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19.10.2018 |

Bericht präsentiert Erfolgsbeispiele für eine agrarökologische Wende

Ochs
Ochsenstärke statt Maschinen (Foto: CC0)

Eine agrarökologische Umgestaltung der Ernährungs- und Agrarsysteme und die Abkehr von der industriellen Landwirtschaft ist keine Utopie, sondern kann in Gemeinden, Regionen oder gar ganzen Ländern erfolgreich gelingen. Das ist die frohe Botschaft des neusten Berichts von IPES-Food (International Panel of Experts on Sustainable Food Systems), einer Expertengruppe unter Vorsitz des ehemaligen UN-Sonderberichterstatters für das Menschenrecht auf Nahrung, Olivier De Schutter, und der Ex-UNICEF-Vertreterin für Kenia, Olivia Yambi. Der diese Woche in Rom präsentierte Bericht stellt sieben Erfolgsbeispiele aus aller Welt für eine agrarökologische Wende vor. Ein erfolgreicher Übergang zur Agrarökologie erfordere Veränderungen in vier Schlüsselbereichen: Produktionsmethoden, Wissensgenerierung und -verbreitung, soziale und wirtschaftliche Beziehungen sowie institutionelle Rahmenbedingungen. Wenn sich auf all diesen Ebenen etwas ändere, verringere sich die Abhängigkeit von den bisherigen Vermittlern von Inputs, Wissen und Marktzugang. So werden Mechanismen, die industrielle Ernährungssysteme am Leben erhalten, durchbrochen und neue nachhaltige Systeme entstehen. „Der Übergang beginnt dann wirklich, wenn sich an verschiedenen Fronten gleichzeitig etwas verändert. Dann entstehen neue Machtverhältnisse und die Logik des Systems verschiebt sich“, erklärt Hauptautor Steve Gliessman.

Eine Fallstudie legt dar, wie es in Kuba gelang, die wirtschaftliche Isolation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für eine agrarökologische Wende zu nutzen. Als Reaktion auf die Krise wurde der kleinbäuerliche Agrarsektor in Kuba einer „agrarökologischen Revolution“ unterzogen. Die Bauern konnten die Produktion trotz des weitgehenden Verzichts auf externe Inputs steigern. Zu den Änderungen der Produktionsmethoden gehörten das Ersetzen von Inputs, Anbaudiversifizierung, Fruchtfolgen, Agroforstwirtschaft und die Integration von Ackerbau und Viehzucht. Wissensgenerierung und -verbreitung erfolgte durch eine florierende Campesino-a-Campesino-Bewegung - der Austausch von Bauer zu Bauer. Institutionelle Akteure und Forschungszentren stellten den Landwirten Wissen und z.B. eine große Bandbreite an Saatgut kostenlos bereit. Bauern und Behörden vertieften ihre wissenschaftlichen und fachlichen Kompetenzen durch „Busreisen“ zu verschiedenen Höfen. Zudem erhielten Kleinbauern Infos durch die Genossenschaften, denen die meisten angehörten. Die Agrarökologie wurde auch in den Lehrplänen der Polytechnischen Hochschulen verankert.

Veränderungen in den sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen führten laut IPES-Food zu einer schnellen Ausweitung der Agrarökologie. Eine hochorganisierte bäuerliche Agrarökologie-Bewegung, die von der nationalen Kleinbauernvereinigung (ANAP) vorangetrieben wurde, ermöglichte die Verbreitung von Wissen und schuf Solidarität unter den Bauern. „Die sozialen Beziehungen entwickelten sich auch als Reaktion auf die Modalitäten des Landbesitzes unter dem sozialistischen Regime. Die meisten kubanischen Bauern besitzen ihr Land privat, kultivieren es aber als Teil von Genossenschaften“, so der Bericht. Diese Kooperativen ermöglichten auch den Zugang zu Dienstleistungen, Krediten und den Kauf von Inputs in großen Mengen; Land, Maschinen und Lager befanden sich in gemeinschaftlichem Besitz. Zu den institutionellen Veränderungen gehören die Dezentralisierung des staatlichen Agrarsektors, die Verankerung der Agrarökologie in staatlichen und Forschungseinrichtungen sowie unterstützende Maßnahmen wie die Bodenreform. Schätzungen zufolge betreiben heute rund 300.000 Kleinbauern in Kuba Agrarökologie. Studien deuten darauf hin, dass agrarökologische Praktiken auf 46-72% der kleinen Höfe Anwendung finden, die etwa 60% des in Kuba verzehrten Gemüses, Mais, Bohnen, Früchte und Schweinefleisch produzieren. Zudem florierte die fast chemiefreie urbane Landwirtschaft, die heute größere Städte mit bis zu 70% des frischen Gemüses versorgt. Damit nimmt Kuba eine Vorreiterrolle in der urbanen Landwirtschaft ein.

Ein anderer Leuchtturm ist das „Ökodorf“-Projekt in Chololo, Tansania, das mithilfe agrarökologischer Praktiken erfolgreich den wenigen Regen optimal nutzte, die Bodenfruchtbarkeit verbesserte, die Arbeitslast der Bauern reduzierte und die Qualität des lokalen Saatguts verbesserte. Das Dorf im semiariden Trockengebiet Zentral-Tansanias hatte mit häufigen Dürren, Ernährungsunsicherheit und den Folgen des Klimawandels zu kämpfen. Ein multidisziplinäres Projektteam ermutigte die Dorfbewohner, agrarökologische Methoden anzuwenden und zu verfeinern, von der Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit durch Mist über Regenwassergewinnung bis hin zu optimalen Pflanzzeitplänen. Technische Beratungsgruppen, die Zusammenarbeit von Bauer zu Bauer sowie partizipative Ansätze veränderten die Art der Wissensgenerierung und -verbreitung. Veränderungen im Zusammenleben ergaben sich durch Auszeichnungen, Feierlichkeiten und das Sichtbarmachen von wegweisenden Bauern. Frauen wurden gestärkt durch das Eröffnen neuer Existenzgrundlagen, z.B. Hühnerzucht. Veränderungen der institutionellen Bedingungen gelangen durch die bewusste Ausrichtung des Projekts an der nationalen Klimapolitik. Dank der Einbeziehung lokaler Institutionen rückte Chololo in den Fokus der Politik auf nationaler Ebene und wurde zu einem Modellprojekt für die Anpassung an den Klimawandel. Der agrarökologische Wandel hatte enormen Einfluss auf das Leben der Menschen im Dorf. Am Ende des ersten Projektzyklus 2011-2014 nutzten 54 Prozent der Landwirte und Tierhalter Innovationen zur Anpassung an den Klimawandel, ein deutliches Plus gegenüber den 19 Prozent im ersten Jahr. Die Erträge stiegen zwischen 37,5 und 70 Prozent. Der Anteil der Haushalte, die drei Mahlzeiten pro Tag zu sich nehmen, erhöhte sich von 29 auf 62 Prozent, und die durchschnittliche Dauer der Nahrungsmittelknappheit wurde von 7,3 auf 2,8 Monate reduziert. „Die Fallstudien zeigen, dass Veränderungen nicht immer auf dem Feld beginnen. Der Übergang kann durch gemeinschaftliche Aktivitäten, Partnerschaften zwischen Landwirten und Forschern und sogar durch externe Schocks, die den Status Quo in Frage stellen, eingeleitet werden“, so Steve Gliessman.

