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24.11.2017 |

WHO prangert übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung an

Schwein
Bessere Haltung statt Antibiotika beugt Krankheiten vor (Foto: CC0)

Die Weltgesundheitsorganisation hat an Landwirte und die Lebensmittelindustrie appelliert, keine Antibiotika an gesunde Tiere zu verabreichen. Am 7. November legte die WHO neue Richtlinien vor, die auf die Bewahrung der Wirksamkeit von für die Humanmedizin wichtigen Antibiotika abzielen. Der in vielen Ländern immer noch praktizierte Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft zur Wachstumsförderung oder Krankheitsprävention trage zur wachsenden Bedrohung durch antibiotikaresistente Keime bei. Das Problem ist bekannt: Schon 1997 hatte die WHO die Vermeidung des nicht-therapeutischen Einsatzes von Antibiotika in der Tierhaltung gefordert, da durch die Entwicklung von resistenten Bakterienstämmen Krankheiten oft nicht mehr behandelt werden können. Nun betont die Organisation erneut, dass einige gefährliche Bakterientypen bereits Resistenzen gegen fast alle verfügbaren Behandlungsmethoden entwickelt hätten. Die Forschung habe kaum vielversprechende Alternativen in petto. „Die wissenschaftlichen Belege zeigen, dass der übermäßige Gebrauch von Antibiotika in der Tierhaltung zur Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen beiträgt“, sagte Dr. Kazuaki Miyagishima, der die Abteilung für Lebensmittelsicherheit und Zoonosen bei der WHO leitet. „Die Abgabemenge von Antibiotika für die Tierhaltung steigt weltweit weiterhin, angeheizt durch einen wachsenden Bedarf an tierischen Lebensmitteln, die oft in der Intensivtierhaltung produziert werden.“ In einigen Ländern würden fast 80% der für die Humanmedizin wichtigen Antibiotika in Ställen verbraucht, größtenteils für die Wachstumsförderung von gesunden Tieren.

Die WHO empfiehlt eine rasche Verringerung der in der Tierhaltung eingesetzten Antibiotikamenge. Sie verweist auf eine im Fachjournal “The Lancet Planetary Health” erschienen Studie, der zufolge Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in Ställen bei den Tieren zu einer Verringerung von antibiotikaresistenten Bakterien um 39% führten. Gesunde Tiere sollten nur Antibiotika verabreicht bekommen, wenn andere Tiere in derselben Herde nachweislich erkrankt seien. Gemäß den Richtlinien sollten im Bedarfsfall aber nur Antibiotika eingesetzt werden, die für den Menschen die geringste medizinische Bedeutung haben. Wichtige Reserveantibiotika für den Menschen hätten in Ställen nichts zu suchen. Die Gesundheitsexperten fordern auch ein komplettes Verbot des Einsatzes von für die Humanmedizin wichtigen Antibiotika für die Wachstumsförderung in der Tierhaltung. Die WHO hob hervor, dass viele Länder bereits Maßnahmen ergriffen hätten, um die Antibiotikaeinsatz im Stall zu verringern. EU-weit besteht etwas schon seit 2006 das Verbot, Antibiotika in der Tierhaltung als Wachstumsförderer einzusetzen. Auf das Grundproblem – ein Haltungssystem, das auf Antibiotika angewiesen ist, damit die Tiere gesund bleiben – wird in dem 88 Seiten starken Dokument nicht eingegangen. Die WHO pocht aber auf „Alternativen zum Einsatz von Antibiotika zur Krankheitsprävention bei Tieren, wie verbesserter Hygiene, die verbesserte Nutzung vom Impfungen und Änderungen in der Unterbringung und Haltung von Tieren“. (ab)

22.11.2017 |

Fitness-Check: EU-Agrarpolitik leistet zu wenig für Umwelt und kleine Betriebe

Acker
Die GAP verfehlt Umweltziele (Foto: CC0)

