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02.05.2024 |

Erdüberlastungstag 2024: Deutschland überzieht ab 2. Mai Ressourcenbudget

Tagebau
Der deutsche Ressourcenhunger ist groß (Foto: CC0, Pixabay)

Schon wieder ist deutscher Erdüberlastungstag: Die Bundesrepublik hat schon am 2. Mai die in diesem Jahr nachhaltig nutzbaren natürlichen Ressourcen verbraucht und lebt die restlichen 243 Tage wieder auf Kosten anderer Länder und künftiger Generationen. Darauf machen mehrere deutsche Nichtregierungsorganisationen aufmerksam. Sie stützen sich auf Daten des „Global Footprint Network“, einer internationalen Forschungsorganisation, die das Datum alljährlich basierend auf Daten der National Footprint and Biocapacity Accounts neu berechnet. Diese werden von der York University, Toronto mitgepflegt und stützen sich unter anderem auf UN-Datensätze. Das Netzwerk berechnet sowohl den globalen Erdüberlastungstag als auch nationale Overshoot Days. Deutschland ist dieses Jahr zwei Tage früher dran als im Vorjahr. „Es ist doppelt ungerecht: Während die Menschen im Globalen Süden viel weniger Rohstoffe verbrauchen und Emissionen verursachen, leben wir immer früher im Jahr auf Kosten der Menschen im Globalen Süden und unserer Kinder,“ beklagt Lara Louisa Siever, Referentin für Rohstoffpolitik, Wirtschaft und Menschenrechte bei der entwicklungspolitischen Organisation INKOTA. „Das müssen wir ändern und endlich unseren enormen Verbrauch reduzieren.“

Zur Berechnung des Erdüberlastungstages werden zwei Größen verglichen: die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen sowie zur Aufnahme von Müll und Treibhausgasemissionen und andererseits der ökologische Fußabdruck – der Bedarf an Acker-, Weide- und Bauflächen, die Entnahme von Holz, Fasern (Baumwolle) oder Fisch, aber auch der CO2-Ausstoß und die Müllproduktion. Der weltweite Erdüberlastungstag war im vergangenen Jahr am 2. August, aber Deutschland liegt mit seinem nationalen Datum immer deutlich früher im Kalender. Die schlechteste Bilanz weisen Katar und Luxemburg auf, deren nationale Erdüberlastungstage 2024 schon auf Februar fielen, gefolgt von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Bahrain und Estland sowie einige weitere Länder, die den Tag schon im März begehen, zum Beispiel die USA mit ihrem Erdüberlastungstag am 14. März. Seit einigen Jahren rückt das deutsche Datum zwar im Kalender leicht nach hinten, aber von schnellen Fortschritten kann nicht die Rede sein. Im Jahr 2010 wären dem Global Footprint Network zufolge rein rechnerisch 3,3 Erden nötig gewesen, wenn alle Menschen so leben und wirtschaften würden wie die Deutschen, doch heute sind immer noch 3 Planeten erforderlich, um den deutschen Verbrauch zu denken. Zu dem überdimensionalen ökologischen Fußabdruck Deutschlands tragen vor allem Emissionen aus der Energieversorgung und dem Verkehrssektor bei. Aber auch der enorme Flächenbedarf für die Fleischproduktion sowie die Überlastung der Böden durch den Düngemitteleinsatz in der industriellen Landwirtschaft schlagen deutlich zu Buche „Der deutsche Erdüberlastungstag ist eine Mahnung, jetzt in allen Bereichen die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass nachhaltiges Verhalten zum neuen Normal wird“, so Aylin Lehnert, Bildungsreferentin bei der Nichtregierungsorganisation Germanwatch. „Wir brauchen eine neue Schuldenbremse, eine Schuldenbremse in Bezug auf die Überlastung der Erde.“

Germanwatch lenkt mit seiner diesjährigen Pressemitteilung den Blick auf den hohen Konsum der Deutschen von Fleisch und anderen tierischen Produkten und die damit verbundenen Folgen. Denn hierzulande werden rund 60 % der Agrarfläche durch die Produktion von Futtermitteln belegt. „Allein 56 Prozent des hierzulande erzeugten Getreides gehen in die Futtertröge. Da die einheimischen Futtermittel dennoch nicht ausreichen, um den hiesigen Bedarf für die Tiere zu decken, werden zusätzlich massiv Flächen im Ausland in Anspruch genommen – 2022 etwa wurden 3,4 Millionen Tonnen Soja für die Verfütterung nach Deutschland importiert“, erklärt Konstantinos Tsilimekis, Experte für Welternährung und Landnutzung bei Germanwatch. „Der Anbau solcher Futtermittel ist seit Jahrzehnten ein zentraler Treiber für die Vernichtung von Wäldern und den Verlust von Biodiversität“, fügt er hinzu. Rund 138.000 Hektar Tropenwald sollen allein von 2016 bis 2018 weltweit für den deutschen Konsum zerstört worden sein – eine Fläche fast doppelt so groß wie Hamburg. Tsilimekis betont, dass in Deutschland die Zahl der Nutztiere verringert und Lebensmittel vermehrt direkt konsumiert werden müssten, anstatt sie an Tiere zu verfüttern, um die Zerstörung von Naturflächen verringern zu können und wertvolle Flächen wie Moore renaturieren zu können. Er verweist auf eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, laut der eine weltweite Umstellung auf eine nachhaltige und fleischarme Ernährung die Chancen für eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad stark erhöhen würde. Zwar geht der Fleischverbrauch in Deutschland in den letzten Jahren immer mehr zurück, doch der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, nicht mehr als 300 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche zu essen, folgen die wenigsten, denn mit 52 Kilo pro Kopf lag der Verzehr im Jahr 2022 höher. Eine gesündere und ressourcenschonende Ernährung erreiche man aber nicht allein mit Appellen, so Tsilimekis. „Es ist eine politische Aufgabe, nachhaltigere Angebote in der Gemeinschaftsverpflegung, etwa in Kantinen, sowie steuerliche Anreize für pflanzenbasierte Nahrungsmittel zu schaffen.“ Gleichzeitig müssten auch gangbare Geschäftsmodelle gemeinsam mit den Landwirt:innen entwickelt werden.

INKOTA visiert die absolute Senkung des deutschen Rohstoffverbrauchs auf ein global gerechtes Maß an und forderte von der Bundesregierung, die für dieses Jahr angekündigte Kreislaufwirtschaftsstrategie und das Reparaturgesetz schnell zu verabschieden und ambitioniert umzusetzen. Nur so könnten Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und eine Verschärfung der Klimakrise durch Rohstoffabbau und -weiterverarbeitung verhindert werden. Der Abbau und die Weiterverarbeitung von Metallen sind etwa für mindestens 11% der weltweiten Emissionen verantwortlich. Daher ließen sich durch die längere Nutzung von Produkten massiv Treibhausgase und Rohstoffe einsparen. Die EU hat sich bereits im Februar auf neue Regelungen für Reparaturen geeinigt. „Jetzt gibt es keine Ausreden mehr! Die EU hat vorgelegt, jetzt muss Deutschland nachziehen und Reparaturen endlich konsequent fördern“, mahnt Lara Louisa Siever. „Dazu gehören strengere Vorgaben zur Verfügbarkeit von Ersatzteilen zu angemessenen Preisen. Reparaturfeindliche Praktiken müssen verboten werden.“ Zudem sei ein bundesweiter Reparaturbonus unerlässlich, um der Reparaturkultur einen Schub zu verleihen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) richtete das Augenmerk in seiner diesjährigen Pressemitteilung zum deutschen Erdüberlastungstag auf die übernutze Ressource Wasser. „In Europa und Deutschland steigt die Nachfrage nach kostbaren Ressourcen wie Süß- und Trink-Wasser. Dieses wird immer knapper und zugleich auch immer stärker verunreinigt“, erklärt BUND-Vorsitzender Olaf Bandt. Die Verschmutzung unserer Gewässer und damit auch die unserer Meere muss gestoppt werden. Wenn wir weiter zögern, werden wir immer größere Summen aufwenden müssen, um Wasser und auch Luft und Böden zu reinigen. Sauberes Wasser ist die wichtigste Lebensgrundlage auf unserem blauen Planeten.“ Der BUND betont die Notwendigkeit, dem Kampf ums Wasser vorzubeugen. Die Industrie spiele dabei eine zentrale Rolle, denn in Deutschland ist sie einer der größten Wasserverbraucher. „Wasser ist für das Leben unersetzlich. Unsere Gewässer sind aber in keinem guten Zustand, die Wasserentnahmemengen der Industrie viel zu hoch. Es wurde zu lange weggesehen, wenn weite Teile der Industrie und der Landwirtschaft auf Kosten unseres Wassers gewirtschaftet haben“, bemängelt Bandt. Das Verursacherprinzip müsse auch im Bereich der industriellen Wassernutzung gelten: „Wer nutzt, soll zahlen, wer verunreinigt, muss säubern. Der Wasserverbrauch muss gerecht zwischen Privathaushalten und Industrie geregelt werden.“ (ab)

07.03.2024 |

Neue DGE-Empfehlungen: Weniger Fleisch, mehr Hülsenfrüchte

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Die DGE rät zu mehr Hülsenfrüchten auf den Tellern (Foto: Pixabay)

Auf unseren Tellern und in unseren Mägen sollten weniger tierische Produkte landen und dafür mehr Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte – das ist nicht nur der menschlichen Gesundheit zuträglich, sondern schützt auch das Klima. Mindestens drei Viertel unserer Ernährung sollte aus pflanzlichen Lebensmitteln bestehen. Das geht aus den überarbeiteten Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) hervor, die am 5. März veröffentlicht wurden und damit pünktlich zum Tag der gesunden Ernährung, der alljährlich am 7. März begangen wird. Die Empfehlungen gelten für gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren, die sich mit einer Mischkost ernähren. „Wenn wir uns gesund ernähren und gleichzeitig die Umwelt schonen wollen, müssen wir unsere Ernährung jetzt ändern“, sagte DGE-Präsident Prof. Dr. Bernhard Watzl. „Wer sich überwiegend von Obst und Gemüse, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, Nüssen und pflanzlichen Ölen ernährt, schützt nicht nur seine Gesundheit. Eine pflanzenbetonte Ernährung schont auch die Umwelt.“

Die DGE-Empfehlungen „Gut essen und trinken“ sind das Resultat eines mehrjährigen Überarbeitungsprozesses unter Federführung der Arbeitsgruppe „Lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen“. Sie basieren auf einem mit Unterstützung von Expert*innen unterschiedlicher Fachrichtungen erarbeiteten mathematischen Optimierungsmodell, das nun nicht mehr nur die Nährstoffversorgung in den Blick nimmt, sondern auch die Verringerung von ernährungsmitbedingten Krankheiten sowie die Reduzierung von schädlichen Umwelt- und Klimaeffekten, vor allem Treibhausgasemissionen und Landnutzung. Zu pflanzlichen Lebensmitteln wird nun noch stärker als bisher geraten: Maximal ein Viertel der Ernährung sollte sich noch aus tierischen Produkten speisen. Die überarbeiteten Empfehlungen berücksichtigen nun z. B. täglich zwei Portionen Milch und Milchprodukte – eine Portion weniger als bisher. Bei Fisch bleibt es bei 1-2 Portionen (180 Gramm) wöchentlich. Standen bisher noch 300-600 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche auf dem Speiseplan, empfiehlt die DGE nun klar, nicht mehr als 300 Gramm Fleisch und Wurst zu essen. „Aber auch mit der Zufuhr von weniger als 300 g Fleisch pro Woche können die Nährstoffziele erreicht werden“, betonen die Expert*innen. Sie geben zudem den Hinweis, dass zu viel Fleisch von Rind, Schwein, Lamm und Ziege und insbesondere daraus hergestellte Wurst das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Dickdarmkrebs erhöht.

Obst und Gemüse stellen auch weiterhin die mengenmäßig wichtigste Gruppe dar. 5 Portionen Obst und Gemüse sollten wir täglich verzehren – am besten in ihrer jeweiligen Erntesaison. „Obst und Gemüse liefern reichlich Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe sowie sekundäre Pflanzenstoffe. Sie sind gut für die Gesundheit und tragen zur Sättigung bei.“ Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen, Linsen sowie Nüsse – die bisher Teil der Gruppe „Obst & Gemüse“ waren, werden mit einer eigenen Empfehlung gestärkt. Hülsenfrüchte sind reich an Eiweiß, Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen sowie sekundären Pflanzenstoffen und mindestens 1 Portion (125 Gramm) pro Woche sollte auf den Teller. Nüsse liefern zusätzlich lebensnotwendige Fettsäuren und sind gut für die Herzgesundheit, weshalb die DGE am Tag zu einer kleinen Handvoll rät. Zudem sind pflanzliche Öle zu bevorzugen, wie etwa Rapsöl und daraus hergestellte Margarine. Empfehlenswert seien außerdem Walnuss-, Lein-, Soja- und Olivenöl, Bei Getreideprodukten wie Brot, Nudeln, Reis und Mehl ist den Expert*innen zufolge die Vollkornvariante die bessere Variante für die Gesundheit. Vollkornlebensmittel sättigen länger und enthalten mehr Vitamine und Mineralstoffe als Weißmehlprodukte und gerade die Ballaststoffe im Vollkorn senken das Risiko für viele Krankheiten. Süßes, Salziges und Fettiges sollten Verbraucher*innen besser im Supermarktregal stehen lassen. Wird zu viel davon gegessen, steigt das Risiko für Übergewicht, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes.