17.10.2018 |

Digitalisierung: Profite für Konzerne statt Hilfe für Kleinbauern

Drohne
Drohne auf dem Acker (Foto: CC0)

Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist kein wirksames Rezept gegen den Hunger, sondern könnte Kleinbauern noch weiter ins Abseits drängen. Davor warnen das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt und die Menschenrechtsorganisation FIAN anlässlich der Veröffentlichung des „Jahrbuch zum Recht auf Nahrung“. Die diesjährige Ausgabe untersucht, welche Folgen es haben könnte, wenn Finanzmärkte und Agrarkonzerne sich mithilfe der Digitalisierung zunehmend die Kontrolle über Ressourcen wie Boden, Wasser und Saatgut aneignen. „Es besteht die Gefahr, dass die Digitalisierung die Umwandlung öffentlicher Güter wie etwa die Wasserversorgung in international handelbare Waren vorantreibt. Davon haben die Ärmsten der Armen gar nichts, im Gegenteil, ihre Lage würde sich verschlimmern“, erklärt Bernhard Walter, Landwirtschaftsexperte von Brot für die Welt. Zudem fehle armen Bauern das Kapital, um die Vorteile der Digitalisierung nutzen zu können. In Äthiopien etwa seien Bauern durch Wetter-Apps in Schuldenfallen geraten, sagte Walter.

Das Jahrbuch beschreibt, dass dieselben Akteure, die einst die „Grüne Revolution“ mit ihrem Einsatz von Hochertragssorten, Kunstdünger und Pestiziden propagierten und finanzierten, teils selbst das Scheitern des agroindustriellen Systems einräumen. Nun warten sie mit einer neuen „Lösung“ auf, der „vierten industriellen Revolution“. Konzerne sammeln in großem Umfang Daten über Wetter, Böden und Pflanzenwachstum, die sie auswerten und verkaufen. Dünger, Wasser und Pestizide sollen dank neuer Technologien exakter dosiert werden. In ihrem Artikel „Lasst sie doch Daten essen“ beschäftigen sich Trudi Zundel und Silvia Ribeiro von der Nichtregierungsorganisation ETC Group mit den Konsequenzen von „Precision Farming“ für Kleinbauern. „Agrarkonzerne und Hersteller von Landmaschinen investieren kräftig in Präzisionslandwirtschaft, eine von extremer Mechanisierung geprägte Vision in der Agrarproduktion, die durch das Zusammenspiel leistungsstarker neuer digitaler Technologien und der algorithmischen Verarbeitung von Big Data ermöglicht wird“, schreiben sie in der Einleitung zum Artikel. „Während derzeit Fusionen von Agrarkonzernen im Mittelpunkt stehen, die Inputs produzieren, rückt der Punkt näher, an dem Hersteller von Maschinen und Datenplattformen die Zukunft der industriellen Landwirtschaft bestimmen werden.“

Dabei könnten Landwirte das Nachsehen haben, warnen die Autorinnen: „Konzernen wie Deere&Co. oder Monsanto noch mehr Macht einzuräumen ist ein Schritt weg von Ernährungssouveränität, denn es verringert die Wahlmöglichkeit von Bauern, erhöht die Preise für Inputs und schränkt Landwirte darin ein, ihre eigenen Maschinen zu reparieren und warten.“ Zwar waren bisher großflächig wirtschaftende Landwirte im Norden das Zielpublikum für Präzisionslandwirtschaft, doch nun rücken auch Kleinbauern im globalen Süden ins Fadenkreuz. Die Bill & Melinda Gates Stiftung zum Beispiel untersuche aktiv das Potenzial der Präzisionslandwirtschaft, um Big-Data-getriebene Landwirtschaftsmodelle auf kleinen Höfen zu mechanisieren und zu integrieren. Durch neue Tools und Techniken werden marginale Flächen, auf denen heute Kleinbauernfamilien Lebensmittel produzieren, plötzlich interessant für Agrarkonzerne. „Wenn sich die Geschichte wiederholt, könnten Technologien der Präzisionslandwirtschaft in den Händen des Agribusiness als neues Instrumente des Land Grabbing dienen“, befürchten Zundel und Ribeiro. Eine weitere Folge ist der Verlust von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft: „Die Vision der Präzisionslandwirtschaft ist eine Farm ohne Menschen, die durch Apps verwaltet wird, wofür die Manager nicht einmal physisch vor Ort sein müssen. Die Verlierer hierbei werden Kleinbauern und die 50 Millionen Landarbeiter sein, die in der industriellen Landwirtschaft beschäftigt sind und deren Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen.“

Diese Befürchtungen teilt auch Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN Deutschland: „Für die Mehrzahl der bäuerlichen Betriebe bietet die Digitalisierung keine Lösungen an, sondern verschärft noch die Probleme.“ Denn sie vertiefe die Spaltung zwischen armen Bauerngruppen und kapitalkräftigen Agrarunternehmen weiter und werde die Konkurrenz um Land, Wasser und Saatgut weltweit noch verschärfen. „Wichtige Gründe für die hohen Hungerzahlen – die Diskriminierung von Frauen und ländlicher Bevölkerung, Landgrabbing und die erzwungene Öffnung der Agrarmärkte in Entwicklungsländern – lassen sich nicht technisch lösen“, so Mimkes. Das zeige sich beispielsweise in Südamerika, wo die Hungerzahlen seit 2012 wieder steigen. Gleichzeitig produziert die dortige hochtechnisierte Agrarindustrie statt den Hunger vor Ort zu bekämpfen immer gewaltigere Mengen, die jedoch überwiegend exportiert werden – 2016 alleine 70 Millionen Tonnen Getreide und 120 Millionen Tonnen Soja. Der armen Landbevölkerung hilft dies nicht - in den letzten fünf Jahren waren in Lateinamerika 2,2 Millionen Menschen zusätzlich von schwerem Hunger betroffen. (ab)

12.10.2018 |

WHI 2018: Schnellere Fortschritte im Kampf gegen den Hunger nötig

Kind
Die Ernährungslage ist in vielen Ländern mies (Foto: CC0)

Die Bekämpfung des Hungers kommt zu langsam voran: Noch immer ist die Ernährungssituation in 51 Ländern ernst oder sehr ernst. Flucht und Vertreibung leisten einen traurigen Beitrag dazu. Das zeigt der aktuelle Welthunger-Index (WHI), der von der Welthungerhilfe und Concern Worldwide veröffentlicht wurde. Zwar habe es seit der Jahrtausendwende Fortschritte gegeben – die WHI-Werte sanken seit dem Jahr 2000 im globalen Schnitt um 28% und auch die Kindersterblichkeit halbierte sich. Doch die Zahl der Hungernden kletterte 2017 auf 821 Millionen Menschen, wie die Welternährungsorganisation FAO unlängst verkündete. Etwa 124 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger, ein krasser Anstieg gegenüber 80 Millionen vor zwei Jahren. „Wenn das Tempo bei der Bekämpfung des Hungers gleichbleibt, wird es 50 Ländern nicht gelingen den Hunger bis 2030 abzuschaffen“, warnt der Bericht und fordert mehr Anstrengungen bei der Hungerbekämpfung.

