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20.11.2019 |

Lachgas-Emissionen steigen stärker als erwartet

Trecker
Studie: N₂O-Ausstoß im Aufwind (Foto: CC0)

Die weltweiten Lachgas-Emissionen steigen stärker als bisher angenommen und heizen den Klimawandel weiter an, warnt eine im Fachjournal „Nature Climate Change“ veröffentlichte Studie. Das internationale Forscherteam schreibt, dass sich der Ausstoß von Lachgas (N₂O), einem potenten Treibhausgas, stärker und schneller erhöht hat als vom Weltklimarat (IPCC) prognostiziert. Lachgas trägt wesentlich zur globalen Erwärmung bei, betonen die Autoren. Das Treibhausgas ist 265 Mal so klimawirksam wie Kohlenstoffdioxid und greift die Ozonschicht an. Die Konzentration von Lachgas in der Atmosphäre ist stetig von 290 Teilchen pro Milliarde Luftmoleküle (ppb) im Jahr 1940 auf gut 330 ppb im Jahr 2017 gestiegen. Dazu trug bei, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts mithilfe des Haber-Bosch-Verfahrens durch die Synthese von Ammoniak stickstoffhaltiger Kunstdünger industriell hergestellt werden konnte. „Die erhöhte Stickstoffverfügbarkeit ermöglichte es, viel mehr Lebensmittel zu produzieren“, erklärt Hauptautorin Rona Thompson vom Norwegischen Institut für Luftforschung (NILU). „Die Kehrseite davon sind natürlich die damit verbundenen Umweltprobleme, wie z.B. der Anstieg der N₂O-Konzentration in der Atmosphäre.“ Die Produktion von Stickstoffdünger, der weit verbreitete Anbau von stickstofffixierenden Pflanzen (wie Kleegras, Sojabohnen, Luzerne, Lupinen und Erdnüssen) sowie die Verbrennung von fossilen Brennstoffen und Biosprit habe zu einem starken Anstieg der N₂O-Emissionen geführt, heißt es in einer Pressemitteilung des Instituts.

Für die Studie werteten die Wissenschaftler Lachgas-Emissionen im Zeitraum 1998 bis 2016 aus. „Die durch menschliche Aktivitäten bedingten Lachgas-Emissionen werden normalerweise aus verschiedenen indirekten Quellen geschätzt. Dazu zählt die Berichterstattung einzelner Staaten, die weltweite Produktion von Stickstoffdünger, die Anbaufläche stickstofffixierender Kulturen und der Einsatz von Düngemitteln“, erläutern die Autoren in einem Artikel zur Studie auf ‚The Conversation‘. „Unsere Studie legt stattdessen die tatsächliche Lachgas-Konzentration in der Atmosphäre von Dutzenden von Messstationen auf der ganzen Welt zugrunde.“ Anhand verschiedener Modelle leiteten Thompson und ihr Team dann die für bestimmte Regionen zu erwartenden Emissionen ab. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die N₂O- Emissionen zwischen 2000-2005 und 2010-2015 weltweit um 1,6 Millionen Tonnen Stickstoff pro Jahr zunahmen. Seit 2009 hat sich das Wachstum nochmals beschleunigt. Der Emissionsfaktor, also die pro ausgebrachter Menge Stickstoff freigesetzte Menge Lachgas, liegt der Studie zufolge weltweit bei 2,3%. Der Weltklimarat hingegen geht von 1,3% aus.

Der Studie zufolge ist vor allem die Landwirtschaft in Ostasien und Südamerika aktuell Haupttreiber des Anstiegs. „China und Brasilien sind die beiden Länder, die hervorstechen. Damit verbunden ist ein spektakulärer Anstieg des Einsatzes von Stickstoffdünger und der Anbau stickstoffbindender Kulturen wie Soja“, betonen die Autoren in dem Artikel. Gerade für diese zwei Länder sind die vom IPCC prognostizierten Lachgas-Emissionen deutlich geringer als die Werte, die die Wissenschaftler von der tatsächlichen Konzentration in der Atmosphäre ableiteten. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Reduzierung des Stickstoffdüngereinsatzes in Regionen, in denen bereits ein großer Stickstoffüberschuss besteht, zu einer überproportionalen Reduzierung der N₂O-Emissionen führen wird“, sagt Thompson. „Dies ist besonders relevant in Regionen wie Ostasien, wo Stickstoffdünger effizienter eingesetzt werden könnte, ohne dass sich die Erträge verringern würden.“

Die Autoren räumen ein, dass die Reduzierung der N₂O-Emissionen aus der Landwirtschaft angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und der steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln sowie biomassebasierten Produkte einschließlich Energie eine große Herausforderung darstellen wird. Sie betonen jedoch, dass alle Emissions-Szenarien, die mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens im Einklang stehen, nicht ohne eine Verringerung der Lachgasemissionen auskommen. Je nach Szenario müssten sie bis 2050 um zwischen 10% und 30% zurückgehen. „Das erfordert Veränderungen bei der menschlichen Ernährung und den landwirtschaftlichen Praktiken und letztlich eine verbesserte Stickstoffnutzung“, heißt es in der Studie. In den USA und in Europa waren die Emissionen in den letzten zwei Jahrzehnten relativ stabil. „In Europa und Nordamerika ist es uns gelungen, den Anstieg der Lachgasemissionen zu verringern“, sagte Co-Autor Eric Davidson von der University of Maryland. „Leider kann man für Asien und Südamerika nicht das Gleiche behaupten, wo der Düngereinsatz, die Intensivierung der Viehwirtschaft und die daraus resultierenden Lachgas-Emissionen stark zunehmen.“ Die gute Nachricht ist, dass das Problem lösbar sei. „Doch die weniger gute Nachricht ist, dass eine globale Anstrengung nötig ist, von der wir noch weit entfernt sind.“ (ab)

15.11.2019 |

Freisetzung von Gentechnik-Organismen gefährdet den Artenschutz

Monarch
Vorbild für die Monarch-Fliege (Foto: CC0)

Die Ausbreitung von Pflanzen und Tieren, in deren Erbgut mit neuen Gentechnikverfahren wie der Gen-Schere CRISPR/Cas eingegriffen wurde, könnte fatale Folgen für den Artenschutz haben. Davor warnt ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (Testbiotech). Das für den Deutschen Naturschutzring (DNR) erstellte Papier zeigt anhand von Beispielen, wie Fliegen, Bienen, Bäume und Korallen, die Risiken und möglichen Konsequenzen auf, die mit der Ausbreitung von Gentechnikorganismen in natürlichen Populationen verbunden sind. „Freisetzungen von gentechnisch veränderten Organismen, die sich in den natürlichen Populationen ausbreiten und vermehren, könnten die Stabilität ökologischer Systeme rasch überfordern. Die neuartigen Organismen können wie ‚Störsender‘ auf ihre Umwelt und die Netzwerke der biologischen Vielfalt wirken und das Artensterben beschleunigen“, warnt der Autor des Berichtes, Christoph Then.

