News

30.06.2022 |

Bericht: ‚Patentdickicht' blockiert die konventionelle Pflanzenzüchtung

KeinePatente
Protestaktion vor dem EPA am 29.6.22 (Foto: Lukas Barth)

Die traditionelle Pflanzenzucht könnte bald unmöglich werden, da große Konzerne verstärkt versuchen, Patente auf natürlicherweise vorkommende Gene und zufällige Mutationen anzumelden. Darauf macht ein neuer Bericht des Bündnisses „Keine Patente auf Saatgut!“ aufmerksam, der am 29. Juni veröffentlicht wurde. Die Nutzung der biologischen Vielfalt für die konventionelle Züchtung von Pflanzen und Tieren wird so behindert oder sogar blockiert, da diese Patente ein undurchdringliches ‚Patentdickicht‘ für kleinere und mittlere Züchter*innen schaffen. Ganz davon abgesehen, dass sie eigentlich unzulässig sind, da in Europa nur gentechnische Verfahren und nicht konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere patentierbar sind. „Durch die zunehmende rechtliche Unsicherheit über die Patentierung von Pflanzen und deren Genen entsteht eine ernsthafte Gefahr für die konventionelle Züchtung. Diese Patente können den Zugang zur biologischen Vielfalt blockieren, die von allen ZüchterInnen benötigt wird“, beklagt Dagmar Urban von ARCHE NOAH, einem Verein, der sich für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt einsetzt und dem Bündnis angehört. „Die derzeitige Praxis des EPA steht im Gegensatz zu den politischen Zielen der europäischen Regierungen, die die Regel beschlossen haben.”

„Keine Patente auf Saatgut!“ übergab den Bericht am Mittwoch auch offiziell dem Europäischen Patentamt (EPA) in München, dem Stein des Anstoßes. Denn das Bündnis kritisierte schon seit Langem die umstrittene Praxis des EPA, Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere zu erteilen, obwohl im europäischen Patentrecht diese Patente auf „im Wesentlichen biologischen Verfahren zur Züchtung von Pflanzen oder Tieren“ untersagt sind. Im Juni 2017 hatte das EPA auf massiven öffentlichen Druck hin ein Ende dieser Patente beschlossen. Die neue Regel 28(2) wurde in die Ausführungsordnung des EPA aufgenommen und 2020 durch eine Entscheidung der großen Beschwerdekammer des EPA bestätigt (G3/19). Doch es gibt immer noch rechtliche Schlupflöcher: Das EPA gewährt zum Beispiel weiter Patente auf Pflanzen, die auf der Grundlage von zufälligen genetischen Veränderungen gezüchtet werden. Der Bericht kritisiert etwa ein jüngst erteiltes Patent, bei dem das Patentamt eine zufällige genetische Variation, die durch Sonnenlichtstrahlung ausgelöst wurde, als technische Erfindung durchgehen ließ: Das Patent EP3560330 der Firma KWS betrifft Mais mit einer verbesserten Verdaulichkeit. Beansprucht werden die Pflanzen mit zufällig veränderten Genen und deren Ernte. Das erteilte Patent umfasst auch die Verwendung von natürlicherweise vorkommenden Genvarianten für die konventionelle Züchtung. Es ist das erste Patent, bei dem trotz der neuen Regel 28(2) erneut ein Patent erteilt wurde, das nicht auf den Bereich der Gentechnik begrenzt ist.

Die aktuelle Patentrecherche von „Keine Patente auf Saatgut!“ zeigt, auf welche Weise große Konzerne wie BASF, Bayer-Monsanto, Syngenta oder eben KWS systematisch versuchen, die bestehenden rechtlichen Schlupflöcher so weit wie möglich auszunutzen: „Diese Firmen gehören zu denen, die das Erbgut von Pflanzen systematisch nach zufälligen Mutationen und interessanten genetischen Variationen durchsuchen, um diese dann als ihre Erfindung zu beanspruchen. Einige der 2021 veröffentlichten Patentanträge beanspruchen Dutzende, hunderte oder sogar tausende Genvarianten, die in Getreidearten wie Soja und Mais entdeckt wurden, aber auch in Gemüsearten wie Kartoffeln, Spinat, Salat, Gurken oder Früchte tragenden Pflanzen wie Tomaten oder Melonen“, heißt es in der deutschen Zusammenfassung des Berichts. „Die Konzerne beanspruchen dann alle Nutzungen dieser Gene und Genvarianten für die weitere Züchtung.“ Viele Firmen würden zudem in ihre Anträge spezielle Formulierungen einbauen, mit denen technische Elemente (wie CRISPR/Cas) mit üblichen Methoden der konventionellen Züchtung vermischt werden, um den Eindruck einer technischen Erfindung zu erwecken. „Dadurch werden die Grenzen zwischen konventioneller Züchtung und gentechnischen Eingriffen sprachlich systematisch verwischt“, kritisiert das Bündnis.

Der Bericht illustriert anhand einiger Patente, welch erhebliche Auswirkungen diese auf die konventionelle Züchtung haben. Ein Beispiel sind die Patentanträge von Syngenta /ChemChina, die die Nutzung von tausenden Genvarianten beanspruchen, u.a. von Ackerpflanzen wie Soja und Mais, die natürlicherweise vorkommen und die zum Beispiel die Widerstandskraft der Pflanzen gegenüber Krankheiten stärken können. „In den meisten Fällen wurden die jeweiligen Genvarianten in wilden Verwandten der gezüchteten Sorten entdeckt und auf diese per Kreuzung und Selektion übertragen. Der Konzern beansprucht alle züchterischen Verwendungen der beschriebenen Genvarianten und allen Pflanzen mit diesen Genen, die aus züchterischen Aktivitäten hervorgehen. Im Patent erwähnt werden gentechnische Verfahren (wie der Einsatz der Gen-Schere CRISPR/Cas) genauso wie traditionelle züchterische Verfahren wie die Selektion nach interessanten Genvarianten und die weitere Kreuzung“, so der Bericht. Beansprucht werden alle resultierenden Pflanzen, deren Saatgut und die Ernte. So würden andere Züchter durch erhebliche rechtliche Unsicherheiten abgeschreckt, da es kaum herauszufinden sei, ob eine bestimmte Sojapflanze, die eine erhöhte Resistenz gegenüber dem asiatischen Soja-Rost zeigt, einige der rund 5.000 Genvarianten in ihrem Erbgut trägt, die z.B. in der Patentanmeldung WO2021154632 aufgelistet sind. Daher können ZüchterInnen nicht mehr alle Sorten für die weitere Züchtung verwenden. Es sei nicht einmal möglich, auf wilde verwandte Arten der Soja auszuweichen, weil die Patente jegliche züchterische Verwendung der betreffenden Gene abdecken. Im Ergebnis werden diese Patente so zu einem undurchdringlichen Dschungel für alle anderen Züchter.

Ein weiteres Beispiel ist die Zucht von Tomaten mit einer Resistenz gegen das sogenannte Tomato Brown Rugose Fruit Virus. Hier beanspruchen mehrere Unternehmen verschiedene Regionen im Erbgut von Tomaten, die auf mehreren Chromosomen liegen. „Beispielsweise ist das Chromosom 11 von Tomaten das Ziel von zehn Patentanträgen, die von fünf verschiedenen Unternehmen (wie Bayer/ Seminis, BASF/Nunhems und Rijk Zwaan) eingereicht wurden und in denen ähnliche Genregionen beansprucht werden, die sich zum Teil auch überlappen. Alle Tomatenpflanzen, die diese Genvarianten aufweisen und aus irgendwelchen züchterischen Aktivitäten stammen, werden als Erfindung beansprucht. Die beanspruchten Genvarianten kommen natürlicherweise und insbesondere in wilden Arten der Tomate vor“, betonen die Autor*innen. Konventionelle Züchter, die neue Tomatensorten mit einer Resistenz gegen das Virus anstreben, werden meist den genauen Genotyp ihrer Pflanzen nicht kennen. Um Patentverletzungen zu vermeiden, müssten sie Dutzende Patentanträge analysieren, nach den beanspruchten Genvarianten durchsuchen und ggf. rund ein Dutzend Lizenzverträge abschließen. Johanna Eckhardt von „Keine Patente auf Saatgut!“ spricht von einer „Überpatentierung, die den Zugang zu dem biologischen Material blockiert, das benötigt wird, um die erwünschten Tomatensorten zu züchten.“ Bisher hätten im Rahmen des Sortenschutzes alle konventionell gezüchteten Sorten frei genutzt werden, um neue und noch bessere Sorten auf den Markt zu bringen. „Wenn die europäischen Regierungen jetzt nicht aktiv werden, wird diese Freiheit der ZüchterInnen in einem Patent-Dschungel erstickt“, warnt sie.

Dem Bündnis zufolge sind politische Entscheidungen notwendig, um die Freiheit der traditionellen Züchter*innen zu bewahren. Diese ist eine Voraussetzung dafür, dass neue Pflanzensorten auf den Markt gelangen, die beispielsweise eine Anpassung an den Klimawandel ermöglichen. „Wir fordern, dass die Vertragsstaaten des EPA zu einer internationalen Konferenz zusammenkommen, um zu entscheiden, wie die bestehenden Verbote im Patentrecht auszulegen sind”, sagt Verena Schmitt vom Umweltinstitut München. „Unser Bündnis hat bereits mehr als 200.000 Unterschriften gesammelt, jetzt wenden wir uns an die europäischen Regierungen und an den Bundesjustizminister Dr. Marco Buschmann. Wenn die notwendigen politischen Entscheidungen nicht getroffen werden, ist das das Ende der Pflanzenzucht, so wie wir sie kennen.” (ab)

19.05.2022 |

IPES-Food: Lebensmittelpreis- und Hungerkrise wäre vermeidbar

Gewitter
Die Welternährungslage ist düster (Foto: CC0)

Dass die Lebensmittelpreise infolge des Ukrainekriegs in exorbitante Höhen schnellten und das Gespenst des Hungers umgeht, wäre durch eine längst überfällige Reform der Ernährungssysteme verhinderbar gewesen, beklagen führende Agrar- und Ernährungsexpert*innen. Laut einem am 6. Mai veröffentlichten Bericht des internationalen Expertengremiums IPES-Food hat das Ausbleiben dieser Reform dazu geführt, dass sich der Ukraine-Konflikt „zu einer ausgewachsenen globalen Lebensmittelpreiskrise und einer großen Bedrohung für die Ernährungssicherheit von Millionen von Menschen entwickeln“ konnte. Die Preis- und Hungerkrise hat es mittlerweile auch auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft: Die globalen Lebensmittelpreise sind um ein Drittel höher als im Vorjahr. Im Sudan verdoppelten sich die Brotpreise seit Kriegsausbruch, im Libanon stiegen sie um satte 70%. Die Kosten für den Import von Weizen erhöhten sich um ein Drittel zu. Die Armen in Ländern mit geringem Einkommen müssen einen Großteil ihres Verdienstes für Lebensmittel aufbringen, viele können sich nicht mehr ausreichend Nahrung leisten. Nach Ansicht von IPES-Food, dem auch mehrere einst am Weltagrarbericht beteiligte Wissenschaftler*innen angehören, hätte diese erneute Preiskrise verhindert werden können, doch grundlegende Fehler im globalen Ernährungssystem, wie eine starke Importabhängigkeit oder die übermäßige Spekulation mit Rohstoffen, haben bewirkt, dass der Krieg nun die dritte globale Lebensmittelpreiskrise innerhalb von 15 Jahren auslöste.