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union ist enorm ineffizient, versagt beim Umweltschutz und unterstützt kleinere Betriebe nicht ausreichend. Dies ist das ernüchternde Fazit einer internationalen Studie, die am 21. November in Brüssel präsentiert wurde. Im Auftrag des Naturschutzbund Deutschland, des Europäischen Umweltbüros und BirdLife Europe unterzog ein Team von Ökonomen, Soziologen und Ökologen die EU-Agrarpolitik einem „Fitness Check“. Obwohl die EU mit diesem Instrument viele ihrer Rechtsakte selbst auf den Prüfstand stellt und die Agrarpolitik mit 60 Milliarden Euro fast 40% des EU-Haushaltes ausmacht, kam die GAP bisher ungeschoren davon. Daher wandten die Autoren selbst die Kriterien für Fitness-Checks der EU-Kommission an und werteten 450 wissenschaftliche Publikationen aus. Aber auch der Beitrag der GAP zum Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele wurde unter die Lupe genommen.

Was die Effizienz und innerer Kohärenz betrifft, stellen die Wissenschaftler ein schlechtes Zeugnis aus. „Unsere Literaturstudie zeigt, dass die GAP in ihrer jetzigen Form die selbst gesteckten Ziele nicht erfüllt. Vor allem die Direktzahlungen der Ersten Säule erzeugen eine Reihe von Problemen“, sagte Sebastian Lakner, einer der Studienautoren. Zwar erhöhten die pauschalen Flächenprämien der sogenannten 1. Säule die Einnahmen von Betrieben. Doch angesichts der dafür eingesetzten rund 44 Milliarden Euro jährlich trage dies „eklatant wenig zu einem angemessenen Lebensstandard der Landwirte und dem Abbau von Ungleichheiten im ländlichen Raum bei“, obwohl dies wesentliche Ziele der GAP seien. Zudem würden die Direktzahlungen massiv die Abhängigkeit der Landwirte von Subventionen befeuern, Produktionsentscheidungen beeinflussen und die Effizienz der Betriebe verringern. Stark zu kritisieren sei auch die Ineffizienz und Ungleichheit in der Zahlungsverteilung, die weder die Bedürfnisse der Landwirte noch die Meinungen aus der Gesellschaft berücksichtige. So gingen im Jahr 2015 rund 80% der Zahlungen an nur 20% der Empfänger. Bei Zahlungen über 50.000 Euro entfielen 32% der Gelder auf lediglich 1,5% der Betriebe. „Eine ungleiche Verteilung der Direktzahlungen an die Landwirte zeigt, dass die GAP dabei versagt, jene zu unterstützen, denen sie eigentlich helfen soll“, sagte Dr. Raphael Weyland, Referent für EU-Naturschutzpolitik beim NABU.

Aber auch bei der Erreichung von Umweltzielen fällt die EU-Agrarpolitik durch: „Die wirksamsten Instrumente der GAP, die gezielten Agrarumweltmaßnahmen, erhalten nur einen Bruchteil der Finanzierung, die in das hochbürokratische und ökologisch kaum wirksame „Greening“ fließt. Zudem sei das aktuelle System nicht in der Lage, den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen. Gleiches gelte für die Vermeidung von Umweltschäden wie die zu hohe Nitratbelastung des Grundwassers“, fasst der NABU die Ergebnisse zusammen. „Die EU sollte sich auf die Frage besinnen, welche Ziele die GAP tatsächlich erfüllen soll“, sagte Sebastian Lakner. „Meiner Ansicht nach sollten drei wichtige Ziele angegangen werden: Die landwirtschaftliche Produktion muss nachhaltiger werden, der Verlust der Artenvielfalt gestoppt und der Kampf gegen den Klimawandel auch im Agrarbereich angegangen werden. Dazu sollte die EU-Kommission nun einen ambitionierten Reformvorschlag vorlegen.“ EU-Agrarkommissar Phil Hogan wird am 29. November seine Pläne für die künftige EU-Agrarpolitik vorstellen, doch momentan sieht es danach aus, dass er etwa an den pauschalen Direktzahlungen festhalten möchte. Der NABU fordert hingegen, dass die EU ab 2020 das Fördersystem umbaut. „Landwirte muss es in die Lage versetzen, umweltfreundlicher zu produzieren und zugleich höhere Einkommen zu erzielen. Dazu müssen die Pauschalsubventionen mit dem Gießkannenprinzip ersetzt werden durch Investitionen in bessere Tierhaltung und Ackerbau.“ (ab)

