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21.01.2019 |

35.000 Menschen demonstrieren in Berlin für Reform der Agrarpolitik

FotoDemo
Abschlusskundgebung der Demo (Foto: Nick Jaussi/www.wir-haben-es-satt.de)

Tausende haben am Samstag in Berlin für eine gerechte und ökologischere Landwirtschaft demonstriert. Angeführt von 171 Bäuerinnen und Bauern mit ihren Traktoren zogen rund 35.000 Menschen unter dem Motto „Der Agrarindustrie den Geldhahn abdrehen!“ vom Brandenburger Tor zum Ort der Agrarministerkonferenz und durch das Regierungsviertel. Die aus ganz Deutschland angereisten Teilnehmer protestierten bei eisigen Temperaturen und anfangs strahlendem Sonnenschein für konsequenten Klima- und Naturschutz, mehr Unterstützung für kleine und mittlere Betriebe, artgerechte Tierhaltung, ein Ende der Dumping-Exporte, gerechten Welthandel und gesundes Essen für alle. Plakate mit der Aufschrift „Summ Summ Summ... Ohne Vielfalt komm ich um“ oder „Insekten schützen, Pestizide stoppen“ wandten sich gegen den Verlust der Artenvielfalt. Andere Demonstranten forderten „Faire Preise für Landwirte“, „Tiere auf die Weide“ oder machten auf das Verschwinden kleiner Höfe aufmerksam. Viele von ihnen waren als Bienen, Schweine oder Kühe verkleidet. Aufgerufen zu der Demo hatte „Wir haben es satt!“, ein breites Bündnis von mehr als 100 Umwelt-, Verbraucher-, Landwirtschafts- und Entwicklungsorganisationen. Der Protestzug findet schon seit 2011 jedes Jahr zum Auftakt der Agrarmesse Grüne Woche und der internationalen Agrarministerkonferenz in Berlin statt.

Das Demonstrationsbündnis fordert von der Bundesregierung die längt überfällige Agrarwende. Die aktuelle Reform der EU-Agrarpolitik bietet dazu eine Chance, denn hier kann die Bundesregierung mitentscheiden, welche Art der Landwirtschaft künftig durch Steuergelder finanziert wird. „Mit den über sechs Milliarden Euro, die Deutschland jedes Jahr an EU-Agrargeldern verteilt, muss der umwelt- und tiergerechte Umbau der Landwirtschaft gefördert werden”, sagt „Wir haben es satt!“-Sprecherin Saskia Richartz. In Deutschland werden jährlich 6,3 Milliarden Euro an EU-Agrargeldern ausgezahlt. Mehr als drei Viertel sind pauschale Subventionen je Hektar Fläche. „Agrarministerin Klöckner klammert sich an die pauschalen Flächensubventionen wie ihre Vorgänger ans Ackergift Glyphosat“, fügt sie hinzu. „Der Agrarindustrie immer weiter Milliarden in den Rachen zu stopfen ist agrar- und klimapolitischer Irrsinn. Wir fordern: Umverteilen jetzt!” Die 3.300 flächengrößten Betriebe erhalten eine Milliarde Euro im Jahr, während die kleinsten 200.000 Bauernhöfe sich knapp 700 Millionen teilen müssen.

Im Vorfeld der Demo hatten die 171 Bauern, die mit ihren Traktoren aus dem ganzen Bundesgebiet angereist waren, eine Protestnote an die 70 versammelten Agrarminister aus aller Welt übergeben. Diese nahm Bezug auf das Kernthema der Agrarministerkonferenz: die Digitalisierung in der Landwirtschaft. „Wir möchten bei Ihnen in Erinnerung rufen, dass bäuerliche Erfahrungen und bäuerliches Wissen ein Schatz sind, den es zu erhalten und zu schützen gilt. (...) Digitalisierung kann den Austausch von Wissen und Informationen sowie die Vernetzung der Erzeuger*innen wesentlich vereinfachen und zu massiver Arbeitserleichterung in der Landwirtschaft führen“, schreiben sie. „Damit es aber zu keinem Missbrauch dieses Wissens und dieser Informationen kommt, braucht es hier klare und verbindliche internationale Regeln im Rahmen der Vereinten Nationen.“ Sie forderten die Agrarminister auf, die notwendigen Schritte einzuleiten, damit nicht multinationale Konzerne die Rechte erhalten, um Daten und Informationen, z.B. über Klima, Genetik oder Böden, exklusiv zu nutzen und zu bestimmen, wie die (digitale) Landwirtschaft der Zukunft aussieht. (ab)

17.01.2019 |

BÖLW fordert Umsteuern in der Agrar- und Ernährungspolitik

Gemüse
Welche Landwirtschaft fördern wir? (Foto: CC0)

Ist die deutsche Landwirtschafts- und Ernährungspolitik darauf ausgerichtet, Tiere, Umwelt und Klima zu schützen und künftigen Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen? Dieser Frage ging der Bioverband „Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft“ (BÖLW) nach. „Das Ergebnis unseres Politik-Checks ist eindeutig: Bei der Agrar- und Ernährungspolitik der Bundesregierung ist viel Luft nach oben“, lautet das Fazit des BÖLW-Vorsitzenden Felix Löwenstein. „Denn auch wenn Julia Klöckner und ihre Kollegen erkannt haben, dass sich was verändern muss, ziehen sie daraus bisher kaum echte Konsequenzen.“ Mit Blick auf die Reform der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) wirft der Verband der Bundesregierung vor, nicht ausreichend aktiv zu werden. „Dürrejahr, Höfesterben, Überdüngung und Artenschwund zeigen, dass Politik in der Landwirtschaft wirksam umsteuern muss“, sagte BÖLW-Vorstand für Landwirtschaft Alexander Gerber. Die Themen würden zwar benannt, aber ambitionierte Reformen lasse die Bundesregierung vermissen – „trotz ihrer Ziele im Koalitionsvertrag, obwohl die Wissenschaft den Umbau anmahnt und die Bürger sich dringend eine nachhaltige Landwirtschaft wünschen.“