„Eine neue Generation sieht sich erneut mit einer zunehmenden Ernährungsunsicherheit konfrontiert und es scheint, dass aus der letzten Lebensmittelpreiskrise keine Lehren gezogen wurden“, beklagt Olivier De Schutter, Ko-Vorsitzender von IPES-Food und UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte. „Wenn man sich bei der weltweiten Lebensmittelversorgung weiterhin auf eine Handvoll Agrarrohstoffe und Länder verlässt, ist das in Kombination mit räuberischen Finanziers, die auf Nahrungsmittel wetten, ein Rezept für eine Katastrophe“, so De Schutter. Der Food Price Index der Welternährungsorganisation FAO hatte bereits im Januar 2022 einen Stand erreicht, der den Höchststand der Lebensmittelpreiskrise von 2008 übertraf. „Vor diesem Hintergrund war es unvermeidlich, dass ein Versorgungsschock, der zwei der wichtigsten Getreideexportländer der Welt betrifft, die globalen Märkte in gewissem Maße destabilisieren würde“, heißt es im IPES-Food-Bericht. So beziehen etwa 26 Länder mehr als 50% ihrer Weizenimporte aus der Ukraine und Russland. Im Fall von Eritrea, Somalia und der Demokratischen Republik Kongo sind es sogar 80 bis 100%. Die Autor*innen bezweifeln jedoch, dass die derzeitige Krise ein unvermeidliches Resultat dieses Krieges gewesen wäre – die Probleme und Schwächen der globalen Ernährungssysteme hätten die Folgen des Kriegs für die Ernährungssicherheit lediglich verstärkt. „Die weltweite Ernährungssicherheit ist auf einem Kartenhaus aufgebaut – der ganze Turm kann einstürzen, wenn eine Karte fällt“, schreibt Jennifer Clapp, stellvertretende Vorsitzende von IPES-Food und eine der Hauptautor*innen des Berichts, in einem Gastbeitrag für Civil Eats. „Die Konzentration im globalen Lebensmittelsystem schafft Schwachstellen, die kaskadenartige Folgen haben können, wenn irgendein Teil des Systems zusammenbricht. Diese Größenvorteile mögen auf gewinnbringende Effizienz ausgelegt sein, wenn alles nach Plan läuft. Aber sie sind weder stabil noch widerstandsfähig noch verlässlich, wenn Risiken auftreten, vor allem nicht für verletzliche Menschen.“

Die Expert*innen analysieren vier strukturelle Schwachstellen, die die Lebensmittelsysteme anfällig für Preisschocks machen. Das erste Problem ist die Importabhängigkeit vieler Länder. Die Vielfalt unserer Ernährung nimmt seit Jahrzehnten ab. Bereits 1995 machten Weizen, Reis und Mais – nur drei der 7.000 vom Menschen verzehrten Pflanzen – über 50 % der weltweit aufgenommenen pflanzlichen Energiezufuhr aus. „In vielen Ländern haben Cash Crops den vielfältigeren Anbau von Nahrungsmitteln und ernährungsphysiologisch wichtigen Nahrungsmitteln verdrängt“, heißt es im Bericht. So habe der Tabakanbau in Bangladesch Gemüse und Hülsenfrüchte verdrängt, ebenso wie Maniok, Hirse und Süßkartoffeln in einer Reihe von afrikanischen Ländern. Während die meisten Länder weiterhin Grundnahrungsmittel für sich anbauen, produzierten viele nicht genug, um ihren Bedarf zu decken und sind stark von Importen abhängig geworden, betonen die Autor*innen. Einige Länder seien inzwischen zu 100% von Grundnahrungsmittelimporten abhängig und gleichzeitig hoch verschuldet. Die Länder, die Nahrungsmittel importieren, sind zudem auf eine geringe Zahl an Getreideexporteuren angewiesen. Auf nur sieben Länder plus die EU entfallen 90% der weltweiten Weizenexporte und gerade einmal vier Länder exportieren 80% der weltweiten Maismenge. Der globale Handel mit Grundnahrungsmitteln wird von einer Handvoll Länder und Konzerne dominiert. So wird etwa 70-90% des gesamten Getreidehandels von 4 Firmen kontrolliert: Archer-Daniels Midland, Bunge, Cargill und Dreyfus. Dies führe zu erheblichen Störungen, wenn ein großer Exporteur ausfalle.

Zweitens stellt der Bericht fest, dass eine Reihe von Hürden Landwirt*innen daran hindern, ihre Produktion umzustellen und zu diversifizieren, wenn die Instabilität der Weltmärkte und die Welternährungslage es erfordert. Zu den Hürden gehören die Überspezialisierung in bestimmten Regionen, die Präferenzen von Händlern und Regierungen für Cash Crops und Biokraftstoffe sowie die Abhängigkeit von synthetischen Düngemitteln. So haben sich z.B. Regionen wie der US-Maisgürtel oder der argentinische Sojagürtel stark auf bestimmte Agrarrohstoffe spezialisiert. Da gehäuft in diese Kulturen investiert wird, entstünden „Pfadabhängigkeiten“. Rohstoffspezifische Fertigkeiten, Schulungen, Ausrüstungen, Netzwerke und Beziehungen zum Handel sind kostspielig im Aufbau und wären teils nicht mehr relevant beim Umstieg auf andere Kulturen oder Produktionsmethoden.

Drittens stellen Marktversagen und Spekulation zusätzliche Probleme dar. Laut IPES-Food gibt es Hinweise darauf, dass auch Finanzspekulant*innen den Anstieg und die Volatilität der Lebensmittelpreise verschärfen könnten. „In nur 9 Tagen im März 2022 stieg der Weizenpreis an den Terminmärkten um 54%. Und das, obwohl die weltweiten Weizenvorräte verglichen mit bisherigen Trends hoch sind. Die weltweiten Weizen- und Maisvorräte nahmen seit 2012 stetig zu. Das Verhältnis der Vorräte zum Verbrauch ist 2022 beim Getreide mit 29,7% angemessen und liegt nur geringfügig unter dem Wert von 2020/21, was auf ein relativ komfortables Versorgungsniveau hindeutet.“ Zudem sei seit Beginn der Ukraine-Invasion verstärkt in Rohstoff-Futures und rohstoffgebundene Fonds investiert worden. Der tägliche Handel mit einem solchen Fonds stieg von Januar bis Anfang März auf das 100-fache an. Das Handelsvolumen an der Chicago Mercantile Exchange und der Anteil der Spekulanten an den Weizen- und Maismärkten nahmen zu. „Der Preisanstieg in den vergangenen Wochen beruht zu großen Teilen auf Spekulation am Weltmarkt“, sagte Hans Herren, Mitglied von IPES-Food und einst Ko-Präsident des Weltagrarberichts. „So wird ein künstlicher Mangel kreiert und es werden riesige Mengen an Getreide zurückgehalten in der Hoffnung, dass der Preis steigt und man später teurer verkaufen kann. Ich finde es unglaublich, dass man mit Ernährung spekulieren darf.“

Die vierte strukturelle Schwäche, die der Bericht nennt, ist der Teufelskreis aus Konflikten, Klimawandel, Armut und Ernährungsunsicherheit, der dazu führt, dass Hunderte Millionen Menschen nicht in der Lage sind, sich bei plötzlichen Schocks anzupassen. Die derzeitige Krise hat gezeigt, dass diese Menschen nicht über das Einkommen oder die Mittel verfügen, um mit steigenden Lebensmittelpreisen oder den Folgen des Klimawandels fertig zu werden. „In mehreren Ländern des globalen Südens mit einer großen Landbevölkerung leben mehr als 50% der Bauern und Landarbeiter*innen unterhalb der Armutsgrenze. Die ärmsten Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen geben mehr als 60% ihres Einkommens für Lebensmittel aus, so dass selbst geringe Preissteigerungen verheerende Auswirkungen haben können – Schwachstellen, die durch die COVID-19-Pandemie auf grausame Weise offengelegt wurden“, heißt es in dem Bericht.

Das Expertengremium warnt vor kurzsichtigen Reaktionen auf die Krise, die die aktuellen Trends noch verschärfen, wie etwa die Aussetzung von Umweltvorschriften, die Steigerung der industriellen Nahrungsmittelproduktion oder die weitere Förderung einer exportorientierten, düngerbasierten Landwirtschaft. Stattdessen fordert IPES-Food dringende Maßnahmen zur Unterstützung der nahrungsmittelimportierenden Länder, unter anderem durch Schuldenerlass. Der Bericht hebt hervor, dass Maßnahmen, die die Fähigkeit der Länder zum Aufbau und zur Aufrechterhaltung von sozialen Sicherungssystemen verbessern, den größten und nachhaltigsten Nutzen bringen. Das war auch schon nach der Lebensmittelpreiskrise 2007-2008 bekannt. Die Einrichtung eines neuen Finanzierungsmechanismus in Form eines Globalen Fonds für Sozialschutz würde ärmere Länder in die Lage versetzen, soziale Sicherungssysteme zu schaffen, so die Autor*innen. Letztendlich ist ein Schuldenerlass bzw. eine Streichung der Schulden unabdingbar, damit einkommensschwache Länder, die Nettoimporteure von Nahrungsmitteln sind, die steigenden Importrechnungen bezahlen und soziale Sicherungssysteme einrichten können. „Jahrzehntelang haben reiche Regierungen und Institutionen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank einkommensschwache Länder dazu gedrängt, Pflanzen für den Export in reiche Länder anzubauen und Grundnahrungsmittel wie Weizen und Mais zu importieren, um sich selbst zu ernähren“, so Raj Patel, Mitglied von IPES-Food und Professor an der University of Texas. „Jetzt sind Millionen von Menschen immer wiederkehrenden Lebensmittelpreisschocks ausgesetzt, die Länder sind verschuldet, und die Zinsen steigen. Ein Schuldenerlass für Länder, die von Nahrungsmittelimporten abhängig sind, ist unerlässlich, um Unruhen im eigenen Land zu verhindern, gefährdete Bevölkerungsgruppen zu schützen und die Nahrungsmittelproduktion wieder aufzubauen und zu diversifizieren“, forderte er.

Eine weitere Empfehlung lautet, die übermäßige Spekulation mit Rohstoffen einzudämmen und die Markttransparenz zu erhöhen. „Es gibt Hinweise darauf, dass sich Finanzspekulanten auf Rohstoffinvestitionen stürzen und auf steigende Lebensmittelpreise setzen, was die ärmsten Menschen der Welt noch tiefer in den Hunger treibt“, bestätigt Jennifer Clapp. „Die Regierungen haben es versäumt, exzessive Spekulationen einzudämmen und bei den Nahrungsmittelbeständen und Rohstoffmärkten Transparenz zu schaffen – das muss dringend geändert werden.“ Darüber hinaus raten die Expert*innen den Regierungen, regionale Getreidereserven und Reaktionssysteme für Ernährungssicherheit aufzubauen. „Es ist alarmierend zu sehen, dass die Preise steigen und in vielen Ländern Afrikas wieder Hunger und Lebensmittelunruhen drohen. Der Wiederaufbau regionaler staatlicher Getreidereserven ist der Schlüssel zur Widerstandsfähigkeit bei derartigen Schocks – Westafrika hat einige Fortschritte gemacht, aber es ist ein Weckruf und alle Regionen brauchen Unterstützung, um dies zu beschleunigen“, sagte Mamadou Goïta von IPES-Food und geschäftsführender Direktor von IRPAD Afrique.

Darüber hinaus empfehlen die Autor*innen, Schritte zur Diversifizierung der Nahrungsmittelproduktion und zur Umstrukturierung der Handelsströme zu beschleunigen. Schritte zum Wiederaufbau der heimischen Nahrungsmittelproduktion in den kommenden Monaten und Jahren könnten dazu beitragen, Preisspitzen abzufedern und den Zugang zu Grundnahrungsmitteln zu gewährleisten. „Länder brauchen kontextspezifische Ansätze, die es ihnen ermöglichen, bei den wichtigsten Grundnahrungsmitteln einen gewissen Grad an Selbstversorgung wiederherzustellen, auf widerstandsfähigere traditionelle Kulturen (z. B. Hirse statt Reis) umzusteigen und gleichzeitig den Lebensmittelkonsum zu diversifizieren sowie eine vielfältigere Mischung aus lokalen und globalen Lieferungen sicherzustellen“, heißt es im Bericht. Schließlich weist IPES-Food auf die Notwendigkeit hin, die Abhängigkeit von Düngemitteln und fossiler Energie in der Lebensmittelproduktion durch Vielfalt und Agrarökologie zu verringern. „Agrarökologie ist eine Form der Krisenbewältigung, ein Weg zur Resilienz und eine kostengünstige Möglichkeit, sich gegen verschiedene Schocks abzusichern.“ (ab)

13.05.2022 |

G7-Treffen: NGOs fordern mehr Geld für die Hungerbekämpfung

Frau
Millionen Menschen haben nicht genug für die nächste Mahlzeit (Foto: CC0)

Mehrere Nichtregierungsorganisationen haben zum Auftakt des am 13. und 14. Mai in Stuttgart stattfindenden Treffens der G7-Agrarminister*innen mehr Geld für den Kampf gegen den Hunger eingefordert. Deutschland hat aktuell die G7-Präsidentschaft inne. Angesichts rasant steigender Lebensmittel-und Energiepreise warnten die Organisationen einhellig vor einer drohenden Hungerkrise. Das Hilfswerk „Brot für die Welt“ etwa prognostizierte einen massiven Anstieg der Zahl der Hungernden. Allein in Ostafrika seien aktuell rund 20 Millionen Menschen aufgrund der Dürre von akutem Hunger bedroht. Der rasante Preisanstieg infolge des Ukraine-Kriegs verschärfe die Lage. „Wenn die internationale Gemeinschaft nicht gegensteuert, kommt es zu Hungersnöten enormen Ausmaßes“, mahnte Dagmar Pruin, die Präsidentin des Hilfswerks. „Deutschland muss jetzt seiner Verantwortung gerecht werden. Ein Einfrieren des Entwicklungsetats in der globalen Ernährungskrise wäre fatal.“ Brot für die Welt fordert, die Haushaltstitel für den Kampf gegen den Hunger in den Etats des Entwicklungs- und des Landwirtschaftsministeriums sowie im Budget des Auswärtigen Amtes um insgesamt 2,7 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr anzuheben.