15.11.2017 |

Neue Studie: Bio kann die Welt ernähren, aber weniger Fleischkonsum nötig

Bio
Bio kann die Welt ernähren (Foto: CC0)

Der Ökolandbau könnte eine wachsende Weltbevölkerung ernähren. Das belegt eine umfassende Studie, die im Fachjournal Nature Communications erschienen ist. Auch bei einer vollständigen Umstellung auf Bio könnten genug Lebensmittel mit der gleichen Fläche produziert werden – doch die Menschen müssten ihren Fleischkonsum auf ein gesundes Maß senken, weniger Lebensmittel vergeuden und die Fütterung in der Tierhaltung umstellen. Für die Studie nutzten Wissenschaftler des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), der Universität Aberdeen, der Universität Klagenfurt, der ETH Zürich und der Welternährungsorganisation FAO ein Modell, das verschiedene Aspekte des Ökolandbaus einbezieht, wie einen höheren Anteil an Leguminosen, geringere Erträge, Verzicht auf synthetische Düngemittel oder weniger Bedarf an Getreide und Körnerleguminosen für Tierfutter. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Umstellung auf Ökolandbau allein den Flächenbedarf zwar erhöht im Vergleich zur konventionellen Produktion, aber Vorteile in Bezug auf andere Faktoren hat, wie Pestizideinsatz und weniger Stickstoffüberschüsse. Wird der Ökolandbau mit ergänzenden Transformationen im globalen Ernährungssystem kombiniert, wie einer anderen Tierfütterung und geringeren Tierbeständen oder veränderten Abfallmustern, kann er dazu beitragen, mehr als 9 Milliarden Menschen im Jahr 2050 zu ernähren – und zwar auf nachhaltige Weise“, schreiben die Autoren.

„Biologischer Landbau mit seinem schonenderen Umgang mit Umwelt und Ressourcen wird oft als Lösungsweg für die aktuellen Herausforderungen vorgeschlagen. Andererseits betonen Kritiker, dass diese Umstellung zu viel höherem Landverbrauch führen würde und deshalb keine gangbare Alternative sei“, erläutert Mitautor Karlheinz Erb von der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Denn die Erträge im Ökolandbau fallen meist geringer aus als in der konventionellen Landwirtschaft. Die Experten berücksichtigten verschiedene Studienergebnisse zur Ertragslücke: Würde zu 100% auf Biobewirtschaftung umgestellt, stiege bei einer durchschnittlichen Ertragslücke im Ökolandbau von 8% bis 25% der Landbedarf um 16% bis 33%. Doch dies wäre verkraftbar, wenn Ackerflächen eingespart würden, die bisher „für die Katz“ – oder Kuh und Co – bestellt werden. Ein Beispiel ist die Lebensmittelverschwendung: Die FAO geht davon aus, dass ein Drittel aller Agrarerzeugnisse weltweit vergeblich angebaut wird, da sie nicht vom Acker auf die Teller der Verbraucher gelangen. Würden Lebensmittelverluste und -verschwendung reduziert – die Wissenschaftler legen je nach Szenario eine Verringerung um 25% bis 50% zugrunde – könnten die freiwerdenden Flächen dafür genutzt werden, einen großen Teil der Ertragslücke auszugleichen. Auch eine kraftfutterfreie, graslandbasierte Tierproduktion würde Ackerfläche einsparen, da Weideflächen, die nicht für den Anbau von Kulturen geeignet sind, zur Ernährungssicherung genutzt würden. Doch das ginge nur, wenn beim Fleischkonsum auf Klasse statt Masse geachtet würde.

Die Wissenschaftler liefern nicht nur Ganz-oder-gar-nichts-Szenarien. Selbst wenn die Landwirtschaft nur zu 60% auf Bio umgestellt würde und die Kraftfuttergaben und Lebensmittelabfälle halbiert würden, wäre die Ernährung der Weltbevölkerung möglich und zwar mit deutlich weniger negativen Umweltauswirkungen und Treibhausgasemissionen – allerdings mit einem Drittel weniger tierischen Produkten und dafür mit mehr pflanzlichen Kalorien. „So könnte man die Ernährung der Weltbevölkerung auch bei über 9 Milliarden im Jahre 2050 sichern, der Landverbrauch würde nicht zunehmen und die negativen Auswirkungen des heutigen intensiven Ernährungssystems wie große Stickstoffüberschüsse oder hohe Pestizidbelastung würden stark reduziert werden“, betonte Erb.