Zunächst führt der Bericht als Beispiel für die unkontrollierte Ausbreitung von Organismen auch ohne Gentechnik eine invasive Krebsart an. „Durch ein einziges biologisches Ereignis, das auch „Makromutation“ genannt wird, wurde aus dem Sumpfkrebs eine neue Art, der Marmorkrebs, der sich in seiner äußeren Erscheinungsform, seinem Verhalten und seiner genetischen Ausstattung von der ursprünglichen Art deutlich unterscheiden lässt“, schreibt Then. Die ursprünglich in Florida vorkommende Krebsart, die sich auch ohne Paarung vermehren kann, bereitet sich rasch in neuen Lebensräumen aus und verdrängt heimische Arten. In Madagaskar ist er zur Plage geworden und hat nun auch Deutschland erreicht. Das Beispiel zeige für die Risiken einer unkontrollierten Ausbreitung von Gentechnik-Organismen interessante Aspekte auf, so der Autor: „Die veränderten Eigenschaften der Krebse gehen auf Veränderungen in ihrem Erbgut zurück. Die Kenntnis dieser ‚Makromutation‘ bedeutet aber nicht, dass alle neuen Eigenschaften der Krebse vorhersagbar wären.“ Um ihr invasives Potenzial richtig abschätzen zu können, müsse man ihr tatsächliches Verhalten in der freien Umwelt und ihre speziellen phänotypischen Eigenschaften kennen. Die für eine Risikoprüfung relevanten Eigenschaften der Krebse ergeben sich erst in Wechselwirkung mit der Umwelt.

Mithilfe des Einsatzes der neuen Gentechnik können Eingriffe im Erbgut vorgenommen werden, die zwar nur sehr kurze DNA-Abschnitte betreffen, aber erhebliche biologische Wirkungen entfalten, heißt es im Bericht. Durch spezifische Muster der gentechnischen Veränderung entstehen neue Kombinationen genetischer Information, die erhebliche Risiken für Natur und Umwelt bergen. Als aktuelles Beispiel hierfür wird die ‚Monarch-Fliege‘ genannt. Bei Taufliegen wurden per CRISPR/Cas drei Veränderungen an einem Gen vorgenommen, um es an die Struktur eines ähnlichen Gens beim Monarchfalter anzugleichen. Eingesetzt wurden ein Verfahren, bei dem zwar keine zusätzlichen Gene in das Erbgut eingefügt werden, aber das Erbgut an drei Stellen gezielt so umgebaut wurde, dass daraus neue biologische Eigenschaften resultieren: Die Taufliegen werden gegenüber dem Gift bestimmter Pflanzen unempfindlich und können es auch speichern. Dadurch werden sie für ihre Fressfeinde selbst giftig. „Eine Freisetzung könnte erhebliche Folgen für die Nahrungsnetze und Ökosysteme haben, mit denen diese Fliegen in Wechselwirkung stehen“, warnt der Bericht. Zwar diene die ‚Monarch-Fliege‘ aktuell nur für Experimente im Labor, doch es gebe mittlerweile viele Anwendungen an Insekten, Bäumen, Nagetieren, Korallen und Mikroben, die für die Freisetzungen geplant sind. Deren Einsatz wird zum Teil sogar im Rahmen des Artenschutzes propagiert.

Ein Beispiel sind Esskastanienbäume, die gegen bestimmte Pilzerkrankungen resistent gemacht wurden. Denn in den USA hat ein aus Asien eingeschleppter Pilz zu drastischen Verlusten bei den natürlichen Beständen der Bäume geführt. Aktuell wird dort diskutiert, ob die Gentechnik-Bäume ohne weitere Auflagen zur Anpflanzung freigegeben werden sollen. Es sei weitgehend unbekannt, wie die Gentechnik-Bäume auf weitere Schadpilze, den Klimawandel oder andere Stressoren reagieren. Die Bäume oder ihre Nachkommen könnten Eigenschaften entwickeln, die in der ersten Generation nicht beobachtet wurden. Dies führe zu erheblichen Unsicherheiten in der Risikoabschätzung. „Wenn Pollen der Gentechnik-Bäume durch Wind verbreitet wird oder ihre Samen durch menschliche Aktivität oder durch Tiere verschleppt werden, können sich die Bäume bzw. ihre Nachkommen unkontrolliert in den Wäldern ausbreiten“, warnt Then. „Ihre Gene könnten sich dann auch in den verbleibenden Wildpopulationen ausbreiten. Sollten dann Schäden an den Ökosystemen beobachtet werden, kann es längst zu spät sein, um die Bäume wieder aus der Umwelt zu entfernen.“

Angesichts der ökologischen Risiken appellieren Testbiotech und DNR an die Politik, zwei Regeln im Umgang mit der neuen und alten Gentechnik zu beachten. Erstens sollten Freisetzungen strikt an die Möglichkeit einer wirksamen raum-zeitlichen Kontrollierbarkeit bzw. die Rückholbarkeit der Gentechnik-Organismen gebunden sein. „Jegliche Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen ohne ausreichende räumliche und zeitliche Kontrolle gleicht einem Russisch-Roulette mit der biologischen Vielfalt“, schreibt Then. Zweitens sollten die Regulierung und Zulassungspflicht, ausgehend von den jeweiligen Verfahren, alle Organismen erfassen, die mit Gentechnik in ihrem Erbgut verändert sind, auch wenn keine zusätzlichen Gene eingefügt wurden. Undine Kurth, Vizepräsidentin des DNR, kritisierte, dass die derzeitige Debatte über die Gefahren (neuer) Gentechnik-Verfahren viel zu kurz greife. „Wirtschaftliche Argumente können keine Rechtfertigung sein, das Vorsorgeprinzip und den Schutz der Biodiversität über Bord zu werfen. Wir brauchen endlich einen breiten gesellschaftlichen Dialog, der die gesamte Palette zu diskutierender Fragen, einschließlich juristischer, naturwissenschaftlicher, ethischer bis hin zu religiösen Fragen, aufgreift“, betonte sie. (ab)

12.11.2019 |

Globale Fleischproduktion 2019 leicht rückläufig

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Weltweit wird 2019 etwas weniger Fleisch produziert (Foto: CC0)