Die Bilanz zur Ernährungspolitik fällt ebenso dürftig aus. Ernährungsbedingte Gesundheitskosten von 300 Millionen Euro am Tag seien ein klarer Arbeitsauftrag an die Politik – und das im Koalitionsvertrag festgehaltene Ziel, einen ‚gesunderhaltenden und nachhaltigen Lebensstil fördern‘ zu wollen daher richtig, räumt Volker Krause, BÖLW-Vorstand für Verarbeitung, ein. „Was Ernährungsministerin Klöckner dafür tut, genügt allerdings nicht. Denn anstatt eine umfassende Ernährungsstrategie mit entsprechenden Maßnahmen und Finanzierung aufzusetzen, bleibt es bisher bei einzelnen, zumeist ‘technischen’ Nischenlösungen mit einer dünnen finanziellen Ausstattung“, erklärte Krause. Zucker in Fertigprodukten etwa durch ‚neuartige Zucker‘ auszutauschen, werde die Probleme nicht lösen. Vor allem in der öffentlichen Verpflegung in den eigenen Einrichtungen wie Kantinen, Schulen, Kitas oder Krankenhäusern müssten mehr gesunde Bio-Lebensmittel eingesetzt werden.

Und auch das Ergebnis des Politik-Checks zur Tierhaltung und Kennzeichnung fällt durchwachsen aus: „86 % der Menschen wollen wissen, wie die Tiere gehalten, deren Fleisch sie essen, sagt der aktuelle Ernährungsreport von Bundesministerin Klöckner“, erinnert Elke Röder, BÖLW-Vorstand für Handel. „Die Bürger kennen die Eierkennzeichnung und vertrauen dem Bio-Siegel als wichtigstes Kennzeichen für gute Lebensmittel.“ Ministerin Klöckner plane mit dem nicht verpflichtenden ‚Tierwohllabel‘ dennoch einen Sonderweg, der mehr Verwirrung als Klarheit für die Kunden und sehr wenig für die Tiere bringe. Bliebe es etwa bei den Punkten, die hinsichtlich Schlachtung oder Transport als Verbesserung im ‚Tierwohllabel‘ genannt werden, würden lediglich die gesetzlichen Mindestanforderungen konkretisiert. „Ein staatliches ‚Tierwohllabel‘ sollte aber keine Werbung mit Selbstverständlichkeiten betreiben“, fordert Röder.

Auch mit dem Einsatz der Regierung für den Ökolandbau ist der BÖLW nicht zufrieden. „Die jetzige Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag verpflichtet, den Flächenanteil der ökologischen Landwirtschaft bis zum Jahr 2030 auf 20% zu erhöhen. Das ist ehrgeizig und gut. Allerdings genügt es nicht, was die Politik bisher tut“, sagte Löwenstein diese Woche im Interview mit dem Tagesspiegel. „Das Landwirtschaftsministerium hat sich noch immer nicht klar zu den Reformvorschlägen aus Brüssel zur Agrarförderung geäußert, und die sind jetzt neun Monate alt. Langsam werden wir ungeduldig. Denn die Zeit rennt uns und unseren Kindern und Enkeln davon, für die wir unbedingt eine zukunftsfähige Landwirtschaft brauchen.“ Der Verband fordert daher, das 20%-Ziel durch konkrete Maßnahmen umzusetzen, denn der Flächenanteil des Ökolandbaus liege erst bei 8%. Dazu müsse die „Zukunftsstrategie Öko-Landbau“ umgesetzt und mit den notwendigen Mitteln ausgestattet werden. Die GAP müsse darauf ausgerichtet werden, dass jene Bauern honoriert werden, die Umwelt, Klima und Tiere schützen. Und: „Wer heute 20% Bio anstrebt, muss auch ausreichend in Forschung investieren, um das Innovationspotential von Bio voll zu heben“, mahnte der BÖLW. Denn aktuell werden nur etwa 1,5 % der Agrarforschungsmittel für Bio-Themen investiert. (ab)

14.01.2019 |

Wollschwein zur gefährdeten Nutztierrasse 2019 gekürt

Wollschwein
Wollschwein im Doppelpack (Foto: A. Beck)

Für widriges Wetter ist das Wollschwein optimal gerüstet: Sein dichtes Borstenkleid und eine ordentliche Speckschicht schützen es vor extremer Witterung. Dennoch bedarf die älteste, rein erhaltene Schweinerasse Europas weiterhin eines besonderen Schutzes und steht auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH). Nun hat die GEH das Wollschwein zur „Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres 2019“ gekürt. Seinen Ursprung hat das Wollschwein – auch Mangalitza-Schwein genannt – auf dem Balkan, vor allem in Ungarn. Bis in die 1950er Jahre war es als Speckschwein weit verbreitet und wurde millionenfach gehalten, doch eben diese fette Speckschicht wurde dem Wollschwein zum Verhängnis. Denn aufgrund veränderter Essgewohnheiten und der verstärkten Nachfrage nach magerem Fleisch wurde Wollschwein-Fleisch ab den 1960er Jahren kaum noch nachgefragt – und die Tiere wurden daher nicht mehr gezüchtet. Die Bestände nahmen stark ab: 1993 gab es im Ursprungsland Ungarn weniger als 200 Tiere.