Mitautor Professor Pete Smith von der Universität Aberdeen ist zuversichtlich, dass ein Wandel möglich ist. „Diese Studie ist wichtig, denn sie zeigt, dass wir nicht auf dem Schnellzug hin zu einer immer stärkeren Intensivierung der Landwirtschaft bleiben müssen. Wenn wir gewillt sind, unseren Konsum tierischer Produkte zu verringern, Lebensmittelabfälle zu reduzieren und die verbleibenden Tiere ihrer Natur gemäß zu füttern – Wiederkäuer mit Gras und Schweine und Geflügel mit Essensresten – (…) können wir von diesem Schnellzug abspringen und mehr Menschen nachhaltig ernähren“, sagte Smith. „Wenn uns dies als Gesellschaft gelingt, können wir alle auf dieser Welt mit einem verringerten Umweltfußabdruck ernähren.“ Der Agrarwissenschaftler Andreas Bürkert von der Universität Kassel setzt weniger Hoffnung auf den Veränderungswillen der Gesellschaft: „Die Studie zeigt zwar umfassend, was prinzipiell möglich ist, aber eine weltweite Etablierung des fleischarm essenden, vernünftigen Bildungsbürgers ist unrealistisch“, sagte er dem Spiegel. „Das ist ein Wünsch-dir-was-Szenario, das nur durch große Veränderungen in der Politik und in der Bildung vorangetrieben werden könnte.“ Höchste Zeit also, diese Veränderungen einzuleiten! (ab)

14.11.2017 |

Wissenschaftler: Klimawandel steuert Erde auf gefährliche Kipppunkte zu

Ernte
Höhere Temperaturen gefährden die Erträge vieler Nutzpflanzen (Foto: CC0)

Die globale Erwärmung schreitet voran und bringt die Erde auf Kollisionskurs mit gefährlichen „klimatischen Kipppunkten“, lautet die eindringliche Warnung führender Wissenschaftler. Future Earth und Earth League, zwei internationale Allianzen von Nachhaltigkeitsforschern, veröffentlichten am Montag auf der Weltklimakonferenz COP23 „Die 10 'Must-Knows' zum Klimawandel“. „Entscheidende Fakten zum Klimawandel gehen manchmal im Getöse täglicher Verhandlungen verloren - auch auf Veranstaltungen wie dem UN-Klimagipfel“, betonte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). „Deshalb ist es wichtig, an den Grund zu erinnern, warum sich in Bonn zehntausende Menschen treffen: ein noch nie dagewesenes Risiko für die Menschheit durch die globale Erderwärmung, wie die Wissenschaft zeigt.“ Professor Johan Rockström, Leiter des Stockholm Resilience Centre und Vorsitzender der Earth League, unterstrich, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel nicht länger eine künftige Bedrohung darstelle. „Er ist da, er ist gefährlich und es wird noch schlimmer“, warnte er. „In den letzten zwei Jahren haben sich die Belege dafür gehäuft. Dass wir uns auf Kollisionskurs mit Kipppunkten des Systems Erde befinden“, fügte er hinzu. Wenn diese Grenzen überschritten werden, drohen dem Planeten abrupte und unumkehrbare Veränderungen in der Funktionsweise der Arktis, des Amazonasgebiets oder anderer Teile der Erde.

