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06.01.2020 |

Planetare Grenzen: Wechselwirkungen verstärken Druck auf das System Erde

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Planetare Grenzen (nach Steffen et al.)

Ein Team von Wissenschaftlern präsentierte 2009 das Konzept der planetaren Grenzen und machte neun Prozesse und Systeme aus, die für die Stabilität und Widerstandsfähigkeit der Erde entscheidend sind. Wird in diesen Bereichen die Belastungsgrenze des Erdsystems überschritten, drohen abrupte und unumkehrbare Umweltveränderungen im großen Stil. In einem Update des Konzepts konstatierten die Wissenschaftler 2015, dass die Menschheit bereits in vier Bereichen den sicheren Betriebsbereich verlassen hat: bei Klimawandel, Landnutzungsänderungen, dem menschlichen Eingriff in biogeochemische Kreisläufe (Stickstoff und Phosphor) sowie bei der Integrität der Biosphäre (Verlust der biologischen Vielfalt und Artensterben). Nun zeigt eine Mitte Dezember in der Zeitschrift „Nature Sustainability“ erschienene Studie, dass das Überschreiten der Belastungsgrenze in einem Bereich auch den Druck auf andere verstärken kann. „Wir haben festgestellt, dass ein dichtes Netzwerk von Wechselwirkungen zwischen den planetaren Grenzen besteht“, sagt Johan Rockström, Mitautor der Studie. Der Klimawandel und die Intaktheit der Biosphäre sind zwei Schüsselgrenzen – mehr als die Hälfte der Gesamtkraft aller Wechselwirkungen entfällt auf diese Bereiche. „Dies zeigt, dass wir uns davor hüten sollten, diese beiden Bereiche zu destabilisieren“, fügte Rockström hinzu.

Die Wissenschaftler quantifizierten die Wechselwirkungen zwischen den neuen Prozessen im Erdsystem. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass die biophysikalischen Interaktionen die direkten menschlichen Auswirkungen auf die neun planetaren Grenzen fast verdoppelt haben. Ein Beispiel dafür, wie sich der Einfluss des Menschen auf das Erdsystem wechselseitig verstärkt, ist der Zusammenhang zwischen Entwaldung und Klimawandel. Das Abbrennen tropischer Regenwälder, um landwirtschaftliche Nutzflächen auszuweiten, erhöht den CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Die zusätzlichen Treibhausgase tragen dann zur globalen Erwärmung bei – der Schaden an den Wäldern beeinträchtigt somit auch die Klimastabilität. Der Temperaturanstieg kann wiederum Druck auf die Regenwälder ausüben, was auch mit negativen Folgen für die Landwirtschaft einhergeht. Die daraus resultierende Verstärkung der Auswirkungen ist erheblich. Es könnte aber noch schlimmer kommen, denn die Studie berücksichtigt noch keine Kipp-Punkte. So könnte sich etwa der Amazonas-Regenwald jenseits einer bestimmten Grenze schnell und nichtlinear verändern. Ein solches Kippverhalten würde die in der Studie untersuchte Wirkungsverstärkung noch mehr antreiben.

Ein weiteres beunruhigendes Beispiel für Verbindungen zwischen globalen Umweltproblemen, die den Einfluss des Menschen auf das Erdsystem verstärken, sind die katastrophalen Buschbrände, die derzeit an der australischen Südostküste wüten. „Der Klimawandel hat durch steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster eine bedeutende Rolle bei der Schaffung der Bedingungen gespielt, die solche massiven und ausgedehnten Brände begünstigen“, sagte der Hauptautor der Studie, Dr. Steven Lade von der Australian National University. „Die Buschfeuer wiederum wirken sich auf das Klima aus, indem sie große Mengen Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre freisetzen und so durch eine sogenannte ‚Rückkopplungsschleife‘ den Klimawandel weiter anheizen.“ Dr. Lade betont zudem, dass Rauch im Gegensatz zu anderen Aerosolen auch Sonnenstrahlung absorbiert, was den Klimawandel weiter beschleunigt. „Die Schwere der Brände in Verbindung mit dem fortschreitenden Klimawandel könnte zu einer Verschiebung im Ökosystem führen, wenn sich die Landschaft dann erholt“, warnt er. „Wenn neue Ökosysteme weniger Kohlenstoff speichern als die abgebrannten Wälder, kommt es langfristig zu einem Nettoanstieg des Kohlenstoffdioxids in der Atmosphäre.“

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein umfassendes Verständnis der Dynamik des Erdsystems wichtig ist, damit wir auf eine nachhaltige Zukunft zusteuern können“, schreiben die Autoren. Sie verleihen der Hoffnung Ausdruck, dass ihre Erkenntnisse nun für die Entwicklung von politischen Maßnahmen zur Sicherung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen genutzt werden. „Wir bieten unsere Untersuchung zu den Wechselwirkungen zwischen den planetaren Grenzen der Politik und der wissenschaftliche Gemeinschaft an“, schreiben sie – „als eine Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes, als ein Aufruf an die künftige Forschung, die Wechselwirkungen besser zu charakterisieren und als einen Rahmen, um politische Diskussionen und Pläne für eine nachhaltige Zukunft anzuregen.“ Rockström betont, dass die Ergebnisse der Studie gute Nachrichten für politische Entscheidungsträger enthalten: „Wenn wir unseren Druck auf eine planetare Grenze reduzieren, wird dies in vielen Fällen auch den Druck auf andere planetare Grenzen verringern. Nachhaltige Lösungen verstärken ihre Wirkung – das kann eine echte Win-Win-Situation sein.“ (ab)

30.12.2019 |

Abnehmende Bestände bei einem Drittel der heimischen Brutvogelarten

Kiebitz
Dem Kiebitz gehts bescheiden (Foto: CC0)

Bei einem Drittel der Brutvogelarten in Deutschland sind in den letzten 12 Jahren die Bestände geschrumpft. Zwar haben sich dank gezielter Schutzmaßnahmen einige Vogelarten auch wieder erholt, doch insgesamt müssen die Anstrengungen zum Schutz der heimischen Vogelwelt deutlich verstärkt werden. Das ist die Botschaft des Nationalen Vogelschutzberichts 2019, den Deutschland Mitte Dezember bei der Europäischen Kommission einreichte. Der alle sechs Jahre erscheinende Bericht enthält Informationen zur Entwicklung der Vogelbestände von insgesamt 251 Brutvogelarten, 68 überwinternden und 34 durchziehenden Vogelarten – sowohl zu Kurzzeit- als auch zu Langzeittrends. Zunächst die positive Nachricht: Bei etwa einem Drittel der Brutvögel, die in Deutschland ihre Jungen großziehen, sind die Bestände in den letzten 12 Jahren wieder gewachsen. Dazu zählen etwa bestimmte Großvogelarten wie Seeadler, Uhu und Schwarzstorch. Dass sich die Bestände erholen, liege daran, dass diese Arten von intensiven und meist speziell auf sie zugeschnittenen Schutzbemühungen profitieren, erläutert das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit dem Bundesumweltministerium (BMU). Beim Schwarzstorch wurden z.B. Erfolge durch die Sicherung der Horste und die Einrichtung von Ruhebereichen um die Brutplätze im Wald erzielt.