Doch dank der Bemühungen mehrerer Züchter und durch die in den 1970er Jahren gegründeten staatlichen Genbanken in Ungarn stieg die Zahl der Wollschweine wieder. Der GEH zufolge ist dies vor allem auch darauf zurückzuführen, dass die Nachfrage nach Wollschweinschinken für die Produktion von spanischen Schinkenprodukten aufgrund der genetischen Nähe des Wollschweins zum schwarzen Iberico-Schwein stark zunahm. Auch in Deutschland sind die wolligen Gesellen immer häufiger zu sehen. Das Wollschwein kommt in drei verschiedenen Farben vor, die als eigenständige Rassen angesehen werden. Hierzulande sind derzeit insgesamt 74 Blonde-, 90 Rote und 123 Schwalbenbäuchige Wollschweine bei 91 Züchtern erfasst.

Seit 1984 rückt die GEH jedes Jahr eine gefährdete Nutztierrasse in den Mittelpunkt, um darauf aufmerksam zu machen, dass neben Wildtieren und -pflanzen auch in der Landwirtschaft der Verlust der Vielfalt eingezogen ist. Das bestätigt auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). In ihrem 2016 erschienen zweiten Bericht zum weltweiten Stand der tiergenetischen Ressourcen macht sie darauf aufmerksam, dass weltweit 1.458 landwirtschaftlich genutzte Tierrassen vom Aussterben bedroht sind. Das sind gut 17% aller Nutztierrassen. Aufgrund der schlechten Datenlage ist zudem bei fast 60% der Nutztierrassen unklar, wie es um ihren Erhaltungszustand bestellt ist. Als Gründe für die zunehmende Verringerung der genetischen Vielfalt nennt die FAO wahllose Kreuzungen, den wachsenden Einsatz nicht heimischer Tierarten, den Rückgang traditioneller Produktionsformen sowie die Vernachlässigung von Rassen, die nicht als leistungsfähig genug gelten. Dabei könnten ihre genetischen Eigenschaften in Zeiten des Klimawandels für die Welternährung enorm an Bedeutung gewinnen, betont die FAO. (ab)

10.01.2019 |

Agrar-Atlas fordert Agrarwende: Größere Töpfe für kleinere Betriebe

Geld
Wohin fließen die Milliarden? (Foto: CC0)

Die aktuelle EU-Agrarpolitik ist unökologisch, ungerecht und ineffektiv. Von den fast 60 Milliarden Euro, die die EU jährlich für die Landwirtschaft ausgibt, wird nur ein geringer Teil für jene Ziele verwendet, die den meisten Bürgerinnen und Bürgern wichtig sind, etwa den Schutz von Umwelt, Klima und Biodiversität oder den Erhalt kleiner und mittlerer Betriebe. Das zeigt der „Agrar-Atlas 2019“, der am Mittwoch vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt wurde. Für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) zahlt jeder Europäer jährlich 114 Euro Steuergelder. Im Förderzeitraum 2014 bis 2020 machen die Direktzahlungen 72% des gesamten GAP-Budgets aus. Doch 80% dieser Direktzahlungen gehen an nur 20% der Berechtigten. Gerade einmal 131.000 der insgesamt 6,7 Millionen Betriebe erhielten mehr als 30% der Gesamtsumme. „Ein Prozent der Betriebe in Deutschland bekommt etwa zwanzig Prozent der Subventionen – und das ohne größere ökologische Auflagen“, kritisiert Barbara Unmüßig, Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung. „Wir brauchen genau das Gegenteil von dem, was wir haben: eine mutige Agrarpolitik mit klaren, verbindlichen Zielen, die den Wandel zu einer ökologischen Landwirtschaft fördert und lebenswerte, demokratische ländliche Regionen in Europa unterstützt.“

Einer im Agrar-Atlas veröffentlichten repräsentativen Forsa-Umfrage zufolge wünschen sich 49% der Befragten, dass zwar alle Betriebe finanziell unterstützt werden, aber mehr Fördergelder für besondere Leistungen der Landwirtschaft, wie Naturschutz, Gewässerschutz oder Klimaschutz, fließen sollen. Weitere 39% waren der Ansicht, dass Landwirte nur für besondere Leistungen Gelder erhalten sollten. Zudem bereitete das Höfesterben in Deutschland 76% der Befragten große Sorge: 73% sind dafür, dass gerade mittlere und kleine Betriebe besonders stark staatlich unterstützt werden sollten. „Wir müssen weg von pauschalen Zahlungen pro Fläche. Davon profitieren die Großbetriebe, die viel Land haben“, sagte Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND. „Die kleinen und mittleren Betriebe sind die Leidtragenden dieser verfehlten Politik und werden nur unzureichend unterstützt. Wir wollen, dass Fördergelder für das ausgegeben werden, was wir als Gesellschaft von der Landwirtschaft einfordern, wofür Bäuerinnen und Bauern aber kein Geld am Markt bekommen: Die artgerechte Haltung von Tieren, der Schutz von Vögeln und Insekten, von Gewässern und des Trinkwassers.“

Die Herausgeber des Agrar-Atlas fordern daher eine zukunftsfähige Ausrichtung der EU-Agrarpolitik, die sich am Gemeinwohl und den Wünschen der Bürgerinnen und Bürger orientiert. „Kürzungen des Agrarhaushaltes sind keine Lösung, denn eine bäuerliche, umwelt- und klimafreundliche Landwirtschaft gibt es nicht zum Null-Tarif“, erklärte Unmüßig. „Wie die Forsa-Umfrage zeigt, möchte eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger eine Agrarpolitik, die gestaltet, die verbindliche Ziele formuliert und diese mit wirkungsstarken Maßnahmen und Geld hinterlegt.“ Dafür müsse die zweite Säule der GAP mit ihren ökologischen Programmen zum Kernelement einer neuen europäischen Agrarpolitik definiert und erheblich besser ausgestattet werden. Unmüßig äußerte sich enttäuscht über die vorliegenden Reformvorschläge der EU-Kommission, da sie „so dürftig, teilweise sogar kontraproduktiv und schädlich“ ausfielen. Aktuell werden die Vorschläge im EU-Parlament und im EU-Rat der Agrarministerinnen und Agrarminister diskutiert. „Die Bundesregierung muss die falsche EU-Förderpolitik angehen und sich für eine ambitionierte EU-Agrarreform einsetzen“, forderte Weiger.

