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10.12.2018 |

Rote Liste: Nährstoffbelastung gefährdet Wildpflanzen

Kornrade
Kornrade - hat die Kurve gekriegt, aber ist immer noch stark gefährdet (Foto: CC0)

Fast ein Drittel der Wildpflanzen in Deutschland ist im Bestand gefährdet – als eine der Hauptursachen gilt die hohe Nährstoffbelastung durch Düngemittel in der Landwirtschaft. Das ist das Ergebnis der aktuellen Roten Liste der Pflanzen, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) am 5. Dezember 2018 in Berlin vorstellte. Diese ermittelt die Bestandssituation und das Ausmaß der Gefährdung für insgesamt 8.650 in Deutschland heimische Farn- und Blütenpflanzen, Moose und Algen und untersucht sowohl lang- als auch kurzfristige Bestandstrends. Im Verlauf der letzten etwa 150 Jahre sind hierzulande 119 Pflanzenarten ausgestorben oder verschollen – mit so klangvollen Namen wie Alpen-Klappertopf oder Zwerg-Rohrkolben. Betroffen waren überwiegend Arten, die in nährstoffarmen Gewässern oder Standorten auftraten, wie das Biegsame Nixkraut oder die Dickblättrige Sternmiere, sowie um früher verbreitete Ackerwildkräuter, wie der Tataren-Buchweizen oder die Bittere Schleifenblume. „Pflanzen nehmen eine ganz elementare Rolle in den Ökosystemen ein. Ein Rückgang ihrer Artenvielfalt wirkt sich deshalb stets auch auf die große Vielfalt anderer Organismengruppen negativ aus“, warnte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel anlässlich der Vorstellung des 784-Seiten-Berichts - der siebte Band in der Reihe.

Die Rote Liste belegt, dass insgesamt 30,8% aller in Deutschland vorkommenden Pflanzen in ihrem Bestand gefährdet sind. „Bei der artenreichsten Pflanzengruppe, den Farn- und Blütenpflanzen, sind insgesamt 27,5% in ihrem Bestand gefährdet und damit entweder vom Aussterben bedroht oder in unterschiedlichem Ausmaß gefährdet“, erklärte der Botaniker Dr. Günter Matzke-Hajek, ehrenamtlicher Autor der Roten Liste der Farn- und Blütenpflanzen, die 4.305 Arten umfasst. Am höchsten war der Anteil bestandsgefährdeter Pflanzen in der Gruppe der Zieralgen mit 51,2% und am geringsten bei den Schlauchalgen mit 13,3%. Für den Rückgang von fast der Hälfte der Rote-Liste-Arten sind Standortveränderungen durch Nährstoffeintrag die wesentliche Ursache. „Auffallend viele vom Aussterben bedrohte oder stark gefährdete Arten finden sich unter den typischen Arten nährstoffarmer Gewässer und anderer nährstoffarmer Standorte wie Moore, Heiden oder Extensiväcker“, sagte die BfN-Präsidentin. Ein zu hoher Nährstoffeintrag lässt nicht nur die Bestände von Wasserpflanzen wie Igel-Schlauch und Wasser-Lobelie schwinden, sondern auch Arten des Magerrasens und der Heiden, zum Beispiel die Wiesen-Küchenschelle und das Katzenpfötchen. „Unter den auf landwirtschaftlichen Flächen in der Agrarlandschaft vorkommenden Wildarten sind besonders Ackerwildkräuter durch die Intensivierung der Landwirtschaft (Herbizideinsatz, Düngung) gefährdet“, betont das BfN.

Es gibt jedoch auch positive Nachrichten, gerade was kurzfristige Bestandstrends in den letzten 10 bis 25 Jahren anbelangt. „Erfreulich entwickelt haben sich die Bestände einiger Moos- und Algenarten. Erfolge wurden hier vor allem durch Maßnahmen des technischen Umweltschutzes erzielt. Dadurch haben bei den Moosen vor allem die auf Bäumen wachsenden Arten von einer verbesserten Luftqualität, etwa durch geringere Schwefelimmissionen profitiert“, vermeldet das BfN. Auch bei 327 Farn- und Blütenpflanzen, die in den letzten 100 bis 150 Jahren zurückgingen, konnte eine weitere Abnahme in den letzten rund 20 Jahren aufgehalten und bei 18 Arten sogar umgekehrt werden. Das sei oft gezielten Artenhilfsmaßnahmen wie Ackerrandstreifen oder der Einrichtung von Schutzäckern zu verdanken. Dadurch konnten etwa die stark bedrohten Bestände der Kornrade oder der Dicken Trespe, beides früher typische Begleitpflanzen in Getreidekulturen, verbessert werden. „Gezielte Hilfsprogramme des Naturschutzes für einzelne Arten weisen zwar gute Erfolge auf, sie können aber nur die Ultima ratio sein“, sagte Jessel. Um den Artenrückgang auf breiter Front aufzuhalten, müsse auf Ebene der Landschaft, bei einer naturverträglichen Landwirtschaft und bei einer umfassenden Verbesserung der Gewässer angesetzt werden. „Die Rote Liste unterstreicht daher einmal mehr, dass ein Umsteuern in der Landwirtschaft und in der Agrarpolitik dringend erforderlich ist. Denn die zunehmende Nährstoffbelastung gefährdet immer mehr Wildpflanzen in Deutschland – sowohl an Land als auch im Wasser“, so Jessel. (ab)

07.12.2018 |

Thünen-Bericht: Böden in Deutschland droht Humusverlust

Boden
Humusreicher Boden (Foto: NRCS, CC BY 2.0, bit.ly/4_CC_BY_2-0, flickr: bit.ly/NRCS_HS2)

Humus fördert die Bodenfruchtbarkeit und die Erträge, verbessert die Wasserspeicherung und mindert die Erosionsanfälligkeit von Böden. Humus in Böden ist weltweit der größte terrestrische Speicher für organischen Kohlenstoff. Doch die erste „Bodenzustandserhebung Landwirtschaft“ zeigt, dass in Deutschland in den nächsten 10 Jahren im Schnitt 0,21 Tonnen organischer Kohlenstoff pro Hektar Ackerland und Jahr im Oberboden verloren gehen könnten, wenn sich an der Bewirtschaftung nichts ändert. Für den vom Thünen-Institut am Mittwoch veröffentlichten Bericht nahmen Wissenschaftler zwischen 2012 und 2018 in ganz Deutschland mehr als 120.000 Bodenproben und analysierten diese. Über die Karte des Landes wurden Raster mit einer Ausdehnung von acht Kilometern gezogen. An 3104 Beprobungspunkten wurden die Sauerstoffversorgung, Humusbildung und organische Kohlenstoffvorräte gemessen. Die Ergebnisse zeigen, dass im obersten Meter landwirtschaftlich genutzter Böden hierzulande insgesamt rund 2,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert sind. Das ist mehr als doppelt so viel, wie derzeit in allen Bäumen (inklusive Totholz) in deutschen Wäldern bevorratet ist. Die Wald- und Agrarökosysteme speichern zusammen so viel organischen Kohlenstoff, wie Deutschland beim derzeitigen Emissionsniveau in 23 Jahren als CO2 emittiert.