Auch die Entwicklungsorganisation Germanwatch erwartet vom G7-Ministertreffen und der Bundesregierung „wegweisende Beschlüsse“. „Durch den Angriff auf die Ukraine sind auch die Preise für wichtige Grundnahrungsmittel wie Weizen drastisch gestiegen“, heißt es in der Pressemitteilung. Daher würden sie für die Katastrophenhilfe des Welternährungsprogramms und viele importabhängige Entwicklungsländer zu teuer und könnten nicht in ausreichender Menge beschafft werden. „Die G7 muss auf die drohende Hungerkatastrophe kurzfristig reagieren, indem sie zum einen die Zahlungen an das Welternährungsprogramm erhöht und Getreide frei gibt, das bislang für Sprit oder Fleischproduktion eingesetzt wird. Zum anderen sollte sie den importierenden Entwicklungsländern zum Beispiel durch einen Schuldenerlass mehr Mittel für den Kauf von Getreide und ländliche Entwicklung zur Verfügung stellen“, fordert Konstantinos Tsilimekis, Leiter des Teams Welternährung, Landnutzung und Handel bei Germanwatch.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen beklagt schon seit Langem, dass das Budget nicht ausreiche, um die Hungernden zu versorgen und dass die ohnehin sparsam bemessenen Essensrationen weiter gekürzt werden müssen. Besonders schlimm ist die Situation am Horn von Afrika und in einigen Ländern Südasiens sowie in Afghanistan und im Jemen. Schon vor Kriegsbeginn war die Lage dramatisch: Laut dem Anfang Mai erschienenen „Global Report on Food Crises“ des Globalen Netzwerks gegen Ernährungskrisen (GNAFC), einem internationalen Bündnis aus den Vereinten Nationen, der EU sowie Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, waren schon im Jahr 2021 rund 193 Millionen Menschen in 53 Ländern oder Gebieten von akutem Hunger auf Krisenniveau oder schlimmer betroffen. Dies bedeutet einen Anstieg um fast 40 Millionen Menschen im Vergleich mit dem Höchststand 2020. Besonders verheerend war die Lage für mehr als eine halbe Million Menschen (570.000) in Äthiopien, im Süden Madagaskars, im Südsudan und im Jemen: Sie litten „akuten Hunger“ (IPC/CH-Phase 5) und benötigten dringend Hilfe, um den weitgehenden Zusammenbruch von Lebensgrundlagen, Verhungern und Tod zu verhindern. Schaut man auf 39 Länder und Gebiete, die jedes Jahr im Bericht des Netzwerks geführt wurden, so hat sich die Zahl der Menschen, die sich in einer Krise oder einer noch schlimmeren Situation befinden (IPC/CH-Phase 3 oder höher), zwischen 2016 und 2021 fast verdoppelt. Die Zahlen steigen seit 2018 jedes Jahr unvermindert weiter. Das zweite UN-Nachhaltigkeitsziel (SDG 2), bis 2030 den Hunger komplett zu beseitigen, rückt immer weiter in die Ferne.

„Der akute Hunger erreicht ein noch nie dagewesenes Ausmaß und die globale Situation wird immer schlimmer. Konflikte, die Klimakrise, COVID-19 und steigende Lebensmittel- und Treibstoffkosten haben einen perfekten Sturm ausgelöst - und jetzt kommt der Krieg in der Ukraine hinzu, der die Katastrophe noch verschlimmert“, lautet das Fazit von David Beasley, Exekutivdirektor des WFP. „Millionen von Menschen in Dutzenden von Ländern werden an den Rand des Verhungerns getrieben. Wir brauchen dringend Nothilfe, um diese Menschen vor dem Abgrund zu bewahren und die globale Krise zu überwinden, bevor es zu spät ist“, betonte er. Wieder einmal. Eines der Ergebnisse des „Global Report on Food Crises“ ist, dass der kleinbäuerlichen Landwirtschaft bei der humanitären Hilfe eine höhere Priorität eingeräumt werden muss. Nur so könne fehlender Zugang zu Nahrung überwunden und eine Lösung zur Umkehrung negativer langfristiger Trends gefunden werden. Darüber hinaus könnten Hungerursachen durch die Förderung struktureller Veränderungen bei der Verteilung externer Finanzmittel bekämpft werden, damit die humanitäre Hilfe mit der Zeit durch längerfristige Entwicklungsinvestitionen reduziert werden könne. Auch Brot für die Welt fordert neben mehr Geld für die rasche Nothilfe zudem mehr Mittel zur Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft, um Länder im Globalen Süden unabhängiger von Lebensmittelimporten zu machen. Zudem brauche es mehr Investitionen in den Auf- und Ausbau sozialer Sicherungssysteme, damit nicht mehr so viele Menschen nach Einkommensverlusten in existenzbedrohenden Hunger fallen.

Es kommt aber nicht nur auf mehr Geld und entschlosseneres Handel an, sondern auch, wo dies gebündelt und diskutiert wird. Mit Blick auf das vom Entwicklungsministerium initiierte „Globale Bündnis für Ernährungssicherheit“, das die Bundesregierung auf dem G7-Gipfeltreffen Ende Juni in Elmau an den Start bringen will, äußerte Pruin: „Die Bundesregierung sollte nicht nur mit der Weltbank kooperieren, sondern vor allem dem Komitee für Ernährungssicherheit (CFS) unter dem Dach der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen eine Führungsrolle geben.“ Denn hier säßen auch die Betroffenen wie etwa die Organisationen der kleinbäuerlichen Familienbetriebe mit am Tisch. Die Forderung von Germanwatch geht in eine ähnliche Richtung: „Die G7-Länder dürfen diese Initiativen nicht im Alleingang vorantreiben, sondern sollten zudem schnellstmöglich eine Dringlichkeitssitzung des UN-Komitees für Welternährungssicherheit initiieren“, so Tsilimekis.

Auch die Umweltorganisationen BUND, Greenpeace, NABU, WWF Deutschland und der Dachverband Deutscher Naturschutzring meldeten sich zum Auftakt des G7-Treffens zu Wort. Sie riefen die Minister*innen ebenfalls dazu auf, das Welternährungsprogramm finanziell deutlich zu stärken, um die Versorgung in den besonders betroffenen Regionen sicherzustellen. Sie verwiesen darauf, dass es zudem notwendig sei, die Getreidemärkte wirksam zu entlasten und die begrenzte landwirtschaftliche Fläche sinnvoller zu nutzen. Angesichts der drohenden globalen Hungerkrise dürften Lebensmittel, etwa Pflanzenöle oder Backweizen, nicht länger zu Biokraftstoff verarbeitet oder an Tiere verfüttert werden. Stattdessen müssten sie zur Verfügung stehen, um in der jetzigen Situation Menschen ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen. „Die Bundesregierung muss sich im Rahmen ihrer G7-Präsidentschaft dafür einzusetzen, dass Lebensmittel nicht länger in Tank oder Trog landen. Wir brauchen ein gemeinsames Signal der G7 im Kampf gegen den Hunger“, fordern die Verbände in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Gleichzeitig seien die größtmöglichen Anstrengungen zu unternehmen, um resiliente, krisenfesten Agrarsystemen zu erreichen – in Europa und weltweit. „Wir brauchen eine Landwirtschaft, die Arten und Klima schützt und damit dauerhaft die Produktionsgrundlagen und Ernten gewährleistet“, lautet ihr abschließender Appell an die Politik. (ab)

31.03.2022 |

Deutscher Fleischkonsum sinkt auf niedrigsten Stand seit 30 Jahren

Feisch
Der Fleischkonsum sinkt (Foto: CC0)

In Deutschland wurde im letzten Jahr so wenig Fleisch gegessen wie seit über 30 Jahren nicht mehr: Pro Kopf vertilgte jeder Deutsche im Durchschnitt „nur“ noch 55 Kilogramm Fleisch. Das zeigen die vorläufigen Berechnungen des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL) für das Jahr 2021. Demnach sank der Fleischverzehr um 2,1 Kilo im Vergleich zum Vorjahr und erreichte damit einen historischen Tiefstand seit Einführung des Datensatzes 1989 mit der Wiedervereinigung. „Mögliche Gründe für einen sinkenden Fleischverzehr könnten die Tendenzen zu einer pflanzenbasierten Ernährung sein. Auch der weiterhin pandemiebedingte geringere Außer-Haus-Verzehr in Gastronomie, in Kantinen oder auf Veranstaltungen könnten diese Entwicklung beeinflusst haben“, mutmaßt das BZL in seiner Pressemitteilung vom 30. März.

In der Bundesrepublik wurde 2021 Fleisch mit einem Schlachtgewicht von insgesamt knapp 8,3 Millionen Tonnen erzeugt. Im Vergleich zu 2020, als sich die Nettoerzeugung noch auf 8,5 Millionen Tonnen belief, ist dies ein Rückgang um 2,4%. Deutschland exportiert deutlich mehr Fleisch als importiert wird: 2021 standen Einfuhren in Höhe von 2,46 Millionen Fleisch- und Fleischwaren Exporten von knapp 4 Millionen Tonnen gegenüber. Der Exportüberschuss betrug damit 1,5 Millionen Tonnen. Die veröffentlichte Excel-Datei enthält Zahlen seit 1991. Während die Einfuhren seither relativ moderat um 35% stiegen und sich mit Beginn der 2000er-Jahre recht stabil zwischen 2,2 und 2,5 Millionen Tonnen einpendelten, verdreifachten sich die deutschen Fleischexporte in den letzten 30 Jahren von 1,32 auf 3,97 Millionen Tonnen. Spitzenreiter ist hier Schweinefleisch: Während Deutschland 1991 noch dreimal so viel Schwein einführte (822.000 Tonnen) wie ausführte (254.400 Tonnen), kletterte die Exportmenge kontinuierlich und erreichte 2016 einen Höchststand von 2,5 Millionen Tonnen: ein sattes Plus von 855%.

2021 standen in Deutschland letztendlich 6,79 Millionen Tonnen Fleisch für den Verbrauch zur Verfügung. Das waren 81,7 Kilo pro Kopf. In diesen Werten sind neben dem Nahrungsverbrauch auch die Anteile für Futter sowie industrielle Verwertung und Verluste (inklusive Knochen) enthalten. 2020 hatte der Verbrauch noch bei 84,1 Kilo pro Kopf gelegen. Der menschliche Verzehr, also das Schlachtgewicht ohne Verluste und industrielle Verwertung, lag 2021 bei 55 Kilogramm – 2,1 Kilo weniger als 2020. Vor 10 Jahren hatte der Verzehr noch bei 62,8 Kilo pro Kopf gelegen. Schweinefleisch ist nach wie vor das beliebteste Fleisch der Deutschen: Rein rechnerisch verzehrte jeder immer noch 31 Kilo im Jahr, gefolgt von Geflügel mit 13,1 Kilo und Rindfleisch mit 9,4 Kilo. In den letzten drei Jahrzehnten zeigte sich jedoch eine deutliche Trendumkehr: Während der Hunger auf Schwein nachließ und seit 1991 um fast 9 Kilo pro Kopf zurückging, stieg der Konsum von Geflügelfleisch von 7,3 auf 13,1 Kilogramm pro Bundesbürger*in an.

Laut den Zahlen für 2021 hat Deutschland bei Fleisch einen Selbstversorgungsgrad (SVG) von 121% und deckt durch die Produktion somit deutlich mehr als den inländischen Verbrauch ab. Seit der Wiedervereinigung stieg dieser Wert an, betrug 2011 bereits 117% und lag 2021 nun um 2,5 Prozentpunkte höher als noch 2020. Beim Schweinefleisch beträgt der Selbstversorgungsgrad sogar 132,4 Prozent. Bei Rind- und Kalbfleisch sind es hingegen 98,2% und bei Geflügelfleisch 96,7%. Gar keinen Appetit haben die Deutschen hingegen auf Innereien: Hier lag der SVG bei 526% und im Vorjahr bei 2051%. Was Katze und Hund nicht fressen, wird exportiert.