Die neuen Empfehlungen zeigen eine Idealsituation auf, betont die DGE. Bereits kleine Veränderungen in der täglichen Ernährung seien schon ein Schritt in die richtige Richtung – hin zu einer gesundheitsfördernden und umweltschonenderen Ernährung. Die Umweltschutzorganisation WWF Deutschland begrüßt die neuen Empfehlungen als wichtigen Schritt hin zu einer Ernährung innerhalb der Grenzen unseren Planeten. „Die mit unseren Essgewohnheiten einhergehenden Umweltauswirkungen auf die Erde sind massiv. Insbesondere unser zu hoher Verzehr von tierischen Lebensmitteln befeuert die Klima- und Biodiversitätskrise“, sagte Elisa Kollenda, Referentin für nachhaltige Ernährung beim WWF Deutschland. „Die DGE-Empfehlungen preisen das nun erstmals ein und geben damit wichtige Impulse an die Verbraucherinnen und Verbraucher. Bei Fleisch bewegt sich die DGE auf einem Pfad gen planetare Grenzen. Bei Milchprodukten gilt dies nur eingeschränkt. Bei den Hülsenfrüchten besteht noch deutlich Luft nach oben, was die empfohlenen Verzehrmengen angeht.“ Wichtig sei nun eine Überarbeitung des Qualitätsstandards für die Gemeinschaftsverpflegung. „Damit Veränderungen im Qualitätsstandard dann flächendeckend in Kantinen von Kitas, Schulen oder Seniorenheimen umgesetzt werden, braucht es Verbindlichkeit und finanzielle Rahmenbedingungen. Hier müssen Bund und Länder nun nachlegen.“

15.02.2024 |

Branchenberichte: Bioanbaufläche wächst weltweit um 26 Prozent

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Die Umsätze mit Bio wuchsen (Foto: CC0)

Die ökologisch bewirtschaftete Fläche weltweit und in Deutschland verzeichnet weiterhin Zuwächse und auch der Markt für Bioprodukte verbucht steigende Umsätze, wenn auch die Bilanz in einigen Ländern gemischt ausfiel. Das zeigen zwei Berichte, die Mitte Februar auf der Ökoleitmesse BIOFACH in Nürnberg vorgestellt wurden. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL und IFOAM – Organics International präsentierten ihren Bericht „The World of Organic Agriculture“ mit Zahlen zum Ökolandbau rund um den Globus, während der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) seinen Branchenreport für Deutschland veröffentlichte. Laut dem FiBL/IFOAM-Jahrbuch, das sich auf das Jahr 2022 bezieht und Daten aus 188 Ländern zusammenführt, wurden weltweit rund 96 Millionen Hektar Land ökologisch bewirtschaftet – ein Anstieg um 20 Millionen Hektar oder 26,6 % im Vergleich zu 2021 – ein so deutlicher Zuwachs wie noch nie zuvor. Die 25. Ausgabe des Berichts zeigt, dass nicht nur die ökologisch bewirtschaftete Fläche zunahm, sondern auch die Zahl der Biolandwirt*innen und die Umsätze der Branche. Der Bericht, der neben Statistiken auch Artikel zu aktuellen Entwicklungen in der Biobranche liefert, betont auch die zentrale Rolle des Ökolandbaus für das Erreichen übergeordneter Nachhaltigkeitsstrategien, wie die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) oder die Farm to Fork-Strategie der EU: „Angesichts der Tatsache, dass der Ökolandbau zu all diesen Zielen und Strategien substanziell beiträgt, enthält dieses Buch nicht nur Daten zu Flächenanteilen, der Zahl der Erzeuger*innen und Marktkennwerte, sondern zeigt auch die Bedeutung des Ökolandbaus bei der Bekämpfung des Klimawandels, der Sicherung von Lebensmitteln und Ernährung, der Eindämmung des Artensterbens und der Förderung eines nachhaltigen Konsums”, schreiben Dr. Jürn Sanders, der Vorsitzende der Geschäftsleitung von FiBL Schweiz und Karen Mapusua, die Präsidentin von IFOAM, im Vorwort. „Somit unterstreicht es den Beitrag des Ökolandbaus zur Transformation des Ernährungssystems als Ganzes (…) und zu einer nachhaltigen Zukunft.“

Das Länder-Ranking führt weiter Australien mit einer absoluten Biofläche von 53 Millionen Hektar an, wobei schätzungsweise 97 % dieser Fläche extensiv bewirtschaftetes Grünland sind. Die Fläche weitete sich im Vergleich zum Vorjahr um 17,3 Millionen Hektar aus. Auf Platz zwei rangiert Indien mit 4,7 Millionen Hektar Bioanbaufläche, während sich Argentinien mit 4 Millionen Hektar auf Platz 3 vorschob. Es folgen China und Frankreich mit einer Biofläche von jeweils rund 2,9 Millionen Hektar. Deutschland schaffte es im globalen Vergleich 2022 auf Platz 10 mit 1,86 Millionen Hektar. Aufgrund des hohen Flächenanteils Australiens liegt mehr als die Hälfte der weltweiten ökologischen Anbaufläche in Ozeanien (55,2 %). Europa bringt es auf eine Fläche von 18,4 Millionen Hektar oder 19,1 % der Gesamtfläche, gefolgt von Lateinamerika mit 9,5 Millionen Hektar (9,9 %), Asien (8,8 Millionen Hektar bzw. 9,2 %) sowie Afrika (2,7 Millionen bzw. 2,8 %). Der weltweite Anteil des Ökolandbaus an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche beträgt nun 2 %, doch in 22 Ländern ist er mit mehr als 10 % deutlich höher. Liechtenstein führte auch 2022 mit einem Bioanteil von 43 % an der Gesamtfläche, gefolgt von Österreich mit 27,5 %. In Estland wurden 23,4 % der Fläche ökologisch bestellt. Im Ranking sind viele Inselstaaten weit vorne vertreten, wie Sao Tome und Principe mit 21,2 % und Dominica mit 11,6 %. In der EU betrug der Anteil der Bioanbaufläche 10,4 %, wohingegen er in anderen Regionen bei unter einem Prozent liegt. Weltweit gab es dem Bericht zufolge im Jahr 2022 rund 4,5 Millionen Bioproduzent*innen – ein Anstieg um 26 % gegenüber 2021, der vor allem auf starken Zuwächsen in Indien beruht. Der Großteil (60,6%) der Bioproduzent*innen leben in Asien, während 21,6 % in Afrika und 10,6 % in Europa beheimatet sind. Die meisten Biobäuerinnen und -bauern sollen in Indien leben (2,5 Millionen), gefolgt von Uganda mit rund 404.246 und Thailand und Äthiopien mit jeweils rund 121.500 Personen. Genaue Zahlen sind hier jedoch schwer zu ermitteln, da einige Länder nur die Anzahl der Unternehmen, Projekte oder Erzeugergemeinschaften melden, sodass die Gesamtzahl der Produzent*innen noch höher liegen könnte.

Der weltweite Markt für Bioprodukte verzeichnete ebenfalls Zuwächse, wenn auch keine üppigen. Der Markt wurde für 2022 auf umgerechnet 135 Milliarden Euro geschätzt – ein Plus von 3 % bzw. 4 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr. Die USA sind führend mit einem Umsatz von 56,6 Milliarden Euro vor Deutschland und China mit 15,3 bzw. 12,4 Milliarden Euro sowie Frankreich mit 12,1 Milliarden. In einigen Ländern Europas wurde ein Umsatzrückgang verzeichnet, während in Kanada ein Zuwachs von 9,7 % verbucht wurde und der Markt in Japan um 8,4 % zulegte. Die Schweizer Verbraucher*innen gaben am meisten für Biolebensmittel aus (im Schnitt je 437 Euro), während die Menschen in Dänemark 365 Euro und in Österreich 274 Euro für Bio lockermachten. Den Deutschen war Bio 184 Euro wert. Dänemark weist mit 13 % den höchsten Biomarktanteil am gesamten Lebensmittelmarkt auf. In Österreich sind es 11,5 % und in der Schweiz 11,2 %. In einem Kapitel zum globalen Biomarkt setzt Amarjit Sahota von Ecovia Intelligence die nackten Zahlen in Perspektive: „Der Markt für Bioprodukte ist durch die geopolitischen Konflikte und die unsichere Wirtschaftslage negativ beeinflusst worden. Die Umsätzen nahmen 2022 weiter zu, aber das lag teilweise auch daran, dass die Preise für Bioprodukte anzogen“, schreibt er in dem Bericht. „Einige Länder, darunter auch Deutschland und Frankreich, berichteten von sinkenden Verkaufszahlen und Absatzmengen. In den USA und anderen Ländern legten die Umsätze zwar zu, aber in bescheidenem Umfang.“ Sahota beonte, dass die Biobranche auch nicht immun gegen geopolitische Konflikte sei, die zu Unterbrechungen in globalen Lieferketten für Agrarprodukte führten. Jedoch rechnet er damit, dass wieder ein gesundes Wachstum einsetzen werde, sobald sich die Wirtschaftslage verbessert hat.

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) wartete für Deutschland mit frischen Zahlen für das Jahr 2023 auf. Der Bio-Gesamtumsatz lag bei 16,1 Milliarden Euro – ein Plus von 5 % gegenüber dem Vorjahr. Es gibt mittlerweile 36.535 Bio-Höfe in ganz Deutschland und mit 14,3 % aller Betriebe wirtschaftet jeder siebte Betrieb ökologisch. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche erhöhte sich im letzten Jahr um 80.459 Hektar auf nun insgesamt 1.940.301 Hektar – ein Zuwachs von 4,3 % gegenüber 2022 oder eine tägliche Umwandlung in Bioflächen von 307 Fußballfeldern, wie der BÖLW vorrechnet. Der Bio-Anteil an der gesamten Landwirtschaftsfläche stieg so auf fast 11,8 %. Somit ist Deutschland noch weit von dem selbstgesteckten Ziel entfernt, bis 2030 auf 30 % Biofläche zu kommen. Der BÖLW mahnt hier an, dass die Politik Unternehmen, die in den notwendigen Umbau unseres Ernährungssystems investieren wollen, verlässliche Perspektive anbieten müsse. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir soll dafür sorgen, dass unnötige Bürokratie bei der Agrarförderung abgebaut werde, da Höfe, die nach dem Bio-Recht wirtschaften, bereits hohe Umweltleistungen erbrächten. Und die Prioritäten bei der Agrarförderung seien ebenfalls anders zu setzen: „Es ist entscheidend, die einseitige Ausrichtung der Forschungsförderung zu beenden und die Bio-Züchtung zu stärken. Sie zielt darauf ab, dass Pflanzen ohne Pestizide auskommen und effizienter mit Dünger umgehen können. Das kommt der gesamten Landwirtschaft zugute“, sagt Peter Röhrig, geschäftsführender Vorstand des BÖLW. „Bundesminister Özdemir hat zugesagt, 30 Prozent der Forschungsmittel für ökologische Forschung bereitzustellen, auch um die Bio-Züchtung zu stärken. Wenn das Forschungsministerium jedoch deutlich mehr Mittel für Gentechnikforschung als für innovative Bio-Züchtung bereitstellt, untergräbt dies die Glaubwürdigkeit der Bundesregierung.“ (ab)

31.01.2024 |

Kritischer Agrarbericht fordert mehr Mut zur Transformation der Landwirtschaft

Tiere
Tierhaltung im Fokus des KAB (Foto: CC0)

Der Januar stand in Berlin wie gewohnt ganz im Zeichen der Landwirtschaft – dieses Jahr noch etwas sichtbarer als ohnehin: Am Berliner Messegelände wehten die Fahnen der „Grünen Woche“ im Wind, Trecker rollten durch die Stadt und 8.000 Menschen demonstrierten in eisiger Kälte unter dem Motto „Wir haben es satt“ für die Agrarwende. Und in ebenso bewährter Tradition erschien auch am 18. Januar der „Kritische Agrarbericht 2024“, der zunächst vormittags auf der Grünen Woche präsentiert wurde und am Abend auf einer Veranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung mit einigen Autor*innen diskutiert werden konnte. Es ist bereits die 32. Ausgabe, die das AgrarBündnis e.V., ein Zusammenschluss von 26 Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt-, Natur- und Tierschutz sowie Verbraucher- und Entwicklungspolitik, herausbringt. Auf 344 Seiten formuliert der Bericht Kritik am derzeitigen Agrarsystem und zeigt Alternativen auf. „Tiere und die Transformation der Landwirtschaft“ lautet der diesjährige Schwerpunkt, den 24 der 46 Beiträge behandeln. „Die anhaltende gesellschaftliche Diskussion über die Nutztierhaltung hat zu einer großen Verunsicherung in der Landwirtschaft geführt“, betont Frieder Thomas, Geschäftsführer des AgrarBündnis. „Die Zahl der tierhaltenden Betriebe sinkt dramatisch, während die Fleischimporte zunehmen.“

Der Bericht beginnt mit einer nüchternen Bestandsaufnahme. Noch vor zwei Jahren habe Aufbruchstimmung geherrscht. „Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt. Jetzt muss man nur noch schießen“, war eine beliebte Metapher in der Agrardebatte. Die Zukunftskommission Landwirtschaft hatte ihren Abschlussbericht und das Kompetenzwerk Nutztierhaltung (Borchert-Kommission) seine Empfehlungen für den Umbau der Tierhaltung vorgelegt. „Alles schien gesagt, durchdacht und durchgerechnet zu sein, was es braucht, um Landwirtschaft und Tierhaltung zukunftsfest zu machen“, so die Herausgeber. Die Kompromisse und Vorschläge für eine Transformation des Agrar- und Ernährungssektors kamen von einem denkbar breiten Zusammenschluss unterschiedlichster Interessensgruppen und waren mit tatkräftiger Unterstützung der Wissenschaft erarbeitet worden. Sie hätten als „Steilvorlage für die Politik“ dienen können. Doch den seit fast zwei Jahren andauernden Krieg Russlands gegen die Ukraine nutze vielmehr die Agrarlobby, um Kernpunkte der EU-Agrarreform und die weitere Ökologisierung der Landwirtschaft auszuhebeln. „Was wir derzeit erleben, ist ein agrarpolitisches Rollback auf allen Ebenen, in Brüssel ebenso wie in Berlin.“ Die notwendige Transformation hin zu einem gesunden, gerechten, umweltfreundlichen und für alle Beteiligten auch wirtschaftlich tragfähigen Agrar- und Ernährungssystem drohe an parteipolitischen Querelen, fehlender Finanzierung, aber auch an mangelnder Einsicht in seine gesellschaftliche und ökonomische Notwendigkeit zu scheitern. Die Selbstauflösung der Borchert-Kommission sei symptomatisch für den Stillstand. Verbraucher*innen wünschten sich zwar mehr Tierschutz und eine klimafreundlichere Tierhaltung, greifen aber angesichts enorm gestiegener Lebensmittelpreise im Supermarkt doch zum Billigangebot – „verleitet von Rabattschlachten der vier großen Handelsketten, die ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht werden“. Zudem würden die Bäuerinnen und Bauern von einer Politik im Stich gelassen, die nicht in der Lage sei, den Betrieben bei dem Umbau ihrer Tierhaltung die nötige finanzielle Unterstützung und vor allem Planungssicherheit zu geben.