Die weltweite Fleischproduktion wird 2019 voraussichtlich erstmals seit über 20 Jahren keinen neuen Rekord, sondern einen leichten Rückgang verzeichnen. Das prognostiziert die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in ihrem am Donnerstag veröffentlichten „Food Outlook“. Grund für die rückläufige Produktion sei der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in China, wodurch die Bestände deutlich dezimiert wurden. Die Schweinefleischproduktion in der Volksrepublik macht etwa die Hälfte der weltweiten Schweinefleischproduktion aus, brach aber gegenüber dem Vorjahr um rund 20% ein und wird sich nur noch auf 44,1 Millionen Tonnen belaufen. Laut dem halbjährlich erscheinenden FAO-Bericht, der Markt- und Produktionstrends für eine Vielzahl von Lebensmitteln aufzeigt, werden 2019 rund um den Globus insgesamt 335,2 Millionen Tonnen Schlachtgewicht erzeugt werden. Das entspricht einem Rückgang von 1% im Vergleich zu 2018. In den USA wird die gesamte Fleischproduktion voraussichtlich von 46,9 auf 48,1 Millionen Tonnen steigen. In der EU wird ebenfalls ein Anstieg der Gesamtproduktion erwartet, wenn auch in geringerem Maße als zuvor prognostiziert. Die FAO-Experten gehen davon aus, dass die globale Geflügelproduktion, die 39% der gesamten Fleischproduktion ausmacht, in diesem Jahr wachsen wird, wobei vor allem in Argentinien, Brasilien, der EU und den USA Zuwächse erwartet werden. Insgesamt sinkt der Fleischverbrauch weltweit von 44,2 Kilogramm pro Kopf auf 43,4 Kilo und damit um 2,1%.

In Deutschland hingegen hat der Fleischkonsum pro Kopf im letzten Jahr wieder minimal zugelegt. Der Deutsche Fleischer-Verband (DFV) vermeldet in seinem im Oktober erschienenen Jahrbuch, dass der Fleischverbrauch 2018 in der Bundesrepublik statistisch 88,6 Kilogramm pro Kopf betrug. 2017 waren es 87,7 Kilo gewesen. Die tatsächlich konsumierte Fleischmenge, nach Abzug von Knochen, Sehnen, Tiernahrung und Verlusten, lag bei 60,1 Kilogramm Fleisch pro Kopf – ein leichtes Plus im Vergleich zu 60,0 Kilo in 2017. „Seit 2007 geht der Pro-Kopf-Verzehr mit zwischenzeitlichen Schwankungen langsam aber stetig zurück. Der höchste Verzehrwert wurde 2011 mit 62,8 Kilogramm ermittelt, auf lange Sicht ist aber schon seit Mitte der neunziger Jahre ein langsamer aber stetiger Rückgang zu beobachten“, schreibt der Verband. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 8,49 Millionen Tonnen Schlachtgewicht erzeugt. 4,88 Millionen Tonnen Fleisch wurden exportiert und 3,66 Millionen Tonnen importiert. Im Schnitt wurde 16% mehr Fleisch produziert als in Deutschland verbraucht wird. Bei Schweinefleisch liegt der Selbstversorgungsgrad sogar immer noch bei 119%. Rund 2,5 Millionen Tonnen Schweinefleisch wurden 2018 exportiert. (ab)

07.11.2019 |

Klimanotstand: 11.000 Wissenschaftler warnen vor „unsäglichem Leid“

Erde
Der Klimanotstand droht (Foto: CC0)

Ein internationales Wissenschaftler-Team hat klar und unmissverständlich davor gewarnt, dass dem Planet Erde ein Klimanotstand droht. In einer Erklärung, die von über 11.000 Wissenschaftlern aus 153 Ländern unterzeichnet wurde, betonen sie, dass „unsägliches menschliches Leid“ unvermeidbar sei, wenn die Menschheit ihr Verhalten, das zu Treibhausgasemissionen beitrage, nicht tiefgreifend und dauerhaft verändere. Die Erklärung, die am 5. November in der Zeitschrift BioScience veröffentlicht wurde, basiert auf einer wissenschaftlichen Auswertung öffentlich zugänglicher Daten der letzten 40 Jahre. Sie decken ein breites Spektrum ab, darunter Aspekte wie Energieverbrauch, Oberflächentemperatur der Erde, Bevölkerungswachstum, Rodung und Entwaldung, Polareismasse, Bruttoinlandsprodukt und CO2-Emissionen. „Wissenschaftler haben eine moralische Verpflichtung, die Menschheit vor jeder großen Bedrohung zu warnen“, sagte Dr. Thomas Newsome von der Universität Sydney, ein Mitautor der Veröffentlichung. „Aus den uns vorliegenden Daten geht hervor, dass wir vor einer Klimakrise stehen.“

Die Autoren weisen darauf hin, dass trotz der vielen Warnungen der Vergangenheit kaum Maßnahmen ergriffen wurden. „Vor genau 40 Jahren trafen sich Wissenschaftler aus 50 Nationen auf der Ersten Weltklimakonferenz (1979 in Genf) und waren sich einig, dass alarmierende Trends bezüglich des Klimawandels dringendes Handeln erfordern. Seither wurden durch den Gipfel von Rio 1992, das Kyoto-Protokoll von 1997 und das Pariser Abkommen von 2015 sowie durch zahlreiche andere globale Zusammenkünfte und die ausdrückliche Warnung der Wissenschaft vor unzureichenden Fortschritten ähnliche Alarme ausgelöst“, schreiben sie. „Trotz der bedeutenden weltweiten Verhandlungen der letzten 40 Jahre haben wir grundsätzlich weitergemacht wie bisher und scheitern im Wesentlichen an der Bewältigung dieser Krise“, sagte der Co-Autor der Erklärung, Professor William Ripple von der Oregon State University. „Der Klimawandel ist angekommen und beschleunigt sich schneller, als es viele Wissenschaftler erwartet haben.“ Die globale Oberflächentemperatur, die Erwärmung der Ozeane, Extremwetterereignisse und ihre Kosten, der Meeresspiegel und der Säuregehalt des Ozeans nehmen weiter zu. „Das Eis nimmt rapide ab, wie die rückläufigen Trends beim arktischen Meereis in den Sommermonaten, den grönländischen und antarktischen Eisschilden und der Gletscherdicke zeigen. All diese schnellen Veränderungen zeigen, dass dringend gehandelt werden muss.“ Der Mensch trägt durch sein Verhalten zu steigenden Emissionen bei, wie sich an Zahlen zum anhaltenden Anstieg der Fleischproduktion pro Kopf, dem Verlust der globalen Waldfläche und Fluggastzahlen ablesen lässt. Ermutigende Fortschritte, wie die jüngst verlangsamte Entwaldung im brasilianischen Amazonasgebiet, könnten unter Präsident Bolsonaro wieder zunichte gemacht werden.