Die zehn Punkte des Papiers fußen auf unzähligen wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen und Studien. Die Wissenschaftler warnen, dass der Klimawandel tiefgreifende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben und neuen Druck auf die Ernährungssicherheit und die Wasserversorgung vieler Länder weltweit ausüben werde. „Beschleunigte Veränderungen in den Ökosystemen der Erde sind eine erhebliche Bedrohung für die menschliche Gesundheit und Existenz, da sie sich auf die Ernährung und Verfügbarkeit von Lebensmitteln auswirken und Erkrankungen der Atemwege und die Verbreitung von Parasiten begünstigen können.“ Zwei Beispiele: Einer neusten Schätzung zufolge könnten die Ernteerträge um 3-7% pro Grad Erwärmung sinken. Im Jahr 2050 werden mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Gebieten mit Wasserknappheit leben und mehr als eine Milliarde wird nicht über ausreichend Wasser verfügen. „Ohne Gegenmaßnahmen werden sich diese Gesundheitsgefahren mit der Zeit verstärken. Gegenden mit einer schlechten Gesundheitsinfrastruktur, vor allem in Entwicklungsländern, werden sich ohne Hilfe am schlechtesten auf Notsituationen vorbereiten und reagieren können.“ Ein weiterer Punkt: Auch Migrationsströme, innere Unruhen und gar Bürgerkriege werden durch den Klimawandel höchstwahrscheinlich verstärkt. 2015 wurden 19 Millionen Menschen weltweit durch Naturkatastrophen und Extremwetterereignisse vertrieben und der Klimawandel werde die Zahl noch weiter in die Höhe schnellen lassen.

Punkt 8 auf der Liste ist ein Aufruf zum Handeln: „Die Welt muss rasch agieren: Wenn die Menschheit so viel Treibhausgasemissionen wie bisher ausstößt, wird schon in 20 Jahren das verbleibende CO2-Budget für die Einhaltung des 2-Grad-Ziels ausgeschöpft sein.“ Der Höhepunkt der Emissionen müsse bereits 2020 erreicht werden, damit sie sich bis etwa 2050 null annähern. Dazu müsse auch die Abholzung von Wäldern gestoppt, die Landwirtschaft von einer CO2-Quelle zur Kohlenstoffsenke werden und bestehende Kohlenstoffsenken zu Land und zu Wasser geschützt werden. Doch das ist laut den Experten noch nicht genug: Wenn die Ziele des Parisabkommens erreicht würden, müsse sich die Welt dennoch auf bereits einsetzende Veränderungen einstellen und widerstandsfähig werden. „Selbst wenn die Temperaturen unter 2 Grad über dem vorindustriellen Zeitalter gehalten werden können, wird es in einigen Regionen ein erhöhtes Risiko geben für steigende Meeresspiegel, Waldbrände, Ernährungsunsicherheit und Wasserknappheit. Auch extreme Hitze, Krankheiten und Extremwetterereignisse können zunehmen“, warnen die Autoren. Die Bewahrung und Stärkung der Widerstandsfähigkeit unserer Ökosysteme in Zeiten des Klimawandels – von Wäldern über Böden bis hin zu Ozeanen – erfordere eine globale Transformation hin zur Nachhaltigkeit. „Die Gesamtheit der wissenschaftlichen Belege deutet darauf hin, dass nachhaltige Entwicklung mit einer Umstellung auf nachhaltige Ernährungssysteme, Energiesysteme ohne Kohle, widerstandsfähige Städte, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Menschen, gesunde Ozeane, sicheres Wasser und Schutz der Artenvielfalt den Grundstein für den Erfolg legt“, schlussfolgern die Forscher. (ab)

10.11.2017 |

Emissionen der großen Fleisch- und Milchkonzerne gefährden Klimaziele

Rinder
Viel Vieh auf wenig Raum (Foto: bit.ly/RTpeat, bit.ly/2CCBYNCND20)

Die drei größten Fleisch- und Milchkonzerne weltweit stoßen mehr Treibhausgasemissionen aus als ganz Frankreich und stehen den großen Energie- und Öl-Konzernen in nichts nach. Das zeigen Berechnungen, die von den Nichtregierungsorganisationen GRAIN und Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) sowie der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlicht wurden. Wenn die Fleischproduktion wie bisher weiter wächst, können die Ziele des Klimaabkommens von Paris nicht erreicht werden und es droht eine Klimakatastrophe, warnen die Organisationen. Laut ihren auf aktuelle Zahlen der UN-Welternährungsorganisation FAO gestützten Rechnungen stießen die fünf größten Milch- und Fleischkonzerne - JBS aus Brasilien, die US-Konzerne Cargill, Tyson und Dairy Farmers of America sowie die neuseeländische Fonterra Group – 2016 gemeinsam 578 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente (MtCO2e) aus. Das ist mehr als die gesamten Emissionen des Vereinigten Königreichs (507 MtCO2e in 2015) oder Frankreichs (464 MtCO2e) und übertrifft große Ölkonzerne wie Exxon oder Shell, die im Jahr 2015 rund 577 MtCO2e bzw. 508 MtCO2e verursachten. Die 20 größten Fleisch- und Milchkonzerne bringen es mit 932 MtCO2e in 2016 sogar auf mehr Emissionen als Deutschland. Wären die 20 Konzerne ein Land, würden sie als der siebtgrößte Klimasünder gelten.