Doch die Humusvorräte drohen zu schwinden, wie die Thünen-Wissenschaftler anhand von fünf Bodenkohlenstoffmodellen ermittelten, in die sie ihre Messergebnisse eingaben. „Für einen Zehnjahreszeitraum und bei langfristig gleich bleibenden Bewirtschaftungs- und Klimabedingungen“ prognostizieren sie einen Verlust an organischem Kohlenstoff in Höhe von -0,21 Tonnen organischem Kohlenstoff pro Hektar und Jahr. Die mittleren modellierten Verluste von organischem Kohlenstoff aus Oberböden unter Ackernutzung fallen in den neuen Bundesländern mit -0,27 Tonnen je Hektar und Jahr deutlich höher aus als in der Region Nord mit einem Wert von -0,22 bzw. Süd mit nur -0,09. Böden, die einen geringen Eintrag an organischem Kohlenstoff durch Pflanzenreste und organische Dünger erhalten, wiesen im Modell ein erhöhtes Risiko für eine Abnahme der Vorräte auf, heißt es weiter. „Humus wird ja gebildet aus Biomasse, die in den Boden reinkommt: Stroh, Wurzelreste, Erntereste, Kompost, organischer Dünger wie Gülle oder Stallmist“, erklärt Axel Don, Leiter der Abteilung für Agrarklimaschutz des Thünen-Instituts, der taz. „Davon bleibt einfach weniger auf dem Acker, wenn man zum Beispiel Stroh abfährt und energetisch nutzt.“ Zudem würden Landwirte schon in ihren Fruchtfolgen weniger Kleegras und Luzerne anbauen, deren Wurzeln tief in den Boden eindringen und nach der Ernte zu Humus werden können. „Luzerne gibt es quasi nur noch bei Ökobauern. Und Luzerne ist einfach eine Kulturart, die unheimlich wichtig ist für den Humusaufbau.“

Der Bericht nennt Maßnahmen, mit denen es gelingen kann, die vorhandenen Humusvorräte nachhaltig zu sichern und den Humusaufbau zu fördern. Eine davon ist der Erhalt von Dauergrünland, denn dieses speichert mit durchschnittlich 200 Tonnen pro Hektar doppelt so viel Kohlenstoff wie Böden unter Ackernutzung mit 101 Tonnen je Hektar. „Auch die gezielte Umwandlung von Acker in Dauergrünland, beispielsweise als Maßnahme für den Gewässer- und Erosionsschutz, kann durch Humusaufbau einen zusätzlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, schreiben die Autoren. Zudem könne der Humusaufbau auf dem Acker über den Eintrag von Pflanzenresten gefördert werden. Die wichtigsten Maßnahmen seien „der Anbau von Zwischenfrüchten und Untersaaten (Gründüngung) für eine möglichst ganzjährige Begrünung des Bodens, der Anbau mehrjähriger Kulturen wie z. B. Kleegras sowie der Verbleib von Ernteresten auf dem Acker.“ Den Autoren zufolge können durch langjährigen Zwischenfruchtanbau die Vorräte an organischem Kohlenstoff in Ackerböden in 20 Jahren im Mittel um 8 Tonnen organischen Kohlenstoff im Oberboden gesteigert werden.

Auch die organische Düngung mit z. B. Mist, Gülle oder Gärresten beeinflusse die Menge an organischem Kohlenstoff, die zum Humusaufbau zur Verfügung stehe. Organische Düngung, insbesondere von Stallmist und Kompost, kann wesentlich zum Aufbau von Humus beitragen mit langfristig 2 bis 22 Tonnen je Hektar mehr Kohlenstoff im Vergleich zu Ackerböden ohne organische Düngung. Auf der anderen Seite brächten Überschüsse an organischen Düngern, vor allem in Gegenden mit intensiver Nutztierhaltung, die Nährstoffbilanzen in einigen Regionen aus dem Gleichgewicht – mit erheblichen negativen Umweltfolgen. Vorteile bringe auch die Anlage von Agroforstsystemen, Feldgehölzen oder Aufforstungen in waldarmen Regionen, denn Agroforstsysteme speichern rund 18% mehr organischen Kohlenstoff im Boden als Äcker mit einjährigen Pflanzen.

Der Bericht betont die Vorzüge des Ökolandbaus für den Humusaufbau. „Im ökologischen Landbau wird ausschließlich organischer Dünger und kein mineralischer Dünger eingesetzt. Außerdem werden mehr Kleegras oder Luzernegras als stickstofffixierende und humusmehrende Kulturen angebaut“, heißt es im Bericht. Zusammen ergebe sich dadurch im globalen Durchschnitt eine Erhöhung der Bodenkohlenstoffvorräte um etwa 3 bis 4 Tonnen je Hektar im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten Böden. Dagegen hätten konservierende Bodenbearbeitung oder Direktsaatverfahren, die in den USA und Südamerika weit verbreitet sind, „keinen signifikanten Einfluss auf die Humusvorräte im Bodenprofil“. Sie führten zu einer Humusanreicherung in den obersten Zentimetern des Bodens, aber zu einem Humusverlust in den darunter liegenden Bodentiefen. (ab)

30.11.2018 |

Regierungsbericht: Klimawandel wird US-Landwirtschaft hart treffen

Durre
Die Maiserträge im Mittleren Westen werden erheblich sinken (Foto: CC0)