Doch die Herausgeber rufen auch jeden Einzelnen zum Handeln auf. „Landwirtschaftspolitik geht uns alle an, sie hat Einfluss auf unser Leben, unsere Landschaften und bestimmt, welche Lebensmittel in den Handel gelangen. Wir dürfen nicht warten, bis die europäischen Regierungen die gesellschaftliche Akzeptanz für die Agrarpolitik verspielt haben“, sagte Weiger. In Berlin werden am 19. Januar wieder Tausende Menschen auf die Straße gehen und lautstark Alarm für die Agrarwende schlagen. Unter dem diesjährigen Motto „Der Agrarindustrie den Geldhahn abdrehen!“ wird die „Wir haben es satt!“-Bewegung im neunten Jahr infolge für den Umbau hin zu einer bäuerlichen und ökologischeren Landwirtschaft demonstrieren. (ab)

07.01.2019 |

Supermärkte in Tschechien müssen nicht verkaufte Lebensmittel spenden

Supermarkt
Vernichten verboten! (Foto: CC0)

Große Supermärkte in Tschechien müssen unverkaufte Ware kostenlos an Lebensmittelbanken abgeben. Das entschied das Verfassungsgericht in Brünn Anfang Januar und wies damit den Einspruch einer Gruppe von Senatoren ab. Diese hatten gegen eine 2018 in Kraft getretene Änderung des Lebensmittelgesetzes geklagt, wonach Supermärkte mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern unverkaufte aber noch genießbare Lebensmittel an Tafeln abgeben müssen, die diese dann an Bedürftige verteilen. Der Gesetzeszusatz bezieht sich vor allem auf Produkte mit beschädigter Verpackung oder fehlerhafter Etikettierung sowie auf Lebensmittel, die mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen sind. Bei Zuwiderhandlung droht eine Geldstrafe bis umgerechnet 390 000 Euro. Die Abgabepflicht trifft aufgrund der Mindestverkaufsfläche vor allem Ketten wie Kaufland, die niederländische Ahold, die britische Tesco-Gruppe sowie Lidl und Penny.

Gegen das Gesetz hatte eine Gruppe von 25 Mitgliedern des tschechischen Oberhauses um den Unternehmer Ivo Valenta geklagt, die argumentierten, die Änderung sei nicht verfassungsmäßig, da sie eine Form der Besteuerung darstelle und einem Enteignungsverfahren kommunistischer Art gleichkomme: „Mit dem Gesetz hat der Staat erstmals Eigentümern angeordnet, ihr Eigentum jemandem anderen zu geben. Das ist nichts anderes als ein unfreiwilliges, erzwungenes Geschenk“, teilte Valenta mit. Die Richter hielten dagegen und verwiesen auf die tschechische Grundrechte-Charta, in der es heißt, dass Eigentum verpflichte. Das Gericht betonte, das Gesetz sei Teil von internationalen Bemühungen, die Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen, das Ausmaß der Verschwendung zu begrenzen, die Umwelt zu schützen und sozial Benachteiligten zu helfen.

Marian Jurečka, der Landwirtschaftsminister war, als das Gesetz in Kraft trat, teilte auf Twitter mit, das Gesetz helfe mehr als 100.000 Menschen in Tschechien. Auch Veronika Láchová vom Verband der tschechischen Lebensmittelbanken begrüßte die Entscheidung der Richter: „Ich betrachte dies als Sieg der Vernunft über die Bürokratie. Unseren Daten nach ersparen wir den Handelsketten pro Quartal Kosten von mehreren Hunderttausend Kronen für die Vernichtung dieser Lebensmittel. Manche Einzelhandelsketten haben das schon gewusst, bevor der Staat die Abgabe zur Pflicht gemacht hat. Weitere haben das dann sehr schnell ebenfalls festgestellt“, so die Verbandssprecherin. Tschechien ist nicht das einzige Land, das Supermärkten untersagt, nicht verkaufte Lebensmittel zu entsorgen. In Frankreich gibt es bereits seit 2016 ein entsprechendes Gesetz, das Supermärkte verpflichtet, Lebensmittel an Hilfsorganisationen zu spenden. (ab)

03.01.2019 |

Kaufpreise für Agrarland in der BRD stiegen seit 2007 um 161%

Land
Die Kaufpreise für Agrarflächen explodieren (Foto: CC0)

Die Preise für Agrarland in Deutschland explodieren förmlich – seit 2010 haben sich die Kaufpreise mehr als verdoppelt. War damals ein Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche noch für 11.854 Euro zu haben, lag 2017 der Preis im Bundesdurchschnitt bereits bei 24.064 Euro. Das geht aus dem Mitte Dezember vom Deutschen Bauernverband veröffentlichten Situationsbericht 2018/19 hervor, der sich auf die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu Kaufwerten für landwirtschaftliche Grundstücke stützt und diese in Grafiken aufbereitet. Diese Statistik wiederum beruht auf Angaben der Finanzämter oder der Gutachterausschüsse für Grundstückswerte und erfasst Verkäufe von landwirtschaftlichen Grundstücken mit einer landwirtschaftlichen Nutzung von mindestens 0,1 Hektar. Im Vergleich zu 2016 betrug der Anstieg der Kaufpreise deutschlandweit satte 8 Prozent – mit 13,1% zogen die Preise in den neuen Bundesländern deutlich stärker an als im früheren Bundesgebiet mit 8,9%.