Zunächst stellt Wolfgang Reimer, Vorsitzender der Agrarsozialen Gesellschaft e.V., einleitend fest, dass die Transformation der Landwirtschaft nur mit den Tieren gelingen kann, nicht ohne sie. Weder die Fortschreibung des bisherigen Trends mit industrieller Tierhaltung noch die Abschaffung der Tierhaltung seien die Lösung. Vielmehr müssten dort, wo es die natürlichen Bedingungen zulassen, der Pflanzenbau und die Tierhaltung wieder stärker verbunden werden, um die natürliche Produktivität zu nutzen. Für Wiederkäuer müsse die Haltung und Zucht auf die optimale Ausnutzung des Raufutters vom Grünland mit deutlich geringeren Kraftfuttergaben ausgerichtet werden. Die Geflügel- und Schweinehaltung dürfe nicht wie bisher weltweit über ein Drittel der Getreideflächen und zwei Drittel des Sojas vom Acker verschlingen, sondern müsse stärker als bisher Reststoffe aus Landwirtschaft und Ernährungsindustrie verwerten und Kulturen, die mit der Erweiterung der Ackerbaufruchtfolgen angebaut werden. Doch letztendlich hätten alle derzeit diskutierten Umbaukonzepte einen Rückgang der Tierhaltung zur Folge. Über die folgenden 11 Kapitel verteilt erstreckt sich ein breitgefächertes Potpourri an Artikeln und Analysen zu den vielen Facetten des Schwerpunktthemas. Xenia Brand, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), hat die Düngepolitik herausgepickt. Eine sinnvolle Düngepolitik müsse sowohl die Ziele aus dem Gewässer- und Klimaschutz verfolgen, als auch das Verursacherprinzip stärken, fordert sie. Die Gebietsausweisung der Roten Gebiete etwa werde von vielen Landwirt*innen als willkürlich betrachtet, auch aufgrund sich ständig ändernder Gebiete. Das Düngerecht müsse viel stärker als bisher beim Verursacher ansetzen, d. h. es brauche eine einzelbetriebliche Betrachtung und eine verursacherbezogene Adressierung der Stickstoffüberschüsse. Betriebe mit niedrigen Stickstoff- und Phosphorsalden, die deutlich unter den zulässigen Obergrenzen liegen, müssten entlohnt werden. Statt wie bisher auf Sanktionen solle stärker auf Anreize und Honorierungen gesetzt werden. „Für die landwirtschaftlichen Betriebe sollte Planungssicherheit und ein Anreizsystem entstehen, das im Ergebnis zu mehr Gewässer und Klimaschutz führt“, lautet Brands Fazit. Berit Thomsen von der AbL befasst sich mit der Transformation der Tierhaltung für Betriebe mit Weide- und mit Anbindehaltung und zeigt auf, welche ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekte in dem erforderlichen Veränderungsprozess zu berücksichtigen sind. Der Biobauer und Abgeordneter der Grünen im EU-Parlament Martin Häusling hat das Thema Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung gewählt. In der Veterinärmedizin müsse dringend gehandelt werden, um Antibiotikaresistenzen vorzubeugen. Änderungen in den Tierhaltungssystemen, bei der Fütterung und in der Zucht seinen nötig mit besonderer Handlungsdruck beim Umgang mit den sogenannten Reserveantibiotika. Es brauche schnellstens einen Systemwechsel „weg von Haltungsbedingungen, die krank machen, hin zu möglichst geschlossenen, tiergerechten Betrieben“.

Kapitel 2 widmet sich Welthandel und -ernährung. Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt, beleuchtet den Hype um alternative Proteine mit Blick auf das Menschenrecht auf Nahrung. Die Produktion von und die Debatte um alternative Proteine und Fleisch­, Fisch­ und Milchersatzprodukte habe erfreulicherweise stark an Fahrt aufgenommen. Bekanntestes Beispiel in Deutschland sei die vegane Neuerfindung der Rügenwalder Mühle. Global gebe es kaum einen Agrar­ oder Ernährungskonzern, der nicht im Feld um alternative Proteine und Fleisch­, Fisch­ und Milchersatzprodukte aktiv sei. Angesichts starker Wachstumserwartungen wird viel Geld in Start­ups gepumpt. Hier gelte es, der drohenden Dominanz der Industrie vorzubeugen. Die Debatte um alternative Proteine dürfe nicht weiter dem Markt überlassen werden, sondern müsse über völkerrechtliche Vereinbarungen in den Vereinten Nationen von staatlicher Seite strukturiert und auf Basis der Menschenrechte reguliert werden. Auch alternative Proteine auf der Basis von Insekten bedürfen einer internationalen Regulierung. Insekten sind wichtige Bestandteile vieler Ernährungssysteme des globalen Südens und es müsse verhindert werden, dass sich Agrar­ und Ernährungskonzerne Insekten patentieren, Bestände ohne einen Vorteilsausgleich nutzen oder der globale Norden den traditionellen Nutzer*innen Hygienestandards aufoktroyiere. Bei dem gesamten Hype dürfe nicht vergessen, dass der Großteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche Weideland sei, das sich eben als Futter für Wiederkäuer eigne. Auch die Weltmeere spielten eine bedeutete Rolle bei der globalen Proteinversorgung. Daher dürfte die Welternährungs­ und Tierhaltungsdebatte nicht nur von der westlichen Perspektive geprägt werden, die Kleinfischer:innen, Pastoralisten und nomadische Tierhalter:innen häufig vernachlässige.

Im Beitrag „Die Hähnchen fliegen immer noch nach Afrika“ macht Francisco Marí, Referent für Welternährung, bei Brot für die Welt, auf ein Thema aufmerksam, um das es in letzter Zeit etwas stiller geworden ist, obwohl es nichts an Brisanz eingebüßt hat: der Export von Geflügelfleisch nach Afrika. Da in Europa mit Vorliebe Hähnchenbrust gegessen wird, die nur 15-20% der Tiere ausmacht, besteht quasi eine Überproduktion an Fleisch. Deutschland importiert etwa noch zusätzlich Hähnchenfilets. Die ungeliebten Teile werden in andere EU-Länder, nach Asien oder eben nach Afrika exportiert – Mari nennt dies ein wahres „Hähnchenroulette“ von Fleischimporten und -exporten. 2021 erreichten bis zu 750 Millionen Kilo Hähnchenfleisch aus EU-Ländern Afrika. Dazu kommen 1,5 Milliarden Kilo aus den USA und Brasilien, zum Teil auch aus Argentinien und Kanada. Die Märkte afrikanischer Länder, und zwar nicht mehr nur Westafrika, werden überschwemmt, Produzent*innen vor Ort können mit den Preisen der Billigimporte nicht mithalten und die kleinbäuerliche Tierhaltung wird von lokalen Märkten verdrängt. Unfaire Handelsregeln können den Dumpingimporten nur wenig entgegensetzen. Doch Mari berichtet auch von einigen Ländern, die früh auf strikte Importverbote für Hähnchenfleisch gesetzt haben und erfolgreich Arbeitsplätze in der heimischen Geflügelproduktion schaffen und stabile Preise und Einkommen vor allem für Kleintierhalter:innen garantieren konnten. So wurden in Kamerun seit dem Importverbot 2006 in der Geflügelmast 320.000 Arbeitsplätze geschaffen. In Nigeria sollen laut Agrarministerium über 2 Millionen Menschen in der Hähnchenmast beschäftigt sein, die 600.000 Tonnen produziert. Im Senegal gibt es laut Geflügelverband in dem Sektor 500.000 Arbeitsplätze. „In allen diesen Ländern können inzwischen auf den Märkten die lebend angebotenen Hühner vor Ort geschlachtet und Hühnerteile auf den Märkten frisch erworben werden. Ärmere Menschen können sich also auch ein paar billige Hühnerflügel oder Hälse leisten“, schreibt Mari und zerpflückt damit das Argument von Befürworter*innen einer industriellen Agrarproduktion und Agrarkonzernen, es sei unfair, armen Menschen, die sich das lokale Huhn nicht leisten können, durch Importbeschränkungen die Chance zu nehmen, sich mit billigem Fleisch zu ernähren. Damit es afrikanischen Staaten gelinge, eine eigene Wertschöpfung zur Fleischproduktion aufbauen, statt wertvolle Devisen an ausländische Fleischkonzerne zu zahlen, müssten sie laut Mari handelspolitische Maßnahmen ergreifen, wie es die EU schon lange erfolgreich selbst zum Schutz der eigenen Geflügelindustrie vor Billigimporten tut. Das „Zaubermittel“ heiße Zollquoten. Aber ohne den massiven Abbau der Mastkapazitäten in der EU, ein Ende der bisherigen Massentierhaltung und Förderung tiergerechter und ökologischer Haltungsformen sowie ein verändertes Konsumverhalten der EU-Verbraucher*innen werde sich an der Problematik nichts ändern.

Die hier genannten Themen sind lediglich ein kurzes Reinschnuppern in die ersten beiden Kapitel des Berichts. In den Folgekapiteln Ökologischer Landbau, Produktion und Markt, Region, Natur und Umwelt, Wald, Tierschutz und Tierhaltung, Gentechnik, Agrarkultur sowie Verbraucher und Ernährungskultur verbergen sich viele weitere spannende Artikel, nicht nur zum Thema Tierhaltung. Die Autor*innen befassen sich auch mit Alternativen zum Pestizideinsatz in Politik und Praxis, dem drohenden Dammbruch durch das Aushöhlen des Vorsorgeprinzips bei neuen Gentechnikverfahren oder stellen Überlegungen zu möglichen Zusammenhängen zwischen Geschmack und biologischer Vielfalt bei Obst und Gemüse an. Alle Artikel können online gelesen oder als PDF heruntergeladen werden und wem die Klickerei zu viel wird, kann sich auch beim AbL-Verlag ein Printexemplar bestellen. Zudem haben die Autor*innen der zehn Jahresrückblick-Artikel (Entwicklungen & Trends) für das jeweilige Politikfeld je fünf Kernforderungen an die Bundesregierung, aber auch an andere politische Entscheidungsträger*innen sowie Akteur*innen der Zivilgesellschaft, formuliert, die auch als separates Dokument zum Download bereitstehen. Die Herausgeber*innen betonen, dass es an durchdachten Empfehlungen und Konzepten, an positiven Beispielen aus der Praxis, wie es anders gehen könnte, wahrlich nicht mangle. Daher fordert das AgrarBündnis von der Politik mehr Mut und Unterstützung bei der Transformation der Landwirtschaft. „Gegen die Mutlosigkeit“ ist die Pressemitteilung zur Veröffentlichung des Berichts überschrieben, der trotz all der widrigen Umstände „ein Dokument der Zuversicht“ sei – oder zumindest der Unbeirrbarkeit. Mit dem Bericht wollen die Herausgeber*innen den Ball „immer wieder auf den Elfmeterpunkt“ legen. „Schießen (und treffen) müssen andere.“ Die Nachspielzeit jedenfalls laufe. (ab)

15.01.2024 |

Ungleichheit pur: Superreiche verdoppelten ihr Vermögen seit 2020

Jacht
Superreiche schaden dem Klima (Foto: CC0)

Alle Jahre wieder Mitte Januar ist es soweit: Die Reichen und Mächtigen sowie international führende Wirtschaftsexpert*innenen, Politik*innen und Wissenschaftler*innen kommen im Schweizer Örtchen Davos zum Weltwirtschaftsforum zusammen. Und wie jedes Jahr wartet die Entwicklungsorganisation Oxfam zum Auftakt mit einem Bericht auf, der die globale Ungleichheit ins Rampenlicht rückt und die neusten Zahlen zum Vermögen der Superreichen präsentiert. Und in der Regel enthält er die wenig überraschende Botschaft, dass die Superreichen ihre Vermögen weiter ausbauen konnten und selbst in Krisenzeiten noch profitierten, während der Großteil der Weltbevölkerung kaum über die Runden kommt. Der am 15. Januar veröffentlichte Bericht „Inequality Inc.“ macht hier keine Ausnahme. Er zeigt, dass die fünf reichsten Männer der Welt ihr Vermögen seit 2020 verdoppeln konnten. Dies entspricht einem Gewinn von 14 Millionen US-Dollar pro Stunde – ein ordentlicher Verdienst. Wenn jeder dieser fünf Multimilliardäre täglich 1 Million US-Dollar ausgeben würde, wären sie insgesamt 476 Jahre damit beschäftigt, ihr gemeinsames Vermögen auf den Kopf zu hauen. Allein Amazon-Gründer Jeff Bezos hat seit 2020 sein Vermögen um 32,7 Milliarden US-Dollar vergrößert. Da ließen sich die 5,5 Milliarden, die er 2021 für seinen 4-minütigen Ausflug ins Weltall bezahlte, locker verschmerzen. Gleichzeitig sind weltweit fast fünf Milliarden Menschen im Vergleich zu 2019 ärmer geworden. „Während Milliarden von Menschen die Schockwellen von Pandemie, Inflation und Krieg ertragen müssen, boomen die Vermögen der Milliardär*innen“, erklärte Serap Altinisik, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende von Oxfam Deutschland. „Diese zunehmende soziale Ungleichheit stellt Gesellschaften vor immer größere Zerreißproben.“