Ein Behördenbericht warnt, dass der Klimawandel die USA hart und in allen Bereichen treffen wird – von der Landwirtschaft über die Wasser- und Energieversorgung und den Verkehrssektor bis hin zur menschlichen Gesundheit. Der Wirtschaft drohen jährliche Verluste in dreistelliger Milliardenhöhe – doch Präsident Trump will dem Bericht seiner eigenen Behörden schlichtweg nicht glauben. Die vierte Ausgabe des „National Climate Assessment“ (NCA4) wurde von 13 Ministerien und Bundesbehörden verfasst und am 23. November veröffentlicht. Mehr als 300 Experten arbeiteten an dem 1600-Seiten-Wälzer, für den über 1000 wissenschaftliche Studien ausgewertet wurden. Das Fazit: „Die Indizien für den vom Menschen verursachten Klimawandel sind überwältigend und werden immer deutlicher, die Auswirkungen des Klimawandels verschärfen sich im ganzen Land und die klimabedingten Gefahren für das körperliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Wohl der Amerikaner nehmen zu.“ Bis 2100 könne die globale Erwärmung die Wirtschaftsleistung der USA um bis zu 10% senken, sagen die Forscher voraus. Die Kosten durch Extremwetterereignisse haben seit 2015 allein 400 Milliarden US-Dollar gekostet. Den Autoren zufolge werden sich die Folgen des Klimawandels intensivieren – aber in welchem Maße hängt natürlich von den Gegen- und Anpassungsmaßnahmen ab.

Die Landwirtschaft gehört zu den am stärksten betroffenen Sektoren. „Es wird erwartet, dass steigende Temperaturen, extreme Hitze, Dürre, Brände auf Weideflächen und starke Regengüsse die Qualität und Quantität der Ernteerträge in den USA, die Viehgesundheit, die Preisstabilität und Lebensgrundlagen im ländlichen Raum zunehmend infrage stellen werden. Die erste Kernbotschaft von Kapitel 10 zu Landwirtschaft und Ernährung warnt vor einer verringerten landwirtschaftlichen Produktivität. „Die Nahrungsmittel- und Futtermittelproduktion wird in jenen Regionen zurückgehen, wo die Häufigkeit und Dauer von Dürren zunimmt. Sich verändernde Niederschlagsmuster werden, im Zusammenspiel mit hohen Temperaturen, Brände verstärken und so Viehfutter auf Weideflächen vernichten, die Erschöpfung von Wasservorräten für die Bewässerung beschleunigen und die Verbreitung und Häufigkeit von Schädlingen und Krankheiten für Nutzpflanzen und Vieh erhöhen“, so der Bericht. Zweitens werde die Degradation wichtiger Boden- und Wasserressourcen aufgrund von extremen Niederschlagsereignissen voranschreiten. Ackerflächen drohen Überflutungen, Abfluss und die Auswaschung von Nährstoffen. Das fördere die Bodenerosion, beeinträchtige die Wasserqualität in Seen und Flüssen und schade der Infrastruktur ländlicher Gemeinden.

Die dritte Kernbotschaft lautet, dass hohe Temperaturextreme die Gesundheit von Mensch und Tier enorm beeinträchtigen und Viehhaltern große wirtschaftliche Schäden bescheren wird. Die Autoren warnen auch davor, dass die Bewohner ländlicher Gemeinden aufgrund von Armut und begrenzten Ressourcen der Kommunen oft nur begrenzt auf Klimafolgen reagieren können. Der Mittlere Westen der USA wird besonders stark unter dem Klimawandel leiden. „Der Mittlere Westen ist ein bedeutender Produzent einer breiten Palette von Nahrungs- und Futtermitteln für den nationalen Verbrauch und den internationalen Handel. Der Anstieg der Luftfeuchtigkeit und des Niederschlags in der warmen Jahreszeit hat die Böden erodiert, günstige Bedingungen für Schädlinge und Krankheitserreger geschaffen und die Qualität des eingelagerten Getreides verschlechtert“, schreiben die Autoren. Sie gehen davon aus, dass steigende Temperaturen und häufigere, heftige Regenfälle die landwirtschaftliche Produktion im Mittleren Westen bis zum Jahr 2050 auf ein Niveau senken könnten, das zuletzt in den 1980er Jahren erreicht wurde. Die Erträge von Haupterzeugnissen wie Mais könnten dort zwischen 5% und 25% einbrechen.

„Wie viele Weckrufe brauchen wir denn noch?“, fragte Carol Werner, Leiterin des Washingtoner Institut für Energie- und Umwelt-Studien (EESI). „Jedes neue Ausgabe des National Climate Assessment schließt sich der vorherigen an und bestätigt, dass der Klimawandel bereits real ist und dass wir handeln müssen“, fügte sie hinzu. „Die Zeit läuft uns davon!“ Einer, der sich von Weckrufen nicht beeinflussen lässt, ist US-Präsident Donald Trump. Seine Regierung veröffentlichte den Pflichtbericht nicht wie geplant im Dezember, sondern am Freitag nach Thanksgiving, an dem sich die Amerikaner im Black Friday-Einkaufswahn befinden. Dieser Versuch, die Ergebnisse unter den Teppich zu kehren, löste Empörung bei Umweltorganisationen aus. Auf die Frage von Reportern am Montag, was er von dem Bericht halte, antwortete Trump: „ Ich hab ihn gesehen, ich habe Teile davon gelesen, es ist okay.“ Zu den enormen wirtschaftliche Folgen sagte er: „Das glaube ich nicht.“ Dann schob er die Verantwortung der USA von sich und teilte gegen China und Japan aus: „Momentan sind wir so sauber wie noch nie und das ist mir wichtig“, sagte Trump. „Aber wenn wir sauber sind und alle anderen auf der Welt schmutzig, ist das nicht so gut“, lautete sein Statement. (ab)

26.11.2018 |

Bäuerlicher Klimaappell mahnt Einhaltung der Klimaziele an

Wiese
Appell für eine klimaschonende Landwirtschaft (Foto: Katharina Schertler, Bioland)

Die Bundesregierung muss das 1,5-Grad-Ziel engagiert anpacken – etwa durch die Förderung einer klimaschonenden Landwirtschaft, den Kohleausstieg und die Einführung einer CO2-Steuer. Mit diesem „Bäuerlichen Klimaappell“ richten sich die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Bioland, Demeter und Naturland vor der anstehenden UN-Klimakonferenz in Katowice im Dezember an die Politik, um die Einhaltung der Klimaziele anzumahnen. Denn sonderlich erfolgreich ist Deutschland auf diesem Gebiet bisher nicht. Erst kürzlich offenbarte ein durchgesickerter Entwurf des Klimaschutzberichts 2018, dass die Bundesrepublik ihre Klimaziele für 2020 klar verfehlen wird: Statt bis 2020 wie geplant 40% weniger Treibhausgase als noch 1990 auszustoßen, wird wohl nur eine Minderung von 32% gelingen. Die Verbände fordern daher von der Politik: „Die zugesagten deutschen Klimaziele müssen zu 100% umgesetzt und notfalls nachgeschärft werden, um das Klimaabkommen von Paris einzuhalten. Das heißt: Reduzieren der CO2-Emissionen mindestens um 40% bis 2020 und um 55% bis 2030.“ Ein weiteres Aufschieben verschärft die Auswirkungen der Klimakrise und verteuert mögliche Gegenmaßnahmen extrem, mahnen die Organisationen.