Am teuersten ist der Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche in Bayern: Käufer mussten für eine Hektar mit im Schnitt 60.864 Euro tief in die Tasche greifen. Auf den Plätzen folgten Nordrhein Westfalen mit 48.085 Euro und Niedersachen mit 33.497 Euro. Am „günstigsten“ ist ein Hektar Agrarland noch im Saarland zu haben (9.676 Euro); es folgen Thüringen (10.522 Euro) und Brandenburg (11.372). Die größten Preissteigerungen im Vergleich zum Vorjahr 2016 gab es in Bayern: Dort kletterte der Hektarpreis um 17%, während es in Sachsen-Anhalt 14,2% waren. Nur Sachsen und Schleswig-Holstein stemmten sich gegen den Trend: Die Kaufpreise sanken dort jeweils um 1,4% bzw. 0,8%.

Noch deutlicher wird die aktuelle Preisexplosion, wenn man vergleicht, wie sich der Preisanstieg für einen Hektar Agrarland im letzten Jahrzehnt entwickelte. So stiegen seither die Agrarlandpreise im Bundesdurchschnitt um 161%. Während im früheren Bundesgebiet der Anstieg mit 116% geringer ausfiel, da sich die Preise schon auf einem hohen Niveau befanden, verteuerte sich der Hektar in den neuen Bundesländern aufgrund niedrigerer Ausgangswerte um 278%. Besonders extrem war die Bodenpreisdynamik in Mecklenburg Vorpommern mit einem Plus von 349% und Brandenburg mit 276%. Waren der Hektar im Jahr 2007 noch für 4.862 bzw. 3.024 Euro zu haben, mussten Landwirte 2017 bereits 21.822 bzw. 11.372 Euro auf den Tisch legen. (ab)

28.12.2018 |

Mehr Energie vom Acker schadet der Artenvielfalt

Mis
Noch mehr Maiswüsten würden der Artenvielfalt schaden (Foto: CC0)

Die Ausweitung des Anbaus von Energiepflanzen würde der Artenvielfalt genauso schaden wie der Klimawandel. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern der Technischen Universität München (TUM) und der Durham University, die im Fachblatt PNAS erschienen ist. Das Vorhaben, den Klimawandel zu begrenzen, indem Energie aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Raps, Ölpalme und Co. statt aus fossilen Rohstoffen gewonnen wird, sei ein „Holzweg“ und gefährde die Lebensräume von Wirbeltieren in gleichem Maße wie der Klimawandel. „Um den Klimawandel damit wirksam zu begrenzen, müssen wir bis 2100 auf circa 4,3 Prozent der globalen Landflächen Bioenergie-Pflanzen anbauen – das entspricht fast der 1,5-fachen Fläche aller EU-Länder zusammen. Damit schaden wir der biologischen Vielfalt, die in diesen Gebieten bisher zuhause ist, gravierend“, sagte Dr. Christian Hof, der am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt forschte. „Die negativen Auswirkungen des Klimawandels, die mit maximaler Bioenergie-Nutzung verhindert werden könnten, werden diese Verluste nicht wettmachen.“

Die Studie richtet den Fokus auf die biologische Vielfalt und untersuchte auf globaler Ebene, wie Amphibien, Vögel und Säugetiere den Klima- und den Landnutzungswandel bis 2100 zu spüren bekommen. Die Forscher verglichen zwei Szenarien – eines mit maximaler Bioenergie-Nutzung, um die Erderwärmung auf etwa 1,5 Grad zu begrenzen, und ein Szenario mit minimaler Bioenergie-Nutzung, das bis 2100 einen Temperaturanstieg um etwa 3 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum mit sich bringen würde. Das Ergebnis: Bei beiden Szenarien sind rund 36% der Lebensräume von Wirbeltieren entweder durch den Klimawandel oder die neue Landnutzung infolge des Anbaus von Bioenergie-Pflanzen massiv gefährdet. „Die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt sind also vergleichbar. Unterschiedlich ist nur, auf wessen Konto sie gehen“, erklärt Dr. Alke Voskamp vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. Außerdem gebe es Gebiete, in denen Wirbeltieren von einer Doppelbelastung bedroht seien, da sie sowohl unter Energiepflanzen-Plantagen als auch höheren Temperaturen zu leiden hätten. „Bei einem geringeren Temperaturanstieg bis 1,5 Grad, den wir durch die maximale Nutzung von Bioenergie erkaufen, könnten sogar größere Flächen unter dieser Doppelbelastung leiden“, so Voskamp.

„Obwohl die Auswirkungen der Ausweitung von Anbauflächen für Bioenergiepflanzen auf die Biodiversität von einer Vielzahl an Faktoren abhängen, wie der regionale Kontext, der Standort, der vorige Lebensraum sowie die Art des Energiepflanzenanbaus, zeigte sich, dass die Folgen an verschiedenen Orten negativ waren“, schreiben die Autoren. Sie räumten zwar ein, dass ihre Studie nur generelle Trends darlegen und für bestimmte Arten oder Standorte keine Aussagen treffen könne, doch sie zeige, dass die massive Ausweitung der Anbauflächen für Energiepflanzen der falsche Weg sei. „Der Klimawandel ist nach wie vor eine der größten Bedrohungen für die biologische Vielfalt und muss möglichst auf 1,5 Grad Temperaturerhöhung begrenzt werden“, sagt Hof. Doch dafür gebe es nur einen unbequemen Weg: Statt auf andere Formen der Energiegewinnung auszuweichen sei es notwendig, Energie einzusparen. „Unsere Studie fordert eine sofortige und signifikante Verringerung des Energieverbrauchs – zugunsten der Artenvielfalt und zur Erreichung der Ziele des Abkommens von Paris“, schreiben die Wissenschaftler im Abstract. (ab)