Die Werte des WHI umfassen drei Dimensionen von Hunger: unzureichende Kalorienaufnahme, Unterernährung bei Kindern (Auszehrung und Wachstumsverzögerung) sowie Kindersterblichkeit. Auf einer 100-Punkte-Skala wird die Hungerlage in einem Land als niedrig (unter 10), mäßig (10 - 19,9), ernst (20- 34,9), sehr ernst (35-49,9) oder als sehr gravierend (<50) eingestuft. „Der Welthunger-Index 2018 zeigt, dass die weltweite Hungersituation nach wie vor in die Kategorie ernst einzustufen ist – und das, obwohl der WHI-Wert von 29,2 im Jahr 2000 auf aktuell 20,9 gesunken ist“, schreiben die Autoren. „Trotz dieser Verbesserungen bleibt die Frage, ob die Welt das Ziel 2 für nachhaltige Entwicklung (SDG) der Agenda 2030 erreichen wird: den Hunger bis 2030 weltweit zu beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung zu gewährleisten und eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern.“ Nur 40 der 119 Länder auf der Hungerrangliste verzeichneten niedrige Hungerwerte – von den 79 Ländern mit mäßiger bis gravierender Hungersituation werden es beim jetzigen Tempo nur 29 Länder schaffen, den Hunger auf ein niedriges Niveau zu drücken.

Dem WHI 2018 zufolge ist die Hungersituation in der Zentralafrikanischen Republik gravierend: Das Land leidet seit 2012 unter Instabilität, religiös motivierter Gewalt und einem Bürgerkrieg. In sechs Ländern sind die Hungerwerte sehr ernst: im Tschad, in Haiti, Madagaskar, Sierra Leone, im Jemen und in Sambia. Ernst ist die Lage in 45 Ländern, darunter Sudan, Afghanistan und Timor-Leste. Einige Länder konnten gar nicht erst in die Liste aufgenommen werden, da nicht für alle WHI-Indikatoren Daten vorliegen. Doch in sieben dieser Länder (Burundi, Demokratische Republik Kongo, Eritrea, Libyen, Somalia, Südsudan und Syrien) sind Hunger und Unterernährung besorgniserregend hoch. Angola, Ruanda, Äthiopien und Myanmar gehören 2018 zu den Vorreitern mit einer Verbesserung des WHI-Wertes um mehr als 45%.

Schwerpunkt des Berichts ist der Zusammenhang zwischen Flucht, Vertreibung und Hunger. In Ländern mit bewaffneten Konflikten ist der Hunger doppelt so hoch wie andernorts. „Schätzungsweise 68,5 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, darunter 40 Millionen Binnenvertriebene, 25,4 Millionen Flüchtlinge und 3,1 Millionen Asylsuchende. Hunger ist eine anhaltende Gefahr, die das Leben zahlreicher vertriebener Menschen bedroht und Einfluss auf die Entscheidungen hat, wann und wohin sie fliehen“, schreibt Gastautorin Laura Hammond von der University of London. Sie kritisiert, dass sich zu Hunger und Flucht Fehlannahmen hartnäckig halten und Politik beeinflussen. So werde Hunger oft als Folge umweltbedingter oder natürlicher Ursachen verstanden, obwohl er – genau wie Flucht und Vertreibung – in der Regel das Ergebnis politischer Prozesse sei. Naturkatastrophen wie Dürren, Überschwemmungen und extreme Wetterereignisse führten nur dann zu Hunger und Vertreibung, wenn Regierungen nicht vorbereitet oder willens seien zu reagieren. Zudem leiste die internationale Gemeinschaft bei Flucht und Vertreibung meist nur humanitäre Hilfe und hoffe, dass die Vertriebenen in Kürze in ihre Herkunftsgebiete zurückkehren können. Doch Vertreibung sei meist ein lang anhaltender Zustand, dem die Menschen über viele Jahre oder Generationen ausgesetzt sind.

Der Bericht betont, dass Hilfe vor allem vor Ort nötig sei. „Die Mehrzahl der Flüchtlinge bleibt in ihrer Heimatregion und braucht dort auch Unterstützung“, betont Welthungerhilfe-Präsidentin Bärbel Dieckmann. „Für die Geflüchteten ist nicht nur die Grundversorgung wichtig, sondern auch die Möglichkeit, dass sie Zugang zu Beschäftigung und Bildung bekommen. Humanitäre Hilfe allein reicht nicht aus.“ Außerdem fordert der WHI die Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Vertriebenen, damit ihre Existenzgrundlagen in ihrer Heimat stabilisiert, lokale Märkte unterstützt und die Menschen eigenständig und unabhängig werden. „Hunger, Flucht und Vertreibung sind schmerzhafte Realität für Millionen von Menschen, aber dieser Missstand hat die nationalen Regierungen noch immer nicht zu jener politischen Führung und den Maßnahmen bewegt, die so dringend benötigt werden“, kritisieren Mathias Mogge von der Welthungerhilfe und Dominic MacSorley von Concern Worldwide im Vorwort. Noch beunruhigender sei, dass das Thema Flucht zu einem Blitzableiter für einen neuen politischen Diskurs erwachse, der eher kompromissloser als humanitärer werde. „Der diesjährige WHI ist nicht nur ein erneuter Aufruf zum Handeln gegen Hunger, Flucht und Vertreibung, sondern auch ein dringender Appell zur Wiederbelebung der Menschlichkeit im Umgang mit der erschütternden Tatsache, dass – in einer Welt des Überflusses – nach wie vor die Menschenrechte von Millionen Bedürftigen verletzt werden, die jeden Abend hungrig zu Bett gehen müssen.“ (ab)

09.10.2018 |

IPCC: Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad erfordert Kurswechsel

Dürre
Je wärmer die Welt desto häufiger und intensiver treten Dürren auf (Foto: CC0)

Die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad erfordert „schnelle, weitreichende und beispiellose Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen“, auch in Ernährung und Landwirtschaft. Das ist die unbequeme Botschaft des am 8. Oktober veröffentlichten Sonderberichts des Weltklimarats (IPCC) zum 1,5-Grad-Ziel, für den 91 Autoren aus 40 Ländern über 6.000 wissenschaftliche Studien auswerteten. Im südkoreanischen Incheon hatten die 195 IPCC-Mitgliedsstaaten zuvor Zeile für Zeile eine Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger abgestimmt. „Eine der Kernbotschaften dieses Berichts ist, dass wir schon jetzt die Konsequenzen von einem Grad Erwärmung in Form von mehr Extremwetter, steigenden Meeresspiegeln, schwindendem arktischen Meereis und weiteren Veränderungen sehen“, betonte Panmao Zhai, Co-Leiter der IPCC-Arbeitsgruppe I. Die Klimaforscher schreiben, dass eine Erderwärmung von 1,5 °C wohl schon zwischen 2030 und 2052 erreicht sein wird, wenn sie im aktuellen Tempo voranschreitet.