In dem Appell warnen sie vor den Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft: „Im verheerenden Dürresommer 2018 erleben wir erneut die zerstörerischen Folgen des Klimawandels. Tausende Höfe in Europa und Deutschland – und viele Millionen weltweit – sind davon betroffen. Die Fruchtbarkeit unserer Böden, die Existenz unserer Betriebe und unsere Wälder sind massiv durch die Klimakrise bedroht. Seit langem warnen Klimaforscher, doch die Politik handelt nicht. Die Auswirkungen des Klimawandels sind ökologisch, sozial und ökonomisch unverantwortbar. Es ist Zeit, eine Wende in der Klimapolitik einzuläuten!“ Als kurzfristige Maßnahme schlagen die Verbände eine CO2-Besteuerung vor. „Die Politik darf vor den Profitinteressen von klimazerstörenden Konzernen (Kohle, Flugverkehr, Autoindustrie, Agrarindustrie etc.) nicht einknicken. Politik hat die Aufgabe, die Wirtschaft so zu regulieren, dass sie nicht zulasten des Klimas geht“, heißt es im Appell.

Auch die Land- und Lebensmittelwirtschaft muss klimaschonende Wege weiter beschreiten und ausbauen – im Ackerbau und in der Tierhaltung, betonen die Verbände. Sie fordern von Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner, auch in diesem Bereich Maßnahmen einzuleiten, wie die Reduzierung der Emissionen aus der Tierhaltung durch eine flächengebundene Tierhaltung, die Förderung eines nachhaltigen Konsums und die Eindämmung der Lebensmittelverschwendung sowie das Etablieren einer Stickstoffstrategie zur Reduzierung der Lachgasemissionen. Weitere Empfehlungen sind die Förderung der CO2-Bindung durch Humusaufbau in den landwirtschaftlichen Böden, die Ausrichtung der gesamten EU-Agrarzahlungen auf eine klimaschonende, umweltschonende und tiergerechte Landwirtschaft sowie die Ausweitung des Ökolandbaus als bewährtes und zertifiziertes Verfahren für eine umweltfreundliche Landwirtschaft. Tausende Biobetriebe nehmen bereits jetzt Verantwortung auf den Höfen für eine enkeltaugliche Zukunft wahr, betonen die Unterzeichner. Die Verbände rufen dazu auf, am 1. Dezember auf den Demonstrationen „Tempo machen beim Kohleausstieg“ in Köln und Berlin sowie auf der „Wir haben es satt“-Agrar-Demonstration am 19. Januar 2019 in Berlin auch für eine klimaschonende Landwirtschaft auf die Straße zu gehen, um die Bundesregierung laut und sichtbar an das 1,5-Grad Ziel zu erinnern. (ab)

21.11.2018 |

UN-Erklärung für die Rechte von Kleinbauern verabschiedet

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Kleinbauernrechte stärken! (Foto: CC0)

Die Vereinten Nationen haben die Rechte von Kleinbauern gestärkt: Am 19. November nahm der 3. Ausschuss der UN-Vollversammlung die Erklärung für die Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten an. Eine klare Mehrheit von 119 Staaten stimmte für Resolution Nr. A/C.3/73/L30, bei sieben Gegenstimmen und 49 Enthaltungen. Die UN-Erklärung stärkt die Rechte von Bevölkerungsgruppen auf dem Land, die weltweit zunehmend diskriminiert und kriminalisiert werden, und hält individuelle und kollektive Rechte von Kleinbauern fest, darunter das Recht auf Land, Saatgut und Wasser. Sie war seit 2012 von einer Arbeitsgruppe des UN-Menschenrechtsrats unter Vorsitz von Bolivien erarbeitet worden, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Kleinbauern und andere Menschen in ländlichen Regionen überproportional von Hunger und Diskriminierung betroffen sind. Sie bündelt und ergänzt alle Rechte des existierenden Menschenrechtskanons. Im Dezember wird sie noch formal von der UN-Vollversammlung beschlossen.

Australien, Ungarn, Israel, Neuseeland, Schweden, Großbritannien und die USA lehnten die Erklärung ab. Deutschland enthielt sich trotz vielfacher Aufforderungen von Nichtregierungsorganisationen, die UN-Erklärung zu unterstützen, und ließ die EU für sich sprechen. Diese nannte als Enthaltungsgrund der meisten EU-Mitglieder Vorbehalte gegen die Rechte auf Land, Saatgut und Ernährungssicherheit sowie gegen kollektive Rechte. „Die Annahme der Erklärung in der UN-Vollversammlung ist ein großer Schritt zur Weiterentwicklung der Menschenrechte, den Bauern und Landarbeiter sowie ihre Organisationen über viele Jahre hart erkämpft haben“, kommentierte Jan Urhahn, Agrarreferent der Entwicklungsorganisation INKOTA. „Das Abstimmungsverhalten Deutschlands und vieler anderer EU-Staaten ist hingegen eine herbe Enttäuschung. Die Sonntagsreden der Bundesregierung entpuppen sich als heiße Luft: Sie handelt gegen den eigenen Koalitionsvertrag, in dem sie sich klar für eine Stärkung der Menschenrechtsschutzmechanismen und für die Förderung von Kleinbauern und -bäuerinnen ausgesprochen hat. Das Handeln zeigt: Im Zweifelsfall steht die Bundesregierung auf der Seite der Konzerne und nicht auf der Seite der Menschen.“