18.12.2018 |

UN-Generalversammlung sagt Ja zur Kleinbauernerklärung

Bauer
Kleinbauern ernähren die Welt (Foto: CC0)

Die UN-Erklärung für die Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten, hat die allerletzte Hürde genommen: Am 17. Dezember wurde sie vom Plenum der UN-Vollversammlung in New York offiziell verabschiedet. Eine deutliche Mehrheit von 121 Staaten stimmte für die Resolution Nr. A/C.3/73/L30, bei acht Gegenstimmen und 54 Enthaltungen. Deutschland gehörte zu den Staaten, die sich der Stimme enthielten. Die UN-Erklärung stärkt die Rechte ländlicher Bevölkerungsgruppen, die weltweit zunehmend diskriminiert und kriminalisiert werden, und hält individuelle und kollektive Rechte von Kleinbauern fest, darunter das Recht auf Land, Saatgut und Wasser. Vorausgegangen waren jahrelange Verhandlungen, seit 2012 war der Text dann von einer Arbeitsgruppe des UN-Menschenrechtsrats unter dem Vorsitz von Bolivien erarbeitet worden. Im November hatte sich bei der Abstimmung im 3. Ausschuss der UN-Vollversammlung bereits eine Mehrheit für die Erklärung ausgesprochen.

Nichtregierungs-, Bauern- und Menschenrechtsorganisationen weltweit begrüßten die Annahme. Die UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet betonte die Bedeutung der Erklärung für den Schutz von Kleinbauern angesichts der schwierigen Lage, in der sie sich vielerorts befinden. „Kleinbauern und andere Menschen, die in ländlichen Gebieten leben, leiden besonders unter den Folgen des Klimawandels und von Umweltzerstörungen“, sagte sie am Dienstag. Kleinbauern rund um den Globus ernähren die Welt, doch die Wahrnehmung ihrer Menschenrechte, einschließlich ihres Rechts auf Nahrung, sei zunehmend in Gefahr. „Ich hoffe, dass diese Erklärung dazu dienen wird, dass sich Staaten auf allen Ebenen dazu verpflichten, die Rechte und die Würde von Kleinbauern und anderen Menschen in ländlichen Gebieten zu wahren und zu schützen. Diese spielen eine wichtige Rolle bei der Bewahrung unserer Kultur, Umwelt, unserer Lebensgrundlagen und Traditionen und dürfen bei der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung nicht zurückgelassen werden“, fügte Bachelet hinzu.

Die Verabschiedung wurde auch von einem Bündnis aus 19 deutschen und internationalen Bauern-, Menschenrechts- und Entwicklungsorganisationen gefeiert. „Die Annahme der UN-Bauernrechteerklärung ist ein wichtiger Tag für die Menschenrechte. Sie fasst zum ersten Mal die Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten, in einem Menschenrechtsinstrument zusammen und stellt sie so unter besonderen Schutz“, erklärte Jan Urhahn vom entwicklungspolitischen INKOTA-netzwerk. Dies sei besonders wichtig, da der Kampf um schwindende Ressourcen wie Land und Wasser sich verschärft habe und die Vielfalt von Saatgut durch die zunehmende Kommerzialisierung von wenigen Hochertragssorten und deren Eigentumsschutz bedroht werde. Paula Gioia von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und der Europäischen Koordination von Via Campesina betonte, dass die Erklärung ein wichtiges Instrument sei, denn sie gebe Staaten Leitlinien an die Hand, mit denen sie nationale Gesetze nun entlang der Rechte und Bedürfnisse von kleinbäuerlichen Erzeugern ausrichten können.

Kritik übten die Organisationen an der Bundesregierung, die sich sowohl am Montag als auch bei der Abstimmung im November und im UN- Menschenrechtsrat im September enthalten hatte. Das Bündnis mahnte, dass nun auch die Bundesregierung verpflichtet sei, sich zur Erklärung zu bekennen und sie umzusetzen. „Sie muss sich vor dem UN-Menschenrechtsrat klar zur Erklärung bekennen und einen Prozess einleiten, um die in der Erklärung definierten Rechte umzusetzen“, forderte Marion Aberle von der Welthungerhilfe. Damit die Umsetzung vorankommt, werden die Organisationen sicherlich hartnäckig am Ball bleiben. „Die schwierigen Verhandlungen haben gezeigt, dass sich ohne den Druck bäuerlicher Bewegungen weltweit und weiterer zivilgesellschaftlicher Organisationen wenig bewegt. Wir werden uns mit langem Atem für deren Umsetzung starkmachen“, erklärte Gioia. (ab)

10.12.2018 |

Rote Liste: Nährstoffbelastung gefährdet Wildpflanzen

Kornrade
Kornrade - hat die Kurve gekriegt, aber ist immer noch stark gefährdet (Foto: CC0)

Fast ein Drittel der Wildpflanzen in Deutschland ist im Bestand gefährdet – als eine der Hauptursachen gilt die hohe Nährstoffbelastung durch Düngemittel in der Landwirtschaft. Das ist das Ergebnis der aktuellen Roten Liste der Pflanzen, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) am 5. Dezember 2018 in Berlin vorstellte. Diese ermittelt die Bestandssituation und das Ausmaß der Gefährdung für insgesamt 8.650 in Deutschland heimische Farn- und Blütenpflanzen, Moose und Algen und untersucht sowohl lang- als auch kurzfristige Bestandstrends. Im Verlauf der letzten etwa 150 Jahre sind hierzulande 119 Pflanzenarten ausgestorben oder verschollen – mit so klangvollen Namen wie Alpen-Klappertopf oder Zwerg-Rohrkolben. Betroffen waren überwiegend Arten, die in nährstoffarmen Gewässern oder Standorten auftraten, wie das Biegsame Nixkraut oder die Dickblättrige Sternmiere, sowie um früher verbreitete Ackerwildkräuter, wie der Tataren-Buchweizen oder die Bittere Schleifenblume. „Pflanzen nehmen eine ganz elementare Rolle in den Ökosystemen ein. Ein Rückgang ihrer Artenvielfalt wirkt sich deshalb stets auch auf die große Vielfalt anderer Organismengruppen negativ aus“, warnte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel anlässlich der Vorstellung des 784-Seiten-Berichts - der siebte Band in der Reihe.