Allerdings ist der Anteil der Brutvogelarten, deren Bestände in den letzten 12 Jahren zurückgingen, mit 31% ebenso groß. Betroffen sind vor allem Arten der Agrarlandschaft wie Kiebitz und Rebhuhn. „Diese Entwicklung ist zu einem wesentlichen Anteil auf die Intensivierung der Landwirtschaft zurückzuführen. Dabei sind insbesondere der Verlust und die Verschlechterung des Zustandes von Wiesen und Weiden als wichtige Lebensräume sowie der Rückgang des Nahrungsangebots, etwa an Insekten, ausschlaggebend“, heißt es in der Mitteilung. Die Zahl der Brutvögel ist jedoch auch in den letzten 36 Jahren zurückgegangen – sie haben in diesem Zeitraum über 90% ihrer Bestände eingebüßt. Allerdings betrug der Anteil der Brutvögel mit abnehmenden Beständen im Langzeittrend „nur“ 25%. „Dies zeigt, dass der Druck auf die Vogelbestände weiter gewachsen ist“, erklären BfN und BMU. Zwar seien im aktuellen Berichtszeitraum weitere Erhaltungsmaßnahmen beschlossen und umgesetzt worden. Allerdings wurden bislang nur für 49% der Fläche der insgesamt 742 Vogelschutzgebiete in Deutschland die nötigen Erhaltungsmaßnahmen festgelegt und 340 Managementpläne erstellt. Eine weitere konsequente Umsetzung sei notwendig und die Ziele der EU-Vogelschutzrichtlinie müssten vor allem in der Land- und Forstwirtschaft stärker berücksichtigt werden.

Die Lage der durchziehenden und überwinternden Zugvögel sieht insgesamt besser aus als die der Brutvögel. So liegt der Anteil der Vogelarten mit zunehmenden Trends über den Zeitraum von 12 Jahren bei den Überwinterern bei circa 43%. Zu den Vogelarten mit zunehmenden Trends gehören viele Enten- und Gänsearten wie z.B. die Löffelente. Dies sei unter anderem den milderen Wintern in Mitteleuropa geschuldet. Zu den Verlierern zählt die vor allem in Russland brütende und in Norddeutschland überwinternde Waldsaatgans, deren Rastbestände in Deutschland sich in den letzten 12 Jahren um 70% verringert haben. Auch bei den Überwinterern hat sich der Negativtrend in den letzten 12 Jahren beschleunigt. Im Langzeittrend (36 Jahre) lag der Anteil der Vogelarten mit abnehmenden Beständen bei 16%, während in den letzten 12 Jahren bereits 33% aller überwinternden Arten unter Bestandsrückgängen litten. (ab)

17.12.2019 |

Ärmste Länder leiden unter beiden Extremen der Mangelernährung

Hunger
Vielen mangelt es an gesunder Ernährung (Foto: CC0)

In den ärmsten Ländern der Welt treten Mangelernährung und Fettleibigkeit zunehmend im Doppelpack auf, da ihre Ernährungssysteme rapiden Veränderungen unterworfen sind. Darauf macht eine Reihe von Artikeln aufmerksam, die am 16. Dezember im medizinischen Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurden. Demnach sind mehr als ein Drittel der Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen von beiden Extremen der Mangelernährung betroffen, vor allem in Subsahara-Afrika, Süd- und Ostasien und in der Pazifikregion. „Wir stehen vor einer neuen Ernährungsrealität“, sagte Hauptautor Dr. Francesco Branca von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Wir können Länder nicht mehr als einkommensschwach und unterernährt oder reich und von Fettleibigkeit betroffen beschreiben. Alle Formen der Mangelernährung haben einen gemeinsamen Nenner – Lebensmittelsysteme, denen es nicht gelingt, allen Menschen eine gesunde, sichere, erschwingliche und nachhaltige Ernährung zu bieten.“ Dies zu verändern erfordere Maßnahmen in allen Bereichen der Lebensmittelsysteme – von der Produktion und Verarbeitung über Handel und Vertrieb, Preisgestaltung, Vermarktung und Kennzeichnung bis hin zu Verbrauch und Abfall. „Alle relevanten Politiken und Investitionen müssen grundlegend überprüft werden“, fügte er hinzu.

Weltweit sind fast 2,3 Milliarden Kinder und Erwachsene übergewichtig, und mehr als 150 Millionen Kinder sind aufgrund chronischer Unterernährung unterentwickelt. In Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen existieren Überernährung (Übergewicht und Adipositas) sowie akute und chronische Unterernährung zunehmend Seite an Seite in allen Bevölkerungsschichten. Der Lancet-Bericht befasst sich mit den Ursachen und Trends, die sich hinter dieser Doppelbelastung verbergen. Anhand von Erhebungsdaten aus Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen in den 1990er- und 2010er-Jahren bestimmten die Autoren, welche Länder mit der Doppelbelastung zu kämpfen haben. Eine schwere Doppelbelastung durch Mangelernährung wurde definiert als akute Unterernährung bei mehr als 15% und chronische Unterernährung bei mehr als 30% der Kinder im Alter von 0 bis 4 Jahren, ein Body-Mass-Index unter 18,5 bei mehr als 20% der Frauen im Alter von 15-49 Jahren und einem Bevölkerungsanteil von mehr als 20% Übergewichtiger. Die Forscher fanden heraus, dass 2010 mehr als ein Drittel der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen (48 von 126 Ländern) von beiden Extremen der Mangelernährung betroffen war. In den 2010er Jahren hatten 14 der ärmsten Länder der Welt, die in den 1990ern noch nicht von beiden Extremen betroffen waren, neu mit der Doppelbelastung zu kämpfen. Die Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen am oberen Ende der Einkommensskala waren hingegen weniger betroffen als in der Vergangenheit. Das zeigt, dass sich Übergewicht zunehmend auch in den ärmsten Ländern breitmacht, die immer noch mit akuter und chronischer Unterernährung geschlagen sind.