Bolivien, das im Erarbeitungs- und Verabschiedungsprozess der Erklärung federführend war, begrüßte die Annahme und hob ihre Bedeutung hervor: „Wir sind der Auffassung, dass dies ein großer Schritt hin zu öffentlichen Politiken ist, die nicht nur die Rechte und Bedürfnisse von Kleinbauern anerkennen, sondern auch deren Beitrag für das Wohlergehen und die Lebensqualität der Gesellschaften, die sie durch ihre tägliche Arbeit ernähren. Wir sind sicher, dass dieses Instrument eine zentrale Rolle für die Menschenrechte und die Beseitigung von Hunger und Armut spielen wird – gemeinsam mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung.“ Auch die internationale kleinbäuerliche Bewegung La Via Campesina und die Menschenrechtsorganisation FIAN, die seit Beginn der UN-Verhandlungen an der Erarbeitung der Erklärung mitgewirkt hatten, freuten sich über den Triumph. „Nach der Zustimmung der Generalversammlung im Dezember werden wir ein neues Kapitel der Kleinbauernrechte beginnen und wir fordern, dass alle UN-Staaten sich dazu verpflichten, die Erklärung umzusetzen. Wir sind entschlossen, zu einer besseren Gesellschaft beizutragen, den Klimawandel zu bekämpfen, Hunger zu beenden und vielfältige und nahrhafte Lebensmittel für alle bereitzustellen“, sagte Ramona Duminicioiu von La Via Campesina Europe. (ab)

16.11.2018 |

Zivilgesellschaft präsentiert Maßnahmenkatalog zum Klimaschutz

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Geringere Tierbestände, Klasse statt Masse (Foto: CC0)

Deutschland muss in allen Sektoren schnell und entschlossen gegensteuern, um zumindest seine Klimaziele für 2030 noch zu erreichen. Mehr als 60 Organisationen der Zivilgesellschaft haben nun einen umfassenden Maßnahmenkatalog zum Klimaschutz vorgelegt, der am Donnerstag in Berlin präsentiert wurde. Kernforderungen der Klima-Allianz sind ein baldiger Kohleausstieg, die schnelle Umsetzung der Verkehrs- und Agrarwende sowie ein ambitionierter CO2-Preis. Dass dies dringend notwendig ist, zeigt der in Kürze erscheinende Klimaschutzbericht 2018, in dem die Bundesregierung eine Lücke von acht Prozentpunkten zum Erreichen des Klimaziels für 2020 eingestehen muss. „Deutschland wird das Klimaziel 2020 drastisch verfehlen. Für das 2030-Ziel ist das keine Option“, erklärte Antje von Broock vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland. „Der Klimawandel wartet nicht auf politische Entscheidungen. Bis Mitte des Jahrhunderts müssen wir weitgehende Treibhausgasneutralität erreichen. Die Bundesregierung ist dringend gefragt, ihrerseits geeignete Maßnahmen vorzulegen und sofort mit der Umsetzung zu beginnen“, fordert sie.

Das zivilgesellschaftliche Bündnis beleuchtet im „Maßnahmenprogramm Klimaschutz 2030“ unter anderem die Handlungsfelder Energie, Gebäude, Verkehr, Industrie und Landwirtschaft aus dem Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung. Der Agrarsektor trägt erheblich zum Klimaproblem bei: 2016 verursachte die Landwirtschaft fast 60% der Methan- und 80% der Lachgasemissionen – in absoluten Zahlen stieß der Sektor 72 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus. Laut Klimaschutzplan 2050 sollen diese Emissionen bis 2030 um 31 bis 34% im Vergleich zu 1990 auf 58 bis 61 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente sinken. „Damit fällt das mittelfristige Reduktionsziel für den Sektor Landwirtschaft weniger ambitioniert aus als in allen anderen Sektoren“, kritisieren die Autoren. Ein Großteil der Emissionen stammt aus der Tierproduktion. Die Herausforderung liege daher in einer deutlichen Verringerung der Tierbestände, so die Organisationen. Vor allem an den Hotspots mit hohen Bestandsdichten müsse angesetzt werden. „Um einen Umbau der Nutztierhaltung einzuleiten, muss die Bundesregierung verbindliche Schritte im Rahmen der nationalen Nutztierstrategie festlegen“, heißt es. Zudem müssten die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen werden, dass Tierhaltungsanlagen ohne entsprechende Flächen keine Genehmigung erhalten und eine flächengebundene Tierhaltung von maximal zwei Großvieheinheiten pro Hektar verbindlich sei.

Doch laut Gerald Wehde von Bioland werde eine Reduzierung der Tierbestände nur gelingen, wenn sowohl der Konsum in Deutschland als auch der Export tierischer Lebensmittel erheblich gesenkt werden. Die Verantwortung liege hier nicht allein bei den Verbrauchern. Gefragt sei vielmehr eine staatliche Hilfestellung in Form von Anreizen, die es den Menschen erleichtern, weniger Fleisch zu essen und weniger Lebensmittel wegzuwerfen. „Als Richtschnur können die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung herangezogen werden. Die DGE empfiehlt unter anderem weniger Fleischkonsum, aus dem sich – würden sich alle an eine solche Reduzierung halten – eine Treibhausgasreduktion von etwa 22,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr ergäbe“, so die Autoren. Um die Verschwendung von Lebensmitteln entlang der gesamten Wertschöpfungskette deutlich zu reduzieren, brauche es eine nationale Strategie gegen die Verschwendung unter Einbindung der Wirtschaft. Auf Basis gesetzlicher Regelungen und Branchenverpflichtungen sollte bis 2030 eine Reduzierung der Wegwerfverluste um 60% erreicht werden.

Der Ökolandbau weist Wege aus vielen mit der traditionellen Landwirtschaft verbundenen Problemen, betont das Papier. Er diene sowohl dem Schutz des Klimas, als auch der Biodiversität, des Bodens und des Wassers sowie nicht zuletzt den Landwirten und Kunden. „Dem Motto ‚Klasse statt Masse‘ folgend muss der ökologische Landbau als klimafreundliches Anbausystem konsequent ausgebaut werden. Wir brauchen weniger Stickstoffeinsatz, mehr Dauergrünland und eine an die Fläche angepasste Zahl von Tieren sowie vielfältige Fruchtfolgen auf dem Acker“, fordert Wehde. Ende 2017 betrug der Flächenanteil jedoch erst 8%. Der Ökolandbau müsse ausgebaut und das Ziel, einen Flächenanteil von 20% zu erreichen, klar an die Zeitvorgabe 2030 geknüpft werden, betont die Klima-Allianz. Dafür brauche es die konsequente Umsetzung der Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau mit einer Aufstockung des Budgets. Ab 2019 sollten das Budget des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) auf 60 Millionen Euro aufgestockt und am Bedarf des Ökolandbaus ausgerichtet werden. Die Allianz fordert auch einen schnellen Ausbau des Anteils der öffentlichen Agrarforschungsmittel für den Ökolandbau. Wehde betont zudem die Notwendigkeit, alle Hebel auf EU-Ebene in Bewegung zu setzen. „Eine Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU nach 2020 muss Umweltleistungen, eine artgerechte Tierhaltung und den Erhalt vielfältiger bäuerlicher Strukturen in den Fokus der Mittelverwendung stellen. Dies bedingt eine langfristig sichere Finanzierung der Umstellungs- und Beibehaltungsprämien für ökologischen Landbau durch die EU, den Bund und die Bundesländer“, heißt es im Maßnahmenkatalog. (ab)