Dass Deutschland so viel Fleisch für den Export produzieren kann, liegt neben den hohen Einfuhren an Futtermitteln aus dem Ausland auch daran, was auf deutschen Äckern wächst: Auf 60% der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden Futtermittel angebaut. „In der Landwirtschaft erzeugte nachwachsende Rohstoffe wuchsen 2020 auf rund 16% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, hauptsächlich auf dem Acker (davon 14% für den Anbau von Energiepflanzen und 2% für den Anbau von Industriepflanzen)“, schreibt die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) in ihrem aktuellsten Bericht. Lediglich 22% der Fläche wird für die Produktion von Nahrungsmitteln verwendet. Auf zwei Dritteln der deutschen Maisanbaufläche wuchs 2020 Silomais für die Fütterung von Milchkühen und Rindern sowie Körnermais, während Silomais für Biogasanlagen rund ein Drittel ausmachte. Von den insgesamt 2,63 Millionen Hektar Fläche, auf denen in Deutschland nach den noch vorläufigen Zahlen für 2021 nachwachsende Rohstoffe wuchsen (ein Fünftel der Ackerfläche), waren 2,33 Millionen Hektar für Energiepflanzen bestimmt. Rund 1,57 Millionen Hektar waren Pflanzen für Biogas, wovon 877.000 Hektar auf Mais (Silage) und 262.000 Hektar auf Getreide (Korn) entfielen. Auf 493.000 Hektar wurde Raps für die Biodiesel- oder Pflanzenölproduktion angebaut und auf 265.000 Hektar wuchsen Pflanzen für Bioethanol. Für die Bioethanolerzeugung wurde Weizen auf 92.500 Hektar, Roggen auf 83.200 Hektar, Körnermais auf 19.700 und Zuckerrüben auf 17.300 Hektar.

Angesichts der sich auf einem historischen Höchststand befindlichen Lebensmittelpreise und einer sich abzeichnenden Hungerkrise, auf die viele Länder zusteuern, äußerte sich die deutsche Entwicklungsministerin Svenja Schulze besorgt. Mit Blick auf die Verwendung von Lebensmitteln für die Fleischerzeugung sagte sie am 29. März in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Wenn ein Produkt knapp ist, muss der Verbrauch gedrosselt werden. Getreide gehört zuallererst auf den Tisch – und zwar ohne den Umweg über den Futtertrog. Damit ein geschlachtetes Schwein eine Kalorie liefert, muss es zu Lebzeiten drei Kalorien pflanzliche Nahrung vertilgen. 60% des weltweit produzierten Maises wird an Tiere verfüttert, in der EU ist es bei Weizen ähnlich.“ Sie betonte, keinem Vorschriften beim Essen machen zu wollen, aber verwies darauf, dass es „der Getreideversorgung in Entwicklungs- und Schwellenländern mittel- und langfristig sehr helfen“ könnte, wenn „wir in den reichen Ländern weniger tierische Produkte essen würden“. Wenn Deutschland die Schweinefleischproduktion um 30% reduzieren würde, wäre eine Ackerfläche von 1 Million Hektar frei, rechnete sie vor. Darauf könne man 5 Millionen Tonnen Getreide anbauen. Das gehe nicht über Nacht, aber längerfristig würde es die Versorgungslage verbessern. Trotz der aktuellen Engpässe bei der Energieversorgung sei auch die Verwendung von Lebensmitteln für die Energieerzeugung problematisch. „Wir brauchen angesichts der drohenden Ernährungskrise Getreide, um Menschen zu versorgen. Wir werden kurzfristig auch Mais brauchen, um Teile des russischen Erdgases mit heimischem Biogas zu ersetzen. Im Tank sind Mais und Getreide in diesen schwierigen Zeiten dagegen am schlechtesten aufgehoben.“ (ab)

22.03.2022 |

UN-Weltwasserbericht plädiert für besseren Schutz des Grundwassers

WAsser
Bewässerung: oft mit Grundwasser (Foto: CC0)

Grundwasser ist von zentraler Bedeutung für die Armutsbekämpfung, die Ernährungs- und Wassersicherheit, die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze, die sozioökonomische Entwicklung sowie die Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften und Volkswirtschaften an den Klimawandel. Diese natürliche Ressource wird jedoch oft nur unzureichend verstanden und folglich übernutzt und verschmutzt. Die Vereinten Nationen versuchen, dies zu ändern, indem sie Grundwasser zum Thema des diesjährigen Weltwassertags am 22. März und der neusten Ausgabe des Weltwasserberichts (WWDR 2021) machten. Der Bericht mit dem deutschen Titel „Grundwasser: Unsichtbares sichtbar machen“, der am 21. März von der UNESCO veröffentlicht wurde, beschreibt die Herausforderungen und Chancen, die mit der Grundwassernutzung in der ganzen Welt verbunden sind. Er fordert eine weltweit nachhaltige Nutzung der Grundwasservorräte sowie höhere Investitionen und bessere Regulierung durch Regierungen zum Schutz des Grundwassers, um aktuelle und künftige Wasserkrisen besser zu bewältigen.

Dem Bericht zufolge entfallen 99% des gesamten flüssigen Süßwassers auf der Erde auf das Grundwasser. Es ist die Quelle von etwa der Hälfte des weltweit durch Privathaushalte genutzten Wassers. Die Bewässerung in der Landwirtschaft hängt zu etwa 25% von Grundwasser ab, heißt es in der deutschen Zusammenfassung. Die Autor*innen des WWDR schätzen, dass der Wasserverbrauch in den nächsten 30 Jahren aufgrund von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum sowie veränderten Konsumgewohnheiten jährlich um etwa 1% steigen wird – vor allem auch, da wegen des Klimawandels immer weniger Oberflächenwasser verfügbar sei. Diese wichtige natürliche Ressource unterliegt jedoch bereits jetzt großen Herausforderungen: „In vielen Gebieten wird Grundwasser übernutzt, indem mehr Wasser aus den Grundwasserleitern entnommen wird, als durch Regen und Schnee nachgespeist wird. Anhaltende Übernutzung führt schließlich zur Erschöpfung der Ressource“, heißt es in dem Bericht. Grundwasser ist zudem in vielen Gegenden verschmutzt und die Wiederaufbereitung ist oft ein langer und schwieriger Prozess. „Immer mehr Wasserressourcen werden durch den Menschen verschmutzt, übernutzt und ausgetrocknet, manchmal mit irreversiblen Folgen“, warnte UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay. „In vielen Weltregionen wird Grundwasser ohne Rücksicht auf die Folgen übermäßig aus der Erde gepumpt. Teils erneuern sich die Vorräte nicht, teils sinkt dadurch der Boden ab“, beklagt auch Ulla Burchardt, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission. In anderen Gegenden könne man hingegen mehr Grundwasser nutzen und so die Ernährungssicherheit erhöhen. In Deutschland wiederum würden die Grenzwerte für Nitrat im Grundwasser an jeder sechsten Messstelle überschritten. „Gerade die Landwirtschaft als wichtigster Verursacher der Nitratkonzentrationen hierzulande muss endlich eine echte Transformation durchlaufen“, fordert Burchardt.

Mit der Rolle von Grundwasser in der Landwirtschaft, dem größten Nutzer der Ressource weltweit, befasst sich ein ganzes Kapitel. Da Bevölkerungswachstum und steigende Einkommen die Nachfrage nach einer intensiveren Lebensmittelproduktion anheizen, werden Bewässerungslandwirtschaft, Viehzucht und die damit verbundene industrielle Nutzung, einschließlich der Lebensmittelverarbeitung, laut Bericht zunehmend abhängig von Grundwasser. Etwa 70% der weltweiten Grundwasserentnahme gehen in die landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsmitteln, Fasern, Vieh und Industriepflanzen – in ariden und semiariden Regionen ist es sogar noch mehr. Nordamerika und Südasien sind die Regionen, die in besonders hohem Maße Grundwasser für die Bewässerung nutzen: Dort wird Grundwasser auf 59% bzw. 57% der für Bewässerung ausgestatteten Flächen genutzt. In Subsahara-Afrika sind die Möglichkeiten der dort riesigen flachen Grundwasserleiter noch weitgehend ungenutzt: Lediglich 3% der Fläche sind für Bewässerung ausgestattet und auf nur 5% der bewässerten Flächen wird Grundwasser eingesetzt. Ein Problem, vor allem in wasserarmen Ländern, besteht laut dem Bericht darin, dass die Bereitstellung billiger Energie zum Abpumpen von Grundwasser für die Bewässerungslandwirtschaft zu einer Erschöpfung des Grundwassers und einer Verschlechterung der Wasserqualität führen kann. Eine weitere Bedrohung für die Grundwasserqualität sind Dünger und Pestizide aus der Landwirtschaft. Nitrat aus chemischen und organischen Düngemitteln sei der weltweit häufigste vom Menschen eingebrachte Schadstoff im Grundwasser. Zudem können Insektizide, Herbizide und Fungizide das Grundwasser mit krebserregenden und anderen giftigen Stoffen belasten. Die Autor*innen gelangen zu dem Schluss, dass bestehende Gesetze und Verordnungen zur Verhinderung oder Begrenzung der Verschmutzung von Grundwasser durch die Landwirtschaft und ihre Durchsetzung eher schwach sind. Hier bestehe dringender Handlungsbedarf.

Der WWDR betont, dass Grundwasser enorme soziale, wirtschaftliche und ökologische Vorteile biete, gerade auch für die Anpassung an den Klimawandel. Die Qualität des Grundwassers sei im Allgemeinen gut, was bedeutet, dass es sicher und kostengünstig genutzt werden kann, ohne dass viel Aufbereitung erforderlich ist. Grundwasser ist oft die kosteneffizienteste Möglichkeit, die Wasserversorgung von Dörfern in ländlichen Gegenden zu sichern. Angesichts des Klimawandels ist es auch von Vorteil, dass Grundwasserleiter die Fähigkeit besitzen, saisonale bzw. episodische Wasserüberschüsse zu speichern, da sie weniger Verdunstungsverluste aufweisen als Stauseen und andere Oberflächenspeicher. So sei Wasser über das ganze Jahr hinweg besser verfügbar. Der Bericht enthält auch Empfehlungen, was getan werden muss, um das volle Potenzial des Grundwassers zu erschließen. Erstens sei es notwendig, mehr Daten und Wissen über das Grundwasser zu sammeln. Viele Daten liegen bereits vor, allerdings eher dem Privatsektor, wie Unternehmen der Öl-, Gas- und Bergbauindustrie. Die Autor*innen appellieren an diese, im Zuge der „sozialen Unternehmensverantwortung“ diese Daten und Informationen mit den Fachleuten des öffentlichen Sektors zu teilen.