Die Berechnungen von Oxfam International zum Vermögen der reichsten Menschen der Welt stützen sich auf die World‘s Billionaires List 2020 des Wirtschaftsmagazin Forbes und dessen Echtzeitrangliste „World’s Real-Time Billionaires“ mit Stand November 2023. Am 30. November letzten Jahres besaßen die fünf reichsten Männer der Welt 869 Milliarden US-Dollar, während es im März 2020 noch 340 Milliarden waren – ein Plus von 155%. Die Daten zum Vermögen der ärmsten 60% oder 4,77 Milliarden der Weltbevölkerung stammen aus dem UBS Global Wealth Report 2023 und die Vergleichsdaten zu 2019 aus dem Credit Suisse Global Wealth Databook 2019, die dieselbe Methodologie anwenden. Das gesamte weltweite Vermögen belief sich 2022 auf 454,4 Billionen US-Dollar, woran die ärmeren 60% einen Anteil von 2,23% und damit 10,1 Billionen hatten. 2019 bekamen sie vom 388,7 Billionen-Kuchen 2,26% bzw. 8,8 Billionen US-Dollar ab. Nominal nahm die Summe zwar zu, aber unter Berücksichtigung der Inflation war es real ein Rückgang um 0,2% ihres Vermögens bzw. 20 Milliarden US-Dollar. Während der Vermögenszuwachs der Superreichen die Inflation bei Weitem ausgleichen konnte, werden die Armen noch ärmer. Serap Altinisik betont, dass die wachsende soziale Ungleichheit zudem geschlechtsspezifische und rassistische Diskriminierungen verstärkt, da marginalisierte Gruppen wie Frauen oder BIPOC (Black, Indigenious, und People of Colour) besonders betroffen seien. Zudem untergrabe sie die Demokratie und trage maßgeblich zur Klimakrise bei. „Das muss sich ändern, wir brauchen eine Besteuerung hoher Vermögen, damit auch die Superreichen ihren gerechten Beitrag zum Gemeinwohl leisten.“

Daher fordert Oxfam eine Vermögenssteuer für die Reichsten in Europa. In einer deutschsprachigen Zusammenfassung des Berichts wird aufgezeigt, dass heute gerade einmal 4% der weltweiten Steuereinnahmen aus Abgaben auf Vermögen stammen. Zwischen 1990 und 2017 stieg allerdings die Zahl der Länder, die eine Mehrwertsteuer erheben, von 50 auf mehr als 150. Verbrauchssteuern stellen mit 44% den größten Anteil der globalen Steuereinnahmen dar. Da reichere Menschen einen geringeren Anteil ihres Einkommens für den Konsum aufwenden, belastet diese Art von Steuern sie deutlich weniger als einkommensschwächere Bevölkerungsteile. In Deutschland ist Vermögen besonders ungleich verteilt und wird gleichzeitig unterdurchschnittlich besteuert: Nur etwas mehr als 3% aller Steuereinnahmen stammen aus Abgaben auf Vermögen. Oxfam schätzt, dass eine innerhalb der EU erhobene Vermögenssteuer auf Vermögen über 4,6 Millionen Euro jedes Jahr 285,6 Milliarden Euro (313,7 Milliarden US-Dollar) einbringen könnte. Diese kämen zustande, wenn Vermögen über 5 Millionen US-Dollar (4,6 Millionen Euro) mit 2%, jene über 50 Millionen mit 3% und Milliardäre mit 5% besteuert würden. Allein Deutschland könnte damit jährlich 85,2 Milliarden Euro einnehmen. Also genug, um ein sich plötzlich materialisierendes 60-Milliarden-Haushaltsloch zu stopfen. Menschen mit weniger als 4,6 Millionen Euro Vermögen, also der Großteil der Bevölkerung, wären nicht von der Steuer betroffen, da sie in Deutschland nur etwa 200.000 Menschen und damit gerade einmal 0,24% der Bevölkerung tangieren würde. Solch eine Vermögenssteuer für die Multi-Millionäre und Milliardär*innen der Welt könnte jährlich wichtige Finanzmittel für das Gemeinwohl generieren, betont Oxfam. Diese könnten in die Bekämpfung des Klimawandels, den Ausbau von Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialer Sicherung investiert werden.

Mit den Forderungen schließt sich Oxfam der europäischen Bürgerinitiative „Tax the Rich“ an, die von Wirtschaftswissenschaftler*innen, Millionär*innen, Aktivist*innen, Gewerkschafter*innen und Politiker*innen initiiert wurde. Die deutsch-österreichische Millionärin Marlene Engelhorn, eine Nachfahrin von BASF-Gründer Friedrich Engelhorn, hatte angekündigt, 25 Millionen ihres Vermögens „rückverteilen“ zu wollen. Ein noch einzusetzender „Guter Rat für Rückverteilung“ soll darüber entscheiden, was mit den 25 Millionen Euro geschehen soll. Seine 50 Mitglieder sollen einen Querschnitt der Gesellschaft abbilden und nach wissenschaftlichen Kriterien ausgesucht werden und nicht von Engelhorn. Sie selbst macht vor Ort in Davos Werbung für eine gerechtere Besteuerung von Superreichen. „Ich habe Geld einfach, weil ich geerbt habe, weil ich geboren bin“, sagte sie heute im morgendlichen Schneegriesel dem Morgenmagazin. Sie fordert eine grundlegende Veränderung der Strukturen des Steuersystems. „Die Aufgabe liegt bei der Politik, dafür zu sorgen, dass nicht wenige Reiche so wie ich ihr Vermögen einfach mal so verdoppeln können, einfach weil sie das Eigentum an alle Ressourcen haben, weil die Verteilungspolitik versagt hat, sondern die Aufgabe der Politik ist, dafür zu sorgen, dass Ressourcen so verteilt werden, dass am Ende nicht über 50% der Weltbevölkerung – und auch auf nationaler Ebene – durch die Finger schauen, während Menschen wie ich durch Geburt horten können. Das geht nicht und diese Aufgabe muss man ernst nehmen.“ (ab)

09.01.2024 |

Benötigt, begehrt, degradiert: Bodenatlas fordert mehr Bodenschutz

Boden
Böden haben viele Funktionen (Foto: CC0)

Gesunde Böden sind für unsere Ernährung und die Bewältigung der Klima- und Biodiversitätskrise von elementarer Bedeutung, doch der Zustand dieser überlebenswichtigen Ressource verschlechtert sich zunehmend – sei es weltweit, in Europa oder auch Deutschland. Land wird zu einer immer härter umkämpften Ressource und die ungleiche Verteilung von Boden ist nicht selten Ursache für Konflikte und Gewalt. Auf diese Zusammenhänge macht der Bodenatlas 2024 aufmerksam, der am 9. Januar von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Forschungsorganisation TMG - Think Tank for Sustainability veröffentlicht wurde. „Mit diesem Atlas wollen wir auf eine Ressource aufmerksam machen, die bei der Bewältigung vieler globaler Krisen eine Schlüsselfunktion innehat: unsere Böden“, schreiben die Leiter*innen der drei Organisationen im Vorwort der Publikation. Gerade in der internationalen Klimadebatte komme Böden zunehmend eine Schlüsselrolle zu, wodurch sich die Verteilungskonflikte um Land zuspitzten und dabei gerade jene oft den Kürzeren ziehen, deren Lebensunterhalt von Böden abhängt. „Weltweit hungern immer mehr Menschen. Das Ziel, den Hunger bis 2030 zu überwinden, ist in weite Ferne gerückt. Menschen in ländlichen Regionen sind besonders betroffen. Für sie ist der Zugang zu gesunden, fruchtbaren Böden ein zentraler Faktor, um sich aus Hunger und Armut zu befreien“, betonen die Herausgeber*innen.

Der Bodenatlas 2024 liefert auf 50 Seiten viele Zahlen, Daten und Fakten rund um das Thema Boden, unterfüttert mit 53 Grafiken sowie Quellenangaben. 2015 erschien die erste Ausgabe, doch seither hat sich einiges getan. Die ersten Kapitel streichen zunächst die Funktionen des Ökosystems Boden als Grundlage des Lebens heraus. „Ohne Boden und seine unschätzbar wertvollen Eigenschaften ist unser Dasein nicht denkbar“, heißt es dort. Eine Grafik beleuchtet den Artenreichtum unter der Oberfläche, wo sich unzählige Tiere und Mikroorganismen tummeln. „Unter einem Hektar Land leben 15 Tonnen Bodenlebewesen – das entspricht dem Gewicht von 20 Kühen. Eine Handvoll Boden kann mehr Lebewesen enthalten, als Menschen auf der Erde leben“, illustriert der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt diese Vielfalt. Zudem dienen Böden als natürliche Wasserspeicher und können so die Auswirkungen der Klimakrise wie Trockenheit, Starkregen und Überschwemmungen abmildern – aber eben nur, wenn sie intakt sind. Böden speichern bis zu 3.750 Tonnen Wasser pro Hektar und geben dieses nach Bedarf wieder ab, erklärt Dr. Imme Scholz, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, anlässlich der Veröffentlichung des Atlas. Aber der Flächenfraß für Infrastruktur, Industrie und Wohnraum bedingt, dass Boden als Wasserspeicher verloren geht. „Durch Versiegelung, aber auch industrielle Formen der Landwirtschaft geht die Fähigkeit von Böden, Wasser aufzunehmen, zurück – mit verheerenden Folgen, wie wir aktuell an der Hochwasserkatastrophe in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sehen“, so Dr. Scholz.

Die Kapitel zu Bodendegradation und Desertifikation blicken auf den aktuellen Zustand unserer Böden. Weltweit nimmt die Bodendegradation seit Jahrzehnten zu und circa ein Viertel der globalen, eisfreien Landfläche ist von menschlich verursachter Degradation betroffen. Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen ist die Lage noch viel dramatischer: mehr als ein Drittel gelten als degradiert. In der Europäischen Union sind mittlerweile über 60% der Böden geschädigt. Jährlich gehen in der EU bereits jetzt ungefähr eine Milliarde Tonnen Boden aufgrund von Erosion durch Wasser verloren. Geschätzte Kosten: etwa 1,25 Milliarden Euro jährlich durch den Verlust an landwirtschaftlicher Produktivität. Doch auch die extremste Form von Bodendegradation, die Desertifikation, ist längst nicht mehr nur ein Problem in Afrikas Sahelzone oder den Wüsten Asiens – auch in Europa entstehen unfruchtbare, wüste Landschaften. Dr. Scholz verweist darauf, dass die Wüstenbildung durch intensive Landwirtschaft und die Klimakrise zunehme – auch in Europa: „Dreizehn EU-Mitgliedstaaten sind mittlerweile betroffen. Und zwar nicht nur Südeuropa, sondern auch Länder mit gemäßigtem und feuchtem Klima wie Ungarn und Bulgarien.“ Insgesamt sind 23% des Gebiets der EU moderat und 8% hoch bis sehr hoch empfindlich gegenüber Wüstenbildung. Meist ist Spanien im Blick der Berichterstattung, wo immer mehr Wasser für den Anbau von Obst und Gemüse für den europäischen Markt genutzt wird: Zwischen 2010 und 2016 habe sich der Grundwasserverbrauch für die Bewässerung hochprofitabler Produkte wie Erdbeeren, Salat oder Brokkoli von 4% auf 22% mehr als verfünffacht, heißt es im Atlas. Auch in Deutschland weist mindestens ein Fünftel der landwirtschaftlichen Flächen sehr starke Bodenerosion auf.

Im Zentrum des Bodenatlasses stehen auch die Nutzungskonflikte, die sich in puncto Boden ergeben. Ein Kapitel widmet sich dem schon lange diskutierten Dilemma Teller oder Futtertrog und hebt die Vorteile einer auf pflanzlichen Produkten basierten Ernährung hervor, die es ermöglicht, die Flächen für Futtermittel anderweitig zu nutzen und so Umwelt und Klima zu schonen. Auch Land Grabbing, der Kampf um fruchtbares Ackerland, der für die lokale Bevölkerung oft in Vertreibung und Armut mündet, ist Thema des aktuellen Bodenatlas. Hier wird aufgezeigt, dass auch Deutschland an dieser Landnahme beteiligt ist, während hierzulande zugleich der Run auf Land zunimmt, wobei kleine und mittlere Betriebe zunehmend unter die Räder kommen. Eine sich verstärkende Tendenz ist der Kampf um Boden im Namen des Klimaschutzes: „Aufgrund der Fähigkeit von Böden, das Klimagas CO2 zu speichern, und des Flächenbedarfs für Klimaschutzmaßnahmen wie etwa Aufforstung erlangen Böden eine immer größere Bedeutung in der internationalen Klimadebatte“, erklärt Dr. Jes Weigelt, stellvertretender Geschäftsführer von TMG. „Denn Böden sind die größten CO2-Speicher an Land. Gleichzeitig benötigen die geplanten Klimaschutzmaßnahmen aller Länder rechnerisch 1,2 Milliarden Hektar Land – eine Fläche dreimal so groß wie die EU.“ Eine Zunahme an Konflikten um Land und Boden sei daher vorprogrammiert. „Um dem Netto-Null-Ziel näher zu kommen, müssen auf etwa 550 Millionen Hektar beschädigte Ökosysteme restauriert werden – und auf etwa 630 Millionen Hektar wird voraussichtlich eine Änderung der Landnutzung erforderlich“, heißt es im Kapitel „Benötigter, begehrter, umkämpfter Boden“. Dies bedeute etwa die Umwandlung von Agrar- in Forstland, wodurch die bestehenden Landrechte von Bäuer*innen, Hirt*innen und indigenen Gemeinschaften verletzt werden könnten, wie es bei großen Klimaprojekten in der Vergangenheit bereits geschah. „Nur wenn politisch kohärente, auf den Menschenrechten basierende Maßnahmen zu Nutzung und Erhalt der Böden entwickelt werden, können wir diese Konflikte verhindern und gleichzeitig die Klimaziele erreichen“, betont Weigelt.