14.11.2018 |

Klimaschutz: Deutschland hinkt Zielen hinterher, auch in der Landwirtschaft

Dunger
Seit Jahren stagnieren die Emissionen der Landwirtschaft statt zu sinken (Foto: CC0)

Deutschland hinkt beim Klimaschutz weiter hinterher und wir seine Klimaziele 2020 klar verfehlen, wie aus einem durchgesickerten Entwurf des Klimaschutzberichts 2018 hervorgeht. Statt bis 2020 wie geplant 40% weniger Treibhausgase als noch 1990 auszustoßen, wird wohl nur eine Minderung von 32% gelingen. Die Emissionen im Verkehrssektor werden steigen, in der Landwirtschaft bleibt es bei einer Stagnation. Das stand auch schon im Bericht für 2017, doch die Lücke wird nicht kleiner. Um das 40%-Ziel zu erreichen, müssten die deutschen Emissionen im Vergleich zu 1990 um etwa 500 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente auf 750 Millionen Tonnen sinken. Doch nach ersten Schätzungen des Umweltbundesamtes wurden 2017 insgesamt noch rund 905 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt und damit nur 4 Millionen Tonnen weniger als 2016. „Dass die berüchtigte ‚Handlungslücke‘ beim Erreichen des deutschen Klimaschutzziel 2020 weiterhin ziemlich genauso groß bleibt wie im letzten Jahr, ist ein klimapolitisches Komplettversagen“, kritisierte Lisa Badum, Sprecherin für Klimapolitik der Grünen Bundestagfraktion. „Gäbe es für die Klimapolitik Noten, dann wäre das eine rote Note 6 im Zeugnis der Bundesregierung.“

Das 2014 aufgelegte „Aktionsprogramm Klimaschutz 2020“ sollte einen Beitrag in Höhe von 62 bis 78 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten zur Erreichung des 40%-Ziels erbringen. Zwar sei dadurch ein Beitrag zur Schließung der Lücke zu erwarten, heißt es nun im Entwurf, der bald vom Bundeskabinett beschlossen werden soll. „Allerdings zeigt die aktuelle Schätzung erneut, dass die insgesamt erwartete Minderungswirkung der Einzelmaßnahmen mit 41 bis 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten für das Jahr 2020 weder die ehedem erwartete noch die aktuell zu vergegenwärtigende Lücke wird schließen können – auch wenn der Emissionshandel infolge deutlich höherer Zertifikatspreise [mit] 2,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente einen höheren Minderungsbeitrag als noch vor einem halben Jahr erwarten lässt.“ Für den Sektor Energie wird mit einem Rückgang der Emissionen um 15 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente bzw. 4% gerechnet. Die Emissionen in den Sektoren Verkehr und Industrie hingegen steigen 2017 mit jeweils 5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente an. In den drei Sektoren Landwirtschaft, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen sowie private Haushalte stagnieren die Emissionen bei jeweils 72, 39 und 91 Millionen Tonnen.

Vom Jahr 1990 bis zum Jahr 2016 sind die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft von 90 auf 72 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente und somit um rund 20% zurückgegangen. Ihr Anteil an den Gesamtemissionen liegt damit nahezu unverändert bei gut 7%. „Die bisherigen Minderungen in der Landwirtschaft resultieren in erster Linie aus dem Rückgang der Tierhaltung in Ostdeutschland nach 1990, den Umweltanforderungen der gemeinsamen EU-Agrarpolitik, einem verbesserten Düngemanagement und einer stärkeren Kopplung von Viehdichten an die Fläche“, ist im Entwurf zu lesen. Zusätzliche Minderungsoptionen bestünden in der Erhöhung der Effizienz beim Stickstoffdüngereinsatz und in der Ausweitung des Ökolandbaus, wie es das Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 vorsieht. Doch auch dann rechnet der Bericht lediglich mit einer Senkung der Emissionen in der Landwirtschaft auf 69 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente bis 2020.

In puncto Überdüngung steht in dem Papier: „Mit dem 2017 novellierten Düngerecht soll die bedarfsgerechte Düngung und der ressourcenschonende Einsatz von Stickstoff weiter gestärkt werden. Doch das Erreichen des Ziels der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung, die landwirtschaftlichen Stickstoffüberschüsse in der Gesamtbilanz bis 2030 auf 70 kg pro Hektar und Jahr zu reduzieren, liegt noch in weiter Ferne. Vorläufige Daten des Landwirtschaftsministeriums zeigen, dass der Stickstoffüberschuss in der Gesamtbilanz Deutschlands 2016 noch rund 102 kg pro Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche betrug. Besser fällt die Bilanz auch bei der Ausweitung der Flächen für den Ökolandbau nicht aus. Nach der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung soll der Flächenanteil des ökologischen Landbaus an der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Zukunft 20% betragen. Doch davon ist Deutschland noch meilenweit entfernt, auch wenn die Fläche von 2016 auf 2017 um 10% zulegte. Laut Zahlen des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) wurde 2017 in Deutschland aber erst 8,2 % der gesamten Landwirtschaftsfläche ökologisch bewirtschaftet. (ab)

09.11.2018 |

FAO: Globale Fleischproduktion erreicht 2018 neuen Rekordwert

Fleisch
Die Fleischproduktion steigt (Foto: CC0)

