehenden Zusammenbruch von Lebensgrundlagen, Verhungern und Tod zu verhindern. Schaut man auf 39 Länder und Gebiete, die jedes Jahr im Bericht des Netzwerks geführt wurden, so hat sich die Zahl der Menschen, die sich in einer Krise oder einer noch schlimmeren Situation befinden (IPC/CH-Phase 3 oder höher), zwischen 2016 und 2021 fast verdoppelt. Die Zahlen steigen seit 2018 jedes Jahr unvermindert weiter. Das zweite UN-Nachhaltigkeitsziel (SDG 2), bis 2030 den Hunger komplett zu beseitigen, rückt immer weiter in die Ferne.

„Der akute Hunger erreicht ein noch nie dagewesenes Ausmaß und die globale Situation wird immer schlimmer. Konflikte, die Klimakrise, COVID-19 und steigende Lebensmittel- und Treibstoffkosten haben einen perfekten Sturm ausgelöst - und jetzt kommt der Krieg in der Ukraine hinzu, der die Katastrophe noch verschlimmert“, lautet das Fazit von David Beasley, Exekutivdirektor des WFP. „Millionen von Menschen in Dutzenden von Ländern werden an den Rand des Verhungerns getrieben. Wir brauchen dringend Nothilfe, um diese Menschen vor dem Abgrund zu bewahren und die globale Krise zu überwinden, bevor es zu spät ist“, betonte er. Wieder einmal. Eines der Ergebnisse des „Global Report on Food Crises“ ist, dass der kleinbäuerlichen Landwirtschaft bei der humanitären Hilfe eine höhere Priorität eingeräumt werden muss. Nur so könne fehlender Zugang zu Nahrung überwunden und eine Lösung zur Umkehrung negativer langfristiger Trends gefunden werden. Darüber hinaus könnten Hungerursachen durch die Förderung struktureller Veränderungen bei der Verteilung externer Finanzmittel bekämpft werden, damit die humanitäre Hilfe mit der Zeit durch längerfristige Entwicklungsinvestitionen reduziert werden könne. Auch Brot für die Welt fordert neben mehr Geld für die rasche Nothilfe zudem mehr Mittel zur Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft, um Länder im Globalen Süden unabhängiger von Lebensmittelimporten zu machen. Zudem brauche es mehr Investitionen in den Auf- und Ausbau sozialer Sicherungssysteme, damit nicht mehr so viele Menschen nach Einkommensverlusten in existenzbedrohenden Hunger fallen.

Es kommt aber nicht nur auf mehr Geld und entschlosseneres Handel an, sondern auch, wo dies gebündelt und diskutiert wird. Mit Blick auf das vom Entwicklungsministerium initiierte „Globale Bündnis für Ernährungssicherheit“, das die Bundesregierung auf dem G7-Gipfeltreffen Ende Juni in Elmau an den Start bringen will, äußerte Pruin: „Die Bundesregierung sollte nicht nur mit der Weltbank kooperieren, sondern vor allem dem Komitee für Ernährungssicherheit (CFS) unter dem Dach der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen eine Führungsrolle geben.“ Denn hier säßen auch die Betroffenen wie etwa die Organisationen der kleinbäuerlichen Familienbetriebe mit am Tisch. Die Forderung von Germanwatch geht in eine ähnliche Richtung: „Die G7-Länder dürfen diese Initiativen nicht im Alleingang vorantreiben, sondern sollten zudem schnellstmöglich eine Dringlichkeitssitzung des UN-Komitees für Welternährungssicherheit initiieren“, so Tsilimekis.

Auch die Umweltorganisationen BUND, Greenpeace, NABU, WWF Deutschland und der Dachverband Deutscher Naturschutzring meldeten sich zum Auftakt des G7-Treffens zu Wort. Sie riefen die Minister*innen ebenfalls dazu auf, das Welternährungsprogramm finanziell deutlich zu stärken, um die Versorgung in den besonders betroffenen Regionen sicherzustellen. Sie verwiesen darauf, dass es zudem notwendig sei, die Getreidemärkte wirksam zu entlasten und die begrenzte landwirtschaftliche Fläche sinnvoller zu nutzen. Angesichts der drohenden globalen Hungerkrise dürften Lebensmittel, etwa Pflanzenöle oder Backweizen, nicht länger zu Biokraftstoff verarbeitet oder an Tiere verfüttert werden. Stattdessen müssten sie zur Verfügung stehen, um in der jetzigen Situation Menschen ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen. „Die Bundesregierung muss sich im Rahmen ihrer G7-Präsidentschaft dafür einzusetzen, dass Lebensmittel nicht länger in Tank oder Trog landen. Wir brauchen ein gemeinsames Signal der G7 im Kampf gegen den Hunger“, fordern die Verbände in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Gleichzeitig seien die größtmöglichen Anstrengungen zu unternehmen, um resiliente, krisenfesten Agrarsystemen zu erreichen – in Europa und weltweit. „Wir brauchen eine Landwirtschaft, die Arten und Klima schützt und damit dauerhaft die Produktionsgrundlagen und Ernten gewährleistet“, lautet ihr abschließender Appell an die Politik. (ab)