Zweitens müssen die Umweltvorschriften verschärft werden, um Verschmutzung zu unterbinden. Laut WWDR erfordert die Vermeidung von Verunreinigungen eine geeignete Flächennutzung und angemessene Umweltvorschriften, gerade in Grundwasseranreicherungsgebieten. Zu den im Bericht genannten Präventionsmaßnahmen gehören: das Verbot oder die Einschränkung bestimmter verschmutzender und wasserintensiver Tätigkeiten, die Begrenzung des Einsatzes von Pestiziden, Herbiziden und Düngemitteln, die Einschränkung bestimmter Anbausysteme, die Verringerung der Weideintensität und die Rückgewinnung landwirtschaftlicher Flächen. Drittens sei es notwendig, die personellen, materiellen und finanziellen Ressourcen aufzustocken. In vielen Ländern wird eine wirksame Bewirtschaftung von Grundwasser durch den Mangel an Fachleuten in Institutionen und lokalen und nationalen Behörden sowie durch unzureichende Mandate, Finanzierung und Unterstützung von für Grundwasser zuständigen Abteilungen oder Institutionen behindert. Regierungen sollten die begrenzten finanziellen Mittel durch maßgeschneiderte Initiativen effizienter einsetzen. Vielerorts tragen öffentlich finanzierte Aktivitäten in anderen Sektoren zur Erschöpfung oder Verschmutzung der Grundwasserressourcen bei, z.B. Agrarsubventionen, die den Anbau von Pflanzen mit hohem Wasserbedarf fördern. Hier seien Reformen nötig, um schädliche Subventionen abzuschaffen. „Um das Potenzial des Grundwassers voll auszuschöpfen, bedarf es starker und konzertierter Bemühungen, um eine nachhaltig Bewirtschaftung und Nutzung sicherzustellen. Und alles beginnt damit, das Unsichtbare sichtbar zu machen“, lautet das Fazit der Autor*innen. (ab)

18.03.2022 |

Ukrainekrieg und Preisexplosion: andere Krisen nicht "ausblenden", Ernährungssystem transformieren

Brotkorb
Krieg im Brotkorb/der Kornkammer Europas (Foto: CC0)

Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Agrarmärkte und Ernährungssituation sind überall spür- und hörbar. Die internationalen Preise für Agrarerzeugnisse befinden sich auf einem Rekordhoch, das Welternährungsprogramm muss seine Nahrungsmittelhilfen einschränken und während die Deutschen Sonnenblumenöl statt Klopapier horten, droht in vielen Ländern Hunger und Lebensmittelknappheit. Postwendend werden die ersten Rufe laut, strengere Umweltauflagen in der Agrarpolitik zum Klima- und Artenschutz und die Ausweitung des Ökolandbaus auszusetzen, um die Getreideproduktion in der EU und in Deutschland zu steigern. Doch dem erteilen nach Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir und Vertreter*innen von NGOs und kirchlichen Hilfswerken nun auch rund 300 Wissenschaftler*innen (Stand 19.3.) eine Absage. Die Expert*innen aus mehreren Ländern und Universitäten fordern in einer am 18. März veröffentlichten Erklärung, den Fokus statt auf mehr Produktion auf die Nachfrageseite zu lenken. Es brauche weniger Tierprodukte, weniger Verschwendung und eine grünere EU-Agrarpolitik, um die kurzfristigen Schocks durch den Krieg in der Ukraine zu bewältigen und gleichzeitig die menschliche Gesundheit und eine langfristige nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten: „Wir brauchen eine Transformation des Ernährungssystems – angesichts des Krieges in der Ukraine jetzt mehr denn je“, lautet der Titel der englischen Erklärung, die sich auch an die EU-Agrarminister*innen richtet, die am 21. März über die Lage an den Agrar- und Lebensmittelmärkten beraten.

Der Krieg in der Ukraine wirkt sich zunehmend auf den weltweiten Agrarhandel und die Landwirtschaft aus. Die Ukraine und Russland sind wichtige Erzeuger und Exporteure von Getreide, Ölsaaten und Düngemittel. Nach einer aktuellen Übersicht der UN-Welternährungsorganisation FAO exportieren sie zusammen fast 30% des international gehandelten Weizens. Russland war im Jahr 2021 der größte Weizenexporteur weltweit und lieferte etwa 18% der weltweiten Gesamtmenge. Die Ukraine belegte Platz 5 mit 20 Millionen Tonnen und einem Weltmarktanteil von 10%. Auf die beiden Länder entfielen im Zeitraum 2016/17 bis 2020/21 zudem 19% der globalen Gerstenproduktion. Auch beim Sonnenblumenöl sind die beiden Kriegsparteien die wichtigsten Erzeuger und Exporteure. 2016/17 bis 2020/21 stemmten sie zusammen mehr als die Hälfte der globalen Produktion. Im Jahr 2020 exportierte die Ukraine 6,8 Millionen Tonnen Sonnenblumenöl und Russland 3,6 Millionen Tonnen. Doch der Krieg hat die Infrastruktur und Logistik in der Ukraine zum Erliegen gebracht, die Ölmühlen ruhen weitgehend. Bereits Anfang März warnte der Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID), dass der Krieg „spürbare Einflüsse auf Verfügbarkeit und Preise von Ölsaaten und deren Produkten“ hierzulande haben werde. Deutschland deckt etwa 94% seines Bedarfs an Sonnenblumenöl über Importe. Nun bleibt der Nachschub aus und die Supermarktregale leeren sich. „Die Vorräte reichen voraussichtlich noch für wenige Wochen“, sagte Ovid-Geschäftsführer Gerhard Brankatschk der Deutschen Presse-Agentur und verwies auf Alternativen wie Rapsöl. „Der Konflikt wird auch Einfluss auf die heimische Versorgung mit Eiweißfuttermitteln aus Sonnenblumen, Raps oder Soja für Rind, Schwein und Geflügel haben“, fügte er hinzu.

Doch während sich die Verbraucher*innen hier um die Wahl des Speiseöls sorgen, droht Millionen Menschen weltweit aufgrund der Krisen und explodierender Lebensmittelpreise Hunger. Die Zahl der Menschen, die auf Ernährungshilfe angewiesen sind, ist auf 17,4 Millionen gestiegen, vermeldete das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) kürzlich. Das ist ein Anstieg um 1,2 Millionen im Vergleich zum letzten Jahr und die Zahl könnte sich in der zweiten Jahreshälfte auf 19 Millionen Menschen erhöhen, wenn Finanzmittel weiter ausleiben. Im kriegsgebeutelten Jemen etwa drohe sich die dramatische Ernährungssituation zu einer Katastrophe auszuwachsen, da die Ukrainekrise die Preise in die Höhe treibe. Das WFP musste bereits Nahrungsmittelrationen für acht Millionen Menschen im Jemen kürzen, weil die Finanzierung nicht mehr ausreichte. Doch die Angst vor Hunger greift in vielen weiteren Ländern um sich. Staaten wie Ägypten müssen ihre Stützungsmaßnahmen für den Brotpreis stark erhöhen.

Diese Lage nutzen einige Parteien und Verbände nun, um unter dem Deckmäntelchen der Ernährungssicherung ein Rollback in der Agrarpolitik einzufordern. Die Ernährungssicherheit müsse „jetzt wieder ins Zentrum der Agrarpolitik gerückt werden“, es sei „entschlossenes Handeln in der Agrarpolitik gefragt, um die Produktionsmengen von verfügbaren Agrarrohstoffen zu erhöhen und die Agrarmärkte zu stabilisieren“, erklärte die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Carina Konrad am 11. März. „Auf europäischer Ebene müssen die geplanten Extensivierungsmaßnahmen im Rahmen des EU Green Deals und der Farm-to-Fork-Strategie im Zusammenhang mit der Ernährungssicherheit einer detaillierten Folgenabschätzung unterzogen werden.“ Die EU will bis 2030 den Pestizideinsatz um 50% senken, den Anteil des Ökolandbaus von 8% auf 25% verdreifachen und für mehr Natur- und Artenschutz sorgen. Ein Dorn im Auge ist der FDP auch die Vorgabe im Rahmen der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP), wonach Landwirt*innen ab 2023 für den Erhalt der Basisprämie 4% der Agrarfläche für den Natur- und Artenschutz stilllegen müssen. Diese müssen nun „auf den Prüfstand“, verkündete Konrad. Ihr Parteikollege Gero Hocker bläst ins gleiche Anti-Green-Deal-Horn: Europa dürfe die Produktion nicht herunterfahren und sich so „auch noch bei der Nahrungsmittelversorgung abhängig machen“. Der Deutsche Bauernverband tutet natürlich mit.

Doch die Unterzeichner*innen der eingangs erwähnten Erklärung erteilen diesen Bestrebungen eine Absage. „Jetzt Umweltvorschriften aufzuweichen, um die Lebensmittelproduktion zu steigern, würde die Krise nicht lösen. Es würde uns vielmehr noch weiter von einem robusten Ernährungssystem entfernen, das gegen künftige Schocks gewappnet ist und eine gesunde und nachhaltige Ernährung ermöglicht”, sagte Sabine Gabrysch, Forscherin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sowie an der Charité Berlin, die die Erklärung mitverfasst hat. „Die weltweite Ernährungsunsicherheit wird nicht durch eine Einschränkung des Nahrungsmittelangebots verursacht“, betonte sie. „Sie wird durch ungleiche Verteilung verursacht. Es gibt mehr als genug Nahrungsmittel, um die Welt zu ernähren, auch jetzt bei diesem Krieg. Allerdings wird das Getreide an Tiere verfüttert, als Biokraftstoff verwendet oder einfach verschwendet, anstatt hungrige Menschen zu ernähren“, so Gabrysch. Die Zahlen für Deutschland belegen dies eindrücklich: Auf 60% der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden Futtermittel angebaut und auf 16% Energie- und Industriepflanzen, vermeldet die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) für 2020. Lediglich 22% der Fläche wird für die Produktion von Nahrungsmitteln verwendet.

Die Unterzeichner*innen der Erklärung schlagen drei Hebel zur Bewältigung der aktuellen Krise vor und betonen, dass eine Änderung der Nachfrageseite zu einem widerstandsfähigeren und nachhaltigeren globalen Ernährungssystem führen kann, anstatt sich nur auf die Angebotsseite - etwa für Tierfutter - zu konzentrieren. Erstens fordern sie eine Beschleunigung der Umstellung auf eine gesündere Ernährung mit weniger tierischen Erzeugnissen in Europa und anderen Ländern mit hohem Einkommen, wodurch sich die für Tierfutter benötigte Getreidemenge verringern würde. „Die Diskussion über Ernährungsumstellungen angesichts des Krieges ist wichtiger, als es auf den ersten Blick scheinen mag, denn durch eine stärker pflanzlich basierte Ernährung anstelle von Fleisch wären in der Welt letztlich mehr Nahrungsmittel verfügbar, einfach weil die Tierproduktion ineffizient ist“, sagt Marco Springmann von der Universität Oxford, ebenfalls einer der Mitautoren. Die Autor*innen betonen, dass ein Drittel der Kalorien weltweit aktuell dafür genutzt wird, Tiere zu mästen und mehr als drei Viertel der globalen landwirtschaftlichen Nutzfläche wird durch die Tierhaltung belegt. Basierend auf FAO-Zahlen schätzen die Autor*innen, dass der Einbruch der ukrainischen Getreide- und Ölsaatenexporte ausgeglichen werden könnte, wenn der Getreideverbrauch der EU zur Fütterung der Viehbestände um etwa ein Drittel reduziert würde.

Zweitens plädieren die Wissenschaftler*innen für eine Steigerung der Produktion von Hülsenfrüchten und eine weitere Ökologisierung der EU-Agrarpolitik. „Die europäische Landwirtschaft hängt stark von energieintensiven Stickstoffdüngern ab. Die Versorgung ist derzeit unterbrochen, da Russland einer der weltweit größten Produzenten von Düngemitteln und Erdgas ist“, heißt es in der Erklärung. „Farm-to-Fork-Strategie, die darauf abzielt, den Stickstoffüberschuss zu halbieren und den Ökolandbau auf 25% der Flächen auszuweiten, würde diese Importabhängigkeit weitgehend verringern. Mehr Vielfalt in den Fruchtfolgen durch die Einbeziehung stickstoffbindender Leguminosen könnte synthetischen Dünger durch natürliche Stickstoffbindung ersetzen.“ Drittens fordern die Expert*innen eine Verringerung der Lebensmittelverschwendung, da beispielsweise die Menge an vergeudetem Weizen allein in der EU etwa der Hälfte der Weizenexporte der Ukraine entspreche. Weitere kurzfristige Maßnahmen der EU-Regierungen sollten die Bereitstellung von Mitteln für das WFP zum Kauf von Getreide umfassen und die Aufrechterhaltung des Handels einschließlich des Handels mit Lebensmitteln von und nach Russland, heißt es in der Erklärung. Die sozialen Sicherungssysteme sollten in der gesamten EU gestärkt werden, um negative Auswirkungen der steigenden Lebensmittelpreise für arme Haushalte zu vermeiden.

Die Bundesregierung scheint jedoch den Vorschlag, die Getreidemenge für Futtertröge schnellstmöglich zu verringern, nicht sofort in die Tat umzusetzen. Das Agrarministerium habe nicht die Absicht, aufgrund der aktuellen Lage Tierbestände rasch zu reduzieren, um mehr Getreide für die menschliche Ernährung zu sichern, berichtet Topagrar am 14. März. Die Agrar-Staatssekretärin Dr. Ophelia Nick sagte, dass man Tiere in der Kreislaufwirtschaft brauche. Klar sei allerdings auch, dass die Menge des konsumierten Fleisches reduziert werden müsse. Gemeinsam mit den Bauern müssten Wege gesucht werden, um die Erzeugung flächengebundener zu gestalten, wird Nick zitiert. Dies sei aber eher ein mittelfristiger Lösungsansatz. Vorerst werden Tierhalter*innen dabei unterstützt, an Futter für ihre Viehbestände zu kommen. Am 11. März kündigte das Agrarministerium erste Maßnahmen an, um den Verwerfungen auf den Agrarmärkten zu begegnen. Für 2022 ist es angesichts explodierender Futtermittelpreise ausnahmsweise erlaubt, den Aufwuchs auf ökologischen Vorrangflächen der Kategorien "Brache" und "Zwischenfrüchte" als Futtermittel zu verwenden. Normalerweise werden die Pflanzen nicht genutzt, sondern untergepflügt für die Bodenverbesserung. Zudem soll die bestehende Eiweißpflanzenstrategie ausgebaut und finanziell gestärkt werden, um „das Angebot an regional erzeugten Futtermitteln und damit die Unabhängigkeit Deutschlands bei der Versorgung mit GVO-freien Eiweißfuttermitteln" auszubauen.