„Obwohl die Dinge schlecht stehen, ist nicht alles hoffnungslos. Wir können Schritte unternehmen, um die Klimakrise anzugehen“, sagte Dr. Newsome. Die Wissenschaftler haben daher sechs Schritte skizziert, die die Menschheit unternehmen muss, um die Klimakrise zu stoppen. Der erste Handlungsbereich ist der Energiesektor. Fossile Brennstoffe müssen durch saubere erneuerbare Energien ersetzen und verbleibende Vorräte an fossilen Brennstoffen im Boden belassen werden, Subventionen für Konzerne, die auf fossile Energie setzen, gehörten abgeschafft und es müssen CO2-Gebühren erhoben werden, die hoch genug sind, um die Verwendung fossiler Brennstoffe einzuschränken. Eine weitere Maßnahme sei die rasche Reduzierung der Emissionen von Methan, Fluorkohlenwasserstoffen, Ruß und anderen kurzlebigen klimawirksamen Schadstoffen. Dies hätte das Potenzial, den kurzfristigen Erwärmungstrend in den nächsten Jahrzehnten um mehr als 50% zu reduzieren. Drittens ist ein Stopp der Entwaldung erforderlich. Ökosysteme wie Wälder, Graslandschaften und Mangroven müssten wiederhergestellt und geschützt werden, da sie wesentlich zur Bindung von Kohlendioxid aus der Luft beitragen. Der vierte Aktionsbereich dreht sich um die Ernährung. „Essen Sie vor allem Pflanzen und konsumieren Sie weniger tierische Produkte. Diese Ernährungsumstellung würde die Emissionen von Methan und anderen Treibhausgasen deutlich reduzieren und landwirtschaftliche Flächen für den Anbau von Lebensmitteln für die menschliche Ernährung statt für Viehfutter freisetzen“, empfehlen die Wissenschaftler. Auch die Lebensmittelverschwendung müsse reduziert werden.

Ein weiterer Schritt zur Vermeidung der Klimakrise ist die Verringerung der Abhängigkeit der Wirtschaft von fossilen Brennstoffen. Ziele dürfen nicht mehr allein das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und das Streben nach Wohlstand sein. Die Gewinnung von Rohstoffen und die Ausbeutung von Ökosystemen müsse verringert werden, um die langfristige Nachhaltigkeit der Biosphäre zu erhalten, fordern die Wissenschaftler. Außerdem betonen sie die Notwendigkeit, das Bevölkerungswachstum mit Ansätzen zu stabilisieren, die soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit gewährleisten. „Die Milderung und Anpassung an den Klimawandel bedeutet, die Art und Weise, wie wir regieren, verwalten, essen und unseren Material- und Energiebedarf decken, zu verändern“, lautet das Fazit der Wissenschaftler. „Die beste Nachricht ist, dass den Menschen, Politikern und der Wirtschaft noch Zeit bleibt, um die nötigen Veränderungen vorzunehmen, um sicherzustellen, dass künftige Generationen das Leben auf der Erde, unserer einzigen Heimat, genießen können“, sagte Dr. Newsome. (ab)

01.11.2019 |

In Europa wuseln mehr Regenwurmarten als in den Tropen

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Regenwurm mal überirdisch (Foto: CC0)

Regenwürmer sind wichtig für das Funktionieren von Ökosystemen und leisten einen wertvollen Beitrag zur Fruchtbarkeit von Ackerböden, wie schon Charles Darwin 1881 in seinem Buch über die Tätigkeit der Bodenbewohner aufzeigte. Sie fressen organisches Material, graben Löcher und mischen Humus und Erde, sie machen Nährstoffe verfügbar, helfen Kohlenstoff in Böden zu speichern oder verbreiten Samen. Doch trotz der großen Bedeutung von Regenwürmern bestehen immer noch enorme Wissenslücken bezüglich der weltweiten Verbreitung der „Baumeister“ des Bodens. Diese zu schließen war das Ziel von 140 internationalen Wissenschaftlern, die in den letzten drei Jahren den weltweit größten Datensatz zusammengestellt haben mit allen verfügbaren Infos rund um den Regenwurm an 6928 Standorten in 57 Ländern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie nun in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Science. In puncto Artenvielfalt tanzt der Regenwurm aus der Reihe, lautet ihre überraschende Erkenntnis. Denn in den Tropen ist die Artenvielfalt normalerweise größer als an den meisten Orten in den gemäßigten Breiten – zumindest bei Tieren, die an der Erdoberfläche leben. Doch unterirdisch sieht dies wohl anders aus: Die größere Regenwurmvielfalt existiert den Erhebungen zufolge nämlich in Europa. Doch der Klimawandel könnte sich auf das Vorkommen von Regenwürmern und ihre Ökosystemleistungen weltweit negativ auswirken.

Für die Studie hat ein Wissenschaftlerteam unter Führung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Universität Leipzig Regenwurmforscher rund um den Globus kontaktiert und sie gebeten, ihre Daten für eine globale Bestandsaufnahme zur Verfügung zu stellen. Es sollte eine Weltkarte entstehen, die so viele Daten wie möglich zur Anzahl der Regenwurmarten, der Anzahl der Individuen (Dichte) und zur Biomasse enthält. „Wissenschaftler haben bereits vor Jahrzehnten herausgefunden, dass an einem beliebigen Ort in den Tropen meist mehr Arten leben als an einem gleichgroßen Ort der gemäßigten Breiten“, sagt Erstautorin Dr. Helen Phillips. „Doch für Regenwürmer konnten wir solche Untersuchungen bisher nicht durchführen, da es keine entsprechenden, globalen Datensätze gab.“ Nun liegt er vor und zeigt, dass sich die meisten Arten (kleinräumig betrachtet) an Orten in Europa, dem Nordosten der USA und Neuseeland finden. Das Gleiche galt auch weitgehend für Dichte und Biomasse: Auch hier gab es ein Mehr an Würmern in den gemäßigten Breiten. Zugleich scheinen Regenwürmer in den Tropen kleinere Verbreitungsgebiete zu haben. „In den Tropen findet man alle paar Kilometer eine neue Gemeinschaft von Regenwurmarten. In kühleren Regionen hingegen bleibt diese mehr oder weniger gleich“, sagt Phillips. Das könne bedeuten, dass in einem bestimmten Gebiet der Tropen zwar nur wenige Arten zu finden seien, die Gesamtzahl aller tropischen Arten aber sehr hoch sei, doch hier müsse weiter geforscht werden. Denn viele tropische Regenwurmarten sind noch gar nicht beschrieben.