„Jedes Quäntchen mehr an Erwärmung wirkt sich aus, vor allem, weil eine Erwärmung um 1,5 Grad oder mehr das Risiko erhöht, dass die Veränderungen langanhaltend oder irreversibel sein werden, etwa der Verlust von einigen Ökosystemen“, erklärte Hans-Otto Pörtner, Co-Leiter der Arbeitsgruppe II. Daher streicht der Bericht die Notwendigkeit der Begrenzung auf 1,5°C statt auf 2°C heraus. Laut Prognosen fiele der globale mittlere Meeresspiegelanstieg dadurch 10cm geringer aus als bei 2°C und die Wahrscheinlichkeit, dass die Arktis im Sommer eisfrei wäre, würde erheblich sinken. Korallenriffe würden „nur“ um 70 bis 90% schwinden – statt nahezu vollständig – und die Folgen für terrestrische, Süßwasser- und Küstenökosysteme wären nicht ganz so fatal. „Klimabedingte Risiken für Gesundheit, Existenzgrundlagen, Nahrungs- und Wasserversorgung, menschliche Sicherheit und Wirtschaftswachstum werden laut Projektionen bei einer Erwärmung um 1,5 °C zunehmen und bei 2 °C weiter ansteigen“, schreiben die Autoren. Besonders hart trifft es jene, die ohnehin schon benachteiligt sind, zum Beispiel indigene Völker oder lokale Gemeinschaften, deren Existenz von Landwirtschaft und Küstengewässern abhängt. „Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C könnte die Zahl der Menschen, die klimabedingten Risiken ausgesetzt und anfällig für Armut sind, bis 2050 um mehrere Hundert Millionen begrenzen“, betont der Bericht.

Was also tun? Pfade, welche die globale Erwärmung auf 1,5 °C begrenzen, würden schnelle und weitreichende Systemübergänge in den Bereichen Energie, Landwirtschaft, Industrie, Transport, Gebäude und Städte erfordern, heißt es. Der globale CO2-Ausstoß müsste von 2010 bis 2030 um 45% sinken und 2050 bei null liegen. Als Klimaschutz- und Anpassungsoptionen im Bereich Landwirtschaft und Ernährung nennt der Bericht in Kapitel 4 etwa eine verbesserte Nutztierhaltung, effizientere Bewässerung, Agroforstwirtschaft und die Bekämpfung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung. Die Autoren lassen keinen Zweifel daran, dass vor allem bei Tierhaltung und Fleischkonsum angesetzt werden muss, denn die Nutztierhaltung verursacht mehr Emission als alle anderen Lebensmittelquellen. Sie entstehen etwa durch Futtermittelproduktion, enterische Fermentation, tierische Abfälle, Landnutzungsänderungen sowie Viehtransport und -verarbeitung. „Es besteht zunehmend Einigkeit darüber, dass die Gesamtemissionen der Ernährungssysteme gesenkt werden könnten, indem die Nachfrage nach Fleisch und anderen tierischen Produkten gezielt angegangen wird, vor allem dort, wo der Konsum höher ist als für die menschliche Gesundheit empfohlen“, so die Autoren. „Eine Umstellung der Ernährung könnte ein Fünftel der Minderung erzielen, die erforderlich ist, um die Erwärmung unter 2°C zu halten.“ (ab)

05.10.2018 |

Studie: Gentechnik-Soja in Südamerika schadet Umwelt und Gesundheit

Soja
Sojawüste in Südamerika statt Artenvielfalt (Foto: CC0)

Der Anbau von Gentechnik-Soja in Südamerika schadet der Umwelt, Artenvielfalt und der menschlichen Gesundheit und steht damit der Verwirklichung der UN-Nachhaltigkeitsziele entgegen. Die EU als wichtiger Importeur hat mit der Nachfrage nach Soja als Futtermittel erheblichen Einfluss auf die Ökosysteme in den Anbauländern und das Leben der ländlichen Bevölkerung. Dies zeigt eine von den Organisationen Germanwatch und Testbiotech Anfang Oktober veröffentlichte Studie. Zwischen 2005 und 2014 stieg die Sojaanbaufläche in Brasilien, Argentinien und Paraguay um 40% oder 15,5 Millionen Hektar, wie aus der UN-Datenbank FAOStat hervorgeht. In Brasilien wuchs die Fläche um 32% auf 30 Millionen Hektar, in Argentinien stieg sie um 37% auf 20 Millionen Hektar und in Paraguay um 78% auf 3,5 Millionen Hektar. Dies geschah meist auf Kosten von ökologisch wertvollem Weideland, Savannen und Regenwald.

Obwohl die Importmengen in den letzten 15 Jahren zurückgingen, geht immer noch ein Viertel der Sojaexporte aus Brasilien, Argentinien, Paraguay, Bolivien und Uruguay in die EU. Sie hatte 2014 einen Anteil von 35% an den gesamten Exporten Paraguays, bei Argentinien waren es 31% und Brasilien 22%. „Auf insgesamt rund 10 Millionen Hektar wird quasi nur für die EU produziert, denn 29 Millionen Tonnen Soja pro Jahr werden in die EU exportiert“, erklärt Tobias Reichert von Germanwatch, der die Studie mitverfasst hat. „Die Soja dient fast ausschließlich als Tierfutter. Die industrielle Massentierhaltung bei uns wirkt sich also direkt und massiv auf Menschen und Natur in Südamerika aus“, fügt Autor Christoph Then von Testbiotech hinzu. Über 90% der in Südamerika angebauten Soja ist gentechnisch so verändert, dass sie gegen das Herbizid Glyphosat resistent ist.

Die Studie untersucht, wie sich der Sojaanbau auf die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) auswirkt, vor allem auf Ziel 3 (Gesundes Leben für alle), Ziel 6 (Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser) und Ziel 15 (Landökosysteme schützen). Sie zeigt, dass die Einführung der Gentechnik-Soja mittelfristig keine wesentliche Einsparung an Pestiziden brachte. Im Gegenteil stieg der Einsatz von Pestiziden durch das Aufkommen herbizidresistenter Unkräuter, mit negativen Folgen für die Wasserqualität und die Gesundheit der Landwirte. In Brasilien und Argentinien werden heute oft mehr als 4,5 Kilo Glyphosat pro Hektar eingesetzt – dreimal so viel wie bei Einführung der Gentechnik-Soja vor rund 20 Jahren. Wegen der Resistenzen werden weitere hochgiftige Herbizide eingesetzt. „Einige Unkräuter sind so resistent gegenüber Glyphosat geworden, dass sie nur mit giftigeren Herbiziden wie Paraquat bekämpft werden können“, so die Studie. Wegen gesundheitlicher Risiken für die Anwender wird der Stoff in der EU nicht mehr eingesetzt. „In Brasilien, Argentinien und Paraguay wird er dagegen großflächig angewendet, in Paraguay zum Teil sogar in höherer Dosis als Glyphosat.“

Der Sojaanbau in Südamerika geht zudem mit massiven Verlusten und Schäden an Ökosystemen (Urwäldern, Grasland und Feuchtgebieten) einher, schädigt die Bodenfruchtbarkeit und fördert Überschwemmungen und mittelfristig die Versalzung der Böden. Im Chaco, der sich über Argentinien, Bolivien und Paraguay erstreckt, wurden zwischen 2000 und 2012 etwa acht Millionen Hektar für die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzung entwaldet, vor allem für den Sojaanbau. Dies steht SDG 15 mit seinen Unterzielen des Erhalts der Wälder und der biologischen Vielfalt klar entgegen.