31.03.2022 |

Deutscher Fleischkonsum sinkt auf niedrigsten Stand seit 30 Jahren

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Der Fleischkonsum sinkt (Foto: CC0)

In Deutschland wurde im letzten Jahr so wenig Fleisch gegessen wie seit über 30 Jahren nicht mehr: Pro Kopf vertilgte jeder Deutsche im Durchschnitt „nur“ noch 55 Kilogramm Fleisch. Das zeigen die vorläufigen Berechnungen des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL) für das Jahr 2021. Demnach sank der Fleischverzehr um 2,1 Kilo im Vergleich zum Vorjahr und erreichte damit einen historischen Tiefstand seit Einführung des Datensatzes 1989 mit der Wiedervereinigung. „Mögliche Gründe für einen sinkenden Fleischverzehr könnten die Tendenzen zu einer pflanzenbasierten Ernährung sein. Auch der weiterhin pandemiebedingte geringere Außer-Haus-Verzehr in Gastronomie, in Kantinen oder auf Veranstaltungen könnten diese Entwicklung beeinflusst haben“, mutmaßt das BZL in seiner Pressemitteilung vom 30. März.

In der Bundesrepublik wurde 2021 Fleisch mit einem Schlachtgewicht von insgesamt knapp 8,3 Millionen Tonnen erzeugt. Im Vergleich zu 2020, als sich die Nettoerzeugung noch auf 8,5 Millionen Tonnen belief, ist dies ein Rückgang um 2,4%. Deutschland exportiert deutlich mehr Fleisch als importiert wird: 2021 standen Einfuhren in Höhe von 2,46 Millionen Fleisch- und Fleischwaren Exporten von knapp 4 Millionen Tonnen gegenüber. Der Exportüberschuss betrug damit 1,5 Millionen Tonnen. Die veröffentlichte Excel-Datei enthält Zahlen seit 1991. Während die Einfuhren seither relativ moderat um 35% stiegen und sich mit Beginn der 2000er-Jahre recht stabil zwischen 2,2 und 2,5 Millionen Tonnen einpendelten, verdreifachten sich die deutschen Fleischexporte in den letzten 30 Jahren von 1,32 auf 3,97 Millionen Tonnen. Spitzenreiter ist hier Schweinefleisch: Während Deutschland 1991 noch dreimal so viel Schwein einführte (822.000 Tonnen) wie ausführte (254.400 Tonnen), kletterte die Exportmenge kontinuierlich und erreichte 2016 einen Höchststand von 2,5 Millionen Tonnen: ein sattes Plus von 855%.

2021 standen in Deutschland letztendlich 6,79 Millionen Tonnen Fleisch für den Verbrauch zur Verfügung. Das waren 81,7 Kilo pro Kopf. In diesen Werten sind neben dem Nahrungsverbrauch auch die Anteile für Futter sowie industrielle Verwertung und Verluste (inklusive Knochen) enthalten. 2020 hatte der Verbrauch noch bei 84,1 Kilo pro Kopf gelegen. Der menschliche Verzehr, also das Schlachtgewicht ohne Verluste und industrielle Verwertung, lag 2021 bei 55 Kilogramm – 2,1 Kilo weniger als 2020. Vor 10 Jahren hatte der Verzehr noch bei 62,8 Kilo pro Kopf gelegen. Schweinefleisch ist nach wie vor das beliebteste Fleisch der Deutschen: Rein rechnerisch verzehrte jeder immer noch 31 Kilo im Jahr, gefolgt von Geflügel mit 13,1 Kilo und Rindfleisch mit 9,4 Kilo. In den letzten drei Jahrzehnten zeigte sich jedoch eine deutliche Trendumkehr: Während der Hunger auf Schwein nachließ und seit 1991 um fast 9 Kilo pro Kopf zurückging, stieg der Konsum von Geflügelfleisch von 7,3 auf 13,1 Kilogramm pro Bundesbürger*in an.