Die Studie untersuchte auch, welche Umweltfaktoren Auswirkungen darauf haben, wie viele Regenwürmer und Arten sich an einem Ort tummeln. Mit Niederschlag und Temperatur zusammenhängende Faktoren hatten dabei den größten Einfluss. „Der Klimawandel könnte zu starken Veränderungen bei den Regenwurmgemeinschaften und den von ihnen beeinflussten Ökosystemleistungen führen“, sagt Mitautor Prof. Nico Eisenhauer, Forschungsgruppenleiter bei iDiv und der Universität Leipzig. „Aufgrund ihrer Rolle als Ökosystem-Ingenieure befürchten wir Auswirkungen auf andere Lebewesen wie Mikroorganismen, Bodeninsekten und Pflanzen.“ Es sei daher erforderlich, den Regenwürmern mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das gelte übrigens generell für die unterirdische Artenvielfalt und ihr Beitrag zum Funktionieren der Ökosysteme. „Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel beim Schutz der biologischen Vielfalt“, betont Eisenhauer. „Weil wir es nicht sehen, vergessen wir allzu leicht das faszinierende Leben unter unseren Füßen. Regenwürmer mögen im Verborgenen weilen und nicht das Charisma eines Pandas haben. Aber sie sind extrem wichtig für andere Lebewesen und das Funktionieren unserer Ökosysteme.“ (ab)

31.10.2019 |

Studie belegt rasantes Insektensterben in Deutschland

Wiese
Auf Wiesen tummeln sich weniger Insekten als noch vor 10 Jahren (Foto: CC0)

Das Ausmaß des Insektensterbens in Deutschland ist weitaus schlimmer als befürchtet und betrifft fast alle Insektenarten. Das zeigt eine umfassende Studie eines internationalen Forscherteams unter Leitung der Technischen Universität München (TUM), die am 30. Oktober in der Fachzeitschrift Nature erschien. In nur zehn Jahren nahm die Zahl der Insektenarten in Wäldern und auf Wiesen um ein Drittel ab; der Rückgang der Biomasse fiel noch deutlich höher aus. Der Artenschwund zeigt sich vor allem auf Wiesen, die sich in einer stark landwirtschaftlich genutzten Umgebung befinden, aber auch Wald- und Schutzgebiete sind betroffen. Dass es immer weniger Insekten gibt, ist mittlerweile ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Eine Studie basierend auf Erhebungen des Entomologischen Vereins Krefeld in Schutzgebieten hatte gezeigt, dass die Biomasse bei Fluginsekten in 30 Jahren um drei Viertel zurückgegangen war. „Bisherige Studien konzentrierten sich aber entweder ausschließlich auf die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, oder auf einzelne Arten oder Artengruppen“, erklärt Dr. Sebastian Seibold vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der TU München. „Dass tatsächlich ein Großteil aller Insektengruppen betroffen ist, war bisher nicht klar.“

Die Wissenschaftler hatten Daten von mehr als einer Million Insekten von etwa 2.700 Arten ausgewertet. Diese stammten aus standardisierten Erhebungen, die zwischen 2008 und 2017 in 150 Grünland- und 140 Waldstandorten in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg durchgeführt wurden. Auch Wetterschwankungen wurden berücksichtigt, um Messfehler auszuschließen. Sowohl auf den Waldflächen als auch auf den Wiesen fanden sich nach zehn Jahren etwa ein Drittel weniger Insektenarten. „Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet – das ist erschreckend, passt aber in das Bild, das immer mehr Studien zeichnen“, sagt Wolfgang Weisser, Professor für Terrestrische Ökologie an der TUM. Die Biomasse ging auf den Wiesen um 67% und in den Wäldern um 41% zurück. Die Wissenschaftler zeigten sich gerade vom Insektenschwund in den Wäldern überrascht: „Bisher war nicht klar, ob und wie stark auch der Wald vom Insektenrückgang berührt ist“, sagt Seibold. Einige seltenere Arten konnten in manchen der beobachteten Regionen gar nicht mehr aufgespürt werden.

Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass zwischen dem Insektensterben und der Landnutzung im Umfeld der Erhebungsorte ein Zusammenhang besteht. Sie hatten zunächst die Nutzungsintensität der Messstandorte kategorisiert. Diese reichte von nicht gemähten Wiesen in Schutzgebieten, auf denen nur etwa zehn Tage im Jahr maximal 40-50 Schafe pro Hektar weideten und die ansonsten weitgehend unberührt blieben, über nicht gedüngte und nur zweimal jährlich gemähte Wiesen bis hin zu stark bewirtschafteten Flächen, die gedüngt und bis zu vier Mal jährlich gemäht wurden oder auf denen ein Drittel des Jahres Rinder weideten. Auch die Waldflächen unterteilten die Forscher in drei Kategorien von wenig bis stark bewirtschaftet – sie reichen von forstwirtschaftlich geprägten Nadelwäldern bis hin zu ungenutzten Wäldern in Schutzgebieten. Auch das Umfeld der Messorte wurde in Kreisen von bis zu 2 Kilometer untersucht. Besonders stark ausgeprägt war der Schwund auf solchen Grasflächen, die von landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen umgeben waren. Dort litten vor allem die Arten, die nicht in der Lage sind, größere Distanzen zu überwinden.

In Wäldern waren dagegen vor allem jene Insektengruppen mit einem größeren Radius betroffen. „Ob mobilere Arten aus dem Wald während ihrer Ausbreitung stärker mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen oder ob die Ursachen doch auch mit den Lebensbedingungen in den Wäldern zusammenhängen, müssen wir noch herausfinden“, betont Mitautor Dr. Martin Gossner. Dass der Rückgang in Graslandschaften mit dem Anteil landwirtschaftlicher Nutzflächen in der Umgebung in Zusammenhang stehe, sei klar. „Es lässt sich aber nicht feststellen, ob die beobachteten Rückgänge durch die Altlasten der historischen Landnutzungsintensivierung verursacht werden oder durch die jüngste landwirtschaftliche Intensivierung auf Landschaftsebene, z.B. durch die Verringerung der an Pflanzenarten reichen Brachflächen und Feldränder, den verstärkten Einsatz von Pestiziden oder den Einsatz stärkerer Insektizide“, schreiben die Wissenschaftler. Hier seien weitere Studien nötig. (ab)

30.10.2019 |

Studie: Gesündere Lebensmittel sind auch besser für die Umwelt

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Gesund und gut für die Umwelt (Foto: CC0)

Eine Ernährung mit gesunden Lebensmitteln ist nicht nur gut für die menschliche Gesundheit, sondern auch für die Umwelt. Diese Erkenntnis mag nicht ganz neu sein, sie wird jedoch in einer Ende Oktober in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlichten Studie bestätigt. Eine Umstellung auf eine gesunde Ernährung, die das Risiko ernährungsbedingter nicht übertragbarer Krankheiten senkt, kann auch dazu beitragen, internationale Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, schreiben die Wissenschaftler der University of Oxford und der University of Minnesota. Sie haben analysiert, wie der Konsum von 15 verschiedenen Lebensmittelgruppen sich auf die Gesundheit und die Umwelt auswirkt. Ihr Fazit lautet, dass als gesund erachtete Lebensmittel, wie Vollkorngetreide, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und einige Pflanzenöle mit einem hohem Gehalt an ungesättigten Fettsäuren, auch geringe Umweltauswirkungen haben. Lebensmittel hingegen, die schlecht für Klima und Umwelt sind, wie z.B. rotes Fleisch, bringen auch ein höheres Krankheitsrisiko mit sich. „Die Studie reiht sich ein in die Fülle an Belegen, dass das Ersetzen von Fleisch und Milchprodukten durch eine Vielfalt an pflanzlichen Lebensmitteln sowohl Ihre Gesundheit als auch die Gesundheit des Planeten verbessern kann“, sagte Dr. Marco Springmann von der University of Oxford.