Die weltweite Fleischproduktion wird dieses Jahr einen neuen Rekord erreichen. Die Welternährungsorganisation FAO prognostiziert in ihrem am Dienstag veröffentlichten „Food Outlook“ für 2018 einen Anstieg auf 335 Millionen Tonnen Schlachtgewicht. Das stellt ein Plus von 1,5% gegenüber dem Vorjahr dar und ist der höchste Zuwachs seit 2014. Dies sei vor allem auf eine Erholung des Fleischsektors in China und eine erhöhte Produktion in den Vereinigten Staaten und der EU zurückzuführen, heißt es in der Marktanalyse. Vor allem in Europa und Australien hätte das trockene und warme Wetter die Kosten für Futtermittel in die Höhe schnellen lassen und dadurch zu einem Anstieg der Schlachtzahlen geführt, schreiben die Experten. Auch die Fleischexporte sollen den Prognosen zufolge 2018 mit 33,6 Millionen Tonnen einen neuen Rekordwert erreichen. Gegenüber dem Vorjahr wäre dies ein Plus von 2,7%, das vor allem Exportzuwächsen in den USA, Australien, Argentinien, Thailand und in der EU geschuldet ist. Steigende Importzahlen registriert die FAO für China, Japan, Mexiko und Südkorea.

In den vergangenen Jahrzehnten legte die globale Fleischproduktion stark zu: Seit 1965 hat sie sich von damals 84 Millionen Tonnen auf 335 Millionen fast vervierfacht. Auch der Pro-Kopf-Konsum kletterte von 25,24 Kilogramm im Jahr 1965 um gut 73% auf geschätzte 43,7 Kilo in 2018. In Deutschland hingegen ist der Fleischkonsum weiterhin leicht rückläufig. Der Deutsche Fleischer-Verband (DFV) vermeldet in seinem im Oktober erschienen Jahrbuch, dass der Fleischverbrauch 2017 in der Bundesrepublik statistisch 87,7 Kilogramm pro Kopf betrug. Die tatsächlich konsumierte Fleischmenge, nach Abzug von Knochen, Sehnen, Tiernahrung und Verlusten, lag bei 59,7 Kilogramm Fleisch pro Kopf – ein leichter Rückgang im Vergleich zu 60,5 Kilo in 2016 und gut 2,6 Kilogramm weniger als noch 2010. 4,88 Millionen Tonnen Fleisch wurden 2017 exportiert und 3,6 Millionen Tonnen importiert. Im Schnitt wurde 17% mehr Fleisch produziert als in Deutschland verbraucht. Bei Schweinefleisch liegt der Selbstversorgungsgrad sogar immer noch bei 120%. Laut Statistischem Bundesamt ging die Fleischerzeugung in Deutschland 2017 jedoch zurück auf 8,11 Millionen Tonnen Fleisch – ein Minus von 2% im Vergleich zum Rekordwert 2016 mit 8,28 Millionen Tonnen. (ab)

07.11.2018 |

Patent auf konventionell gezüchteten „geköpften Brokkoli“ widerrufen

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Endlich frei: der geköpfte Brokkoli (Foto: CC0)

Das Europäische Patentamt (EPA) hat das umstrittene Patent auf den „geköpften Brokkoli“ aus herkömmlicher Züchtung widerrufen. Das teilte heute das Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“ mit, dessen Einspruch gegen das Patent nun von Erfolg gekrönt wurde. Das Patent war dem inzwischen von Bayer aufgekauften US-Konzern Monsanto 2013 erteilt worden und erstreckte sich auf einen aufgrund seines höheren Wuchses leichter erntbaren Brokkoli – und zwar das Saatgut, den geernteten (‚geköpften‘) Brokkoli sowie „Brokkolipflanzen, die in einem Brokkolifeld gezogen werden“. Das Bündnis, dem Organisationen von A wie Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) bis Z wie Zukunftsstiftung Landwirtschaft angehören, demonstrierte daraufhin 2014 unter dem Motto „Freiheit für den Brokkoli!“ vor dem EPA in München und legte Widerspruch ein. Denn die Erteilung von Patenten auf konventionell, also ohne Gentechnik, gezüchtete Pflanzen verstößt gegen das EU-Patentrecht, das Patente auf Pflanzen und Tiere, „die aus im Wesentlichen biologischen Verfahren“ gewonnen wurden, untersagt. Das sah das EPA jedoch anders: 2015 entschied seine Große Beschwerdekammer zunächst in einer Grundsatzentscheidung zum „Brokkoli-Patent“, dass Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zulässig sind, auch wenn die Züchtungsverfahren als solche nicht patentierbar sind.

Das Patentamt erteilte daher munter weiter Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen. Auf Druck der EU und Zivilgesellschaft beschloss das EPA 2017 jedoch neue Regeln für die Auslegung, wonach keine Patente auf Pflanzen und Tiere mehr erteilt werden dürfen, wenn diese aus üblichen Züchtungsverfahren wie Kreuzung und Selektion hervorgehen. Der jetzige Widerruf stützt sich darauf und schlussfolgert, dass „im vorliegenden Fall die beanspruchten Brokkoli-Pflanzen nur durch ein im Wesentlichen biologischen Verfahren, das Kreuzung und Selektion umfasst, erhalten werden können“. Es ist der erste derartige Widerruf. „Das ist ein wichtiger Erfolg für das breite gesellschaftliche Bündnis gegen Patente auf Pflanzen und Tiere. Ohne unseren Einsatz wären die Regeln am EPA nicht verändert worden und das Patent wäre immer noch gültig“, erklärte Ruth Tippe von „Kein Patent auf Leben!“. „Die großen Konzerne wie Bayer, Syngenta und BASF sind mit ihrer Strategie gescheitert, die herkömmliche Züchtung von Pflanzen und Tieren über das Patentrecht zu monopolisieren“.