Laut den Zahlen für 2021 hat Deutschland bei Fleisch einen Selbstversorgungsgrad (SVG) von 121% und deckt durch die Produktion somit deutlich mehr als den inländischen Verbrauch ab. Seit der Wiedervereinigung stieg dieser Wert an, betrug 2011 bereits 117% und lag 2021 nun um 2,5 Prozentpunkte höher als noch 2020. Beim Schweinefleisch beträgt der Selbstversorgungsgrad sogar 132,4 Prozent. Bei Rind- und Kalbfleisch sind es hingegen 98,2% und bei Geflügelfleisch 96,7%. Gar keinen Appetit haben die Deutschen hingegen auf Innereien: Hier lag der SVG bei 526% und im Vorjahr bei 2051%. Was Katze und Hund nicht fressen, wird exportiert.

Dass Deutschland so viel Fleisch für den Export produzieren kann, liegt neben den hohen Einfuhren an Futtermitteln aus dem Ausland auch daran, was auf deutschen Äckern wächst: Auf 60% der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden Futtermittel angebaut. „In der Landwirtschaft erzeugte nachwachsende Rohstoffe wuchsen 2020 auf rund 16% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, hauptsächlich auf dem Acker (davon 14% für den Anbau von Energiepflanzen und 2% für den Anbau von Industriepflanzen)“, schreibt die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) in ihrem aktuellsten Bericht. Lediglich 22% der Fläche wird für die Produktion von Nahrungsmitteln verwendet. Auf zwei Dritteln der deutschen Maisanbaufläche wuchs 2020 Silomais für die Fütterung von Milchkühen und Rindern sowie Körnermais, während Silomais für Biogasanlagen rund ein Drittel ausmachte. Von den insgesamt 2,63 Millionen Hektar Fläche, auf denen in Deutschland nach den noch vorläufigen Zahlen für 2021 nachwachsende Rohstoffe wuchsen (ein Fünftel der Ackerfläche), waren 2,33 Millionen Hektar für Energiepflanzen bestimmt. Rund 1,57 Millionen Hektar waren Pflanzen für Biogas, wovon 877.000 Hektar auf Mais (Silage) und 262.000 Hektar auf Getreide (Korn) entfielen. Auf 493.000 Hektar wurde Raps für die Biodiesel- oder Pflanzenölproduktion angebaut und auf 265.000 Hektar wuchsen Pflanzen für Bioethanol. Für die Bioethanolerzeugung wurde Weizen auf 92.500 Hektar, Roggen auf 83.200 Hektar, Körnermais auf 19.700 und Zuckerrüben auf 17.300 Hektar.

Angesichts der sich auf einem historischen Höchststand befindlichen Lebensmittelpreise und einer sich abzeichnenden Hungerkrise, auf die viele Länder zusteuern, äußerte sich die deutsche Entwicklungsministerin Svenja Schulze besorgt. Mit Blick auf die Verwendung von Lebensmitteln für die Fleischerzeugung sagte sie am 29. März in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Wenn ein Produkt knapp ist, muss der Verbrauch gedrosselt werden. Getreide gehört zuallererst auf den Tisch – und zwar ohne den Umweg über den Futtertrog. Damit ein geschlachtetes Schwein eine Kalorie liefert, muss es zu Lebzeiten drei Kalorien pflanzliche Nahrung vertilgen. 60% des weltweit produzierten Maises wird an Tiere verfüttert, in der EU ist es bei Weizen ähnlich.“ Sie betonte, keinem Vorschriften beim Essen machen zu wollen, aber verwies darauf, dass es „der Getreideversorgung in Entwicklungs- und Schwellenländern mittel- und langfristig sehr helfen“ könnte, wenn „wir in den reichen Ländern weniger tierische Produkte essen würden“. Wenn Deutschland die Schweinefleischproduktion um 30% reduzieren würde, wäre eine Ackerfläche von 1 Million Hektar frei, rechnete sie vor. Darauf könne man 5 Millionen Tonnen Getreide anbauen. Das gehe nicht über Nacht, aber längerfristig würde es die Versorgungslage verbessern. Trotz der aktuellen Engpässe bei der Energieversorgung sei auch die Verwendung von Lebensmitteln für die Energieerzeugung problematisch. „Wir brauchen angesichts der drohenden Ernährungskrise Getreide, um Menschen zu versorgen. Wir werden kurzfristig auch Mais brauchen, um Teile des russischen Erdgases mit heimischem Biogas zu ersetzen. Im Tank sind Mais und Getreide in diesen schwierigen Zeiten dagegen am schlechtesten aufgehoben.“ (ab)