Özdemir mahnte zudem mit Blick auf die politische Diskussion der letzten Tage davor, Krisen gegeneinander auszuspielen und „verschiedene Aspekte, Argumente und Interessen“ zu vermengen. „Wir können es uns nicht leisten, dass wir jetzt andere Krisen ausblenden, die schon heute für Hungersnöte auf der Welt sorgen. Auch wenn manche das gerne ausblenden, Klimakatastrophe und Artensterben sind real existierende Probleme, die wir lösen müssen. Alles, was wir heute aufschieben, rächt sich morgen doppelt und dreifach“, mahnte Özdemir. Der Minister verwies darauf, dass Nahrungssicherung und Ressourcenschutz sich gegenseitig bedingen. „Wem Nahrungssicherung wirklich ein Anliegen ist, der schützt die Ressourcen, die die Landwirtschaft braucht, um gut und ausreichend produzieren zu können – nicht nur heute, sondern auch künftig! Sicherheit kann es vor dem Hintergrund der zahlreichen Krisen nur durch Veränderung zu geschlossenen Kreisläufen und nachhaltiger Produktion geben. Das eine Ziel gegen das andere auszuspielen, bedeutet, eine Krise mit der nächsten zu bekämpfen zu wollen – das ist weder klug noch effektiv.“ (ab)

28.02.2022 |

IPCC: Klimawandel stellt wachsende Gefahr für Mensch und Natur dar

Duere
Dürren werden häufiger & heftiger (Foto: CC0)

Der vom Menschen verursachte Klimawandel stellt eine enorme Gefahr für die Gesundheit des Planeten und seiner Bewohner*innen dar und bedroht die Lebensgrundlagen von Milliarden Menschen weltweit, warnt der Weltklimarat IPCC. „Die Zunahme von Wetter- und Klimaextremen hat zu einigen irreversiblen Folgen geführt, da natürliche und menschliche Systeme über ihre Anpassungsfähigkeit hinaus belastet wurden“, heißt es in einem am 28. Februar veröffentlichten Bericht der Arbeitsgruppe II des internationalen Expertengremiums. Die Wissenschaftler*innen schätzen, dass etwa 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen in Kontexten und Gebieten leben, die „durch den Klimawandel stark gefährdet sind“. Die am wenigsten widerstandsfähigen Menschen und Ökosysteme wird es am härtesten treffen. Bereits heute bedroht der Klimawandel das Leben vieler Menschen, da er sich auf landwirtschaftliche Erträge, die menschliche Gesundheit und die Ernährungssicherheit auswirke. „Der Bericht ist eine eindringliche Warnung vor den Folgen der Untätigkeit. Er zeigt, dass der Klimawandel eine ernste und wachsende Gefahr für unser Wohlergehen und einen gesunden Planeten darstellt“, sagte der IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts. „Er zeigt auch, dass unser heutiges Handeln bestimmen wird, wie sich die Menschen an den Klimawandel anpassen und wie die Natur auf die zunehmenden Klimarisiken reagiert.“

Der Bericht der Arbeitsgruppe II ist der zweite Beitrag zum Sechsten IPCC-Sachstandsbericht (AR6). Bereits im August 2021 hatte die Arbeitsgruppe I ihren Part zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels vorgelegt. Der neue Bericht untersucht die Folgen des Klimawandels und Verwundbarkeiten sowie Anpassungskapazitäten und -grenzen natürlicher Systeme und menschlicher Gesellschaften an den Klimawandel. 270 Autor*innen aus 67 Ländern hatten dafür über 34.000 Fachpublikationen ausgewertet, mehr als 64.000 Kommentare von Expert*innen und Regierungen gesichtet und auf 3.675 Seiten den aktuellsten Wissensstand zusammengefasst. Die Zusammenfassung für die politische Entscheidungsfindung wurde von Delegierten der 195 IPCC-Mitgliedsländer auf einer Online-Konferenz verabschiedet, die am 27. Februar nach 2 Wochen endete.

Der erste Teil der Zusammenfassung behandelt bereits beobachtbare und vorhergesagte Folgen und Risiken. „Der von Menschen verursachte Klimawandel, einschließlich häufigerer und intensiverer Extremereignisse, hat weitverbreitete negative Folgen und damit verbundene Verluste und Schäden für Natur und Menschen verursacht“, lautet die erste Hauptaussage. Der IPCC warnt in seiner Pressemitteilung, dass zunehmende Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen bereits jetzt die Toleranzschwelle von Pflanzen und Tieren überschreiten und zu einem Massensterben von Arten wie Bäumen und Korallen führen. Wetterextreme treten immer häufiger gleichzeitig auf. Millionen von Menschen vor allem in Afrika, Asien, Zentral- und Südamerika sowie auf kleinen Inseln würden so akuter Ernährungsunsicherheit und Wasserknappheit ausgesetzt. Der Klimawandel bringe zudem wirtschaftliche Verluste für Sektoren wie Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Tourismus mit sich, heißt es im Bericht. Menschen werden mit Ernteeinbußen, Hunger, der Zerstörung von Häusern und Infrastruktur sowie dem Verlust von Eigentum und Einkommen konfrontiert. Die Verwundbarkeit von Ökosystemen und Menschen durch den Klimawandel ist zwischen und innerhalb von Regionen ganz unterschiedlich ausgeprägt, aber als Daumenregel lässt sich sagen, dass die ohnehin schwächsten am stärksten leiden. „Die Anfälligkeit ist dort höher, wo Armut, Probleme mit der Regierungsführung, ein begrenzter Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und Ressourcen sowie gewaltsame Konflikte vorherrschen und wo die Existenzgrundlagen vieler (z.B. Kleinbauern, Hirten, Fischerei-Gemeinschaften) stark vom Klima abhängen.“ Die Zukunft unserer Ökosysteme werde in hohem Maße durch menschliche Einflüsse bestimmt werden, z.B. durch nicht nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster, steigenden Bevölkerungsdruck sowie die weiterhin nicht nachhaltige Nutzung und Bewirtschaftung von Land, Ozeanen und Wasser. „Während die landwirtschaftliche Entwicklung zur Ernährungssicherheit beiträgt, erhöht eine nicht nachhaltige Agrarexpansion, die zum Teil durch eine unausgewogene Ernährung angetrieben wird, die Anfälligkeit von Ökosystemen und Menschen und führt zu einem Wettbewerb um Land- und/oder Wasserressourcen.“

Der Bericht unterscheidet zwischen Risiken in naher Zukunft (2021-2040) und mittel- bis langfristigen Risiken (2041-2100). Es gilt als gesichert (hohes Vertrauen), dass eine globale Erwärmung von 1,5° in naher Zukunft „unvermeidbare Zunahmen vielfältiger Klimagefahren verursachen und vielfältige Risiken für Ökosysteme und Menschen mit sich bringen“ würde. Ab 2040 werden dann je nach Ausmaß der Erderwärmung zahlreiche Gefahren für Natur und Mensch auftreten: „Der Klimawandel wird zunehmend Druck auf die Produktion von und den Zugang zu Nahrungsmitteln ausüben, gerade in verwundbaren Regionen, und so die Ernährungssicherheit untergraben.“ Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen werden häufiger und heftiger auftreten und der Meeresspiegel weiter ansteigen. Auch das führt zu Ernährungsunsicherheit, die desto schlimmer wird, je höher der Temperaturanstieg ausfällt. „Bei einer globalen Erwärmung von 2°C oder mehr werden die Risiken für die Ernährungssicherheit aufgrund des Klimawandels mittelfristig größer sein und zu Unterernährung und Mikronährstoffmangel führen, vor allem in Subsahara-Afrika, Südasien, Mittel- und Südamerika und auf kleinen Inseln“, warnen die Autor*innen.

Der zweite Absatz der Kurzfassung behandelt die Anpassung an den Klimawandel. Es gebe Fortschritte bei der aktuellen Planung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen, doch der Anpassungsfortschritt sei ungleichmäßig verteilt. Es wird auch kurzsichtig gehandelt: „Viele Initiativen priorisieren die unmittelbare und zeitnahe Verringerung des Klimarisikos, was die Möglichkeit für transformative Anpassung verringert“, lautet eine Hauptaussage. Die gute Nachricht ist, dass es machbare und wirksame Anpassungsoptionen gibt, die die Risiken für Mensch und Natur verringern können. In Bezug auf Landwirtschaft und Ernährungssicherheit sagen die Autor*innen, dass „effektive Anpassungsoptionen zusammen mit unterstützenden öffentlichen Maßnahmen die Verfügbarkeit und Stabilität von Nahrungsmitteln verbessern und das Klimarisiko für Lebensmittelsysteme verringern und zugleich deren Nachhaltigkeit erhöhen“. Als wirksame Optionen nennt der Bericht „Agroforstwirtschaft, gemeinschaftsbasierte Anpassung, Diversifizierung der Landwirtschaft und Landschaft sowie urbane Landwirtschaft“. Es gilt auch als gesichert (hohes Vertrauen), dass agrarökologische Prinzipien und Praktiken, ökosystembasiertes Management in Fischerei und Aquakultur und andere Ansätze, die mit natürlichen Prozessen arbeiten, für Ernährungssicherheit, Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden, die Lebensgrundlagen und die Artenvielfalt, die Nachhaltigkeit und Ökosystemleistungen dienlich sind“, so die Wissenschaftler*innen. Zu diesen Leistungen gehören Schädlingsbekämpfung, Bestäubung, Abfederung von Temperaturextremen sowie die Kohlenstoffbindung und -speicherung. „Gesunde Ökosysteme sind widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel und stellen lebenswichtige Dienstleistungen wie Nahrung und sauberes Wasser bereit“, sagte der Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe II, Hans-Otto Pörtner. „Durch die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme und den wirksamen und gerechten Schutz von 30 bis 50 Prozent der Land-, Süßwasser- und Meereslebensräume der Erde kann die Gesellschaft von der Fähigkeit der Natur, Kohlenstoff zu absorbieren und zu speichern, profitieren, und wir können die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung beschleunigen.“ Es sei jedoch eine angemessene Finanzierung und politische Unterstützung unerlässlich.

Der IPCC unterstreicht, dass integrierte, sektorübergreifende Lösungen, die sich mit sozialen Ungleichheiten befassen und je nach Klimarisiko und lokaler Situation differenziert reagieren, die Ernährungssicherheit und die Ernährung verbessern. Zudem weist er darauf hin, dass „Anpassungsstrategien, die Nahrungsmittelverluste und -verschwendung reduzieren oder eine ausgewogene Ernährung unterstützen (wie im IPCC-Sonderbericht zu Klimawandel und Land beschrieben) zu Ernährung, Gesundheit, Biodiversität und anderen Umweltvorteilen beitragen“. Pörtner fügte hinzu: „Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig: Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das menschliche Wohlergehen und die Gesundheit des Planeten. Jede weitere Verzögerung bei konzertierten globalen Maßnahmen wird ein kurzes und sich schnell schließendes Fenster zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft verpassen.“ (ab)

24.02.2022 |

Bio gewinnt in Deutschland und weltweit an Boden

Herz
Bioprodukte boomen (Foto: CC0)

Die ökologisch bewirtschaftete Fläche und die Nachfrage nach Bioprodukten wachsen, sowohl weltweit als auch in Deutschland. Das zeigen ein Bericht des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL und von IFOAM – Organics International sowie die neusten Zahlen des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Beide Publikationen wurden Mitte Februar anlässlich des virtuell stattfindenden Branchentreffens BIOFACH präsentiert. Dem Jahrbuch „The World of Organic Agriculture“ für das Jahr 2020 zufolge wurden rund um den Globus fast 75 Millionen Hektar Land ökologisch bewirtschaftet – ein Anstieg um 4,1% oder 3 Millionen Hektar gegenüber dem Vorjahr. Das Jahrbuch enthält Daten zum Ökolandbau in 190 Ländern. Australien führt das Länder-Ranking mit einer absoluten Biofläche von 35,7 Millionen Hektar an, wobei schätzungswiese 97% dieser Fläche extensiv bewirtschaftetes Grünland sind. Auf Platz zwei folgt Argentinien mit 4,5 Millionen Hektar Bioanbaufläche, gefolgt von Uruguay (2,7 Mio. Hektar), Indien (2,6 Mio. ha) und Frankreich (2,5 Mio. ha). Aufgrund des hohen Flächenanteils Australiens liegt die Hälfte der weltweiten ökologischen Anbaufläche in Ozeanien (35,9 Mio. ha). Europa hatte die zweitgrößte Fläche (17,1 Mio. ha), gefolgt von Lateinamerika mit 9,9 Millionen Hektar.