Doch auch Gesundheit und Umwelt in Europa sind betroffen: „Die EU bleibt von den negativen Folgen nicht unberührt“, so Tobias Reichert. „Die durch Importsoja ermöglichte Massentierhaltung führt auch in Europa regional zu erheblichen Umweltschäden, zum Beispiel Gewässerbelastung durch Gülle.“ Die Studie verweist zudem darauf, dass Sojabohnen mit Pestizidrückständen belastet sind, die gesundheitsschädigend sein können. In Stichproben wurden 2013 Rückstandsmengen von über 100 Mg Glyphosat pro Kilo Soja gefunden, das Fünffache des erlaubten Grenzwerts. „Es gibt offensichtlich ganz extreme Belastungen für die Umwelt in den Anbaugebieten und gleichzeitig keine ausreichenden Daten, um die gesundheitlichen Risiken der Verfütterung der Gentechnik-Soja zu bewerten. Diese Produktionsprozesse sind völlig aus dem Ruder gelaufen“, kritisiert Christoph Then.

„Die EU muss neue Vereinbarungen mit den südamerikanischen Regierungen treffen. Dabei muss es auch darum gehen, den Handel in anderen Bereichen zu stärken, um die einseitige Abhängigkeit dieser Länder vom Sojaexport zu verringern“, fordert Reichert. „Insgesamt muss die europäische Landwirtschaftspolitik eine Kehrtwende weg von der industriellen Massentierhaltung machen. Dadurch würde die Nachfrage nach Soja deutlich sinken.“ Gleichzeitig müsse überlegt werden, wie mit vielfältigeren und nachhaltigeren Produktionssystemen Wertschöpfung und Beschäftigung in den ländlichen Räumen der Mercosur-Staaten gesteigert werden können. „Dabei sollen auch Vorschläge der Zivilgesellschaft, vor allem von Kleinbauern, indigenen Gemeinden und deren Organisationen aufgegriffen werden, die eine stärker auf Ernährungssicherheit und lokale Kreisläufe ausgerichtete Landwirtschaft fordern, die deutlich größere Synergien zu den SDG bietet“, lautet das Fazit. (ab)

28.09.2018 |

UN-Erklärung: Menschenrechtsrat stärkt Rechte von Kleinbauern

Farmer
Kleinbauernrechte stärken heißt Hunger bekämpfen (Foto: CC0)

Der UN-Menschenrechtsrat hat die Rechte von Kleinbauern gestärkt: Am 28. September wurde die Erklärung für die Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten angenommen. Eine deutliche Mehrheit von 33 Staaten stimmte für die Erklärung; Australien, Ungarn und Großbritannien dagegen. Deutschland gehörte zu den 11 Nationen, die sich der Stimme enthielten. Die Erklärung hält individuelle und kollektive Rechte für Kleinbauern fest, darunter das Recht auf Land, Saatgut und Wasser. Paula Gioia von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der Europäischen Koordination von Via Campesina (ECVC) bezeichnete die Entscheidung im Menschenrechtsrat ist einen wichtigen Schritt für die Durchsetzung der Menschenrechte: „Die UN-Erklärung ist ein Auftrag an die Staaten, Kleinbauern und ihre Gemeinschaften besser gegenüber den Interessen von Agrarkonzernen zu schützen. Sie stärkt uns darin, die zunehmende Verdrängung von Kleinbauern zu stoppen, Landflucht zu vermeiden, das Klima zu schützen und Ernährungssouveränität zu erlangen.“

Die Erklärung wurde seit 2012 von einer Arbeitsgruppe des UN-Menschenrechtsrats unter dem Vorsitz von Bolivien erarbeitet, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Kleinbauern und andere Menschen in ländlichen Regionen überproportional von Hunger betroffen sind. Sein Beratender Ausschuss nannte als Hauptgründe dafür Landenteignungen, Vertreibungen und Umsiedlungen; die Diskriminierung von Frauen und Mädchen; fehlende Agrarreformen und Politiken zur ländlichen Entwicklung; niedrige Löhne und fehlende soziale Sicherung sowie die Kriminalisierung von Bewegungen, die für die Rechte von Menschen in ländlichen Regionen eintreten. Die Erklärung bündelt und ergänzt alle Rechte des existierenden Menschenrechtskanons. Sie muss nun noch durch die UN-Generalversammlung verabschiedet werden.

Die Bundesregierung hatte schon in der Arbeitsgruppe gebremst und die Erklärung nicht aktiv unterstützt. Auf der Webseite des UN-Menschenrechtsrats werden als Gründe für die Enthaltung „rechtliche Bedenken in Verbindung mit den Rechten auf Saatgut, Land und eine saubere und gesunde Umwelt sowie Ernährungssouveränität“ genannt. „Das Verhalten der Bundesregierung ist ein Armutszeugnis. Sie hat sich von Anfang an gegen zentrale Inhalte der Erklärung gestellt. Offenbar wollte sie damit die Interessen von Konzernen wie Bayer schützen“, kommentierte Jan Urhahn vom INKOTA-netzwerk, das im Vorfeld mit anderen Organisationen für die Erklärung geworben hatte. „Mit ihrem Verhalten weigerte sie sich, grundlegende Rechte von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen anzuerkennen, wie zum Beispiel das Recht auf Saatgut oder das Recht auf Land. Das widerspricht auch dem Koalitionsvertrag, in dem die Förderung von Kleinbauern zentral verankert ist.“

Die Grüne Bundestagsfraktion hatte einige Tage vor der Abstimmung die Bundesregierung mit einem Antrag noch zur Zustimmung aufgefordert, der jedoch mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP abgelehnt wurde. Das Magazin Topagrar erhielt auf Anfrage nur die schwammige Antwort von Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller (CSU), der „deutschen Entwicklungszusammenarbeit“ sei „wie im Koalitionsvertrag festgehalten die Förderung von Kleinbauern äußerst wichtig“. Daran halte sich das BMZ und werde sich auch weiterhin für die Rechte von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen einsetzen. „Die vielen warmen Worte, die Entwicklungsminister Müller zu der Bedeutung von Kleinbauern für die Welternährung spricht, entpuppen sich einmal mehr als heiße Luft“, sagte Maria Heubuch, Abgeordnete des Europäischen Parlaments und Sprecherin für Entwicklungspolitik der Fraktion Die Grünen/EFA. „Ich erwarte, dass Deutschland zur UN-Generalversammlung sein Abstimmungsverhalten überdenkt und sich für die Rechte von Kleinbauern und ihren Familien einsetzt.“ (ab)

27.09.2018 |

Agrarökologie kann Europa 2050 ohne Pestizide gesund ernähren

Stein
Mehr Hecken, Bäume und Steinverstecke für Insekten in der Landschaft! (Foto: CC0)