All das und noch viele weitere Kapitel und Themen sind in der Broschüre enthalten, die auf den Webseiten der Herausgeber heruntergeladen oder als Druckexemplar bestellt werden kann. Doch die Autor*innen bemängeln nicht nur den Status quo, sondern liefern auch Anregungen, was getan werden kann, um die Böden fruchtbar zu halten oder wiederherzustellen. „Agrarökologische Methoden der Landwirtschaft fördern nachhaltig die Bodenfruchtbarkeit“, betont Dr. Scholz. „Agrarökologische Betriebe haben zudem eins gemeinsam: Sie erhöhen die Unabhängigkeit und Resilienz der Betriebe.“ Die Herausgeber mahnen im Vorwort, dass national und international neue Wege zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung von Böden gefunden werden müssen. „Deutschland hat auf dem Nachhaltigkeitsgipfel der Vereinten Nationen im Jahr 2015 in New York die Agenda 2030 mit verabschiedet. Eines der dort beschlossenen Nachhaltigkeitsziele lautet, den neu entstehenden Verlust an fruchtbaren Böden auszugleichen.“ Bei der anstehenden Novellierung des Bundesbodenschutzgesetzes müsse daher das Vorsorgeprinzip und der Schutz vor einer Verschlechterung des Bodenzustands stärker berücksichtigt werden, fordern sie. Olaf Bandt verweist darauf, dass Landwirt*innen besser beim Bodenschutz unterstützt werden sollten. Auch die Gemeinsame Agrarpolitik als Förderinstrument der EU müsse Ökosystemleistungen auch für den Boden zukünftig stärker honorieren. „Nachhaltige Flächennutzung kommt nicht nur der Natur zu Gute, sondern schützt unsere Lebensgrundlage Boden und erhöht die Resilienz gegenüber Auswirkungen der Klima- und Biodiversitätskrise“, so Bandt. (ab)

23.12.2023 |

COP28-Bilanz: Was zu Landwirtschaft und Ernährung auf den Tisch kam

Wind
Hat es die Landwirtschaft endlich auf die globale Klima-Agenda geschafft? (Foto: CC0)

Nach zwei Wochen langwieriger Verhandlungen endete am 13. Dezember die Weltklimakonferenz mit einer Einigung. Der Präsident der COP28, Dr. Sultan Al Jaber, lobte diese als „historische Leistung“, übermüdete Delegierte und Beobachter*innen gaben noch fix ihre ersten Statements ab, bevor sie zum Flieger hasteten, und die Presse ließ sich über Stärken und Schwächen der Abschlusserklärung aus. In den darauffolgenden Tagen veröffentlichten zahlreiche Organisationen und Expert*innen dann ausführlichere Analysen der Ergebnisse und schilderten ihre Erlebnisse in Dubai. Dass in der Abschlusserklärung die Abkehr von fossilen Energieträgern angestrebt wird, feierten viele als Erfolg und den Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters, während andere beklagten, dass der klare Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen versäumt wurde, auch wenn sich viele Länder dafür stark gemacht hatten. Obwohl Agrar- und Ernährungssysteme für mindestens ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, wurden Landwirtschaft und Ernährung bisher bei Klimaverhandlungen gern stiefmütterlich behandelt. Der Beitrag von Ernährung und Landwirtschaft zum Klimawandel oder aber auch die entscheidende Rolle, die der Agrarsektor bei der Begrenzung desselben spielen könnte, fanden in den Abschlusserklärungen der Klimakonferenzen keine Erwähnung. Dieses Jahr nahm das Thema jedoch eine zentralere Stellung ein. Die Konferenz wurde gar als „Food Cop“ bezeichnet, was nicht nur angesichts der in Dubai in Scharen vertretenen Lobbyisten der Agrar- und Ernährungsindustrie ein treffender Beiname war: Die Konferenz begann mit einer Erklärung zu nachhaltiger Landwirtschaft, widmete einen ganzen Tag sowie zahlreiche Pavillons und Veranstaltungen den Themen Ernährung, Landwirtschaft und Wasser, bot den Rahmen für die Präsentation einen globalen Fahrplans zur Beseitigung von Hunger und allen Formen der Unterernährung unter Einhaltung des 1,5°C-Ziels und endete mit einem Abschlussdokument, das nachhaltige Landwirtschaft und widerstandsfähige Ernährungssysteme zumindest erwähnte.

Zahlreiche Beobachter*innen betrachteten das Glas als eher halb leer in Anbetracht der fehlenden Verbindlichkeit der Erklärungen und Dokumente. „Dies sollte die ernährungszentrierte COP sein, aber die Schlussfolgerungen waren weder für die Zukunft der Ernährungssysteme noch für die Begrenzung der Auswirkungen des Klimawandels gut“, kommentierte etwa Edward Mukiibi, Präsident von Slow Food. Er prangerte das Fehlen konkreter und verbindlicher Ziele, den Einfluss der großen Emittenten im Landwirtschaftssektor auf die Konferenz und die Vertagung der Diskussionen zur Umgestaltung der Ernährungssysteme auf die nächsten Treffen an. Danielle Nierenberg, Präsidentin der US-NGO Food Tank, hatte sich zwar auch verbindlichere Formulierungen und Ziele gewünscht, für sie ist das Glas aber halb voll: „Es ist wirklich aufregend, dass das Thema Ernährung nun endlich auf den Tisch kommt. Jetzt haben wir die Chance, auf eine Art und Weise über das Potenzial zu sprechen, das Ernährungssysteme für die Lösung der Klimakrise haben, wie noch nie zuvor“, sagte sie The Guardian. Auch Brent Loken, Global Food Lead Scientist beim WWF, mit dem Nierenberg nach Ende der Konferenz ein Interview führte, vertritt die Ansicht, dass diese COP zwar nicht perfekt war, aber greifbare Fortschritte erzielt wurden, was die Anerkennung der zentralen Rolle von Lebensmittelsystemen auf internationaler Ebene anbelangt: „Endlich haben wir ein Fundament, auf dem wir stehen – und auf dem wir aufbauen können.

Was genau also tat sich in Dubai in puncto Landwirtschaft und Ernährung und wie stehen Expert*innen und Nichtregierungsorganisationen dazu? Das 21-seitige Abschlussdokument ist die globale Bestandsaufnahme (Global Stocktake - GST). Der Global Stocktake-Prozess wurde im Pariser Abkommen von 2015 vereinbart und ist eine Bilanz der Fortschritte bei der Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen, die alle fünf Jahre zu ziehen ist. Das COP28-Abschlusspapier ist die erste Runde und die Regierungen haben nun zwei Jahre Zeit, ihre Klimaschutzpläne nachzujustieren und der UN ihre nationalen Klimabeiträge (NDCs) vorzulegen. Der „First Global Stocktake“ ist ein Kompromiss - der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle 196 Länder einigen konnten. Die Konferenz „erkennt die Gewährleistung von Ernährungssicherheit und die Beendigung des Hungers als grundlegende Priorität an und bestätigt die besondere Anfälligkeit von Lebensmittelproduktionssystemen für die negativen Folgen des Klimawandels“. Sie „ermutigt zur Umsetzung integrierter, sektorübergreifender Lösungen, wie Landnutzungsmanagement, nachhaltiger Landwirtschaft, widerstandsfähigen Ernährungssystemen, naturbasierten Lösungen und ökosystembasierter Anpassung“. Die Staaten werden aufgefordert, mit mehr Ehrgeiz ihre Anpassungsmaßnahmen zu verstärken, um „eine Lebensmittel- und Agrarproduktion sowie Versorgung und Verteilung von Lebensmitteln zu erreichen, die widerstandsfähig gegenüber dem Klimawandel ist, und die nachhaltige und regenerative Produktion von und den gerechten Zugang zu angemessener Nahrung und Ernährung für alle zu verstärken“.

Slowfood beschrieb die globale Bestandsaufnahme als „weitgehend bedeutungslos, mit nur einer Erwähnung der Ernährungssysteme im Abschnitt über die Anpassungsmaßnahmen, aber ohne Berücksichtigung im Abschnitt bezüglich der geplanten Eindämmungsbemühungen“. Auch Yvette Cabrera, Expertin für Lebensmittelverschwendung bei der US-Umweltorganisation Natural Resources Defense Council, beklagte diesen Punkt gegenüber dem Guardian. Die Anpassung an den Klimawandel sei „sehr wichtig, weil wir unbedingt herausfinden müssen, wie unser zukünftiges Ernährungssystem aussieht, und darauf vorbereitet sein müssen“, sagte sie, aber „wir müssen auch Schritte unternehmen, um die Emissionen, die jetzt entstehen, zu mindern“. Andere äußerten sich noch unverblümter: „Dass im endgültigen COP28-Text keine Maßnahmen bezüglich des Ernährungssystems enthalten sind, ist ein eklatanter Verrat angesichts der Dringlichkeit“, schrieb Emile Frison, ein Experte des Internationalen Expertengremiums für nachhaltige Lebensmittelsysteme (IPES-Food), in einem Beitrag auf Twitter/X. „Zu ignorieren, dass ein Drittel der Treibhausgasemissionen in Ernährungssystemen verursacht werden, ist ein gefährliches Versäumnis. Wir können uns kein weiteres verlorenes Jahr der Untätigkeit im Bereich Ernährung und Klimaschutz leisten.“ Brent Loken stuft den GST eher als Gewinn ein. „Im endgültigen Text (…) werden Ernährungssysteme in der Tat erstmalig in einem derart breit aufgestellten UNFCCC-Dokument anerkannt. Zugegebenermaßen gelten die meisten Verweise auf Ernährungssysteme der Anpassung und nicht der Abmilderung des Klimawandels und die meisten mit Ernährung in Verbindung stehende Verweise im Abschnitt über die Abmilderung betreffen die nachhaltige Produktion und Konsum und enthalten keine Analyse auf Systemebene“, sagte er Nierenberg und räumte ein, dass internationale Führungspersönlichkeiten noch einen langen Weg vor sich haben, bis sie die entscheidende Rolle von Ernährungssystemen bei der Lösung des Klimakrise zu erkennen. „Aber die globale Food-Bewegung hat es geschafft, in nur wenigen Jahren das Bewusstsein für das Thema Ernährung zu schärfen.“

Doch zurück zum Beginn der Konferenz, zu deren Auftakt die COP28-Präsidentschaft am 1. Dezember stolz die Unterzeichnung der „Emirates Declaration on Sustainable Agriculture, Resilient Food Systems, and Climate Action“ durch 134 Staats- und Regierungschef verkündete – darunter auch die USA und China. „Die COP28-Präsidentschaft setzt die Transformation der Ernährungssysteme auf die globale Klima-Agenda“, war die Pressemitteilung überschrieben. Sie wies darauf hin, dass in den 134 Ländern mehr als 5,7 Milliarden Menschen und fast 500 Millionen Landwirt*innen leben, die 70% unserer Lebensmittel produzieren und für 76% aller Emissionen des globalen Ernährungssystems bzw. 25% aller Emissionen weltweit verantwortlich sind. Inzwischen ist die Zahl der Unterzeichner auf 159 gestiegen. Die nicht verbindliche Erklärung erkennt das große Potenzial der Agrar- und Ernährungssysteme an, wirksame Antworten auf den Klimawandel zu geben, und die Unterzeichner bekunden das Vorhaben, Ernährung und Landwirtschaft in ihre Klimapläne zu integrieren. Die Länder erklärten zudem ihre „Absicht, auf das Ziel hinzuarbeiten, Aktivitäten und Maßnahmen zu Anpassung und Resilienz zu verstärken, um die Anfälligkeit aller Landwirte, Fischer und anderer Lebensmittel-Produzenten gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels zu verringern, unter anderem durch finanzielle und technische Unterstützung für Lösungen, Kapazitätsaufbau, Infrastruktur und Innovationen, einschließlich Frühwarnsysteme, die eine nachhaltige Ernährungssicherheit, Produktion und Ernährung fördern und zugleich die Natur erhalten, schützen und wiederherstellen“. Ein weiteres Ziel ist die Förderung von „Ernährungssicherheit und Ernährung durch verstärkte Anstrengungen zur Unterstützung vulnerabler Gruppen mit Ansätzen wie sozialen Sicherungssystemen und Auffangnetzen, Schulspeisung und öffentlichen Beschaffungsprogrammen“.