Der globale Anteil des Ökolandbaus ist mit 1,6% noch deutlich ausbaufähig, doch 18 Länder haben schon mehr als 10% der landwirtschaftlichen Fläche auf Bio umgestellt. Liechtenstein führte 2020 mit einem Bioanteil von 41,6% an der Gesamtfläche. In Österreich wurden 26,5% der Fläche ökologisch bestellt, während es in Estland 22,4%, in Sao Tome und Principe 20,7% und in Schweden 20,4% waren. In 54% der Länder, für die Daten verfügbar sind, wurde jedoch weniger als 1% der Agrarfläche ökologisch bewirtschaftet. Weltweit gab es laut IFOAM und FiBL 2020 rund 3,4 Millionen Bioproduzenten – ein Anstieg um 7,6% gegenüber 2019. Mehr als die Hälfte (53,7%) von ihnen leben in Asien, während 24,7% in Afrika und 12,4% in Europa ackern. Die meisten Biobäuerinnen und -bauern sollen in Indien leben (1,59 Millionen), gefolgt von Äthiopien (219.566) und Tansania (148.607). Die Autor*innen verweisen jedoch darauf, dass genaue Zahlen schwer zu ermitteln sind, da einige Länder nur die Anzahl der Unternehmen, Projekte oder Erzeugergemeinschaften melden, sodass die Gesamtzahl der Produzent*innen noch höher sein könnte.

Mit einem Plus von 14 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr erlebte der globale Markt für Bioprodukte 2020 einen Boom, der so deutlich ausfiel wie noch nie: Er wurde auf umgerechnet 120 Milliarden Euro geschätzt. Hier sind die USA führend mit einem Umsatz von 49,5 Mrd. Euro vor Deutschland und Frankreich mit 15 bzw. 12,7 Mrd. Euro. Der kanadische Biomarkt legte um 26,1% zu, während es in China 23% und in Deutschland 22,3% waren. Den Bioboom schreiben die Herausgeber auch der Corona-Lage zu: „Die Auswirkungen der Pandemie zeigen sich an den Einzelhandelsdaten. Da die Menschen sich vermehrt zu Hause verpflegten und Gesundheit, Umwelt und Klimawandel zu wichtigen Themen wurden, stieg der Bioumsatz im Einzelhandel rapide an“, sagte Helga Willer, die bei FiBL für die Herausgabe des statistischen Jahrbuchs verantwortlich ist. Gleichzeitig sei jedoch in vielen Ländern der Umsatz in der Gastronomie zurückgegangen. Betrachtet man den Anteil von Bioprodukten am Gesamtmarkt, so ist Dänemark führend mit 13%. In Österreich liegt der Anteil bei 11,3% und in der Schweiz bei 10,8%. Die Schweizer griffen mit umgerechnet 418 Euro pro Kopf am tiefsten ins Portemonnaie. Den Dänen waren Biolebensmittel 384 Euro wert, während in Luxemburg und Österreich 285 bzw. 254 Euro ausgegeben wurden.

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) wartete für Deutschland bereits mit brandaktuellen Zahlen für das Jahr 2021 auf. Hierzulande vergrößerte sich die Öko-Fläche im letzten Jahr um 81.762 Hektar auf nun insgesamt 1.784.002 Hektar – ein Zuwachs von 4,8% gegenüber 2020. Es gibt mittlerweile 35.716 Bio-Höfe in ganz Deutschland. Mit 13,6% aller Betriebe wirtschaftet mehr als jeder siebte Betrieb ökologisch. Aktuell werden 10,8% aller Landwirtschaftsflächen in Deutschland mit Bio beackert. Bis zum Jahr 2030 will Deutschland 30% schaffen. „Es liegt jetzt an den Regierenden, allen voran Bundesminister Cem Özdemir, nicht nur 30% Bio bis 2030 und Öko als Leitbild auszurufen, sondern alle erforderlichen Weichen für den Umbau unseres Agrar- und Ernährungssystems zu stellen“, sagte Tina Andres, Vorstandsvorsitzende des BÖLW. „Wichtig ist, dass die EU-Agrarpolitik (GAP) national so gestaltet wird, dass sie zum 30% Bio-Ziel passt“, betont der geschäftsführende BÖLW-Vorstand, Peter Röhrig. „Die aktuellen Pläne, die in diesen Tagen festgeschnürt werden, benachteiligen Bio-Betriebe immens, anstatt sie zu unterstützten“, bemängelt er jedoch. „Landwirtinnen und Landwirte setzen darauf, dass ihre Umweltleistungen, die sie mit Bio erbringen, auch künftig mit der GAP angemessen honoriert werden.“ (ab)

21.01.2022 |

Kritischer Agrarbericht: Transformation wagen, faire Preise für Lebensmittel!

Supermarkt
Die wahren Preise? (Foto: CC0)

Mit einer Bestandsaufnahme der aktuellen agrarpolitischen Debatten und einem Katalog von 50 Kernforderungen an die neue Bundesregierung wartet der soeben erschienene „Kritische Agrarbericht 2022“ auf. Es ist die mittlerweile 30. Ausgabe des Jahrbuches, das vom AgrarBündnis e.V., einem Zusammenschluss von derzeit 25 Verbänden der bäuerlich-ökologischen Landwirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit und Kirchen sowie aus Umwelt-, Natur- und Tierschutz, herausgegeben wird. Das 352 Seiten starke Buch, das auch online bereitsteht, will die gesellschaftliche Auseinandersetzung um eine nachhaltige Transformation von Landwirtschaft und Ernährung in Deutschland, Europa und weltweit anstoßen. Im Fokus dieser Ausgabe steht das Thema „Preis Werte Lebensmittel“. Präsentiert wurde der Bericht am 20.1. auf einer Online-Pressekonferenz. Die Herausgeber zeigen sich in Bezug auf die neue Bundesregierung und die Ausrichtung der Agrarpolitik zunächst zuversichtlich. Vieles von dem, was in den Verbänden an Positionen erarbeitet worden sei, finde sich auch im Koalitionsvertrag wieder. Frieder Thomas, Geschäftsführer des AgrarBündnisses, betonte jedoch, dass es jetzt dringend notwendig sei, den Reformstau aufzulösen und die dringend notwendige Transformation der Landwirtschaft anzugehen.

13 Kapitel des Berichts befassen sich mit dem Schwerpunktthema. „Wir müssen wieder etwas mehr über Preise reden“, sagte Thomas in der Videokonferenz. „In der Vergangenheit haben wir uns in der Agrarpolitik relativ stark auf die Förderung konzentriert, um Veränderungen voranzutreiben. Wir haben versucht, das, was die Menschen an der Ladentheke nicht bereit waren zu bezahlen, über Fördermittel zu kompensieren. Das ist nicht ganz falsch, aber es reicht nicht aus.“ Das angemessene Einkommen für Bäuerinnen und Bauern und die Kosten für den Umbau in Richtung mehr Nachhaltigkeit sei so nicht vollständig zu finanzieren. „Alle Berechnungen, die wir haben, machen deutlich, dass die derzeit öffentlich vorhandenen Mittel für angemessene Erzeugerpreise und für eine Transformation der Landwirtschaft bei Weitem nicht ausreichen“, so Thomas. Es sei notwendig zu differenzieren: Es gehe einerseits um faire Erzeugerpreise, aber auch um Preise an der Ladentheke und vor allem um Verbraucherpreise, die die „Wahrheit“ sagen.

Wichtig seien drei Aspekte: erstens eine faire Verteilung der Erlöse in der Wertschöpfungskette. Das Stichwort laute „Verhandlungen auf Augenhöhe“. Hierzu beschäftigen sich Philippe Boyer und Marita Wiggerthale im Kapitel „Mehrwert fair verteilen“ mit gesetzlichen Bestimmungen in Frankreich und Spanien, die verhindern sollen, dass Verarbeiter und Handel die Erzeugerpreise unter die Produktionskosten drücken können. Frankreich hat 2018 nach einem Beteiligungsprozess der Stakeholder der Landwirtschafts- und Lebensmittelbranche das Gesetz ÉGalim verabschiedet und Spanien 2020 eine Konkretisierung zum Lebensmittelliefergesetz „Ley de la Cadena Alimentaria“. „Beide Initiativen haben das Ziel, den Mehrwert zwischen den einzelnen Stufen der Wertschöpfungsketten fairer und d. h. stärker zugunsten der landwirtschaftlichen Lieferanten zu verschieben. Frankreich versucht über eine Neuberechnung der Mindest-Einstandspreise die Margen zu verschieben. In Spanien muss die Ermittlung der Produktionskosten in die Verträge aufgenommen werden“, schreiben die Autor*innen. Ähnliche Maßnahmen erwartet Thomas auch von der neuen Bundesregierung. Wiggerthale formuliert basierend auf den Beobachtungen zu Frankreich und Spanien Schlussfolgerungen für die Debatte in Deutschland und nennt Aspekte, die bei einem Verbot des Einkaufs unterhalb der Produktionskosten, berücksichtigt werden sollten.

Als zweiten Aspekt nennt Thomas die Notwendigkeit der Bilanzierung von Qualitäten und Leistungen, damit so gegebenenfalls einen Mehrpreis an der Ladentheke erreicht werde oder dort, wo das nicht gelingt, eine Bedingung für Fördermittel formuliert werden kann. Der BUND-Bundesvorsitzende Olaf Bandt kritisierte, dass immer noch viel Geld mit der Gießkanne über Europas Äcker und Wiesen verteilt werde: „Die EU-Agrarmilliarden müssen dafür genutzt werden, gesellschaftliche Leistungen der Landwirtinnen und Landwirte zu honorieren. Wer mehr für den Klimaschutz macht, die Tiere besser hält, weniger Pestizide einsetzt und die Biodiversität schützt, muss unterstützt werden." Drittens bedürfe es der Bilanzierung externer Kosten. Hier gibt es unterschiedliche Ansätze, denen gemein ist, dass negative Begleiterscheinungen bestimmter Produktionsformen, die auf Kosten von Natur und Allgemeinheit gehen, – Thomas bezeichnet sie auch als „Kollateralschäden“ – in Berechnungen münden, um das Ergeben von Steuern und Abgaben auf Produktionsweisen oder Produkte zu rechtfertigen, die zu diesen externen Kosten führen. Dann könne man dieses Geld nehmen, um damit positiv zu fördern, oder damit auch zu erreichen, dass sich das Konsumverhalten ändert. So würden bewusste Konsumentscheidungen und mehr Fairness am Markt ermöglicht.

Im Kapitel „Auf der Suche nach dem ‚wahren Preis‘“ beschäftigen sich Allegra Decker, Amelie Michalke und Tobias Gaugler mit den Chancen und Grenzen von True Cost Accounting bei Lebensmitteln. Sie zeigen zunächst die Schäden auf, die durch die Produktion unserer Lebensmittel und deren Beitrag zum Klimawandel entstehen, die wiederum hohe Folgekosten nach sich ziehen. Diese Kosten fallen nicht den Verursacher*innen und Produzent*innen zu Last, sondern müssen von allen getragen werden. Das verstoße gegen das Verursacherprinzip der Vereinten Nationen, welches besagt, dass die Verantwortlichen für Schäden aufkommen müssen. Darüber hinaus sei der Status quo landwirtschaftlicher Systeme in vielerlei Hinsicht nicht mit den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs) vereinbar. Als Beispiele für externe und nicht in Lebensmittel eingepreiste Kosten führen die Autor*innen Maßnahmen zur Trinkwasseraufbereitung infolge zu hoher Nitratgehalte oder Schäden durch Extremwetterereignisse aufgrund des Klimawandels auf. Dass diese Kosten nicht in den Preisen enthalten (internalisiert) seien, stelle einen „Marktfehler“ dar. „Es stellt sich daher die Frage, welche Lebensmittel wie viel teurer werden müssten, damit die bei ihrer Produktion verursachten Umweltfolgekosten verursachergerecht einbezogen sind und sich der Konsum der Produkte entsprechend korrekter Marktpreise an die unverzerrte Nachfrage anpassen kann.“ Das Kapitel widmet sich dem „True Cost Accounting“, wobei unter Zuhilfenahme von Lebenszyklusanalysen oder Ökobilanzen Emissionen und Ressourcenverbrauch der Produktion ermittelt und eingepreist werden. Es sei Aufgabe der Politik, Kostenwahrheit verbindlich einzuführen. „Denkbar wären hierzu ordnungspolitische Instrumente wie die Besteuerung von CO2-Emissionen oder Stickstoffdünger. Diese Maßnahmen sollten möglichst früh in der Wertschöpfungskette ansetzen – also bereits in der Vorproduktion“, schreiben Decker, Michalke und Gaugler. Trotz teurerer Lebensmittelpreise wäre dieses Vorgehen für die Verbraucher*innen kostengünstiger als das Verharren im Status quo.