22.03.2022 |

UN-Weltwasserbericht plädiert für besseren Schutz des Grundwassers

WAsser
Bewässerung: oft mit Grundwasser (Foto: CC0)

Grundwasser ist von zentraler Bedeutung für die Armutsbekämpfung, die Ernährungs- und Wassersicherheit, die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze, die sozioökonomische Entwicklung sowie die Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften und Volkswirtschaften an den Klimawandel. Diese natürliche Ressource wird jedoch oft nur unzureichend verstanden und folglich übernutzt und verschmutzt. Die Vereinten Nationen versuchen, dies zu ändern, indem sie Grundwasser zum Thema des diesjährigen Weltwassertags am 22. März und der neusten Ausgabe des Weltwasserberichts (WWDR 2021) machten. Der Bericht mit dem deutschen Titel „Grundwasser: Unsichtbares sichtbar machen“, der am 21. März von der UNESCO veröffentlicht wurde, beschreibt die Herausforderungen und Chancen, die mit der Grundwassernutzung in der ganzen Welt verbunden sind. Er fordert eine weltweit nachhaltige Nutzung der Grundwasservorräte sowie höhere Investitionen und bessere Regulierung durch Regierungen zum Schutz des Grundwassers, um aktuelle und künftige Wasserkrisen besser zu bewältigen.

Dem Bericht zufolge entfallen 99% des gesamten flüssigen Süßwassers auf der Erde auf das Grundwasser. Es ist die Quelle von etwa der Hälfte des weltweit durch Privathaushalte genutzten Wassers. Die Bewässerung in der Landwirtschaft hängt zu etwa 25% von Grundwasser ab, heißt es in der deutschen Zusammenfassung. Die Autor*innen des WWDR schätzen, dass der Wasserverbrauch in den nächsten 30 Jahren aufgrund von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum sowie veränderten Konsumgewohnheiten jährlich um etwa 1% steigen wird – vor allem auch, da wegen des Klimawandels immer weniger Oberflächenwasser verfügbar sei. Diese wichtige natürliche Ressource unterliegt jedoch bereits jetzt großen Herausforderungen: „In vielen Gebieten wird Grundwasser übernutzt, indem mehr Wasser aus den Grundwasserleitern entnommen wird, als durch Regen und Schnee nachgespeist wird. Anhaltende Übernutzung führt schließlich zur Erschöpfung der Ressource“, heißt es in dem Bericht. Grundwasser ist zudem in vielen Gegenden verschmutzt und die Wiederaufbereitung ist oft ein langer und schwieriger Prozess. „Immer mehr Wasserressourcen werden durch den Menschen verschmutzt, übernutzt und ausgetrocknet, manchmal mit irreversiblen Folgen“, warnte UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay. „In vielen Weltregionen wird Grundwasser ohne Rücksicht auf die Folgen übermäßig aus der Erde gepumpt. Teils erneuern sich die Vorräte nicht, teils sinkt dadurch der Boden ab“, beklagt auch Ulla Burchardt, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission. In anderen Gegenden könne man hingegen mehr Grundwasser nutzen und so die Ernährungssicherheit erhöhen. In Deutschland wiederum würden die Grenzwerte für Nitrat im Grundwasser an jeder sechsten Messstelle überschritten. „Gerade die Landwirtschaft als wichtigster Verursacher der Nitratkonzentrationen hierzulande muss endlich eine echte Transformation durchlaufen“, fordert Burchardt.