Eine vollständig auf agrarökologische Methoden umgestellte europäische Landwirtschaft könnte im Jahr 2050 ohne Pestizide und synthetische Dünger rund 530 Millionen Europäer gesund und ausgewogen ernähren. Zu diesem Ergebnis gelangt das französische Institut für Nachhaltige Entwicklung (IDDRI) in einer Mitte September veröffentlichten Studie. Die Landwirtschaft ist momentan alles andere als nachhaltig: „Europas Ernährungssystem wird oft als höchst produktiv wahrgenommen“, schreiben die Autoren Pierre-Marie Aubert und Xavier Poux. „Doch seit mehreren Jahrzehnten bringen diese Erfolge verstärkt ernsthafte soziale und ökologische Folgen mit sich. Was die Gesundheit anbelangt so verzeichnen mit der Ernährung in Verbindung stehende Krankheiten (Diabetes, Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) einen alarmierenden Anstieg.“ Europas Landwirtschaft bedroht außerdem die Artenvielfalt und trägt durch Sojaimporte zur Zerstörung tropischer Regenwälder bei. „Heute importiert die EU eine Menge, die 35 Millionen Hektar Ackerland entspricht, hauptsächlich Soja aus Südamerika als Futtermittel“, wird Pierre-Marie Aubert von EURACTIV zitiert. „Wir präsentieren ein alternatives Szenario, das durch eine agrarökologische Umstellung zu einer umfassenden Transformation des Agrarsektors führen kann“, fügte er hinzu.

Die Experten entwickelten ein quantitatives Modell, das die landwirtschaftliche Produktion und ihre Verwendung (Nahrung, Futtermittel, Treibstoff), verschiedene Produktions- und Landnutzungsformen vergleicht. Darauf gestützt berechneten sie ein agrarökologisches Szenario für 2050. Dieses sieht die Abkehr von Pestiziden und synthetischen Düngern vor, eine Umstellung der Grünlandnutzung und die Ausweitung „agrarökologischer Infrastrukturen“ (Hecken, Bäume, Teiche, Steinmauern als Lebensraum) und die Förderung einer gesunden Ernährung vor. Letzteres ist dringend nötig, denn der Zuckerkonsum in Europa beträgt das Dreifache der empfohlenen Menge und die Europäer nehmen doppelt so viel Eiweiß zu sich wie benötigt, während gesunde Lebensmittel zu selten auf den Tellern landen. Das IDDRI-Szenario sieht daher weniger tierische Produkte, aber dafür mehr Obst, Gemüse und Ballaststoffe vor, wie es die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt.

Die Umstellung auf Agrarökologie in Europa beinhaltet die Abkehr von Pestiziden und Kunstdünger. „Das Ziel ist die Rückkehr zu Agroökosystemen, die das Bodenleben und die symbiotischen Stickstoff-Fixierungskapazitäten vom Leguminosen optimal nutzen“, schreiben die Autoren. Zudem sehen sie einen umfassenden Ausbau der „ agroökologischen Infrastruktur“ vor – Hecken, Bäume, Teiche und steinige, insektenfreundliche Lebensräume sollen 10% der Anbaufläche einnehmen. Zudem ist extensives Grünland eine Hauptkomponente der „Infrastruktur“. „Die Umstellung auf eine Low-Input-Landwirtschaft mit einem hohen Anteil an permanenten extensiven Grünlandflächen und anderen agrarökologischen Infrastrukturen ermöglicht es, die Wiederherstellung der Biodiversität, der Qualität der natürlichen Ressourcen und eine Verringerung der Treibhausgasemissionen anzugehen.“

Das Agrarökologie-Szenario rechnet mit einem Produktionsrückgang im Vergleich zu heute und geht von einer deutliche Reduzierung der Produktion von Biosprit und der Biomassenutzung für andere Zwecke als die Ernährung aus. Es kalkuliert mit den momentan erzielten Erträgen im Ökolandbau, um die Produktionsmenge in 2050 vorherzusagen, aber geht auch von Fortschritten in der Forschung, z.B. in der Pflanzenzucht aus. Die Produktion in Kilokalorien würde im Vergleich zu 2010 um 35% sinken (-30% für pflanzliche und -40% für tierische Produkte). Allerdings wäre sie immer noch ausreichend, um alle Europäer zu ernähren, selbst wenn Land für „agrarökologische Infrastruktur“ bereitgestellt wird und nicht direkt Lebensmittel hervorbringt, sondern zum Funktionieren der Agrarökosysteme beiträgt. Zudem würde dieses agrarökologische Europa Exportkapazitäten für Getreide, Milchprodukte und Wein behalten. Ein Übergang zur Agrarökologie würde außerdem zu einer Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 36% gegenüber 2010 führen – oder gar 45%, wenn die mit der „importierten Entwaldung" verbundenen Emissionen einbezogen würden, die beim Verzicht auf Eiweißimporte wegfielen. Eine Umstellung auf agrarökologische Methoden würde auch dazu beitragen, die Artenvielfalt wiederherzustellen und die natürlichen Ressourcen zu bewahren. „Ein agrarökologisches Europa ist eine erstrebenswerte und glaubwürdige Option, um Herausforderungen im Bereich Ernährung und Umwelt anzugehen“, schlussfolgern die Autoren. (ab)

19.09.2018 |

Bio und konventionell: Studie beziffert die wahren Lebensmittelpreise

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Milch ist nicht gleich Milch - die externen Kosten unterscheiden sich (Foto: CC0)

Die Lebensmittelpreise in Deutschland spiegeln nicht die wahren Kosten für Mensch und Umwelt wider. Würden die Folgekosten einberechnet, die etwa die konventionelle Fleischproduktion verursacht, würden sich die Erzeugerpreise für Fleisch verdreifachen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Augsburg, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Sie beziffert für mehrere Produktkategorien die externen Kosten, die durch drei Umweltbelastungen – Stickstoff, Treibhausgas-Emissionen und Energieverbrauch – bei der Produktion von Lebensmitteln entstehen. Bioprodukte schnitten durch die Bank besser ab als ihre konventionell hergestellten Counterparts, auch wenn sie noch nicht alle „versteckten“ Kosten beinhalteten. Würden sich die Umweltfolgekosten im Ladenpreis niederschlagen, wäre der Preisunterschied zwischen Bioprodukten und konventionell erzeugten Lebensmitteln deutlich geringer, so die Wissenschaftler.

„Für viele negative Klima-, Umwelt- und Gesundheitsfolgen, die sich aus der Produktion von Lebensmitteln ergeben, kommen aktuell weder die Landwirtschaft noch die Konsumenten auf. Die hiermit verbundene Preis- und Marktverzerrung stellt – ökonomisch gesprochen – eine Form von Marktversagen dar, der es mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen zu begegnen gilt“, erklärte Autor Dr. Tobias Gaugler. Er und sein Team nutzen Datensätze zum Ressourcenverbrauch und anfallenden Schadstoffen während des Produktionsprozesses für elf Produktkategorien. Diese wurden den drei Oberkategorien pflanzliche, tierische und Milchprodukte zugeordnet und dann die Kosten jeweils für die ökologische und konventionelle Erzeugung beziffert. Einbezogen wurden nur die drei Faktoren Stickstoff, Klimagase und Energie, da die existierende Datenbasis zu den Kosten von Antibiotika-Resistenzen, z.B. Gesundheitskosten, oder den ökologischen Auswirkungen durch den Einsatz von Pestiziden aktuell unzureichend ist. Da die Studie die externen Effekte pro Gewichtseinheit eines Lebensmittels angibt, wurde auch der Ertragsunterschied zwischen biologischer und konventioneller Produktion berücksichtigt.