Den Autoren zufolge ändert sich in den ärmsten Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen rapide die Art und Weise, wie Menschen am Arbeitsplatz, zu Hause, unterwegs und in der Freizeit essen, trinken und sich bewegen. „Die neue Ernährungsrealität wird durch Veränderungen im Ernährungssystem angetrieben, durch welche die Verfügbarkeit von hochverarbeiteten Lebensmitteln steigt. Diese stehen in Zusammenhang mit einer erhöhten Gewichtszunahme und beeinflussen zugleich die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern negativ“, sagte einer der Autoren, Professor Barry Popkin von der University of North Carolina. „Zu diesen Veränderungen gehören das Verschwinden von Märkten mit frischen Lebensmitteln, die steigende Zahl von Supermärkten und die Kontrolle der Lebensmittelkette durch die Supermärkte sowie internationale Lebensmittel-, Catering- und Agrarunternehmen in vielen Ländern.“ Die Autoren betonen, dass eine Transformation der Ernährungssysteme erforderlich ist, um Mangelernährung in all ihren Formen zu beseitigen. Die Wissenschaftler warten auch mit Vorschlägen auf, die darauf ausgelegt sind, das Risiko von Mangelernährung sowohl zu verhindern als auch zu verringern. Diese reichen von einer besseren Vorsorge in der Schwangerschaft über Stillpraktiken, soziale Sicherungssysteme bis hin zu einer neuen Agrar- und Lebensmittelpolitik, deren Hauptziel eine gesunde Ernährung ist.

Um die Systemänderungen herbeizuführen, die zur Beendigung aller Formen der Mangelernährung nötig sind, fordern die Autoren Regierungen, die UN, die Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Medien, Geber, den Privatsektor und Wirtschaftsverbände auf, sich mit der doppelten Last der Mangelernährung zu befassen. Sie empfehlen die Einbeziehung neuer Akteure wie Basisorganisationen, Landwirte und ihre Gewerkschaften, religiöse Führungspersönlichkeiten, Umweltschützer oder Investoren, die faire und grüne Projekte finanzieren. „Ohne eine tiefgreifende Transformation des Ernährungssystems werden die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kosten des Nichthandelns das Wachstum und die Entwicklung von Individuen und Gesellschaften für die nächsten Jahrzehnte behindern“, warnt Dr. Branca. (ab)

11.12.2019 |

Hitzewellen bedrohen Ernten in mehreren Kornkammern gleichzeitig

Drought
Hitzewellen bedrohen die Erträge (Foto: CC0)

Gleichzeitige Hitzewellen in mehreren Kornkammern der Welt könnten die Ernteerträge einbrechen und die Lebensmittelpreise in die Höhe schnellen lassen. Davor warnt ein internationales Team von Wissenschaftlern in einer Studie, die am 9. Dezember im Fachjournal „Nature Climate Change“ veröffentlich wurde. Besonders stark von den Ernteeinbrüchen betroffen sein könnten der Westen Nordamerikas und Russlands, Westeuropa und die Ukraine. Für die Studie werteten die Wissenschaftler Klimadaten aus den Jahren 1979 bis 2018 aus. Sie konzentrierten sich auf bestimmte Wellenmuster im Jetstream, einem Höhenwind, der Wettersysteme von Ost nach West transportiert. Durch die Luftströmung des Jetstream können große Schlängelungen nach Nord und Süd entstehen, sogenannte Rossby-Wellen. Welle 5 zieht tendenziell über das Zentrum Nordamerikas, Osteuropa und den östlichen Teil Asiens; Welle 7 bewegt sich über das Zentrum und den Westen Nordamerikas, Westeuropa und Westasien. Die Wellenmuster haben eines gemeinsam: Sie können über Wochen an einer Stelle verharren und die Temperaturen ansteigen lassen. Die Hitzegebiete und Dürren werden an einem Ort festgehalten und Regenfälle bleiben aus. Das wirkt sich fatal auf die Ernteerträge aus und kann aufgrund von steigenden Lebensmittelpreisen auch zu sozialen Unruhen führen, warnen die Autoren.

„Wir haben eine bislang unterschätzte Anfälligkeit des Nahrungsmittelsystem entdeckt: Wenn diese Muster im Jetstream weltweit auftreten, haben wir ein zwanzigfach erhöhtes Risiko für gleichzeitige Hitzewellen in wichtigen Anbaugebieten“, erklärt Hauptautor Kai Kornhuber vom Earth Institute in New York. „Eigentlich ist die Zirkulation des Jetstream chaotisch, aber bei derartigen Ereignissen ergibt sich tatsächlich eine globale Ordnung“, so Kornhuber, der auch Gastwissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ist. Das Bedrohliche an den Mustern sei „das zeitlich synchronisierte Auftreten von Extremen“. Denn die betroffenen Kornkammern sind verantwortlich für bis zu einem Viertel der globalen Nahrungsmittelproduktion. „Normalerweise geht man davon aus, dass geringe Ernteerträge in der einen Region durch gute Ernteerträge in einer anderen Region ausgeglichen werden“, erläutert Dim Coumou von der Freien Universität Amsterdam und vom PIK. „Aber diese planetaren Wellen können zu Ernteeinbußen in mehreren wichtigen Kornkammern gleichzeitig führen – mit entsprechenden Risiken für die globale Nahrungsmittelversorgung.“

Hitzewellen in den Jahren 1983, 2003, 2006, 2012 und 2018 zeigten bereits die Auswirkungen auf die Erträge. „In Jahren, in denen dieses verstärkte Muster der planetaren Wellen in zwei oder mehr Sommerwochen zu beobachten war, sank die Getreideproduktion in einzelnen Regionen um mehr als 10% ab“, sagt Mitautorin Elisabeth Vogel von der Melbourne University. „Im Durchschnitt über alle betroffenen Anbaugebiete hinweg sank sie um 4% ab.“ Die Folge waren meist höhere Getreidepreise. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass durch den Klimawandel die Wellen künftig noch verstärkt werden könnten. „Die Hitzewellen werden künftig durch die menschengemachte globale Erwärmung häufiger gleichzeitig verschiedene Gegenden über den Globus verteilt treffen, und sie werden auch noch heftiger werden“, betont Mitautor Jonathan Donges vom PIK. „Das wirkt sich unter Umständen nicht nur auf die Nahrungsmittelverfügbarkeit in den direkt betroffenen Regionen aus. Sogar entlegenere Regionen können in der Folge von Knappheiten und Preissteigerungen betroffen sein.“ Den Wissenschaftlern zufolge ist ein gründliches Verständnis der Faktoren, die das Jetstream-Verhalten beeinflusse, notwendig, um saisonalen Prognosen für die globale Agrarproduktion treffen zu können und Risikobewertungen von Ernteausfällen in den Hauptanbauregionen anfertigen zu können, wie etwa die Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise und die Ernährungssicherheit weltweit. (ab)