Die Organisationen betonen, dass hier nicht die Rede von Rinderzüchtern oder Schweinehaltern ist, die Fleisch aus Freilandhaltung oder nachhaltiger Produktion liefern oder kleinen und mittleren Milchbauern, geschweige denn von den Millionen Hirten und Viehhaltern weltweit, die sich und die Menschen in ihrer Umgebung ernähren. „Verantwortlich sind die Konzerne, die Massentierhaltung betreiben und davon profitieren und Tiere in riesigen Tierfabriken mästen“, schreiben die Autoren. „Diese betreiben ein System, das so mächtig ist, dass es teilweise sogar Landnutzungsmuster weltweit prägt, auf globaler Ebene Produktion und Konsum von Proteinen antreibt und kulturelle Ernährungsnormen verändert – alles im Namen expandierender Märkte und Profite.“ Wenn sich das Wachstum der Fleisch- und Milchproduktion gemäß der FAO-Prognosen fortsetzt, würden im Jahr 2060 die Emissionen des Sektors allein das gesamte Budget der Emissionen ausschöpfen, die erlaubt wären, damit das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens noch erreicht werden könnte. Damit wäre die Begrenzung der Erderwärmung auf ein ansatzweise beherrschbares Maß gescheitert.

Die Herausgeber betonen, dass es an der Zeit ist, die Fleischindustrie von der Klimazerstörung abzuhalten und stattdessen kleine Bauern und Viehzüchter zu stärken. „Wenn wir es ernst mit der Ernährung des Planeten und der gleichzeitigen Bekämpfung des Klimawandels meinen, müssen wir dringend in eine Umstellung auf Ernährungssysteme investieren, die auf kleine Produzenten, Agrarökologie und lokale Märkte setzen. Diese Systeme beinhalten die Bereitstellung moderater Mengen an Fleisch und Milchprodukten, aber sie tun dies auf eine Weise, die Böden regeneriert, Existenzgrundlagen für Gemeinden auf dem Land und in der Stadt schafft und Pflanzen und Tiere widerstandsfähig gegen die Unwägbarkeiten eines nicht berechenbaren Klimas macht.“ Der Bericht nennt auch konkrete Maßnahmen, wie dies erreicht werden kann: Öffentliche Gelder müssen statt Massentierhaltung und Agribusiness künftig kleine agrarökologische Familienbetriebe begünstigen. Regierungen sollten all ihre Kaufkraft dafür nutzen, kleine Produzenten zu unterstützen und ihnen so dabei helfen, Arbeitsplätze und Märkte für lokale Produkte zu schaffen. Ebenso wie viele Städte im Energiebereich auf klimafreundliche Lösungen setzen, sollten Gemeinden auch in Krankenhäusern oder Schulen in Programme investieren, die gesundes Essen bereitstellen und ländliche Gemeinden stärken und zugleich weniger Treibhausgasemissionen ausstoßen. (ab)

07.11.2017 |

Konzentration im Agrarsektor: Risiko für Bauern, Verbraucher und Umwelt

Soja
Megafusionen im Agrarsektor befördern die industrielle Landwirtschaft (Foto: CC0)