Darüber hinaus sollen Arbeiter*innen in Agrar- und Ernährungssystemen unterstützt und die integrierte Bewirtschaftung von Wasser in diesen Systemen gestärkt werden. Die Staaten beabsichtigen auch, „den Klima- und Umweltnutzen von Agrar- und Ernährungssystemen zu maximieren und zugleich die schädlichen Auswirkungen einzudämmen und zu verringern, indem sie Land und natürliche Ökosysteme erhalten, schützen und wiederherstellen, die Bodengesundheit und die Artenvielfalt verbessern und von Praktiken mit hohen Treibhausgasemissionen zu nachhaltigeren Produktions- und Konsumansätzen übergehen, unter anderem durch die Verringerung von Lebensmittelverlusten und -abfällen.“ Zudem versprechen die Staaten, ihre „jeweiligen und gemeinsamen Bemühungen um ein breites, transparentes und inklusives Engagement zu verstärken, soweit es ihrem nationalen Kontext angemessen ist, um Agrar- und Ernährungssysteme in ihre nationalen Anpassungspläne zu integrieren“ und „Politiken und öffentliche Förderung im Zusammenhang mit Landwirtschaft und Ernährungssystemen zu überarbeiten oder neu auszurichten, um die Ziele der Erklärung zu erreichen“. Die Unterzeichner erklärten sich auch bereit, „den Zugang zu allen Formen der Finanzierung der öffentliche Hand, von Stiftungen und dem Privatsektor, auszuweiten und zu verbessern, um Agrar- und Ernährungssysteme an den Klimawandel anzupassen und zu transformieren“. Wie die zitierten Passagen zeigen, ist alles sehr vage formuliert und viele Expert*innen fürchten, dass es die unspezifische Terminologie der Agrar- und Ernährungsindustrie erlaubt, Greenwashing zu betreiben, statt einen echten Beitrag zur Abmilderung des Klimawandels zu leisten. Konkrete Zielvorgaben und Maßnahmen fehlen. Jan Sebastian Friedrich-Rust, Geschäftsführer von Aktion gegen den Hunger, eine humanitäre und entwicklungspolitische Hilfsorganisation, beklagt, dass die Gelegenheit verpasst wurde, den Wandel unserer globalen Landwirtschaft konsequent voranzutreiben. „Um alle Menschen auf diesem Planeten krisensicher ernähren zu können, brauchen wir ökologische, klimafreundliche und lokale Ernährungssysteme. Die nicht-bindende Erklärung zu Thema Landwirtschaft und Ernährung reicht nicht aus, um eine nachhaltige und faire Veränderung anzustoßen und das Recht auf Nahrung für alle zu sichern, zumal inklusive und transformative Konzepte wie Agrarökologie nicht erwähnt werden“, so Friedrich-Rust.

Was tat sich noch auf der COP28? Mehr als 200 Veranstaltungen konzentrierten sich auf Ernährung und Landwirtschaft und am 10. Dezember wurde erstmals auf einer UN-Klimakonferenz ein gesamter Tag dem Themenkomplex Ernährung, Landwirtschaft und Wasser gewidmet. Diese Gelegenheit nutzte die Welternährungsorganisation FAO, um ihren globalen Fahrplan zur Erreichung des zweiten UN-Nachhaltigkeitsziels (SDG2) ohne Überschreitung der 1,5°-Grad-Schwelle vorzustellen. Darin legt sie eine Strategie für die nächsten drei Jahre mit Lösungen für zehn Handlungsbereiche dar: saubere Energie, Nutzpflanzen, Fischerei und Aquakultur, Lebensmittelverluste und -verschwendung, Wälder und Feuchtgebiete, gesunde Ernährung, Tierhaltung, Boden und Wasser sowie Daten und integrative Politiken. Was die Treibhausgase von Agrar- und Ernährungssystemen anbelangt, so sollen diese bis 2030 um 25% gesenkt werden, bis 2035 soll CO2-Neutralität erreicht sein, während die Halbierung von Lachgas-Emissionen bis 2040 und die von Methan bis 2045 erfolgen soll. 2050 soll der Agrifood-Sektor dann eine Netto-Kohlenstoffsenke sein und 1,5 Gigatonnen CO2-Äquivalent pro Jahr speichern. Der Fahrplan will außerdem den Weg aufzeigen, wie chronische Unterernährung bis 2030 beseitigt und der Zugang zu gesunder Ernährung für alle bis 2050 erreicht werden kann. Er empfiehlt die Diversifizierung der Anbauprodukte und eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten. „Es geht nicht darum, ob sich die Ernährungsgewohnheiten ändern sollten – denn das müssen sie für die Gesundheit der Menschen und des Planeten unbedingt –, sondern darum, wie dies erzielt werden kann.“ Klare Empfehlungen zur Senkung des Fleischkonsums sucht man in dem Dokument aber vergeblich – im Kapitel Tierhaltung ist vor allem von einer verbesserten Effizienz der Produktion die Rede. Das Kapitel Lebensmittelverluste und -verschwendung nennt als bis 2030 zu erreichenden Meilenstein unter anderem die Verringerung der globalen Lebensmittelverschwendung um 50% pro Kopf auf Handels- und Verbraucherebene.

Yvette Cabrera hofft, dass der Fahrplan trotz fehlender Verbindlichkeit den Ländern ein Gefühl dafür vermitteln kann, wie sie Ernährungssysteme besser in ihre Klimaziele einbinden können. Laut Dr. Sophia Murphy, Leiterin des Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP), bietet der Fahrplan „einen willkommenen Schwerpunkt auf das Recht auf Nahrung inmitten der Kakofonie an Interessen der Lebensmittelindustrie, die über die COP hereingebrochen ist“. Sie spielt damit auf die Tatsache an, dass dreimal mehr Lobbyisten für Fleisch- und Milchkonzerne an der COP28 teilnahmen als an der vorherigen Konferenz und dass Lobbyisten gar Teil der nationalen Delegationen waren. Murphy zeigte sich dennoch enttäuscht, dass der Bericht es versäumt, die großen Agrarkonzerne zu echten Emissionsreduzierungen aufzufordern, gerade in den reichen Ländern, wo die Verringerung der Methan- und Lachgasemissionen aus der industriellen Tierhaltung ein recht einfach erreichbares Ziel mit enormen Nebeneffekten für die biologische Vielfalt, die Wirtschaft im ländlichen Bereich und eine gesunde Ernährung wäre. Die Reduzierung des Methanausstoßes in der Landwirtschaft stuft der Fahrplan zwar als zentral ein, aber er führe nur Lösungen an, die „auf einem an Fantasie grenzenden Techno-Optimismus basieren“. Als Beispiel nennt Murphy den Lösungsvorschlag, durch Futtermittelzusätze den Methanausstoß aus der enterischen Fermentation von Wiederkäuern zu reduzieren, dessen Umsetzung im großen Stil sie in der Kürze der Zeit, die für das Erreichen des Methanziels bleibt, für unrealistisch hält. Optionen, wie die sofortige Einführung von strikteren Auflagen in der industriellen Tierhaltung, fehlten hingegen völlig. „Der einfachen Idee, sich in den Industrieländern mit weniger zu begnügen und zugleich eine erhöhte und effizientere Produktionen in den Ländern anzuregen, in denen mehr Lebensmittel benötigt werden, wird ausgewichen. Die Folgen einer globalen Transformation der Ernährungssysteme müssen klar auf den Tisch gepackt und nicht nur angedeutet werden“, so Murphy.

Eine weitere Enttäuschung war das Scheitern der Gespräche über die Initiative „Sharm el-Sheikh Joint Work on Implementation on Agriculture and Food Security“ (SSJW), ein auf der COP27 beschlossener Vierjahresprozess. Die Verhandlungen wurden am 5. Dezember ohne substanzielle Ergebnisse abgeschlossen, und die Verhandlungen über die Umsetzung der auf der COP27 eingegangenen Verpflichtungen werden erst im Juni 2024 wieder aufgenommen, 18 Monate nachdem die SSJW ins Leben gerufen wurde. Brent Loken sagte, dies sei „weit entfernt von dem mehrjährigen Strategieplan, wo erhofft worden war, dass die Verhandlungsführer ihn während der COP28 erstellen würden“. Auch Joao Campari, Leiter der Global Food Practice der Umweltschutzorganisation WWF. bezeichnete die Tatsache, „dass die Verhandlungen über das Sharm el-Sheikh Joint Work zu keiner Einigung geführt haben“, als „zutiefst enttäuschend“. Es gefährde die kollektive Fähigkeit, die notwendigen Klima-, Natur- und Entwicklungsziele zu erreichen. Auch in der Pressemitteilung des Thünen-Instituts schwang zwischen den Zeilen Enttäuschung mit, dass „trotz intensiver Diskussionen zwischen den Vertragsstaaten und innerhalb des EU-Teams“ es bisher keine Einigung gab, wie das SSJW-Arbeitsprogramm konkret ausgestaltet werden kann. „Aus wissenschaftlicher Sicht ist unumstritten, dass die Landwirtschaft große Bedeutung für den Klimaschutz hat, und ebenso, dass sich die Landwirtschaft an die sich ändernden klimatischen Bedingungen anpassen muss“, sagte Claudia Heidecke von der Thünen-Stabsstelle Klima und Boden, die die Delegation des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Dubai begleitet. Wie und wo man dies in den Verhandlungsthemen adressiere, sei aber eine andere Frage. „Hier kommen viele Erwartungen und Forderungen zusammen“, sagte sie. Laut Kirubel Tadele, Kommunikationsbeauftragter von AFSA, einem breiten Bündnis der afrikanischen Zivilgesellschaft, signalisiert der Aufschub „eine besorgniserregende Verzögerung bei der Bewältigung der dringenden klimatischen Herausforderungen für die afrikanische Landwirtschaft und untergräbt auf kritische Weise das Potenzial für sinnvolle Klimamaßnahmen in einem Sektor, der für das Überleben und die Widerstandsfähigkeit Afrikas von entscheidender Bedeutung ist“.

Bei all dem Gerede über nachhaltige Landwirtschaft und naturbasierte Lösungen waren Befürworter*innen der Agrarökologie zutiefst enttäuscht, dass diese weder Eingang noch Erwähnung in die einschlägigen Dokumente gefunden hat. „Die Agrarökologie wurde erwartungsgemäß ausgeklammert und tauchte in den politischen Diskussionen weder als Schlüsselelement auf, noch wurde sie als die Lösung genannt, die es uns ermöglichen wird, den Kurs zu ändern und den Klimawandel zu bekämpfen“, sagte Edward Mukiibi von Slow Food. Das IATP beklagte zudem, dass „trotz der Tatsache, dass die Lebensmittelsysteme auf der COP28 im Mittelpunkt standen, die abschließenden Entscheidungen wenig über die dringende Notwendigkeit eines transformativen Wandels hin zu Agrarökologie sagten“. Auch Anika Schroeder vom katholischen Hilfswerk Misereor zeigte sich enttäuscht über das Ergebnis: „Die sogenannte ‚Food COP‘ hat sich als Greenwashing-Veranstaltung mit vielen mutigen Bekenntnissen zu klimafreundlicheren Landwirtschafts- und Ernährungssystemen entpuppt. Unverbindliche Erklärungen und Aussagen, die den großen Elefanten im Raum – das stark auf fossilen Brennstoffen basierende Nahrungsmittelsystem – gar nicht erst erwähnen. Ihnen fehlt eine klare Vision für die Agrarökologie, die nachweislich eine hohe Widerstandsfähigkeit und einen niedrigen CO2-Ausstoß aufbaut.“ Zumindest Brent Loken bleibt in seinem Resümee ein unverwüstlicher Optimist. Im Gespräch mit Nierenberg betonte er, dass keine Zeit mehr bleibe, um noch negativ zu sein. Es sei okay, enttäuscht zu sein, aber Enttäuschung und Negativität seien zweierlei Paar Schuhe. „Wenn wir alles zusammennehmen, sollten wir optimistisch sein.“ COP28 „gibt uns etwas, mit dem wir weiterarbeiten und für das wir uns einsetzen können, wenn es um die Umsetzung geht.“ (ab)

30.10.2023 |

Weg ist weg: Studie zum Artensterben lässt Alarmsignal erschallen

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Stark gefährdet: das Rebhuhn (Foto: CC0)

Bei der Klima- und Biodiversitätskrise handelt es sich um eine Zwillingskrise, die nur gemeinsam gelöst werden kann. Während der Klimawandel es „über eine lange Themenkarriere mit einer geradezu absurd flachen „Lernkurve“ und zu spätem Handeln“ mittlerweile „in die hohe Politik geschafft hat“, wird dem Schwund der Artenvielfalt noch nicht die notwendige Aufmerksamkeit zuteil. Obwohl Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft mit Vehemenz an die Weltgemeinschaft und Politik appellieren und zum Handeln mahnen, und trotz ehrgeiziger globaler Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsziele, besteht ein enormes Umsetzungsdefizit. Das ist das Fazit einer neuen Studie, die am 27. Oktober in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin und im Livestream vorgestellt wurde. In Auftrag gegeben hat sie der Agrarpolitische Sprecher der Grünen im EU-Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, Martin Häusling. Verfasst wurde sie von Klaus-Henning Groth, der nationale und internationale NGOs und die Politik berät, und dem Diplom-Geograph Carsten Rocholl. „Die Biodiversitätskrise bedeutet nicht nur, dass zwei oder drei Schmetterlingsarten verschwinden, sondern es handelt sich um DIE zweite Krise neben der Klimakrise – eigentlich Klimakatastrophe – und wir müssen diese gleichwertig behandeln“, betonte Häusling bei der Vorstellung. Der Studie. Oder wie es Rocholl formulierte: „Wenn jede bedrohte Art den Sound eines Rauchmelders auslösen würde, dann wäre es sehr laut auf diesem Planeten.“

Die Studie „Weg ist weg! Warum es keine Alternative zum Erhalt der Artenvielfalt gibt“ behandelt das Auslöschen von Arten samt ihres genetischen Potentials und ihrer Lebensräume, die Ursachen dafür und Instrumente und Maßnahmen zum Aufhalten des Artensterben. Es handelt sich, wie es auch Groth und Häusling bei der Veranstaltung in Berlin bemerkten, um keine erschöpfende Darstellung der Problemlage, sondern die Publikation reißt lediglich die wesentlichen Aspekte an, dient als Faktensammlung und beleuchtet, wo wir stehen, was kann getan werden und was bereits geschieht. Die Autoren liefern zunächst einen Überblick, worum es beim Thema Biodiversität geht und stellen bei einem kurzen Blick auf internationale Ansätze fest, dass das UN-Nachhaltigkeitsziel SDG 15, das unter anderem Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, und den Verlust der biologischen Vielfalt stoppen will, bislang nicht erreicht wurde.