Die höchste Preisdifferenz, die zwischen den aktuellen Erzeugerpreisen und den wahren Kosten liegt, ergab sich bei konventionell hergestellten tierischen Produkten. Diese müssten auf Erzeugerebene dreimal so teuer sein als derzeit (196% Aufschlag). Es folgen konventionell hergestellte Milchprodukte, für die ein Aufschlag auf die Erzeugerpreise von 96% nötig wäre, gefolgt von 82% auf biologisch-tierische Produkte und 35% auf Biomilch. „Die Höhe der externen Kosten und Preisaufschläge insbesondere tierischer Produkte ist u.a. durch die energieintensive Aufzucht der Nutztiere zu erklären, verbunden mit dem Futtermittelanbau, der Beheizung und Belüftung der Ställe sowie dem Metabolismus der Tiere. Diese Faktoren führen unter anderem zu einer bedeutend höheren Austragung von reaktivem Stickstoff und Treibhausgasen sowie einem höheren Energiebedarf als bei pflanzlichen Produkten“, heißt es in der Studie. Konventionell-pflanzliche Produkte müssten 28% teurer sein; bei biologisch-pflanzlichen Produkten fehlen nur noch 6%, um die wahren Kosten abzubilden. „Insbesondere umweltschonende Praktiken biologischer Produktion wie der Verzicht auf mineralischen Stickstoffdünger beim Pflanzenanbau sowie ein geringerer Einsatz von industriell produziertem Kraftfutter bei der Nutztierhaltung führen in allen untersuchten Lebensmittelkategorien zu geringeren externen Kosten und Preisaufschlägen im Vergleich mit konventionellen Produktionspraktiken“, schreiben die Autoren.

„Es kann nicht angehen, dass die Kosten für ökologische Schäden bei der Lebensmittelproduktion nicht eingepreist sind und stattdessen von der Allgemeinheit bezahlt werden müssen“, kritisiert Stephanie Weigel von der Tollwood GmbH, die die Studie mit der Schweisfurth Stiftung in Auftrag gegeben hat. „So werden die Verbraucher an der Nase herumgeführt. Wenn die Lebensmittel im Supermarkt mit dem wahren Preis ausgezeichnet wären, würden viel mehr Menschen zu Bio-Produkten greifen, die dann kaum mehr teurer wären als konventionell erzeugte.“ Am deutlichsten schrumpft der Preisunterschied zwischen biologisch und konventionellen Produkten tierischen Ursprungs, besagt die Studie: „Während sich die Erzeugerpreise um 1,62€ pro kg tierischen Produkts unterscheiden bleibt nach Internalisierung der externen Kosten lediglich eine Preisdifferenz von 0,88€ pro kg tierischen Produkts.“ Ein Liter Biomilch ist vor Berücksichtigung externer Effekte um 21 Cent teurer als konventionelle Milch, doch unter Einbeziehung der versteckten Kosten liegt der Unterschied nur noch bei 13 Cent. „Ausgehend von unseren Ergebnissen und dem ‚polluter pays principle‘ der UN folgend müssten insbesondere Produkte aus konventioneller Nutztierhaltung deutlich mehr kosten, also dies aktuell in Deutschland der Fall ist“, lautet das Fazit von Dr. Gaugler. (ab)

12.09.2018 |

UN: Klimakrise lässt Zahl der Hungernden weiter ansteigen

FotoIndien
UN: gesunde Nahrung für alle! (Foto: CC0)

Die Zahl der Hungernden ist 2017 erneut gestiegen: 821 Millionen Menschen litten weltweit an Unterernährung und damit jeder Neunte. Dies geht aus einem am Dienstag von fünf UN-Organisationen gemeinsam veröffentlichten Bericht hervor. Als Hauptursachen macht „The State of Food Security and Nutrition in the World 2018“ neben Konflikten und Wirtschaftsflauten vor allem Klimaschwankungen und -extreme aus. Besonders brisant ist, dass die Landwirtschaftsorganisation FAO, der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), das Welternährungsprogramm (WFP), UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation den dritten Anstieg in Folge vermelden müssen: Die Zahl der Hungernden befindet sich nun wieder auf dem Niveau von vor einem Jahrzehnt. „Dieser Rückschritt ist eine eindeutige Warnung, dass schnell mehr getan werden muss, um bis 2030 das 2. UN-Entwicklungsziel – eine Welt ohne Hunger – zu erreichen“, heißt es in ihrer Pressemitteilung. Auch die Zahl jener, bei denen die Ernährungsunsicherheit einen Krisenzustand erreicht hat, stieg zwischen 2016 und 2017 von 108 auf 124 Millionen Menschen. „Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Dabei beträgt das weltweite Vermögen 300 Billionen Dollar – das ist inakzeptabel und unverzeihlich“, sagte WFP-Exekutivdirektor David Beasley auf der Pressekonferenz in Rom.

Der Großteil der weltweit Hungernden lebt mit 515 Millionen Menschen immer noch in Asien (63%), gefolgt von Afrika mit 256,5 Millionen (31%) und Lateinamerika und der Karibik mit 39,3 Millionen. Die Situation verschlechtert sich in Südamerika und den meisten Regionen Afrikas, während in Asien der zuletzt rückläufige Trend erheblich ins Stocken geriet. Doch nicht nur die absolute Zahl der Hungernden stieg, auch ihr Anteil an der wachsenden Weltbevölkerung kletterte von 10,8% auf 10,9%. Die prozentual am stärksten von Unterernährung betroffene Region bleibt Afrika: Dort leidet jeder Fünfte an Unterernährung, in Ostafrika sind es gar 31,4%. In Asien hungert fast jeder Achte (11,4%), in Lateinamerika und der Karibik sind es 6,1% der Bevölkerung.

Der Bericht offenbart, dass Unterernährung vor allem in Ländern auftritt, die besonders anfällig für Klimaextreme sind - und noch stärker dort, wo landwirtschaftliche Systeme sehr empfindlich auf Niederschlags- und Temperaturschwankungen und starke Dürren reagieren und die Existenz eines großen Anteils der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängt. „Der Mehrheit der Menschen, die besonders gefährdet sind durch Klimaschocks und Naturkatastrophen, sind die weltweit 2,5 Milliarden Kleinbauern, Hirten, Fischer und von Wäldern abhängige Menschen, die Nahrung und Einkommen aus erneuerbaren natürlichen Ressourcen beziehen“, so die Autoren. Veränderungen des Klimas beeinträchtigen schon heute die Produktion wichtiger Getreidesorten wie Weizen, Reis und Mais in tropischen und gemäßigten Regionen. Ohne eine Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegen Klimaschwankungen sei davon auszugehen, dass sich die Lage angesichts steigender und extremer werdender Temperaturen weiter verschlimmere. „Wenn wir bis zum Jahr 2030 eine Welt ohne Hunger und Mangelernährung erreichen wollen, ist es zwingend notwendig, dass wir unsere Maßnahmen beschleunigen und ausweiten. Nur so können wir die Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit von Ernährungssystemen und Erwerbsmöglichkeiten stärken, damit die Menschen für Klimaschwankungen und Wetterextreme gerüstet sind“, heißt es im Vorwort.