06.12.2019 |

Studie: Länder haben starken Einfluss auf die Bodenerosion

Boden
Bodenerosion (Foto: Wikimedia Commons, Volker Prasuhn, bit.ly/cc-by-sa30)

Bodenerosion ist ein globales Problem, das die Ernährungssicherheit und das Funktionieren von Ökosystemen bedroht. Aktuell geht weltweit mehr Boden verloren als neu aufgebaut wird. Bodenerosion tritt je nach Region oder Standort unterschiedlich stark auf. Aber macht sie auch an Grenzen halt? Dieser Frage gingen nun Schweizer Forscher nach. Ihre im Fachjournal „Nature Sustainability“ erschienene Studie zeigt, dass Länder und politische Grenzen einen erstaunlich großen Einfluss auf die Bodenerosion haben. Gestützt auf Satellitenbilder modellierten die Forscher Erosionsraten und trugen diese auf eine Karte in Kilometerquadrate ein. Auf einer anderen Karte wurde die mögliche natürliche Erosionsrate abgebildet. Der Abgleich zeigte den Unterschied zwischen aktueller und natürlicherweise auftretender Erosion und machte sichtbar, ob an politischen Grenzen auf der Karte natürliche „Sprünge“ in der Erosionsrate erwartbar wären und welche Unterschiede aktuell ablesbar sind. Die Forscher stellten einen deutlichen „Ländereffekt“ entlang von Grenzen fest. „Die Rate, mit der Böden erodieren, hängt stark davon ab, auf welcher Seite einer Grenze und somit in welchem Land der Boden liegt“, sagt Erstautor David Wüpper von der ETH Zürich.

Ein untersuchtes Beispiel ist die Insel Hispaniola, auf der Haiti und die Dominikanische Republik liegen. Natürlicherweise wäre die Insel überall dicht mit tropischem Wald bedeckt und es gäbe wenig natürliche Erosion, da die Vegetation den Boden vor dem Abtrag durch Regen schützen würde. Aus der Luft ist die Grenze zwischen beiden Ländern leicht anhand der Vegetationsunterschiede erkennbar: die haitianische Seite wirkt kahl und karg. Jährlich gehen in Haiti pro Hektar 50 Tonnen mehr Bodenmaterial verloren als im Nachbarstaat. Wäre die Insel Hispaniola im Naturzustand ohne menschliche Eingriffe verblieben, gäbe es entlang der Grenze keinen sprunghaften Anstieg der Bodenerosion. „Dieser Sprung deutet auf politische Einheiten hin, nicht auf naturräumliche Grenzen“, sagt Wüpper. Ein weiteres Beispiel ist die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Hier ist das natürliche Potenzial für Bodenerosion identisch – das heißt die Erosionsgefahr bedingt durch die Effekte von Regenfällen, Topographie und Bodeneigenschaften. Allerdings herrscht auf beiden Seiten nun vorwiegend Ackerland vor. Auf der US-Seite wird jedoch intensiver Landwirtschaft betrieben und die Ackerböden sind dichter bedeckt, während die Felder auf der mexikanischen Seiten weniger stark bepflanzt sind und so die Bodenabdeckung geringer und die Erosion höher ist.

Die Forscher beziffern auch die Erosionsdifferenz zwischen Ländern. Entlang der Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik ist sie enorm hoch und zwar 30 Mal höher als der weltweite Durchschnitt. Dieser liegt nach den Berechnungen bei 1,4 Tonnen pro Jahr und Hektar Ackerland. Die Erosionsrate Deutschlands unterscheidet sich von den Nachbarländern nur um 0,2 Tonnen. Das deute darauf hin, dass die Erosion in den meisten deutschen Nachbarländern ebenfalls eher niedrig ist. Die Unterschiede weltweit sind jedoch groß. „Dies verdeutlicht, wie uneinheitlich das gefundene Muster global ist“, sagt Wüpper. Den stärksten Einfluss auf die Bodenerosion der Länder hat die Landwirtschaft beziehungsweise die Art und Weise, wie Bauern den Boden bewirtschaften. Das Einkommensniveau der Länder hat hingegen keinen Einfluss, wie die Forscher anhand des Gini-Indexes auswerteten, der Einkommensungleichheiten abbildet.

Den Autoren zufolge zeigt die Studie auf, welch großes Potenzial Länder haben, um den Schutz der Böden aktiv zu verbessern. Dass der Hebel, den der „Ländereffekt“ biete, so groß ist, sei zuvor nicht klar gewesen. „Nun zeigten wir auf, dass auch übergeordnete Ebenen die Erosion in einem Land stark beeinflussen“, betont Robert Finger von der ETH Zürich. Mit ihrer Methode lasse sich auch feststellen, ob staatliche Maßnahmen für besseren Bodenschutz wirksam sind oder nicht. Eine mögliche Maßnahme sei das Schaffen von ökonomischen Anreizen für eine umfangreichere Bodenbedeckung oder eine verringerte Bodenbearbeitung. Die Wissenschaftler weisen aber auch darauf hin, dass beim Erosionsschutz neue Zielkonflikte beachtet werden müssen. Wenn etwa eine reduzierte Bodenbearbeitung mit steigendem Pestizideinsatz zur Unkrautbekämpfung einhergeht. (ab)

27.11.2019 |

Klimawandel stellt deutsche Landwirte vor Herausforderungen

Dürre
Die Landwirtschaft bleibt vom Klimawandel nicht verschont (Foto: CC0)