In Kapitel 3 kommt Dr. Josef Tumbrinck, Sonderbeauftragter für das Nationale Artenhilfsprogramm im Bundesumweltministerium zu Wort, der konstatiert, dass trotz positiver Entwicklungen die Gefährdung der Artenvielfalt weiterhin zweifellos dramatisch ist. Deutschland befinde sich leider in einer „großen Gemeinschaft von Staaten, welche die gesteckten Schutzziele bisher nicht erreicht haben“. Handlungsdefizite seien deshalb vorhanden, weil sich andere, zumeist wirtschaftliche, Interessen durchsetzen. Als Beispiel nennt er die Landwirtschaft, bei der sich auch in der aktuellen Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) gezeigt habe, wer am Ende einen größeren Einfluss in der EU hatte. „Da war es die Agrarlobby, die sehr viel von dem durchgesetzt hat, was sie wollte. Jetzt liegt es in der Hand der einzelnen Mitgliedstaaten, die dennoch vorhandenen großen Spielräume auch für die möglichen Artenschutzprojekte zu nutzen“, so Tumbrinck. „Wir haben kein Erkenntnisdefizit, sondern wir haben ein Handlungsdefizit“, betonte er auf dem Podium in der Heinrich-Böll-Stiftung. Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität seine immer eine Frage der Priorisierung in der Politik. Die Instrumente, das Ordnungsrecht könne verändert werden, wenn man will, aber die Politik müsse Mittel bereitstellen und Entscheidungen treffen. Tumbrinck verweist darauf, dass das mit 4 Milliarden ausgestattete Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK), bei dem es darum geht, durch den Schutz oder die Wiederherstellung der Biodiversität die Klimaschutzziele zu erreichen, den willkommenen Nebeneffekt habe, dass man mit jedem Euro auch den Artenschutz fördert. „Das ist schon einmal eine ordentliche Summe, das muss man auch erst einmal in Projekten umsetzen“, sagte er und unterstrich dabei aber, dass das Programm in den Folgejahren ab 2027 mit weiteren Mitteln hinterlegt werden müsse. Im Artenschutzprogramm werde Deutschland jedes Jahr mit 14 Millionen eine „homöopathische“ Summe zur Verfügung haben. Es werden gute Projekte kommen und existierten auch schon viele, die zeigen werden, dass Artenschutz funktioniert. „Es reicht, um Dinge anzuschieben, aber es reicht nicht, um Deutschland in eine Artenschutzwende zu bekommen“, so Tumbrinck.

Das Dossier befasst sich auch mit den Ursachen des Artenschwunds: Es ist vor allem die Art, wie wir unser Land bewirtschaften, die maßgeblich zu diesen drastischen Folgen führt. Damit kommt die Landwirtschaft ins Spiel, denn sie ist einer der Haupttreiber für diese Entwicklung. „Das Übermaß von Stickstoff und Pestiziden als enorme Belastung der Ökosysteme, ein Kahlschlag der Landschaft auch an Strukturen, der Umgang mit unseren Böden und eine weitere Intensivierung fordern ihren tödlichen Tribut“, schreiben die Autoren. Die Intensivierung der Landwirtschaft und Landnutzung gefährde die Artenvielfalt durch die großflächige Umwandlung von artenreichen und kohlenstoffreichen Wäldern, Feuchtgebieten, Mooren und Grasländern in zumeist artenarme Agrarlandschaften mit großen Verlusten von Biodiversität und einem Anteil von etwa einem Drittel der bisher von der Menschheit freigesetzten Treibhausgase. Die Eutrophierung von Land- und Süßwassersystemen und Meeren mit Sauerstoffverarmung infolge von Stickstoff- und Phosphateinträgen aus überdüngten Agrarflächen ist ein weiterer Faktor. Darüber hinaus flächendeckenden Einsatz von Chemikalien und Pflanzenschutzmitteln; vielfach nicht nachhaltige Bewässerungstechniken mit Schädigung der Süßwassersysteme und Versalzung und Versteppung von Böden ist ein weiterer Faktor ebenso wie der menschgemachte Klimawandel. Der Raubbau an den natürlichen Ressourcen trägt zum Artensterben bei. Der Earth Overshoot Day führt uns vor Augen, dass die Natur gar nicht so schnell nachliefern kann, wie wir Ressourcen nutzen“, erklärt Rocholl.

Die Autoren befassen sich auch mit mehreren Instrumenten des Artenschutzes und politischen Rahmenwerken und Richtlinien, die zum Artenschutz beitragen, von Schutzgebieten, Pestizidreduktionsstrategie, Nitratrichtlinie, EU-Wasserrahmenrichtlinie über konkrete Projekte zum Schutz des Rebhuhns bis hin zur Wiedervernässung von Mooren. Sie blicken auf die internationale Ebene mit einer Bewertung der Ergebnisse der Weltnaturkonferenz (COP15) im Dezember 2022 und stellen die wichtigsten Studien vor, die sich mit dem Thema Biodiversität befassen. Ihr Fazit lautet: „Die bisherigen Absichten, Strategien und Maßnahmen haben den weiteren Verlust von Arten und Lebensräumen weder in Deutschland noch in der EU spürbar aufhalten können. Je genauer Wissenschaft und ehrenamtliche Artenkenner hinschauen, umso erschreckender werden manche Populationsprognosen.“ Die dürftige Bilanz der staatlichen Bemühungen komme in weiten Teilen einem Scheitern mit Ansage gleich, resümieren sie. Es drohten Folgen katastrophalen Ausmaßes für die Ökosysteme weltweit. Und damit selbstredend für uns Menschen als Teil der Systeme.

Nach der Vorstellung der Studie stellten sich die Autoren, Häusling, Tumbrinck sowie Dr. Kirsten Thonicke, stellvertretende Abteilungsleiterin & Leiterin der Arbeitsgruppe Ökosystem im Wandel am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Florian Titze, Senior Policy Advisor Internationale Biodiversitätspolitik bei WWF Deutschland, den Fragen der Moderatorin Lena Luig von der Heinrich-Böll-Stiftung und des Publikums. Der rote Faden, der sich durch sämtliche Redebeiträge zog, war die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln. „Alle 10 Jahre eine neue Strategie zu entwickeln und dann wieder ins Schaufenster zu stellen, wird nicht reichen“, betonte Rocholl. „Wir müssen in die Umsetzung kommen, wir müssen die Forschung ernst nehmen, die Wissenschaft nicht nur auf großen Konferenzen ins Rampenlicht rücken, sondern wir müssen tagtäglich handeln.“ Häusling betonte, dass der Agrarpolitik ein Bereich, der schon seit Jahren auf echte Reformen wartet, aber es wird nicht hart eingegriffen in die GAP, denn das erste Ziel sei es, erst einmal billige Ware zu produzieren – und das seit dem Ukrainekrieg noch mehr. „Im Agrarbereich existieren in Europa die größten Verharrungskräfte – bloß nicht die Bauern belasten, bloß keine Auflagen“, laute die Devise. Ob GAP, Farm to Fork oder Pestizidreduktionsziele: „Ziele haben wir genug, aber es mangelt an der Umsetzung“, so auch Häusling. Im letzten Kapitel betonen die Autoren erneut: „Das Wissen ist da, jetzt gilt es, Verantwortung zu übernehmen.“ Sie stellen 10 konkrete Forderungen an die Politik auf, für deren Lektüre sie auf die Publikation verweisen, die online zum Download bereit steht. (ab)

16.10.2023 |

Welternährungstag: Hungerbekämpfung im Fokus unterschiedlicher Interessen

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Die Vorräte von Millionen Menschen sehen dürftiger aus (Foto: CC0)

Am 16. Oktober ist Welternährungstag – und wie jedes Jahr rücken Hunger und Mangelernährung um diesen Tag herum wieder für eine Weile in den Fokus der Presse, von Veranstaltungen und Berichten oder sind Gegenstand politischer Willensbekundungen. Nichtregierungsorganisationen beklagen lautstark die mangelnden Fortschritte im Kampf gegen den Hunger und fordern zu entschlossenem Handeln auf. Und wie jedes Jahr werden die Artikel und Posts mit Bildern von traurig dreinblickenden Kindern mit dünnen Ärmchen dann auch recht schnell wieder abgelöst von anderen Schreckensmeldungen. Alljährlich bleibt festzustellen, dass die Weltgemeinschaft von ihrem Ziel, bis 2030 Hunger und alle Formen von Unterernährung zu beenden, meilenweit entfernt ist. Immer noch leidet eine Dreiviertelmilliarde Menschen weltweit an chronischer Unterernährung und nimmt dauerhaft zu wenige Kalorien zu sich. Die FAO gibt für 2022 eine Spanne von 691 bis 783 Millionen Hungernde an – meist wird mit 735 Millionen die goldene Mitte zitiert. Im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 ist die Zahl um weitere 122 Millionen Menschen in die Höhe geschnellt. 2,4 Milliarden Menschen – rund 30 Prozent der Weltbevölkerung – sind von mittlerer bis schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen. Der Welthunger-Index 2023 vermeldet, dass die Hungersituation in 43 Ländern nach wie vor ernst oder sehr ernst ist. In der Zentralafrikanischen Republik waren etwa im Zeitraum 2020-2022 fast die Hälfte der Bevölkerung (48,7%) unterernährt.

Seit 1981 ruft die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) jedes Jahr ein Motto aus, um den Tag zu begehen und die Aufmerksamkeit auf zentrale Aspekte für die Welternährung zu lenken. Wie schon 1994 und 2002 steht das Thema Wasser dieses Jahr im Mittelpunkt: „Wasser ist Leben. Wasser ist Nahrung. Niemanden zurücklassen“, lautet das Motto. Rund 2,4 Milliarden Menschen leben in Ländern, die unter starkem Wasserstress leiden. Süßwasser macht lediglich 2,5% der globalen Wasserreserven aus und die Landwirtschaft ist für 72% der globalen Süßwasserentnahme verantwortlich, schreibt die FAO auf ihrer Themenseite. Am 16. Oktober startet sie in die Woche mit einer großangelegten Zeremonie, bei der FAO-Generaldirektor QU Dongyu, der irische und italienische Staatspräsident und andere Gäste präsent sein werden. Am 19. Oktober geht es dann weiter mit dem „Junior World Food Day“, der Schüler*innen „eine unterhaltsame Veranstaltung mit Geschichten, Musik, Kunst und Tanz“ bieten soll, auf der sie mit Promis und Aktivist*innen übers Wassersparen und andere nachhaltige Praktiken debattieren können. Ein Promo-Video mit fröhlich tanzenden Kindern, die in mehreren Sprachen vom Wassersparen singen, soll die Jugend dazu inspirieren, sich für Veränderungen einzusetzen.

Mit dem Welternährungstag gibt die FAO auch den Startschuss zum einwöchigen World Food Forum (WFF) in Rom. Das Forum wurde 2021 als „unabhängiges, von der Jugend angeführtes globales Netzwerk von Partnern“ aus der Taufe gehoben, das eine globale Bewegung mit dem Ziel der Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme und Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele anstoßen soll. Neben Online-Veranstaltungen und anderen Plattformen ist die Großveranstaltung im Oktober das Aushängeschild des WFF. QU Dongyu hat mit der 3. Ausgabe des neuen Formats die Sitzung des Welternährungskomitees CFS von ihrem seit Jahren etablierten Termin in der Woche um den Welternährungstag herum auf die darauffolgende Woche verbannt. Das CFS ist die zentrale internationale und zwischenstaatliche Plattform der UN für Ernährungssicherheit und Ernährung, an der alle Mitgliedsstaaten, aber auch die Zivilgesellschaft, der Privatsektor und das Hochrangigen Expertengremium (HLPE) als wissenschaftlicher Arm des CFS mitwirken. NGOs kritisiert seit Langem, dass das Welternährungskomitee als inklusivstes multilaterales Gremium zunehmend entmachtet werde und die FAO stattdessen verstärkt auf Multistakeholder-Koalitionen baue, bei denen private Konzerne und Stiftungen immer mehr Einfluss gewinnen.