Die Rote Liste belegt, dass insgesamt 30,8% aller in Deutschland vorkommenden Pflanzen in ihrem Bestand gefährdet sind. „Bei der artenreichsten Pflanzengruppe, den Farn- und Blütenpflanzen, sind insgesamt 27,5% in ihrem Bestand gefährdet und damit entweder vom Aussterben bedroht oder in unterschiedlichem Ausmaß gefährdet“, erklärte der Botaniker Dr. Günter Matzke-Hajek, ehrenamtlicher Autor der Roten Liste der Farn- und Blütenpflanzen, die 4.305 Arten umfasst. Am höchsten war der Anteil bestandsgefährdeter Pflanzen in der Gruppe der Zieralgen mit 51,2% und am geringsten bei den Schlauchalgen mit 13,3%. Für den Rückgang von fast der Hälfte der Rote-Liste-Arten sind Standortveränderungen durch Nährstoffeintrag die wesentliche Ursache. „Auffallend viele vom Aussterben bedrohte oder stark gefährdete Arten finden sich unter den typischen Arten nährstoffarmer Gewässer und anderer nährstoffarmer Standorte wie Moore, Heiden oder Extensiväcker“, sagte die BfN-Präsidentin. Ein zu hoher Nährstoffeintrag lässt nicht nur die Bestände von Wasserpflanzen wie Igel-Schlauch und Wasser-Lobelie schwinden, sondern auch Arten des Magerrasens und der Heiden, zum Beispiel die Wiesen-Küchenschelle und das Katzenpfötchen. „Unter den auf landwirtschaftlichen Flächen in der Agrarlandschaft vorkommenden Wildarten sind besonders Ackerwildkräuter durch die Intensivierung der Landwirtschaft (Herbizideinsatz, Düngung) gefährdet“, betont das BfN.

Es gibt jedoch auch positive Nachrichten, gerade was kurzfristige Bestandstrends in den letzten 10 bis 25 Jahren anbelangt. „Erfreulich entwickelt haben sich die Bestände einiger Moos- und Algenarten. Erfolge wurden hier vor allem durch Maßnahmen des technischen Umweltschutzes erzielt. Dadurch haben bei den Moosen vor allem die auf Bäumen wachsenden Arten von einer verbesserten Luftqualität, etwa durch geringere Schwefelimmissionen profitiert“, vermeldet das BfN. Auch bei 327 Farn- und Blütenpflanzen, die in den letzten 100 bis 150 Jahren zurückgingen, konnte eine weitere Abnahme in den letzten rund 20 Jahren aufgehalten und bei 18 Arten sogar umgekehrt werden. Das sei oft gezielten Artenhilfsmaßnahmen wie Ackerrandstreifen oder der Einrichtung von Schutzäckern zu verdanken. Dadurch konnten etwa die stark bedrohten Bestände der Kornrade oder der Dicken Trespe, beides früher typische Begleitpflanzen in Getreidekulturen, verbessert werden. „Gezielte Hilfsprogramme des Naturschutzes für einzelne Arten weisen zwar gute Erfolge auf, sie können aber nur die Ultima ratio sein“, sagte Jessel. Um den Artenrückgang auf breiter Front aufzuhalten, müsse auf Ebene der Landschaft, bei einer naturverträglichen Landwirtschaft und bei einer umfassenden Verbesserung der Gewässer angesetzt werden. „Die Rote Liste unterstreicht daher einmal mehr, dass ein Umsteuern in der Landwirtschaft und in der Agrarpolitik dringend erforderlich ist. Denn die zunehmende Nährstoffbelastung gefährdet immer mehr Wildpflanzen in Deutschland – sowohl an Land als auch im Wasser“, so Jessel. (ab)

07.12.2018 |

Thünen-Bericht: Böden in Deutschland droht Humusverlust

Boden
Humusreicher Boden (Foto: NRCS, CC BY 2.0, bit.ly/4_CC_BY_2-0, flickr: bit.ly/NRCS_HS2)

Humus fördert die Bodenfruchtbarkeit und die Erträge, verbessert die Wasserspeicherung und mindert die Erosionsanfälligkeit von Böden. Humus in Böden ist weltweit der größte terrestrische Speicher für organischen Kohlenstoff. Doch die erste „Bodenzustandserhebung Landwirtschaft“ zeigt, dass in Deutschland in den nächsten 10 Jahren im Schnitt 0,21 Tonnen organischer Kohlenstoff pro Hektar Ackerland und Jahr im Oberboden verloren gehen könnten, wenn sich an der Bewirtschaftung nichts ändert. Für den vom Thünen-Institut am Mittwoch veröffentlichten Bericht nahmen Wissenschaftler zwischen 2012 und 2018 in ganz Deutschland mehr als 120.000 Bodenproben und analysierten diese. Über die Karte des Landes wurden Raster mit einer Ausdehnung von acht Kilometern gezogen. An 3104 Beprobungspunkten wurden die Sauerstoffversorgung, Humusbildung und organische Kohlenstoffvorräte gemessen. Die Ergebnisse zeigen, dass im obersten Meter landwirtschaftlich genutzter Böden hierzulande insgesamt rund 2,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert sind. Das ist mehr als doppelt so viel, wie derzeit in allen Bäumen (inklusive Totholz) in deutschen Wäldern bevorratet ist. Die Wald- und Agrarökosysteme speichern zusammen so viel organischen Kohlenstoff, wie Deutschland beim derzeitigen Emissionsniveau in 23 Jahren als CO2 emittiert.