Die Folgen des Klimawandels sind bereits jetzt in Deutschland spürbar und treffen vor allem auch die Landwirtschaft hart. Das geht aus dem Monitoringbericht der Bundesregierung hervor, der am Dienstag vorgelegt wurde. Dem Bericht zufolge hat sich die mittlere Lufttemperatur in Deutschland von 1881 bis 2018 um 1,5 Grad erhöht. Allerdings stieg sie allein in den letzten fünf Jahren um 0,3 Grad an. Die Folgen sind zum Beispiel vermehrte Gesundheitsrisiken durch die Hitzebelastung, eine ansteigende Oberflächentemperatur der Nordsee sowie stärkere Ertragsschwankungen. „Die Folgen des Klimawandels treten immer deutlicher zu Tage. Die Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur in Deutschland um 0,3 Grad in nur fünf Jahren ist alarmierend“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Auch die „Heißen Tage“, an denen das Thermometer über 30 Grad klettert, nehmen zu: Waren es 1951 noch drei Tage im Jahr, sind es nun im Schnitt 10. Darunter leiden viele Menschen, gerade in den Städten. Es kommt zu hitzebedingten Todesfällen: Im Jahr 2003 starben 7.500 Menschen mehr als ohne Hitzeperiode zu erwarten gewesen wäre. 2006 und 2015 gab es je 6.000 zusätzliche Todesfälle. „Die Botschaft des Monitoringberichts lautet: Die Zukunft hat uns bereits erreicht. Deutschland steckt mittendrin in der Erderhitzung, mit weitreichenden Folgen für Umwelt, Gesellschaft und Gesundheit“, so Schulze. „Dem können wir nur mit vorsorgendem Klimaschutz und konsequenter Anpassung an den Klimawandel begegnen.“

Der Landwirtschaft ist in dem 276 Seiten starken Bericht, der vom Umweltbundesamt mit fast 200 Personen aus 30 Bundes- und Länderbehörden, mehreren Unis und Fachverbänden erarbeitet wurde, ein eigenes Kapitel gewidmet. In Deutschland haben sich die Jahres- und Vegetationszeiten verschoben, stellen sie fest. Die Dauer der Vegetationsperiode stieg von 222 Tagen (1951-1981) auf 232 Tage (1988-2017). Entwicklungsstadien, wie Blattentfaltung, Blüten- oder Fruchtbildung, setzen früher ein und jene in Herbst und Winter später. Das gilt nicht nur für Wildpflanzen, sondern auch für landwirtschaftliche Kulturen. „Apfel und Winterraps blühen aufgrund der höheren Wärmesummen im Frühjahr immer früher“, schreiben die Autoren. Eine verlängerte Vegetationsperiode und höhere Temperaturen können die Erträge zwar steigern und den Anbau von bisher nicht in unseren Breiten kultivierbaren Fruchtarten ermöglichen, aber mit einer früher eintretenden Blüte ist z.B. auch ein höheres Risiko von Spätfrostschäden und Ernteausfällen verbunden.

Der Klimawandel bringt aber auch durch Trockenstress oder Extremereignisse wie Stürme, Starkregen, Hagel und Überschwemmungen das zunehmende Risiko von Ertragseinbußen mit sich. Extremjahre führen zu ausgeprägten Wechseln zwischen positiven und negativen Abweichungen der Erträge von den Vorjahren. „Infolge von Wetterextremen sind in der deutschen Pflanzenproduktion in den letzten Jahren immer wieder zum Teil erhebliche Ertragsausfälle entstanden“, heißt es weiter. Laut einer Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft verursachen Wetterrisiken in Deutschland zwischen 1990 und 2013 jährlich Ernteschäden von rund 510 Millionen Euro. Dass die Ertragsausfälle auch deutlich höher ausfallen können als dieser Durchschnitt zeigte der Dürresommer 2018. Die langanhaltende Trockenheit und Hitze verursachte in der Landwirtschaft Schäden und Ertragsausfälle in Höhe von 770 Millionen Euro. „Neben der Pflanzenproduktion ist auch die Tierproduktion vom Klimawandel betroffen“, warnen die Autoren „Zu rechnen ist unter anderem mit Einbußen in der Milch-, Eier- und Fleischerzeugung infolge von Hitzewellen, dürrebedingt mangelndem Grundfutteraufkommen und hitzebedingten Beeinträchtigungen der Tiergesundheit.“

Die Folgen des Klimawandels schlagen sich auch in den Böden nieder. So haben in den letzten 50 Jahren die Bodenwasservorräte in landwirtschaftlich genutzten Böden in der Vegetationsperiode deutlich abgenommen. „Angepasste landwirtschaftliche Bewirtschaftungsweisen sind notwendig, mit denen der Humusvorrat im Boden und die Bodenwasserversorgung gefördert werden können, um auf Dürreperioden besser vorbereitet zu sein“, raten die Autoren zu notwendigen Anpassungsstrategien. Auch die Bodenerosion durch Wasser gehört zu den intensiv diskutierten Folgen des Klimawandels auf die Böden, heißt es weiter. Als Ursachen gelten u. a. häufige und ausgeprägte erosionswirksame Starkregenereignisse sowie eine Zunahme der Sommertrockenheit und der Winterniederschläge. In Nordrhein-Westfalen etwa stieg die niederschlagsbedingte Erosivität seit den 1970er Jahren signifikant an. An Standorten mit empfindlichen Böden und großer Hangneigung muss auf diese Veränderungen reagiert werden, indem bei der landwirtschaftlichen Bodennutzung gezielte Maßnahmen zum Erosionsschutz ergriffen werden müssen, betont der Bericht. (ab)

26.11.2019 |

Artenreiche mikrobielle Gemeinschaften fördern Bodenfunktionen

Boden
Auf die Vielfalt von Bakterien- und Pilzenarten im Boden kommt es an (Foto: CC0)

Böden erbringen viele wichtige Funktionen: Sie lassen Lebensmittel gedeihen, filtern Wasser und speichern Kohlenstoff aus der Luft. Und je mehr verschiedene Bakterien- und Pilzarten in der Erde vorkommen, desto mehr Ökosystem-Funktionen können Böden erfüllen. Das belegt eine Studie der Schweizer landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope und der Universität Zürich, die Ende Oktober im Fachblatt „Nature Communications“ erschien. Ihr Fazit: Wenn artenreiche mikrobielle Gemeinschaften vorhanden sind, können die Böden eine besonders fruchtbare Grundlage für die Landwirtschaft bilden. Wenn die Zahl der Mikroorganismen hingegen schwindet, gehen auch wertvolle Ökosystem-Leistungen verloren. „Ohne Bakterien und Pilze sähe es auf der Erde aus wie auf dem Mars“, erläutert Cameron Wagg, Erstautor der Studie.

Für die Studie nahmen die Wissenschaftler Bodenproben eines Ackers bei Zürich und verringerten die Artenvielfalt stufenweise, indem sie die Erde mit immer feiner werdenden Sieben filterten. Die Bodenproben mit ihrer unterschiedlichen Vielfalt an Bakterien und Pilzen wurden mit sterilisierter Erde in abgeschlossene röhrenförmige Gefäße gegeben, in denen eine Gras-Klee-Kräutermischung ausgesät wurde. Die Forscher untersuchten 10 Bodenfunktionen, die mit dem Funktionieren des Mikrobioms im Boden in Verbindung gebracht werden. Sie erfassten z.B. den Gasaustausch, wie viel Lachgas die verschiedenen Böden produzierten und ob die mikrobiellen Netzwerke im Boden die Auswaschung von wichtigen Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphaten beeinflussten. Dann führten sie eine „Systemanalyse“ durch und schauten sich mehrere Funktionen gleichzeitig an.