Die Menschenrechtsorganisation FIAN International und die US-NGO „Corporate Accountability“ veröffentlichten im Vorfeld des „World Food Forum“ einen Bericht, in dem sie den Einfluss von Konzernen auf die Agenda des WFF kritisieren. Sie nahmen die 44 Kooperationspartner, die auf der WFF-Webseite stehen, genauer unter die Lupe und kamen zu dem Ergebnis, dass 40% davon mindestens eine Verbindung zur Lebensmittel- oder Agrarindustrie, Pharmazie- oder Technologie-Unternehmen pflegten und dass 16 Kooperationspartner mehrere oder sich überschneidende Beziehungen mit Organisationen hatten, die von Konzernen finanziert werden. Das diesjährige WFF werde eindeutig von unternehmensgesteuerten Narrativen, der Vereinnahmung von jugendlichen Teilnehmern und dem Bestreben der FAO, problematische öffentliche und private Investitionspartnerschaften zu vermitteln, dominiert, klagen die Organisationen. „Die Führung der FAO fördert konsequent die Konsolidierung und Ausweitung von konzerngesteuerten, industriellen Lebensmittelsystemen“, beklagt Sofia Monsalve, Generalsekretärin von FIAN International. „Das WFF ist ein wesentlicher Teil einer breiteren FAO-Strategie. Eine noch nie dagewesene umfassende Politik der offenen Tür für Unternehmen ist in den letzten Jahren zu einer institutionellen Priorität der FAO geworden“, sagt sie. Viele der WFF-Unterstützer scheinen den Fokus auf technologische Innovation und globale Wertschöpfungsketten zu legen und eher Privatinvestoren als sozialen Akteuren verbunden zu sein. „Unternehmen investieren strategisch in die Gestaltung industriefreundlicher Narrative und versuchen, eng gefasste, von fossilen Brennstoffen abhängige und technologiegetriebene Lösungen zur Umgestaltung der Ernährungssysteme zu legitimieren“, heißt es in der Studie. „Diese Bemühungen scheinen den Wissensschatz, der sich aus traditionellen Ernährungssystemen, agrarökologischen Anbaumethoden und den Praxiserfahrungen von Millionen Kleinbauern, Viehzüchtern, Fischern und all jenen, für die Land und Lebensmittel keine Handelsware, sondern eine Lebensgrundlage darstellen, zu umgehen oder nur am Rande zu berücksichtigen.“

Auch zahlreiche deutsche NGOs und Hilfswerke kritisieren den Einfluss von Konzernen bei Fragen der Hungerbekämpfung schon lange. Anlässlich des Welternährungstages verweisen sie vor allem auf die strukturellen Ursachen von Hunger und Mangelernährung. „Das Recht auf Nahrung, das für jeden Menschen gleichermaßen gilt, meint mehr als kalorisch satt zu werden. Damit Menschen ihrer Würde entsprechend leben können, ist eine ausgewogene Ernährung nötig“, erklärt Lutz Depenbusch, Experte für Landwirtschaft und Welternährung von Misereor. Dabei macht er auf Armut als eine der zentralen Ursachen für Hunger und Mangelernährung aufmerksam. Mit Blick auf die Halbzeit der UN-Nachhaltigkeitsziele in diesem Jahr sei problematisch, dass die dort definierte Armutsgrenze von 2,15 US-Dollar pro Tag, die ein Mensch als Minimum zum Leben zur Verfügung haben muss, nicht reiche, gesunde Ernährung zu sichern und sie sei damit unzureichend. „Es ist nicht akzeptabel, dass aktuell 3 Milliarden Menschen auf der Welt aus Armutsgründen von gesunder Ernährung abgeschnitten sind. Wer Hunger und Mangelernährung beenden will, muss verstärkt Armut bekämpfen und Ungleichheit abbauen. Vielfach fehlt hierfür der politische Wille“, bemängelt Depenbusch.

Auch FIAN Deutschland prangert an, dass sich die strukturellen Ursachen von Hunger und Mangelernährung, wie Landkonzentration, die Industrialisierung der Agrar- und Ernährungssysteme sowie der wachsende Einfluss von Finanzinvestoren, verschärften und es die Politik versäume, diese Probleme anzugehen. „Dies geht einher mit der systematischen Ausgrenzung und Diskriminierung von kleinen und handwerklichen Nahrungsmittelproduzent*innen im globalen Süden“, sagt Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN Deutschland. Zudem werde ländlichen Gemeinden durch Landgrabbing seit Längerem regelrecht der Boden unter den Füßen weggezogen. „100 bis 214 Millionen Hektar Land wurden nach aktuellen Schätzungen seitdem an Investoren transferiert. Die damit einhergehende gewaltige – und oft gewaltsame – Expansion einer agrarindustriellen Landwirtschaft produziert entgegen der landläufigen Meinung nur wenig Nahrungsmittel“, so FIAN. Seit 2000 nahm die Anbaufläche von Palmöl, Zuckerrohr, Soja und Mais um 150 Millionen Hektar zu. Nur 13% der weltweiten Maisernte werden aber für die menschliche Ernährung verwendet. Die Anbaufläche von Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln, Hirse, Roggen und Sorghum sei zugleich um 24 Millionen Hektar gesunken. „Die globale Landwirtschaft ist immer weniger darauf ausgerichtet, die Menschen zu ernähren“, erklärt Roman Herre, Agrarreferent von FIAN. „Diese grundlegende Fehlentwicklung ist weitgehend abwesend in den Debatten zum Thema Welternährung“. (ab)

12.10.2023 |

WHI: Krisen bremsen Kampf gegen den Hunger weiter aus

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Ernährungssysteme werden jungen Menschen oft nicht gerecht (Foto: CC0)

Das Ausmaß des Hungers in der Welt ist nach wie vor enorm und Fortschritte bei der Hungerbekämpfung sind weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Auswirkungen einer Vielzahl an Krisen wie der Anstieg der Nahrungsmittelpreise, angetrieben durch den Krieg gegen die Ukraine, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie, der Klimawandel und immer mehr bewaffnete Konflikte verstärken sich gegenseitig und bewirken, dass etwa 735 Millionen Menschen täglich ihr Recht auf angemessene Nahrung verwehrt wird. Junge Menschen und vor allem junge Frauen sind dabei besonders stark betroffen. Das sind einige der Kernaussagen des Welthunger-Index (WHI) 2023, der am 12. Oktober von der Welthungerhilfe und der irischen Hilfsorganisation Concern Worldwide veröffentlicht wurde. Die multiplen Krisen haben vor allem dazu geführt, dass sich die Ungleichheiten zwischen Regionen, Ländern und Gruppen verschärfen, warnt der Bericht. Während einige Länder sie relativ gut überstanden hätten, seien die Hunger- und Ernährungsprobleme in anderen Ländern schlimmer geworden. „Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen und benachteiligte Gruppen sind besonders betroffen, weil sie kaum noch Kapazitäten zur Bewältigung der verschiedenen Krisen haben“, betont Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe. Vor diesem Hintergrund seien die geplanten Kürzungen von Mitteln für die Entwicklungszusammenarbeit und vor allem die humanitäre Hilfe das falsche Signal.

Der WHI wird jedes Jahr von den beiden Organisationen herausgegeben. Die diesjährige Ausgabe wertete Daten zur Ernährungslage von 136 Ländern aus und fasst im Index vier Indikatoren zusammen: Den Anteil der Unterernährten an der Bevölkerung (hier dient die Deckung des Kalorienbedarfs als Messlatte), den Anteil von Kindern unter fünf Jahren, deren Wachstum verzögert ist (zu geringe Körpergröße im Verhältnis zum Alter – ein Anzeichen für chronische Unterernährung), den Anteil der unter Fünfjährigen, die an Auszehrung leiden (zu niedriges Gewicht im Verhältnis zur Körpergröße – ein Beleg für akute Unterernährung) sowie die Sterblichkeitsrate von Kindern in dieser Altersgruppe. Darauf basierend wird der WHI-Wert auf einer 100-Punkte-Skala ermittelt, wobei 100 der schlechteste Wert ist. Die Lage in jedem Land wird als niedrig, mäßig, ernst, sehr ernst oder gravierend eingestuft. Für 125 Länder waren ausreichend Daten vorhanden, um WHI-Werte für 2023 zu berechnen, für 11 Länder konnte aufgrund unvollständiger Datenlage kein Wert berechnet werden und wenn möglich wurden jene Länder vorläufig in die unterschiedlichen Kategorien eingestuft.

Demnach ist in 43 Ländern die Hungersituation nach wie vor ernst oder sehr ernst. Sehr ernst ist sie in neun Ländern: Burundi, Somalia und Südsudan (mit unvollständiger Datenlage) sowie in der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, Lesotho, Madagaskar, Niger und Jemen. Die Zentralafrikanische Republik hat mit 42,3 den höchsten berechenbaren WHI-Wert aller Länder im Ranking. Dort waren 48,7% aller Menschen im Zeitraum 2020–2022 unterernährt – fast die Hälfte der Bevölkerung kann also dauerhaft ihren Mindestbedarf an Kalorien nicht decken. Eines von zehn Kindern erlebt seinen 5. Geburtstag nicht und 40% sind wachstumsverzögert. Das Land hat in den letzten Jahren enorm unter Konflikten gelitten, die Bevölkerung wurde vertrieben, litt an weitverbreiteter Armut und Unterbeschäftigung, wodurch der Hunger verstärkt wurde. Der Bericht gibt für weitere 37 Länder den Schweregrad des Hungers mit mäßig an. Besorgniserregend ist, dass sich vielerorts die Lage verschlimmert hat: In 18 Ländern mit mäßigen, ernsten oder sehr ernsten WHI-Werten für 2023 nahm der Hunger im Vergleich zum Referenzjahr 2015 zu. „Der Welthunger-Index (WHI) offenbart, dass wir nach jahrzehntelangen Fortschritten in der Reduzierung des weltweiten Hungers seit 2015 kaum noch vorangekommen sind. Da sich die Auswirkungen der Krisen vervielfachen und verschärfen, leiden immer mehr Menschen unter extremem Hunger. Prognosen zufolge wird sich die Situation im Laufe des Jahres sogar weiter verschlechtern“, heißt es im Vorwort.

In 14 Ländern mit mäßigen, ernsten oder sehr ernsten WHI-Werten für 2023 sind die Fortschritte weitgehend zum Stillstand gekommen – ihre WHI-Werte für 2023 sanken nur um unter 5% gegenüber 2015. Der globale WHI-Wert für 2023 liegt bei 18,3, was als mäßig gilt, jedoch nicht einmal einen Punkt unter dem Wert von 19,1 für 2015 liegt. Beim aktuellen Tempo werden 58 Länder bis 2030 kein niedriges Hungerniveaus erreichen können. „Während das Jahr 2030 näher rückt und nur noch sieben Jahre verbleiben, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen, wird fast einer Dreiviertelmilliarde Menschen ihr Recht auf angemessene Nahrung verwehrt“, schreiben Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe und David Regan, der Vorstandsvorsitzende von Concern Worldwide, im Vorwort zum Bericht. „Hunger ist nicht neu, genauso wenig wie seine Ursachen. Neu ist, dass wir jetzt in einer Zeit leben, die als „Polykrise“ bezeichnet wird: Die sich verstärkenden Auswirkungen des Klimawandels, Konflikte, wirtschaftliche Schocks, die Pandemie und der Russland-Ukraine-Krieg haben nicht nur die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten verschärft, sondern auch die erzielten Fortschritte bei der Reduzierung des Hungers in vielen Ländern verlangsamt oder gar umgekehrt“, führen sie aus. Es gibt jedoch auch positive Beispiele in den grauen Zahlen: Sieben Länder, deren WHI-Werte für 2000 einen gravierenden Hungerzustand verzeichnete – Angola, Äthiopien, Niger, Sambia, Sierra Leone, Somalia und Tschad –, machten Fortschritte. Zudem haben sieben Staaten ihre WHI-Werte zwischen 2015 und 2023 um fünf oder mehr Punkte gesenkt: Bangladesch, Dschibuti, Laos, Mosambik, Nepal, Timor-Leste und Tschad.

Der diesjährige Welthunger-Index befasst sich mit der wichtigen Rolle, die die Jugend weltweit bei der Verbesserung der Ernährungssysteme spielen könnte und zeigt, dass diese aktuell vor allem jungen Menschen nicht gerecht werden. In einem Gastbeitrag schreiben Wendy Geza und Mendy Ndlovu, zwei Wissenschaftlerinnen aus Südafrika, aus der Perspektive der jungen Generation: „Wir, als junge Menschen in unseren 20ern, sind uns der Tatsache bewusst, dass wir nicht nur unter dem Versagen der derzeitigen Ernährungssysteme leiden, sondern diese samt der sich abzeichnenden Herausforderungen erben werden. Das bedroht unser Recht auf Nahrung sowie andere Menschenrechte wie Gesundheit, Bildung und ein würdiges Leben.“ Auf der Welt leben derzeit ca. 1,2 Milliarden junge Menschen, ein historischer Höchstwert. Die Mehrheit von ihnen lebt in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen in Südasien, Ostasien und Afrika. Dort betrachtet die Jugend oft die Landwirtschaft als unattraktiv und unrentabel. Mangelnde Unterstützung, Innovation und Ausbildung sowie die Überzeugung, dass die Landwirtschaft keine Möglichkeiten für Wohlstand oder Selbstverwirklichung bietet, führen zu geringem Interesse an ihr. Für eine stärkere Beteiligung junger Menschen an Ernährungssystemen ist Geza und Ndlovu zufolge daher ein ganzheitlicher Ansatz notwendig, der auf eine allumfassende Verbesserung der ländlichen Wirtschaft, des sozialen Wohlergehens und von Dienstleistungen im ländlichen Raum ausgerichtet ist. „Es müssen unterstützende Umfelder für Jugendliche geschaffen werden, damit sie Karrieren und Interessen in Ernährungssystemen verfolgen können.“ Ein weiteres Problem sei die mangelnde Beteiligung von Jugendlichen an Entscheidungsprozessen, die ihre Zukunft betreffen. Der Anteil junger Leute in formellen Entscheidungsgremien sei verschwindend gering und das Einbringen ihrer Perspektiven habe in der politischen Umsetzung kaum Wirkung gezeigt. „Als Erbende der gegenwärtigen Ernährungssysteme verdienen wir ein stärkeres Mitspracherecht bei deren Umgestaltung, damit sie unseren aktuellen und zukünftigen Bedürfnissen gerecht werden“, fordern die beiden Autorinnen. (ab)

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