Die Forscher bewerteten pflanzliche Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Kartoffeln, raffiniertes Getreide und Vollkorngetreide sowie gezuckerte Getränke und tierische Lebensmittel, wie rohes und verarbeitetes rotes Fleisch, Hühnchen, Milchprodukte, Eier und Fisch. Sie verglichen, wie sich jeweils eine zusätzliche Portion dieser Lebensmittel pro Tag auswirkte. Dazu werteten sie großangelegte epidemiologische Kohortenstudien aus sowie Ökobilanzstudien, die die Umweltauswirkungen von Lebensmitteln je produzierter Einheit ermittelten. In puncto Gesundheit untersuchten die Forscher fünf Aspekte: Gesamtsterblichkeit, Herzerkrankungen, Schlaganfall, Typ-II-Diabetes und Darmkrebs. Die Umweltanalyse bezog sich auf Treibhausgasemissionen, Landnutzung, Wassernutzung, Wasserverschmutzung (Eutrophierung) und Versauerung.

Als gut für die Gesundheit erwiesen sich Nüsse, minimal verarbeitete Vollkornprodukte, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Olivenöl und Fisch, die mit einer deutlich verringerten Sterblichkeit und/oder einem niedrigeren Risiko für Krankheiten in Verbindung gebracht wurden. Dagegen war „der Konsum von gezuckerten Getränken, unverarbeitetem und verarbeitetem rotem Fleisch immer mit einem erhöhten Krankheitsrisiko verbunden“, schreiben die Autoren. „Von allen untersuchten Lebensmitteln ist eine tägliche Portion verarbeitetes rotes Fleisch mit dem größten durchschnittlichen Anstieg des Sterblichkeitsrisikos und der Häufigkeit von koronare Herzkrankheiten, Typ-II-Diabetes und Schlaganfall verbunden.“ Unter Umweltgesichtspunkten verursachten nur gering verarbeitete pflanzliche Lebensmittel, Olivenöl und gezuckerte Getränke stets die geringsten Belastungen. Die Produktion einer Portion unverarbeiteten roten Fleisches schnitt bei allen fünf Umweltindikatoren am schlechtesten ab. Die Kombination beider Aspekte zeigte, dass gesundheitsfördernde Lebensmittel auch die geringsten Umweltauswirkungen hatten. Die Ausnahme war Fisch, der den Studien zufolge gesund ist und moderate Umweltauswirkungen hat, sowie als ungesund geltende verarbeitete Lebensmittel mit viel Zucker, die relativ geringe Umweltauswirkungen hatten.

„Die Ernährung ist eine der Hauptursachen für Gesundheitsprobleme und Umweltschäden“, sagte der Hauptautor der Studie, Dr. Michael Clark von der University of Oxford. „Die Art und Weise, wie wir uns ernähren, bedroht die Gesellschaft durch chronische Krankheiten und die Beeinträchtigung des Klimas, der Ökosysteme und der Wasserressourcen der Erde.“ Er hofft, dass die Ergebnisse den Verbrauchern dabei helfen, bessere Entscheidungen zu treffen und Politikern, wirksamere Ernährungsrichtlinien zu erlassen. „Die Entscheidung für eine bessere, nachhaltigere Ernährung ist eine der wichtigsten Wege, wie Menschen ihre Gesundheit verbessern und zum Schutz der Umwelt beitragen können. Wie und wo Lebensmittel hergestellt werden, wirkt sich auch auf die Umwelt aus, allerdings in wesentlich geringerem Maße als die Auswahl der Lebensmittel“, fügte Dr. Clark hinzu. Der Verzehr jener Lebensmittel, die für die menschliche Gesundheit und die Umwelt am besten sind, bewirkt am meisten. Aber die Forscher betonten auch, dass der Konsum von Lebensmitteln mit mittleren Umweltauswirkungen oder solchen, die nicht erheblich zu Gesundheitsproblemen beitragen, wie raffiniertes Getreide, Milchprodukte, Eier und Hühnerfleisch, auch zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele beitragen könnten, wenn sie jene Lebensmittel ersetzen, die ungesünder oder umweltschädlicher sind. (ab)

25.10.2019 |

Studie: Größere Artenvielfalt auf dem Acker bringt mehr Ertrag

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Fleißige Dienstleisterin (Foto: A. Beck)

Felder mit hoher Vielfalt in einer kleinteiligen Agrarlandschaft bieten einen besseren Lebensraum für Tier- und Insektenarten, die wertvolle Dienstleistungen wie Bestäubung und biologische Schädlingskontrolle erbringen. Dies wirkt sich letztendlich positiv auf die Erträge aus, wie eine neue Studie vermeldet, die im Fachjournal Science Advances veröffentlicht wurde. Das mehr als 100 Wissenschaftler umfassende internationale Forscherteam hatte 89 Studien ausgewertet, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Landnutzung, Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen befassen. Insgesamt wurden 1475 Standorte weltweit untersucht – von Maisäckern in den USA über Rapsfelder in Südschweden, Kaffeeplantagen in Indien und Mangoplantagen in Südafrika bis hin zu Weizenfeldern im Alpenraum. Die Ergebnisse zeigen, dass der Verlust an Artenvielfalt zu weniger biologischer Schädlingskontrolle und Bestäubungsleistungen in Agrarlandschaften führt. Weitaus stärker als der Verlust der Insektenmenge wirke sich der Rückgang der Vielfalt aus. Etwa die Hälfte der Verluste an Ökosystemdienstleistungen lasse sich durch die geringere Artenvielfalt und nicht durch eine geringere Menge von Bestäubern oder natürlichen Feinden für Schädlinge erklären.