Die ordnungspolitische Umsetzung und Einpreisung von Umweltschäden würde den ökologischen Fußabdruck der Wirtschaft verkleinern, Einfluss auf die Kaufentscheidungen von Konsument*innen nehmen und nachhaltige Landwirtschaft fördern, lautet das Fazit der Autor*innen. Der Staat würde über verursachergerechte Lebensmittelpreise Mehreinnahmen generieren, die er in Form einer Klimadividende an umweltbewusst handelnde Landwirt*innen und Bürger*innen zurückverteilen könnte. Der gelernte Landwirt und Diplom-Agraringenieur Nikolai Fuchs, Mitglied im Vorstand der GLS Treuhand und Stiftungsrat der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, schreibt, dass es wohl wenig überraschend ein Maßnahmenmix sein müsse, um hier Veränderungen herbeizuführen: ein Mix aus Abschaffung umweltschädlicher Subventionen, (neuen) Lieferkettengesetzen, Einführung von True-Cost-Konzepten, Preisverhandlungen zwischen Landwirtschaft und Handel ‚auf Augenhöhe‘, ja, auch Ordnungsrecht und dazu mehr Umwelt- und Verbraucherbildung etc. „Aber letztlich werden wir es als Gesellschaft bzw. als Bürger*innen nur schaffen, wenn wir immer auch die Handlungslücke bei uns selbst kleiner bekommen: Das Tun trainieren, wie einen Muskel, durch mehr von dem Tun, was wir ‚eigentlich‘ wollen, angefeuert durch unseren Willen und Wunsch, den Planeten für unsere Kinder und Enkel lebenswert zu erhalten“, so Fuchs. (ab)

13.01.2022 |

Pestizidatlas fordert Reduzierung des Einsatzes von Ackergiften

Grafik
Pestizideinsatz in Tonnen (Grafik: Pestizidatlas 2022 Eimermacher/Puchalla, CC-BY-4.0)

Weltweit werden immer mehr hochgiftige Pestizide in der Landwirtschaft eingesetzt, obwohl die Folgen für die Biodiversität und die Gesundheit von Pflanzen, Tieren und Menschen gravierend sind. Auch in der EU bleibt der Einsatz auf einem hohen Niveau und es werden dazu noch Pestizide exportiert, die auf europäischen Äckern schon längst verboten sind – häufig in Länder des globalen Südens, wo viele Menschen ihnen oft schutzlos ausgeliefert sind. Das prangert der Pestizidatlas 2022 an, der am 12. Januar von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und dem Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany) veröffentlicht wurde. Die Publikation liefert auf über 50 Seiten und in über 80 Grafiken zahlreiche Daten und Fakten zu Ackergiften in Deutschland und weltweit, analysiert die profitablen Geschäfte der Agrarchemiekonzerne und zeigt Alternativen zur Pestizidnutzung auf. Mit Blick auf Deutschland rufen die Herausgeber die Bundesregierung dazu auf, den Einsatz von Pestiziden konsequent zu reduzieren, besonders toxische Pestizide zu verbieten sowie dem Export von hier verbotenen Pestiziden einen Riegel vorzuschieben.

Dem Pestizidatlas zufolge ist die Menge der rund um den Globus eingesetzten Pestizide seit 1990 um 80% gestiegen. „Heute liegt die jährlich ausgebrachte Pestizidmenge bei circa 4 Millionen Tonnen weltweit. Fast die Hälfte davon sind Herbizide, die gegen Unkräuter verwendet werden; knapp 30 Prozent sind Insektizide, die gegen schädliche Insekten wirken und etwa 17 Prozent sind Fungizide gegen Pilzbefall“, heißt es dort. Marktanalysen bezifferten den Wert des globalen Pestizid-Marktes im Jahr 2019 auf fast 84,5 Milliarden US-Dollar. Seit 2015 gab es ein jährliches Plus von mehr als 4 Prozent. „Bis 2023 wird eine Wachstumsrate von 11,5 Prozent und damit ein Anstieg auf fast 130,7 Milliarden US-Dollar Marktwert prognostiziert“, schreiben die Autor*innen. Hier sind also enorme Profite zu verbuchen und die fahren vor allem die großen Player ein: Die vier Konzerne Syngenta Group, Bayer, Corteva und BASF teilten sich 2018 etwa 70% des Weltmarktes für Pestizide. 1994 hatte der Marktanteil der vier größten Anbieter noch 29% und 2009 immerhin „nur“ 53% betragen – die Konzentration der Marktmacht schreitet rasant voran. Die Zunahme beim Pestizideinsatz ist in einigen Regionen der Welt besonders stark ausgeprägt: In Südamerika wurden 2019 rund 767.443 Tonnen Pestizide eingesetzt – ein Anstieg von 143,5% gegenüber 1999. Pro Hektar Anbaufläche kamen 2019 mehr als 5 Kilogramm Pestizidwirkstoffe in Südamerika zur Anwendung – mehr als in allen anderen Regionen weltweit. „Vor allem in Ländern mit großer Artenvielfalt wie Brasilien, Argentinien und Paraguay ist der Herbizideinsatz insbesondere seit der großflächigen Einführung von gentechnisch verändertem, pestizidresistenten Soja, das als billiges Futtermittel für die Tiermast eingesetzt wird, dramatisch gestiegen“, beklagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. „Damit wurde auch das zentrale Versprechen der Agro-Gentechnik, Ackergifte mit Hilfe von Gentechnik deutlich zu reduzieren, auf groteske Weise konterkariert.“

Der Einsatz von Pestiziden führt zu anhaltenden Belastungen von Mensch, Natur und Umwelt. „So lassen sich an Luftmessstellen Pestizide nachweisen, die bis zu 1000 Kilometer weit entfernt ausgebracht wurden. Auch in Naturschutzgebieten finden sich Pestizidrückstände. Insbesondere Gewässer in der Nähe landwirtschaftlich genutzter Gebiete weisen hohe Pestizidbelastungen auf. Meeressäuger an deutschen Küsten sind bis heute mit Pestiziden belastet, die seit 40 Jahren verboten sind“, schreiben die Autor*innen des Atlas. Für die menschliche Gesundheit birgt der Pestizideinsatz große Gefahren durch Vergiftungen, vor allem im Globalen Süden, wo Arbeiter*innen oftmals nicht ausreichend geschützt sind. Konservativen Berechnungen zufolge sei in Asien von jährlich rund 255 Millionen Vergiftungsunfällen auszugehen, in Afrika von knapp über 100 Millionen und in Europa von rund 1,6 Millionen. „Mit dem massiven Pestizideinsatz weltweit vergiften wir Menschen und Natur. 385 Millionen jährliche Pestizidvergiftungen weltweit sind ein Skandal“, empört sich Doris Günther, Vorstand von PAN Germany. „Pestizidkonzerne haben längst den Globalen Süden als neuen Wachstumsmarkt für ihre Produkte ausgemacht. Auch deutsche Firmen exportieren hochgefährliche Pestizide nach Afrika, Asien und Lateinamerika, die bei uns zum Schutze der Bevölkerung und der Umwelt verboten wurden.“ Die deutsche und europäische Politik müsse dies beenden und konsequent den Export verbotener Pestizide gesetzlich untersagen.

Besonders gravierend sind die Folgen des steigenden Pestizideinsatzes für die Artenvielfalt. „Konventionell bewirtschaftete Äcker weisen nur drei Prozent der floristischen Artenvielfalt auf, die auf Äckern zu finden ist, die noch nie mit Pestiziden behandelt wurden. Auf biologisch bewirtschafteten Äckern liegt die Vielfalt mit 53 Prozent erheblich höher“, zitieren die Herausgeber aus Studien. „Ein Umdenken ist dringend notwendig, denn der hohe Pestizideinsatz schadet der Biodiversität. Er trägt zum Verlust zahlreicher Nützlinge bei, ohne die wiederum noch mehr Pestizide notwendig sind. Der damit verbundene Rückgang bestimmter Wildpflanzenarten führt zum Verlust von Lebensraum und Nahrung für spezialisierte Insekten. Zudem führt der Einsatz von in geringen Mengen hochwirksamen Neonikotinoiden zum Sterben von Wildbienen“, fasst BUND-Vorsitzender Olaf Bandt zusammen. „Der Verlust der Artenvielfalt weltweit, aber auch in Deutschland ist dramatisch und kann nur gestoppt werden, wenn der Einsatz von Ackergiften deutlich reduziert wird.“ Von der neuen Bundesregierung erwartet Bandt gesetzgeberisches Handeln. Dabei müsse die Gesamtmenge der Pestizide um die Hälfte gesenkt und besonders gefährliche Pestizide verboten werden. „Es müssen innerhalb der jetzigen Legislaturperiode konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, um die Erfolge der Pestizidreduktion zu kontrollieren. Entscheidend dabei ist, dass die landwirtschaftlichen Betriebe dabei unterstützt werden mit weniger Pestiziden wirtschaftlich tragfähig zu arbeiten. Weniger Pestizide und mehr biologische Vielfalt auf dem Acker soll sich für alle Betriebe lohnen“, so Bandt.

Der Atlas zeigt auch Lösungen auf. Als Bestandteil einer ambitionierten Strategie der Bundesregierung zur Pestizidreduktion bringt er eine Pestizidabgabe ins Spiel. „Erkenntnisse aus Dänemark zeigen, dass die Einführung einer Pestizidabgabe ein geeignetes Instrument sein kann, um finanzielle Anreize für eine geringere Pestizidnutzung zu schaffen“, schreiben die Autor*innen. „Eine solche an den Risiken der Pestizide ausgerichtete Abgabe – je schädlicher das Pestizid, desto höher die Steuer – trägt dazu bei, besonders toxische Pestizide zu verteuern und Betriebe stärker zu motivieren, auf weniger schädliche Wirkstoffe umzusteigen.“ Allerdings müsse die Abgabe hoch genug sein, um Wirkung zu entfalten. So könnten Einnahmen generiert werden, die sich für die Förderung nicht-chemischer Pflanzenschutzverfahren einsetzen ließen. Eine Trendwende ist nicht unmöglich. Der Atlas liefert auch Beispiele aus der ganzen Welt, die zeigen, dass immer mehr Städte, Staaten und Regionen versuchen, weniger Pestizide auf ihren Feldern und Flächen auszubringen – oder gar komplett darauf zu verzichten. In Indien haben mehrere Bundesstaaten begonnen, ihre Landwirtschaft auf biologischen Anbau umzustellen und den Einsatz von Pestiziden zu verbieten: „Der kleine Bundesstaat Sikkim wird die erste Region weltweit sein, die wirklich zu 100 Prozent ökologisch produziert. Dieser Schritt stellt einen enormen Paradigmenwechsel dar in einem Land, das jahrzehntelang auf den hohen Einsatz von synthetischen Düngemitteln und Pestiziden gesetzt hatte“, heißt es im Atlas. Auch der Bundesstaat Andhra Pradesh kündigte 2018 an, dass die rund sechs Millionen Bäuerinnen und Bauern des Staates spätestens ab 2024 ohne chemisch-synthetische Pestizide arbeiten werden. Mexiko hat auf Druck der Zivilgesellschaft den Einsatz von Glyphosat ab 2024 verboten. Kirgistan plant sogar, komplett aus der Pestizidnutzung auszusteigen. 2018 wurde beschlossen, die gesamte Landwirtschaft innerhalb der nächsten 10 Jahre auf ökologischen Produktion umzustellen. „Für eine ökologische Trendwende braucht es Umdenken in der Landwirtschaft – und politischen Willen“, schreiben die drei Herausgeber im Vorwort. Es bleibt abzuwarten, ob dieser bei der neuen Bundesregierung vorhanden ist. (ab)

Donors

Donors of globalagriculture Bread for all biovision Bread for the World Misereor Heidehof Stiftung Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz Rapunzel
English versionDeutsche VersionDeutsche Version