Allerdings gebe es noch immer große Schlupflöcher im Patentrecht, warnt das Bündnis. Denn nach der Neuregelung sind Pflanzen und Tiere patentierbar, bei denen genetische Veranlagungen und zufällige Mutationen identifiziert werden, die für die Züchtung wichtig sind. Das zeigen die Patente auf Gerste und Bier für die Brauereikonzerne Carlsberg und Heineken. Die 2016 vom EPA gewährten Patente umfassen Gerstenpflanzen aus konventioneller Züchtung, ihre Verwendung im Brauverfahren sowie das daraus gebraute Bier. Die Patente basieren auf zufälligen Mutationen im Genom der Gerste. Getreidekörner wurden mit Chemikalien in Kontakt gebracht, um eine größere Bandbreite an genetischen Variationen hervorzurufen. Dann wurden daraus spezifische Mutationen, deren Nutzen bereits bekannt war, durch Standardverfahren selektiert. Erst im Oktober 2018 hatte das EPA Einsprüche gegen die Patente zurückgewiesen und diese lediglich eingeschränkt. „Wir sehen den Beginn einer Entwicklung, die eine freie Pflanzenzucht in naher Zukunft unmöglich machen kann. Derartige patentierte Mutationen könnten in jeder Nutzpflanze versteckt sein“, warnte Johanna Eckhardt vom Bündnis. „Hier muss die Politik jetzt erneut aktiv werden“, fordert auch Tippe. (ab)

02.11.2018 |

WWF: Wirbeltierbestände schrumpften seit 1970 um 60%

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Tiere und Habitate schwinden (Foto: CC0)

Der Ressourcenhunger der Menschheit übersteigt die Regenerationsfähigkeit des Planeten und lässt die natürlichen Reserven und die biologische Vielfalt in besorgniserregendem Maße schwinden. In den letzten rund 40 Jahren schrumpften die Wirbeltierbestände um 60%. Das zeigt der Ende Oktober veröffentlichte „Living Planet Report 2018“, den die Naturschutzorganisation WWF gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft London erstellte und an dem 59 Autoren von insgesamt 26 Institutionen mitwirkten. „Die schrumpfenden Wildtierzahlen und natürlichen Habitate sind ein Indikator für die enormen Auswirkungen und den Druck, den wir auf den Planeten ausüben, wodurch das lebendige Gefüge beschädigt wird, das uns versorgt: die Natur und die Biodiversität“, erklärte Marco Lambertini, Generaldirektor von WWF International. In den letzten Jahrzehnten haben menschliche Aktivitäten die Lebensräume und die natürlichen Ressourcen, auf die Wildtiere und die Menschheit angewiesen sind, wie Ozeane, Wälder, Korallenriffe, Feuchtgebiete und Mangroven, stark beeinträchtigt. 20% des Amazonasgebiets ist in nur 50 Jahren verschwunden, während die Erde in den letzten 30 Jahren ungefähr die Hälfte der Korallen einbüßte.

Als Messlatte für den Zustand der biologischen Vielfalt dient der „Living Planet Index“ (LPI), der auf Daten zu 16.704 untersuchten Populationen von 4005 Wirbeltierarten weltweit basiert. Er belegt, dass das Artensterben an Fahrt aufnimmt: Zwischen 1970 bis 2014 schwanden im Schnitt 60% der Bestände an Fischen, Vögeln, Säugetieren, Amphibien und Reptilien, während der Rückgang im Zeitraum 1970 bis 1995 „nur“ 30% betrug. Besonders stark betroffen waren Süßwasser-Arten, deren Bestände seit 1970 um 83% schrumpften. Das Artensterben ist vor allem ausgeprägt in Süd- und Zentralamerika. Dort sanken die Wirbeltierbestände um 89% gegenüber 1970. „Deutschland hat am erschütternden Rückgang der biologischen Vielfalt weltweit maßgeblich Anteil. Für unseren Lebensstil fallen in Südamerika, Afrika oder Asien Bäume, verschmutzen Flüsse, schwinden Tierbestände oder sterben Arten ganz aus“, prangert Jörg-Andreas Krüger vom WWF Deutschland an.

Als Hauptursachen für das Artensterben werden die Übernutzung von Arten – direkt durch Wilderei oder indirekt z.B. durch Beifang in der Fischerei – und eine nicht nachhaltige Landwirtschaft angeführt. „Von allen Pflanzen, Amphibien, Reptilien, Fischen, Vögeln und Säugetieren, die seit 1500 n.Chr. ausgestorben sind, nahmen 75% durch Übernutzung, landwirtschaftlichen Aktivitäten oder beides Schaden“, heißt es im Bericht. Invasive Arten und Krankheiten, deren Ausbreitung durch Handel und Transport gefördert werden, stellen eine weitere Gefahr dar. Auch Umweltverschmutzung bedroht Arten, wenn deren Lebensräume davon betroffen sind (z. B. bei einer Ölpest). Doch auch der Klimawandel spielt eine wachsende Rolle und wirkt sich bereits auf Ökosysteme und Arten aus.

Der Bericht befasst sich auch mit dem Wert der Natur für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen sowie für Gesellschaften und Volkswirtschaften. Weltweit stellt die Natur Dienstleistungen für die Menschheit im Wert von rund 125 Billionen US-Dollar pro Jahr bereit und versorgt uns mit frischer Luft, sauberem Wasser, Nahrungsmitteln, Energie, Medikamenten und anderen Produkten und Materialien. Von Rohstoffen, Wasser, Lebensmitteln, Arzneimitteln und Energie bis hin zu Bestäubung, Bodenbildung sowie Schutz vor Fluten, Stürmen und Erosion – die natürlichen Systeme der Erde sind überlebenswichtig für uns alle, betont der WWF. „Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen“, mahnt Krüger. Allein Bestäuber sind für die Erzeugung von Lebensmitteln im Wert von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar pro Jahr verantwortlich. Doch ein sich veränderndes Klima, intensive landwirtschaftliche Praktiken, invasive Arten und aufkommende Krankheiten haben sich auf ihr Vorkommen, ihre Vielfalt und Gesundheit ausgewirkt. „Die Natur hat unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften jahrhundertelang still und leise unterstützt – und tut es auch heute noch. Im Gegenzug haben wir die Natur und ihre Dienstleistungen als selbstverständlich erachtet und nichts gegen den rasant zunehmenden Verlust der Natur unternommen“, beklagt Lambertini.

„Wir müssen schleunigst umdenken, wie wir die Natur nutzen und wertschätzen – kulturell, wirtschaftlich und auf unserer politischen Agenda“, fügte er hinzu. „Viel Zeit bleibt nicht für die Trendwende, aber sie ist machbar“, sagt auch Krüger. „Dazu müssen wir national und international mutiger und konsequenter handeln.“ Der WWF nennt ein klares Zeitfenster für die Trendwende: „Die Weltgemeinschaft hat mit 2020 ein Schlüsseljahr für die Zukunft der Erde vor sich. Dann steht das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (SDG) ebenso auf dem Prüfstand wie das Klimaabkommen von Paris und das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD). Würden alle vereinbarten Ziele bis 2030 wirklich erreicht, könnte der Richtungswechsel gelingen“, heißt es in der Pressemitteilung des WWF. (ab)

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