„Die Natur ist in vielerlei Hinsicht eine herausragende Dienstleisterin für die Landwirtschaft“, betonen Wissenschaftler der Universität Würzburg, unter deren Leitung die Studie durchgeführt wurde. Bienen und Hummeln bestäuben Obstbäume und andere Nutzpflanzen. Schlupfwespen und Raubkäfer fressen Schädlinge, die sich sonst über die Ackerfrüchte hermachen würden. Dazu kommen viele weitere Tierarten, die quasi gratis für den Menschen arbeiten. „Zum Beispiel sind Landwirte weniger auf den Einsatz von Insektiziden angewiesen, wenn eine natürliche Schädlingskontrolle durch eine hohe Biodiversität in Agrarökosystemen gewährleistet ist“, sagt Matteo Dainese, der Hauptautor der Studie. Brechen diese Ökosystem-Dienstleistungen weg, verursacht ihr Ausfall auch eine deutliche Ertragsreduktion. „Eine möglichst große Biodiversität in den Agrarökosystemen wird zunehmend wichtig sein, um Erträge zu sichern und die Auswirkungen des globalen Wandels abzufedern“, betont Ko-Author Ingolf Steffan-Dewenter vom Biozentrum der Uni Würzburg.

Die Wissenschaftler betonen, dass für eine möglichst große Biodiversität gesorgt werden muss, damit sich die Menschheit diese Gratis-Dienstleistungen der Natur nachhaltig sichern kann. Es genüge dabei nicht, auf einige wenige Arten als Bestäuber oder Schädlingsbekämpfer zu vertrauen. „Es wird kontrovers diskutiert, ob einige wenige, dominante Arten ausreichen, um Bestäubung und natürliche Schädlingsbekämpfung zu gewährleisten“, erläutert Zweitautorin Dr. Emily Martin von der Uni Würzburg. „Unsere Untersuchung deutet stark darauf hin, dass eine große Zahl von Arten nötig ist, um die Dienstleistungen der Natur und gute Erträge aufrecht zu erhalten.“ Einen wichtigen Einfluss auf die Artenvielfalt auf den Feldern hat dabei die Ausgestaltung der Agrarlandschaft. Je kleinteiliger die Agrarlandschaft desto höher die Vielfalt an fleißigen Helferlein auf dem Acker. Wo dagegen große Monokulturen vorherrschen, sind Vielfalt und Menge der nützlichen Lebewesen deutlich verringert. „Wir haben festgestellt, dass die Vereinheitlichung der Landschaft indirekt die Ökosystemleistungen beeinflusst, indem sie den Reichtum an leistungserbringenden Organismen reduziert“, schreiben die Forscher. Das betrifft vor allem die Insekten, die nützliche Dienste erweisen, indem sie Schädlinge fressen. Politik und Gesellschaft sollten sich daher einer weiteren Verarmung der Agrarökosysteme entgegenstemmen, fordert Steffan-Dewenter: „Wir brauchen eine Flurbereicherung.“ (ab)

21.10.2019 |

FAO: 14% aller Lebensmittel gehen zwischen Ernte und Handel verloren

Kartof
Viele Lebensmittel verlassen den Acker nicht (Foto: CC0)

Ein Siebtel aller Lebensmittel weltweit gelangt gar nicht erst vom Acker zu den Verbrauchern. Das geht aus einem neuen Bericht der Welternährungsorganisation FAO hervor. Laut „The State of Food and Agriculture 2019“ würde die Reduzierung dieser Verluste sowie der Lebensmittelverschwendung durch Handel und Verbraucher einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Ernährungssicherheit vieler Menschen, zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks der Agrarproduktion und zur Senkung der Produktionskosten leisten. Doch um Lebensmittelverluste und -verschwendung effektiv angehen zu können, sei ein vertieftes Verständnis für das Problem notwendig. Dazu liefert der Bericht neue Schätzungen zu Verlusten in den verschiedenen Stufen der Versorgungskette. „Es ist überraschend, wie wenig wir eigentlich darüber wissen, wie viel Lebensmittel verloren gehen oder verschwendet werden, und wo und warum dies geschieht“, sagte FAO-Generaldirektor Qu Dongyu im Vorwort. Einer groben Schätzung aus dem Jahr 2011 zufolge geht jedes Jahr ein Drittel aller produzierten Lebensmittel verloren oder wird verschwendet. „Diese Schätzung wird aufgrund fehlender Informationen in diesem Bereich immer noch häufig zitiert, kann aber nur als sehr grob angesehen werden“, fügt Qu Dongyu hinzu.

Das 12. UN-Nachhaltigkeitsziel (SDG) sieht in einem separaten Unterziel vor, bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene zu halbieren und die entlang der Produktions- und Lieferkette entstehenden Nahrungsmittelverluste einschließlich Nachernteverlusten zu verringern. Um Fortschritte messen zu können, haben die FAO und das UN-Umweltprogramm (UN Environment) ein methodisches Rahmenwerk erarbeitet. Der in diesem Bericht vorgestellte Food Loss Index (FLI) soll zeigen, wie viel Lebensmittel in der Produktion oder in der Lieferkette verloren gehen, bevor sie den Handel erreichen. Die Verschwendung durch Einzelhandel und Verbraucher soll der Food Waste Index (FWI) abbilden, der demnächst von UN Environment veröffentlicht wird. „Lebensmittelverluste und -verschwendung wurden in der Regel nach Masse bemessen, wobei Tonnen als Berichtseinheiten verwendet wurden. Obwohl diese Messung für die Abschätzung von Umweltauswirkungen nützlich ist, berücksichtigt sie nicht den ökonomischen Wert verschiedener Rohstoffe“, heißt es im Bericht. So könnten Produkte mit geringerem Wert stärker ins Gewicht fallen, wenn sie mehr wiegen. Daher kalkuliert die FAO nun auch den wirtschaftlichen Wert eines Produkts ein. Demnach gehen weltweit rund 14% aller Lebensmittel nach der Ernte und vor dem Erreichen der Geschäfte verloren, z.B. bei Aktivitäten auf dem Bauernhof, Lagerung und Transport. Allerdings schwanken die Verluste innerhalb derselben Warengruppen und Lieferkettenstufen von Region zu Region erheblich. Betrachtet man die regionale Ebene, reichen die Verluste von 5-6% in Australien und Neuseeland bis hin zu 20-21% in Zentral- und Südasien.