Die Ergebnisse der Analyse zeigten: Je komplexer und artenreicher die mikrobielle Gemeinschaft des Bodens in der Röhrenkammer, desto mehr Ökosystem-Funktionen blieben intakt. „Je verflochtener das Netzwerk ist, desto mehr können unsere Böden für die Landwirtschaft leisten“, sagte Mitautor Marcel van der Heijden, Agrarökologe bei Agroscope und der Universität Zürich. Tummelte sich eine Vielzahl an Bakterien- und Pilzarten in den Versuchsböden, konnten die Pflanzen etwa auch mehr Nährstoffe aufnehmen und es wuchsen insgesamt mehr Pflanzenarten. Waren in den Versuchsböden hingegen nur wenige oder gar keine Mikroorganismen vorhanden, wuchsen lediglich Gräser und die Nährstoffaufnahme war eingeschränkt. Aber auch andere wichtige Bodenfunktionen litten unter einer geringeren Bakterien- und Pilzvielfalt. Dazu gehörte die Nährstoffeffizienz, der Abbau von totem Pflanzenmaterial oder die Speicherung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre.

Den Autoren zufolge gibt es zahlreiche Studien, welche die Zusammensetzung und Komplexität der mikrobiellen Gemeinschaft in Böden beschreiben. Es sei jedoch wichtig, genauer zu untersuchen, wie sich die Zusammensetzung und Veränderung mikrobieller Netzwerke auswirkt. „Es ist vermutlich die erste Studie, die zeigt, dass Bakterien und Pilze in unseren Böden in riesigen Netzwerken organisiert sind und dass diese Netzwerke sehr wichtige Funktionen erfüllen“, sagt van der Heijden. In einer Agroscope-Pressemitteilung erläutert er anschaulich, wie Pilz- und Bakterienarten im Boden wie die Räder eines Uhrwerks zusammenwirken und vergleicht die Arbeitsprozesse mit einer riesigen Fabrik. Eine Art sei zuständig für die ‚Warenannahme‘, eine für die ‚Lagerung‘, andere Pilze und Bakterien wiederum bestücken Förderbänder oder putzen die Halle. „Nur wenn alle Posten besetzt sind, kommt etwas Nützliches dabei heraus“, erklärt van der Heijden. „Je weniger ‚Angestellte‘ die ‚Fabrik‘ hat, desto weniger kann sie leisten.“ Und die Bodengemeinschaft verlässt sich offensichtlich nicht auf einen allein: Jeder Posten wird mehrfach besetzt. Der Vorteil ist: „Wenn eine Art ausfällt, kann einfach die nächste übernehmen“, erklärt van der Heijden. So können Böden auch bei längeren Hitzeperioden, Trockenstress oder anderen Umwelteinwirkungen funktionieren. Aber eben nur, wenn die artenreiche Bakterien- und Pilzgemeinschaft intakt zusammenwirken kann. (ab)

20.11.2019 |

Lachgas-Emissionen steigen stärker als erwartet

Trecker
Studie: N₂O-Ausstoß im Aufwind (Foto: CC0)

Die weltweiten Lachgas-Emissionen steigen stärker als bisher angenommen und heizen den Klimawandel weiter an, warnt eine im Fachjournal „Nature Climate Change“ veröffentlichte Studie. Das internationale Forscherteam schreibt, dass sich der Ausstoß von Lachgas (N₂O), einem potenten Treibhausgas, stärker und schneller erhöht hat als vom Weltklimarat (IPCC) prognostiziert. Lachgas trägt wesentlich zur globalen Erwärmung bei, betonen die Autoren. Das Treibhausgas ist 265 Mal so klimawirksam wie Kohlenstoffdioxid und greift die Ozonschicht an. Die Konzentration von Lachgas in der Atmosphäre ist stetig von 290 Teilchen pro Milliarde Luftmoleküle (ppb) im Jahr 1940 auf gut 330 ppb im Jahr 2017 gestiegen. Dazu trug bei, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts mithilfe des Haber-Bosch-Verfahrens durch die Synthese von Ammoniak stickstoffhaltiger Kunstdünger industriell hergestellt werden konnte. „Die erhöhte Stickstoffverfügbarkeit ermöglichte es, viel mehr Lebensmittel zu produzieren“, erklärt Hauptautorin Rona Thompson vom Norwegischen Institut für Luftforschung (NILU). „Die Kehrseite davon sind natürlich die damit verbundenen Umweltprobleme, wie z.B. der Anstieg der N₂O-Konzentration in der Atmosphäre.“ Die Produktion von Stickstoffdünger, der weit verbreitete Anbau von stickstofffixierenden Pflanzen (wie Kleegras, Sojabohnen, Luzerne, Lupinen und Erdnüssen) sowie die Verbrennung von fossilen Brennstoffen und Biosprit habe zu einem starken Anstieg der N₂O-Emissionen geführt, heißt es in einer Pressemitteilung des Instituts.

Für die Studie werteten die Wissenschaftler Lachgas-Emissionen im Zeitraum 1998 bis 2016 aus. „Die durch menschliche Aktivitäten bedingten Lachgas-Emissionen werden normalerweise aus verschiedenen indirekten Quellen geschätzt. Dazu zählt die Berichterstattung einzelner Staaten, die weltweite Produktion von Stickstoffdünger, die Anbaufläche stickstofffixierender Kulturen und der Einsatz von Düngemitteln“, erläutern die Autoren in einem Artikel zur Studie auf ‚The Conversation‘. „Unsere Studie legt stattdessen die tatsächliche Lachgas-Konzentration in der Atmosphäre von Dutzenden von Messstationen auf der ganzen Welt zugrunde.“ Anhand verschiedener Modelle leiteten Thompson und ihr Team dann die für bestimmte Regionen zu erwartenden Emissionen ab. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die N₂O- Emissionen zwischen 2000-2005 und 2010-2015 weltweit um 1,6 Millionen Tonnen Stickstoff pro Jahr zunahmen. Seit 2009 hat sich das Wachstum nochmals beschleunigt. Der Emissionsfaktor, also die pro ausgebrachter Menge Stickstoff freigesetzte Menge Lachgas, liegt der Studie zufolge weltweit bei 2,3%. Der Weltklimarat hingegen geht von 1,3% aus.