Doch die Humusvorräte drohen zu schwinden, wie die Thünen-Wissenschaftler anhand von fünf Bodenkohlenstoffmodellen ermittelten, in die sie ihre Messergebnisse eingaben. „Für einen Zehnjahreszeitraum und bei langfristig gleich bleibenden Bewirtschaftungs- und Klimabedingungen“ prognostizieren sie einen Verlust an organischem Kohlenstoff in Höhe von -0,21 Tonnen organischem Kohlenstoff pro Hektar und Jahr. Die mittleren modellierten Verluste von organischem Kohlenstoff aus Oberböden unter Ackernutzung fallen in den neuen Bundesländern mit -0,27 Tonnen je Hektar und Jahr deutlich höher aus als in der Region Nord mit einem Wert von -0,22 bzw. Süd mit nur -0,09. Böden, die einen geringen Eintrag an organischem Kohlenstoff durch Pflanzenreste und organische Dünger erhalten, wiesen im Modell ein erhöhtes Risiko für eine Abnahme der Vorräte auf, heißt es weiter. „Humus wird ja gebildet aus Biomasse, die in den Boden reinkommt: Stroh, Wurzelreste, Erntereste, Kompost, organischer Dünger wie Gülle oder Stallmist“, erklärt Axel Don, Leiter der Abteilung für Agrarklimaschutz des Thünen-Instituts, der taz. „Davon bleibt einfach weniger auf dem Acker, wenn man zum Beispiel Stroh abfährt und energetisch nutzt.“ Zudem würden Landwirte schon in ihren Fruchtfolgen weniger Kleegras und Luzerne anbauen, deren Wurzeln tief in den Boden eindringen und nach der Ernte zu Humus werden können. „Luzerne gibt es quasi nur noch bei Ökobauern. Und Luzerne ist einfach eine Kulturart, die unheimlich wichtig ist für den Humusaufbau.“

Der Bericht nennt Maßnahmen, mit denen es gelingen kann, die vorhandenen Humusvorräte nachhaltig zu sichern und den Humusaufbau zu fördern. Eine davon ist der Erhalt von Dauergrünland, denn dieses speichert mit durchschnittlich 200 Tonnen pro Hektar doppelt so viel Kohlenstoff wie Böden unter Ackernutzung mit 101 Tonnen je Hektar. „Auch die gezielte Umwandlung von Acker in Dauergrünland, beispielsweise als Maßnahme für den Gewässer- und Erosionsschutz, kann durch Humusaufbau einen zusätzlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, schreiben die Autoren. Zudem könne der Humusaufbau auf dem Acker über den Eintrag von Pflanzenresten gefördert werden. Die wichtigsten Maßnahmen seien „der Anbau von Zwischenfrüchten und Untersaaten (Gründüngung) für eine möglichst ganzjährige Begrünung des Bodens, der Anbau mehrjähriger Kulturen wie z. B. Kleegras sowie der Verbleib von Ernteresten auf dem Acker.“ Den Autoren zufolge können durch langjährigen Zwischenfruchtanbau die Vorräte an organischem Kohlenstoff in Ackerböden in 20 Jahren im Mittel um 8 Tonnen organischen Kohlenstoff im Oberboden gesteigert werden.

Auch die organische Düngung mit z. B. Mist, Gülle oder Gärresten beeinflusse die Menge an organischem Kohlenstoff, die zum Humusaufbau zur Verfügung stehe. Organische Düngung, insbesondere von Stallmist und Kompost, kann wesentlich zum Aufbau von Humus beitragen mit langfristig 2 bis 22 Tonnen je Hektar mehr Kohlenstoff im Vergleich zu Ackerböden ohne organische Düngung. Auf der anderen Seite brächten Überschüsse an organischen Düngern, vor allem in Gegenden mit intensiver Nutztierhaltung, die Nährstoffbilanzen in einigen Regionen aus dem Gleichgewicht – mit erheblichen negativen Umweltfolgen. Vorteile bringe auch die Anlage von Agroforstsystemen, Feldgehölzen oder Aufforstungen in waldarmen Regionen, denn Agroforstsysteme speichern rund 18% mehr organischen Kohlenstoff im Boden als Äcker mit einjährigen Pflanzen.

Der Bericht betont die Vorzüge des Ökolandbaus für den Humusaufbau. „Im ökologischen Landbau wird ausschließlich organischer Dünger und kein mineralischer Dünger eingesetzt. Außerdem werden mehr Kleegras oder Luzernegras als stickstofffixierende und humusmehrende Kulturen angebaut“, heißt es im Bericht. Zusammen ergebe sich dadurch im globalen Durchschnitt eine Erhöhung der Bodenkohlenstoffvorräte um etwa 3 bis 4 Tonnen je Hektar im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten Böden. Dagegen hätten konservierende Bodenbearbeitung oder Direktsaatverfahren, die in den USA und Südamerika weit verbreitet sind, „keinen signifikanten Einfluss auf die Humusvorräte im Bodenprofil“. Sie führten zu einer Humusanreicherung in den obersten Zentimetern des Bodens, aber zu einem Humusverlust in den darunter liegenden Bodentiefen. (ab)

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