Auf allen Stufen der Versorgungskette seien Verluste und Verschwendung bei Obst und Gemüse generell höher als bei Getreide und Hülsenfrüchten – mit Ausnahme von Verlusten auf Höfen und beim Transport in Ost- und Südostasien. Der Bericht zeigt aber auch eine große Spannweite innerhalb einzelner Produktgruppen, Lieferkettenstufen und Regionen auf. In Subsahara-Afrika etwa reichen auf Höfen und Betrieben die Verluste bei Obst und Gemüse von 0 bis 50%. Dies „zeigt, dass wir das Auftreten von Lebensmittelverlusten und -verschwendung in der gesamten Lebensmittelversorgungskette nicht verallgemeinern können, sondern im Gegenteil kritische Verlustpunkte in bestimmten Lieferketten als entscheidenden Schritt zur Ergreifung geeigneter Gegenmaßnahmen identifizieren müssen“, schreibt Qu Dongyu. Ein kritischer Verlustpunkt sei die Ernte, aber auch ungeeignete Lagereinrichtungen und ein falscher Umgang mit den Erzeugnissen zählen zu den Hauptursachen für Verluste auf dem Hof. Für Obst, Wurzel- und Knollengemüse gelten auch Verpackung und Transport als kritisch. Der Bericht betont jedoch auch, wie wichtig die Verringerung von Lebensmittelabfällen im Einzelhandel und in privaten Haushalten ist.

Die FAO appelliert an Regierungen, die Bekämpfung der Ursachen von Verlusten und Verschwendung zu verstärken und nennt mögliche Maßnahmen. „Die Verringerung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung ist in der Regel mit Kosten verbunden und Landwirte, Lieferanten und Verbraucher werden nur dann die notwendigen Maßnahmen ergreifen, wenn ihre Kosten durch die Vorteile aufgewogen werden.“ Dies erfordere öffentliches Handeln in Form von Investitionen oder Maßnahmen, die Anreize für private Akteure setzen, Lebensmittelverluste und -verschwendung zu reduzieren oder bessere Informationen über schon bestehende Vorteile liefern. Doch selbst wenn die Vorteile bekannt sind, kann es sein, dass bestimmte Akteure keine Gegenmaßnahmen ergreifen können. Als Beispiel nennt der Bericht Kleinbauern in Entwicklungsländern, die ohne finanzielle Hilfe hohe Kosten für Produktionstechniken oder Lagermöglichkeiten, die Verluste reduzieren, nicht tragen können. Ein verbesserter Zugang zu Krediten könnte hier helfen, meint die FAO.

Die Verringerung von Verlusten und -verschwendung könne auch die Ernährungssicherheit gefährdeter Gruppen und den ökologischen Fußabdruck der Lebensmittelproduktion verbessern. Den Autoren zufolge dürften die größten Verbesserungen der Ernährungslage durch die Verringerung der Verluste in den frühen Phasen der Lieferkette eintreten, vor allem in Agrarbetrieben in Ländern mit hoher Ernährungsunsicherheit. In puncto ökologische Nachhaltigkeit sei bei Maßnahmen darauf zu achten, wo Lebensmittelverluste und Abfälle die größten Umweltauswirkungen haben. „Empirische Erkenntnisse auf globaler Ebene bezüglich der Umweltbilanz für die wichtigsten Rohstoffgruppen deuten darauf hin, dass der Schwerpunkt auf Fleisch und tierische Produkte gelegt werden sollte, wenn es darum geht, die Landnutzung zu reduzieren. Sie machen 60% der mit Lebensmittelverlusten und -verschwendung verbundenen Umweltbilanz aus. Wenn es um Wasserverbrauch geht, entfällt auf Getreide und Hülsenfrüchte der größten Beitrag (mehr als 70%), gefolgt von Obst und Gemüse.“ Bei den Treibhausgasemissionen entfällt der größte Batzen wiederum auf Getreide und Hülsenfrüchte (mehr als 60%), gefolgt von Wurzeln, Knollen und ölhaltigen Pflanzen. Aber auch die Umweltbilanz für verschiedene Produkte variiert je nach Region und Land je nach Ertrag und Produktionstechnik, da es einen Unterschied macht, ob ein Produkt z.B. aus Regenfeldbau oder bewässerter Landwirtschaft stammt oder ob Tiere mit Futtermitteln gemästet wurden oder auf Weiden grasten. (ab)

16.10.2019 |

Diskriminierung von Frauen bremst Überwindung des Hungers

Frau
Frauen spielen eine zentrale Rolle für die Welternährung (Foto: CC0)

Sei es beim Anbau, der Ernte, der Zubereitung oder dem Konsum von Nahrung - Frauen spielen eine zentrale Rolle in den globalen Ernährungssystemen. Doch ihre Diskriminierung verhindert vielerorts die Überwindung von Armut und Hunger und sorgt dafür, dass Frauen überdurchschnittlich stark von Hunger betroffen sind. Darauf macht das neue Jahrbuch zum Recht auf Nahrung aufmerksam, das anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober veröffentlicht wird und zu dem das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt und die Menschenrechtsorganisation FIAN als Mitherausgeber eine deutsche Kurzzusammenfassung veröffentlicht haben. „Frauen werden in vielen Ländern in Bezug auf Bildung, Landrechte, Einkommen oder politische Teilhabe diskriminiert“, sagt Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN Deutschland. „Ihre tragende Rolle in den Ernährungssystemen bleibt in der Regel im Hintergrund. Zudem sind Frauen oftmals systemischer Gewalt ausgesetzt – insbesondere, wenn sie Unternehmensinteressen oder autoritären Regierungen in die Quere kommen.“

Die Zahl der Menschen, die unter Hunger und „mittlerer oder schwerer Ernährungsunsicherheit“ leiden, ist zwischen 2014 und 2018 um 300 Millionen auf über zwei Milliarden gestiegen. Weltweit weiß nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO beinahe jeder vierte Mensch nicht, ob es am nächsten Tag Zugang zu ausreichend und qualitativ guter Nahrung geben wird. Frauen und Mädchen leiden besonders stark darunter. „Wegen mangelnder politischer Teilhabe, fehlender rechtlicher Gleichstellung und Diskriminierung beim Zugang zu Land und anderen Ressourcen sind Frauen viel stärker von Ernährungsunsicherheit betroffen als Männer“, so Bernhard Walter, Ernährungsexperte von Brot für die Welt. Doch Frauen organisieren sich in vielen Ländern gegen alle Widerstände, wie das diesjährige Jahrbuch in eindrücklicher Weise aufzeigt. Beispiele aus Mali und Indien demonstrieren, wie Frauen nahrhafte Lebensmittel sozial und ökologisch gerecht anbauen; in den Straßen Brasiliens demonstrieren sie beim „Marsch der Gänseblümchen“ gegen Gewalt im Agrarsektor; Migrantinnen von Mittel- nach Nordamerika verbünden sich gegen Gewalt und Hunger; in Nordsyrien bauen Frauen-Kooperativen gemeinsam Lebensmittel an. Und nicht zuletzt drängen Frauen beim Welternährungsrat der Vereinten Nationen in Rom darauf, dass internationale Entscheidungen ihre Belange berücksichtigen. (ab)

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