Der Studie zufolge ist vor allem die Landwirtschaft in Ostasien und Südamerika aktuell Haupttreiber des Anstiegs. „China und Brasilien sind die beiden Länder, die hervorstechen. Damit verbunden ist ein spektakulärer Anstieg des Einsatzes von Stickstoffdünger und der Anbau stickstoffbindender Kulturen wie Soja“, betonen die Autoren in dem Artikel. Gerade für diese zwei Länder sind die vom IPCC prognostizierten Lachgas-Emissionen deutlich geringer als die Werte, die die Wissenschaftler von der tatsächlichen Konzentration in der Atmosphäre ableiteten. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Reduzierung des Stickstoffdüngereinsatzes in Regionen, in denen bereits ein großer Stickstoffüberschuss besteht, zu einer überproportionalen Reduzierung der N₂O-Emissionen führen wird“, sagt Thompson. „Dies ist besonders relevant in Regionen wie Ostasien, wo Stickstoffdünger effizienter eingesetzt werden könnte, ohne dass sich die Erträge verringern würden.“

Die Autoren räumen ein, dass die Reduzierung der N₂O-Emissionen aus der Landwirtschaft angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und der steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln sowie biomassebasierten Produkte einschließlich Energie eine große Herausforderung darstellen wird. Sie betonen jedoch, dass alle Emissions-Szenarien, die mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens im Einklang stehen, nicht ohne eine Verringerung der Lachgasemissionen auskommen. Je nach Szenario müssten sie bis 2050 um zwischen 10% und 30% zurückgehen. „Das erfordert Veränderungen bei der menschlichen Ernährung und den landwirtschaftlichen Praktiken und letztlich eine verbesserte Stickstoffnutzung“, heißt es in der Studie. In den USA und in Europa waren die Emissionen in den letzten zwei Jahrzehnten relativ stabil. „In Europa und Nordamerika ist es uns gelungen, den Anstieg der Lachgasemissionen zu verringern“, sagte Co-Autor Eric Davidson von der University of Maryland. „Leider kann man für Asien und Südamerika nicht das Gleiche behaupten, wo der Düngereinsatz, die Intensivierung der Viehwirtschaft und die daraus resultierenden Lachgas-Emissionen stark zunehmen.“ Die gute Nachricht ist, dass das Problem lösbar sei. „Doch die weniger gute Nachricht ist, dass eine globale Anstrengung nötig ist, von der wir noch weit entfernt sind.“ (ab)

15.11.2019 |

Freisetzung von Gentechnik-Organismen gefährdet den Artenschutz

Monarch
Vorbild für die Monarch-Fliege (Foto: CC0)

Die Ausbreitung von Pflanzen und Tieren, in deren Erbgut mit neuen Gentechnikverfahren wie der Gen-Schere CRISPR/Cas eingegriffen wurde, könnte fatale Folgen für den Artenschutz haben. Davor warnt ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (Testbiotech). Das für den Deutschen Naturschutzring (DNR) erstellte Papier zeigt anhand von Beispielen, wie Fliegen, Bienen, Bäume und Korallen, die Risiken und möglichen Konsequenzen auf, die mit der Ausbreitung von Gentechnikorganismen in natürlichen Populationen verbunden sind. „Freisetzungen von gentechnisch veränderten Organismen, die sich in den natürlichen Populationen ausbreiten und vermehren, könnten die Stabilität ökologischer Systeme rasch überfordern. Die neuartigen Organismen können wie ‚Störsender‘ auf ihre Umwelt und die Netzwerke der biologischen Vielfalt wirken und das Artensterben beschleunigen“, warnt der Autor des Berichtes, Christoph Then.

Zunächst führt der Bericht als Beispiel für die unkontrollierte Ausbreitung von Organismen auch ohne Gentechnik eine invasive Krebsart an. „Durch ein einziges biologisches Ereignis, das auch „Makromutation“ genannt wird, wurde aus dem Sumpfkrebs eine neue Art, der Marmorkrebs, der sich in seiner äußeren Erscheinungsform, seinem Verhalten und seiner genetischen Ausstattung von der ursprünglichen Art deutlich unterscheiden lässt“, schreibt Then. Die ursprünglich in Florida vorkommende Krebsart, die sich auch ohne Paarung vermehren kann, bereitet sich rasch in neuen Lebensräumen aus und verdrängt heimische Arten. In Madagaskar ist er zur Plage geworden und hat nun auch Deutschland erreicht. Das Beispiel zeige für die Risiken einer unkontrollierten Ausbreitung von Gentechnik-Organismen interessante Aspekte auf, so der Autor: „Die veränderten Eigenschaften der Krebse gehen auf Veränderungen in ihrem Erbgut zurück. Die Kenntnis dieser ‚Makromutation‘ bedeutet aber nicht, dass alle neuen Eigenschaften der Krebse vorhersagbar wären.“ Um ihr invasives Potenzial richtig abschätzen zu können, müsse man ihr tatsächliches Verhalten in der freien Umwelt und ihre speziellen phänotypischen Eigenschaften kennen. Die für eine Risikoprüfung relevanten Eigenschaften der Krebse ergeben sich erst in Wechselwirkung mit der Umwelt.

Mithilfe des Einsatzes der neuen Gentechnik können Eingriffe im Erbgut vorgenommen werden, die zwar nur sehr kurze DNA-Abschnitte betreffen, aber erhebliche biologische Wirkungen entfalten, heißt es im Bericht. Durch spezifische Muster der gentechnischen Veränderung entstehen neue Kombinationen genetischer Information, die erhebliche Risiken für Natur und Umwelt bergen. Als aktuelles Beispiel hierfür wird die ‚Monarch-Fliege‘ genannt. Bei Taufliegen wurden per CRISPR/Cas drei Veränderungen an einem Gen vorgenommen, um es an die Struktur eines ähnlichen Gens beim Monarchfalter anzugleichen. Eingesetzt wurden ein Verfahren, bei dem zwar keine zusätzlichen Gene in das Erbgut eingefügt werden, aber das Erbgut an drei Stellen gezielt so umgebaut wurde, dass daraus neue biologische Eigenschaften resultieren: Die Taufliegen werden gegenüber dem Gift bestimmter Pflanzen unempfindlich und können es auch speichern. Dadurch werden sie für ihre Fressfeinde selbst giftig. „Eine Freisetzung könnte erhebliche Folgen für die Nahrungsnetze und Ökosysteme haben, mit denen diese Fliegen in Wechselwirkung stehen“, warnt der Bericht. Zwar diene die ‚Monarch-Fliege‘ aktuell nur für Experimente im Labor, doch es gebe mittlerweile viele Anwendungen an Insekten, Bäumen, Nagetieren, Korallen und Mikroben, die für die Freisetzungen geplant sind. Deren Einsatz wird zum Teil sogar im Rahmen des Artenschutzes propagiert.