Mit der Rolle von Grundwasser in der Landwirtschaft, dem größten Nutzer der Ressource weltweit, befasst sich ein ganzes Kapitel. Da Bevölkerungswachstum und steigende Einkommen die Nachfrage nach einer intensiveren Lebensmittelproduktion anheizen, werden Bewässerungslandwirtschaft, Viehzucht und die damit verbundene industrielle Nutzung, einschließlich der Lebensmittelverarbeitung, laut Bericht zunehmend abhängig von Grundwasser. Etwa 70% der weltweiten Grundwasserentnahme gehen in die landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsmitteln, Fasern, Vieh und Industriepflanzen – in ariden und semiariden Regionen ist es sogar noch mehr. Nordamerika und Südasien sind die Regionen, die in besonders hohem Maße Grundwasser für die Bewässerung nutzen: Dort wird Grundwasser auf 59% bzw. 57% der für Bewässerung ausgestatteten Flächen genutzt. In Subsahara-Afrika sind die Möglichkeiten der dort riesigen flachen Grundwasserleiter noch weitgehend ungenutzt: Lediglich 3% der Fläche sind für Bewässerung ausgestattet und auf nur 5% der bewässerten Flächen wird Grundwasser eingesetzt. Ein Problem, vor allem in wasserarmen Ländern, besteht laut dem Bericht darin, dass die Bereitstellung billiger Energie zum Abpumpen von Grundwasser für die Bewässerungslandwirtschaft zu einer Erschöpfung des Grundwassers und einer Verschlechterung der Wasserqualität führen kann. Eine weitere Bedrohung für die Grundwasserqualität sind Dünger und Pestizide aus der Landwirtschaft. Nitrat aus chemischen und organischen Düngemitteln sei der weltweit häufigste vom Menschen eingebrachte Schadstoff im Grundwasser. Zudem können Insektizide, Herbizide und Fungizide das Grundwasser mit krebserregenden und anderen giftigen Stoffen belasten. Die Autor*innen gelangen zu dem Schluss, dass bestehende Gesetze und Verordnungen zur Verhinderung oder Begrenzung der Verschmutzung von Grundwasser durch die Landwirtschaft und ihre Durchsetzung eher schwach sind. Hier bestehe dringender Handlungsbedarf.

Der WWDR betont, dass Grundwasser enorme soziale, wirtschaftliche und ökologische Vorteile biete, gerade auch für die Anpassung an den Klimawandel. Die Qualität des Grundwassers sei im Allgemeinen gut, was bedeutet, dass es sicher und kostengünstig genutzt werden kann, ohne dass viel Aufbereitung erforderlich ist. Grundwasser ist oft die kosteneffizienteste Möglichkeit, die Wasserversorgung von Dörfern in ländlichen Gegenden zu sichern. Angesichts des Klimawandels ist es auch von Vorteil, dass Grundwasserleiter die Fähigkeit besitzen, saisonale bzw. episodische Wasserüberschüsse zu speichern, da sie weniger Verdunstungsverluste aufweisen als Stauseen und andere Oberflächenspeicher. So sei Wasser über das ganze Jahr hinweg besser verfügbar. Der Bericht enthält auch Empfehlungen, was getan werden muss, um das volle Potenzial des Grundwassers zu erschließen. Erstens sei es notwendig, mehr Daten und Wissen über das Grundwasser zu sammeln. Viele Daten liegen bereits vor, allerdings eher dem Privatsektor, wie Unternehmen der Öl-, Gas- und Bergbauindustrie. Die Autor*innen appellieren an diese, im Zuge der „sozialen Unternehmensverantwortung“ diese Daten und Informationen mit den Fachleuten des öffentlichen Sektors zu teilen.

Zweitens müssen die Umweltvorschriften verschärft werden, um Verschmutzung zu unterbinden. Laut WWDR erfordert die Vermeidung von Verunreinigungen eine geeignete Flächennutzung und angemessene Umweltvorschriften, gerade in Grundwasseranreicherungsgebieten. Zu den im Bericht genannten Präventionsmaßnahmen gehören: das Verbot oder die Einschränkung bestimmter verschmutzender und wasserintensiver Tätigkeiten, die Begrenzung des Einsatzes von Pestiziden, Herbiziden und Düngemitteln, die Einschränkung bestimmter Anbausysteme, die Verringerung der Weideintensität und die Rückgewinnung landwirtschaftlicher Flächen. Drittens sei es notwendig, die personellen, materiellen und finanziellen Ressourcen aufzustocken. In vielen Ländern wird eine wirksame Bewirtschaftung von Grundwasser durch den Mangel an Fachleuten in Institutionen und lokalen und nationalen Behörden sowie durch unzureichende Mandate, Finanzierung und Unterstützung von für Grundwasser zuständigen Abteilungen oder Institutionen behindert. Regierungen sollten die begrenzten finanziellen Mittel durch maßgeschneiderte Initiativen effizienter einsetzen. Vielerorts tragen öffentlich finanzierte Aktivitäten in anderen Sektoren zur Erschöpfung oder Verschmutzung der Grundwasserressourcen bei, z.B. Agrarsubventionen, die den Anbau von Pflanzen mit hohem Wasserbedarf fördern. Hier seien Reformen nötig, um schädliche Subventionen abzuschaffen. „Um das Potenzial des Grundwassers voll auszuschöpfen, bedarf es starker und konzertierter Bemühungen, um eine nachhaltig Bewirtschaftung und Nutzung sicherzustellen. Und alles beginnt damit, das Unsichtbare sichtbar zu machen“, lautet das Fazit der Autor*innen. (ab)

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