Doch der Bericht hält noch weitere schlechte Nachrichten bereit: Weltweit sind immer noch 151 Millionen Kinder unter fünf Jahren aufgrund chronischer Unterernährung zu klein für ihr Alter (stunted), die meisten von ihnen in Afrika und Asien. Dazu kommen 50,5 Millionen Kinder unter fünf, die aufgrund von Mangelernährung zu wenig für ihre Größe wiegen (wasting). Gleichzeitig nehmen Übergewicht und Fettleibigkeit rund um den Globus immer stärker zu: 2016 waren 672,3 Millionen Erwachsene fettleibig, ihr Anteil an der Weltbevölkerung stieg von 11,7% im Jahr 2012 auf 13,2%. „Am größten ist das Problem in Nordamerika, aber es ist besorgniserregend, dass selbst in Afrika und Asien, wo der Anteil am geringsten ist, ein Aufwärtstrend zu verzeichnen ist“, schreiben die Chefs der fünf UN-Organisationen. Der Bericht fordert die Umsetzung und Ausweitung von Programmen für besseren Zugang zu nahrhaften Nahrungsmitteln, um den generationenübergreifenden Zyklus der Mangelernährung zu durchbrechen. Es seien Marktregulierungen nötig, die vom Konsum ungesunder Lebensmittel abhalten, gemeinsam mit Politiken, die die Verfügbarkeit und den Verzehr gesunder Nahrung förderten. „Es muss ein nachhaltiger Wandel hin zu einer ernährungsbewussten Landwirtschaft und entsprechenden Ernährungssystemen vollzogen werden, um sichere und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel für alle zu garantieren“, schlussfolgern die Autoren. (ab)

31.08.2018 |

Supermärkte ignorieren Wasserrisiken in der Lieferkette

Obst
Wasserrisiken im Herkunftsland - meist kein Thema für deutsche Supermärkte (Foto: CC0)

Das meiste Obst und Gemüse wird in Deutschland importiert - oft aus Regionen mit Wasserknappheit. Doch im Lebensmitteleinzelhandel fehlt es an Bewusstsein für das Wasserrisiko. Das ergab eine Umfrage der Naturschutzorganisation WWF unter 17 Unternehmen. Befragt wurden neben den klassischen Vollsortimentern auch Discounter, Bio- und Online-Händler zu ihren Obst- und Gemüselieferketten. Das Ergebnis: Supermärkte kennen in der Regel die Wasserrisiken ihrer Produkte kaum, wählen Produktzertifizierungen nicht nach nachhaltigen Wasserkriterien aus und auch für Branchenorganisationen spielt das Thema bisher kaum eine Rolle. „In den Obst- und Gemüseabteilungen deutscher Supermärkte stammt die Ware oft aus trockenen Regionen mit künstlicher Bewässerung. Und auch andere Lebensmittel sind durstig“, erklärte Johannes Schmiester, Süßwasser-Experte vom WWF Deutschland. „Doch in den Chefetagen der deutschen Supermarktketten wird das Thema bislang noch ausgeklammert. Dabei trägt der Lebensmitteleinzelhandel eine große Verantwortung – seine Einkaufsentscheidungen beeinflussen die Verfügbarkeit und Qualität von Wasser in den weltweiten Anbaugebieten.“

Der Großteil der deutschen Verbraucher kauft Obst und Gemüse im Supermarkt. 80% des Obstes und 67% des Gemüses wird aus dem Ausland importiert. „China, Indien, Ägypten, Türkei, Südafrika, Chile, Peru, die USA und Mexiko sind nur einige der Länder, in denen Wasser ein knappes Gut ist und deren Nahrungsmittel dennoch täglich auf deutschen Tellern landen“, schreibt Jörg-Andreas Krüger, Geschäftsleiter Naturschutz des WWF, im Vorwort des Berichts. „Unsere landwirtschaftlichen Lieferketten reichen in Regionen, die unter Wasserknappheit, -verschmutzung, Überflutungen, schlechter Regulierung und Konflikten um Wasser leiden.“ Jeder im Lebensmitteleinzelhandel umgesetzte Euro hat einen Wasserfußabdruck von rund 47 Liter. Daher sind die Supermärkte durch ihre Nachfrage auch Treiber von Wasserknappheit, -verschmutzung und den damit verbundenen Konflikten in den Anbaugebieten, betont der WWF. Doch das Bewusstsein im Lebensmittelhandel fehlt. „In der Praxis sehen wir ein verantwortliches, strategisches Handeln beim Thema Süßwasser leider bislang nur sehr wenig“, so Krüger.

Der Bericht zeigt, dass die Händler die Herkunft ihrer Obst- und Gemüseware meist bis zur Ebene der Region kennen – dennoch mangelt es an Verständnis für lokale Wasserrisiken in den Flussgebieten. Nur drei der zehn Handelsketten, die antworteten, können ihre Wasserrisiko-Hotspots benennen: Edeka, Netto und Rewe. Ein allgemeines Risikobewusstsein zeigten zumindest Edeka, Aldi Nord, Aldi Süd, Netto und Tegut. Die meisten Handelsketten führen keine regelmäßigen, flächendeckenden und methodisch fundierten Wasserrisikoanalysen durch. Dabei wäre es gar nicht so schwer, die Wassernutzung im Anbau und die daraus entstehenden Probleme in Strategien und Einkaufprozesse einzubeziehen. Als Beispiel nennt der WWF zusätzliche Anforderungen an Produzenten mit hohen Wasserrisiken oder der Verzicht auf Ware aus extrem trockenen Regionen. Doch die meisten Supermärkte sind noch nicht dazu übergegangen, Einkaufsanforderungen anzupassen, Zertifizierungen anzufragen, sich mit den Produzenten in den betroffenen Flussgebieten zu engagieren, Konsumenten aufzuklären und Transparenz herzustellen.

Der WWF fordert den Lebensmitteleinzelhandel auf, ein Bewusstsein für Wasserrisiken in seinen Lieferketten zu entwickeln und Süßwasser strategisch im Unternehmen zu verankern, um das Wasserrisiko zu mindern. Notwendig sei eine bessere Zusammenarbeit mit anderen Akteuren in der Lieferkette, vor allem Landwirten, und Engagement für ein nachhaltigeres Wassermanagement in den betroffenen Flussgebieten. „Durch die große Abhängigkeit vom blauen Gold trägt die Branche, nicht zuletzt aus Eigeninteresse, eine große Verantwortung für den Erhalt nachhaltiger Flussgebiete weltweit“, sagt Krüger. Denn Wasserrisiken in den Herkunftsregionen können mit Lieferausfällen, Preisschwankungen und Reputationsschäden auch die Branche treffen. (ab)

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