Ein Beispiel sind Esskastanienbäume, die gegen bestimmte Pilzerkrankungen resistent gemacht wurden. Denn in den USA hat ein aus Asien eingeschleppter Pilz zu drastischen Verlusten bei den natürlichen Beständen der Bäume geführt. Aktuell wird dort diskutiert, ob die Gentechnik-Bäume ohne weitere Auflagen zur Anpflanzung freigegeben werden sollen. Es sei weitgehend unbekannt, wie die Gentechnik-Bäume auf weitere Schadpilze, den Klimawandel oder andere Stressoren reagieren. Die Bäume oder ihre Nachkommen könnten Eigenschaften entwickeln, die in der ersten Generation nicht beobachtet wurden. Dies führe zu erheblichen Unsicherheiten in der Risikoabschätzung. „Wenn Pollen der Gentechnik-Bäume durch Wind verbreitet wird oder ihre Samen durch menschliche Aktivität oder durch Tiere verschleppt werden, können sich die Bäume bzw. ihre Nachkommen unkontrolliert in den Wäldern ausbreiten“, warnt Then. „Ihre Gene könnten sich dann auch in den verbleibenden Wildpopulationen ausbreiten. Sollten dann Schäden an den Ökosystemen beobachtet werden, kann es längst zu spät sein, um die Bäume wieder aus der Umwelt zu entfernen.“

Angesichts der ökologischen Risiken appellieren Testbiotech und DNR an die Politik, zwei Regeln im Umgang mit der neuen und alten Gentechnik zu beachten. Erstens sollten Freisetzungen strikt an die Möglichkeit einer wirksamen raum-zeitlichen Kontrollierbarkeit bzw. die Rückholbarkeit der Gentechnik-Organismen gebunden sein. „Jegliche Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen ohne ausreichende räumliche und zeitliche Kontrolle gleicht einem Russisch-Roulette mit der biologischen Vielfalt“, schreibt Then. Zweitens sollten die Regulierung und Zulassungspflicht, ausgehend von den jeweiligen Verfahren, alle Organismen erfassen, die mit Gentechnik in ihrem Erbgut verändert sind, auch wenn keine zusätzlichen Gene eingefügt wurden. Undine Kurth, Vizepräsidentin des DNR, kritisierte, dass die derzeitige Debatte über die Gefahren (neuer) Gentechnik-Verfahren viel zu kurz greife. „Wirtschaftliche Argumente können keine Rechtfertigung sein, das Vorsorgeprinzip und den Schutz der Biodiversität über Bord zu werfen. Wir brauchen endlich einen breiten gesellschaftlichen Dialog, der die gesamte Palette zu diskutierender Fragen, einschließlich juristischer, naturwissenschaftlicher, ethischer bis hin zu religiösen Fragen, aufgreift“, betonte sie. (ab)

12.11.2019 |

Globale Fleischproduktion 2019 leicht rückläufig

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Weltweit wird 2019 etwas weniger Fleisch produziert (Foto: CC0)

Die weltweite Fleischproduktion wird 2019 voraussichtlich erstmals seit über 20 Jahren keinen neuen Rekord, sondern einen leichten Rückgang verzeichnen. Das prognostiziert die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in ihrem am Donnerstag veröffentlichten „Food Outlook“. Grund für die rückläufige Produktion sei der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in China, wodurch die Bestände deutlich dezimiert wurden. Die Schweinefleischproduktion in der Volksrepublik macht etwa die Hälfte der weltweiten Schweinefleischproduktion aus, brach aber gegenüber dem Vorjahr um rund 20% ein und wird sich nur noch auf 44,1 Millionen Tonnen belaufen. Laut dem halbjährlich erscheinenden FAO-Bericht, der Markt- und Produktionstrends für eine Vielzahl von Lebensmitteln aufzeigt, werden 2019 rund um den Globus insgesamt 335,2 Millionen Tonnen Schlachtgewicht erzeugt werden. Das entspricht einem Rückgang von 1% im Vergleich zu 2018. In den USA wird die gesamte Fleischproduktion voraussichtlich von 46,9 auf 48,1 Millionen Tonnen steigen. In der EU wird ebenfalls ein Anstieg der Gesamtproduktion erwartet, wenn auch in geringerem Maße als zuvor prognostiziert. Die FAO-Experten gehen davon aus, dass die globale Geflügelproduktion, die 39% der gesamten Fleischproduktion ausmacht, in diesem Jahr wachsen wird, wobei vor allem in Argentinien, Brasilien, der EU und den USA Zuwächse erwartet werden. Insgesamt sinkt der Fleischverbrauch weltweit von 44,2 Kilogramm pro Kopf auf 43,4 Kilo und damit um 2,1%.

In Deutschland hingegen hat der Fleischkonsum pro Kopf im letzten Jahr wieder minimal zugelegt. Der Deutsche Fleischer-Verband (DFV) vermeldet in seinem im Oktober erschienenen Jahrbuch, dass der Fleischverbrauch 2018 in der Bundesrepublik statistisch 88,6 Kilogramm pro Kopf betrug. 2017 waren es 87,7 Kilo gewesen. Die tatsächlich konsumierte Fleischmenge, nach Abzug von Knochen, Sehnen, Tiernahrung und Verlusten, lag bei 60,1 Kilogramm Fleisch pro Kopf – ein leichtes Plus im Vergleich zu 60,0 Kilo in 2017. „Seit 2007 geht der Pro-Kopf-Verzehr mit zwischenzeitlichen Schwankungen langsam aber stetig zurück. Der höchste Verzehrwert wurde 2011 mit 62,8 Kilogramm ermittelt, auf lange Sicht ist aber schon seit Mitte der neunziger Jahre ein langsamer aber stetiger Rückgang zu beobachten“, schreibt der Verband. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 8,49 Millionen Tonnen Schlachtgewicht erzeugt. 4,88 Millionen Tonnen Fleisch wurden exportiert und 3,66 Millionen Tonnen importiert. Im Schnitt wurde 16% mehr Fleisch produziert als in Deutschland verbraucht wird. Bei Schweinefleisch liegt der Selbstversorgungsgrad sogar immer noch bei 119%. Rund 2,5 Millionen Tonnen Schweinefleisch wurden 2018 exportiert. (ab)

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