Immer weniger und immer größere Unternehmen eignen sich zunehmend die Kontrolle über die ganze Lebensmittelkette vom Acker bis zum Teller an. Für Lebensmittelproduzenten, Verbraucher und die Umwelt birgt dies hohe Risiken, warnt der Agrifood Atlas. Die englische Version des Konzernatlas wurde Ende Oktober von Friends of the Earth Europe, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlicht. Dem Bericht zufolge fanden zwischen 2015 und 2016 fünf der zwölf größten Fusionen börsennotierter Unternehmen im Lebensmittel- und Agrarsektor statt – mit einem Gesamtwert von fast 500 Milliarden US-Dollar. „Übernahmen und Fusionen wie Monsanto mit Bayer, Kraft mit Heinz und Dow mit DuPont sind nur die Spitze des Eisbergs“, schreiben die Autoren. „Eine Flut von Unternehmenshochzeiten führt zu Machtkonzentrationen an allen Punkten der Lebensmittelkette.“ Im Lebensmittel- und Agrarsektor hätten einzelne Konzerne so viel Einfluss gewonnen, dass sie dazu in der Lage seien, Märkte und Politiken zu prägen. „Die zunehmende Größe und Macht der Agrifood-Konzerne bedroht die Qualität unserer Lebensmittel, die Arbeitsbedingungen derer, die sie herstellen, und unsere Fähigkeit, künftige Generationen zu ernähren“, sagte Mute Schimpf von Friends of the Earth Europe.

Die Herausgeberorganisationen des Berichts fürchten, dass die wachsende Machtkonzentration eine geringere Wahlfreiheit für die Verbraucher bewirken könnte, da sich die Lebensmittelkette aufgrund der zunehmenden Monopole in immer weniger Händen befindet. Der Atlas besagt, dass gerade einmal zehn Supermarktketten fast die Hälfte aller in der EU verkauften Lebensmittel auf sich vereinen, während 50 lebensmittelverarbeitende Unternehmen die Hälfte aller Lebensmittel weltweit verkaufen. Zudem wirken sich die Marktmonopole negativ auf Jobs und Arbeitsbedingungen aus: „Agrifood-Konzerne treiben eine Industrialisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette vom Hof bis zum Teller voran. Ihre Kauf- und Verkaufspolitiken fördern eine Form der Landwirtschaft, die sich nur um Produktivität dreht“, so der Bericht. „Der Kampf um Marktanteile wird auf Kosten der schwächsten Glieder in der Kette ausgetragen: Landwirte und Arbeiter. Der von Supermärkten und Lebensmittelkonzernen ausgeübte Preisdruck ist eine der Hauptursachen für schlechte Arbeitsbedingungen und Armut am Anfang der Kette.“

Fusionen und Marktkonzentration im Agrarsektor befördern auch die weitere Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft und die damit einhergehenden Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima. Der Verlust von Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt, die Meeresverschmutzung und der Ausstoß von Treibhausgasen – all dies ist teilweise auf die industrielle Landwirtschaft zurückzuführen. „Infolge dessen sind die weltweite Biodiversität sowie die Vielfalt und Unabhängigkeit in unserer Lebensmittelkette in Gefahr. Aktivisten, die für das Recht auf Zugang zu Wasser, Land und Saatgut kämpfen, wird auf der ganzen Welt zunehmend mit gewalttätiger Repression von privater und öffentlicher Seite aus begegnet“, beklagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Den Herausgebern zufolge steht die Europäische Kommission gerade vor der kritischen Entscheidung, ob sie grünes Lich für die Fusion von Bayer und Monsanto geben soll. „Die EU kann eine entscheidende Rolle dabei spielen, diese Marktkonzentrationen zu verhindern. Ein alternatives Ernährungssystem ist möglich und wird durch Lebensmittelproduzenten und Bürger in ganz Europa auf lokaler Ebene aufgebaut“, fügt Mute Schimpf hinzu. (ab)

02.11.2017 |

UN-Bericht zu Klimazielen: Landwirtschaft kann Emissionslücke schließen

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Böden können Emissionen einsparen (Foto: NRCS, bit.ly/NRCS_HS2, bit.ly/4_CC_BY_2-0)

Es muss dringend gehandelt werden, wenn die Klimaziele des Paris-Abkommens noch erreicht werden sollen, denn aktuell steuert die Welt auf eine Erwärmung um 3 Grad zu. Laut einem neuen UN-Bericht decken die derzeitigen nationalen Selbstverpflichtungen nur ein Drittel der Emissionsreduktion ab, die nötig wäre, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden. Es drohe eine Emissionslücke, warnt der vom UN-Umweltprogramm am 31. Oktober veröffentlichte 'Emissions Gap Report'. Neben Kohleausstieg und Energiewende könne vor allem der landwirtschaftliche Sektor einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diese „alarmierend große Lücke“ zu schließen, etwa durch die Kohlenstoffspeicherung in Böden oder die Reduzierung der Lebensmittelverschwendung.

Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, dürften im Jahr 2030 nicht mehr als 42 Gigatonnen CO2-Äquivalent (GtCO2e) ausgestoßen werden. Doch der Bericht warnt eindringlich, dass selbst die vollständige Umsetzung aller bisherigen Selbstverpflichtungen der Staaten nicht ausreichen werde, um die globale Erwärmung auf 2 Grad Celsius zu begrenzen. Die Emissionen würden selbst dann 2030 immer noch 11 bis 13,5 GtCO2e über dem genannten Zielwert liegen. Ganz zu schweigen vom eigentlich im Paris-Abkommen anvisierten 1,5-Grad-Ziel, für das der Bericht bis 2030 mit einer Emissionslücke von 16 bis 19 GtCO2e rechnet. Sollten sich die USA wie angekündigt aus dem Abkommen zurückziehen, wäre die Lage ohnehin noch düsterer. „Ein Jahr, nachdem das Klimaabkommen in Kraft getreten ist, befinden wir uns immer noch in einer Situation, in der wir bei Weitem nicht genug unternehmen, um hunderte Millionen Menschen vor einer elenden Zukunft zu bewahren“, sagte Erik Solheim, der Leiter von UN Environment.

Doch der Bericht liefert auch Auswege und zeigt auf, wie die Treibhausgasemission durch entschlossenes Handeln in der Landwirtschaft, im Gebäude- und Energiesektor, in der Forstwirtschaft, Industrie und Transportwesen verringert werden könnten. Enormes Potenzial weisen Land- und Forstwirtschaft auf, so der Bericht: „Die Entfernung von Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre kann eine wichtige Strategie sein: Die Optionen für landbasierte Kohlenstoffspeicherung, wie Wälder, Feuchtgebiete und Böden, werden vom Menschen schon seit vielen Jahren gemanagt und es gibt daher einen Wissensschatz, der nun leicht und sicher angewandt werden kann“, schreiben die Autoren. „Zudem bieten diese Ansätze die Chance, andere globale Nachhaltigkeitsziele, wie bessere Wasserqualität, die Wiederherstellung von Ökosystemen, der Schutz der Artenvielfalt und verbesserte Erträge, zu erreichen.“ Die Kohlenstoffspeicherung in Böden beruhe auf landwirtschaftlichen Praktiken, die Bauern in der Regel gut beherrschten und sie benötige meist keine weiteren Maschinen und Infrastruktur. Daher sei sie eine jederzeit umsetzbare Option.

Aber der Bericht zeigt auch auf, was jeder Einzelne tun kann, um die Emissionslücke zu schließen. Eine Maßnahme ist die Verringerung des CO2-Fußabdrucks der eigenen Ernährung. Die Umstellung der Ernährungsgewohnheiten gemäß der Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zu tierischen Produkten und Fetten könnte den Ausstoß der Treibhausgasemissionen im Jahr 2030 weltweit um 0,37 bis 1,37 GtCO2e jährlich reduzieren. Eine andere Möglichkeit ist die Reduzierung von Lebensmittelverlusten und -verschwendung. „In der Lebensmittelkette gibt es hohe Verluste, wenn Faktoren wie ineffizientes Ernten, schlechte Erntebedingungen, Lagerverluste und Konsumverhalten betrachtet werden“, so der Bericht. Schätzungen zu den Gesamtverlusten schwanken stark und reichen von 30 bis 50%. Würde die Verschwendung um 45 bis 75% reduziert, könnten jedes Jahr bis zu 2 GtCO2e eingespart werden.

Insgesamt schätzt der Bericht das Potenzial des landwirtschaftlichen Sektors, die Emissionslücke zu verringern, im Mittel auf 3 GtCO2e pro Jahr in 2030. Mit Maßnahmen, deren Umsetzung der Bericht noch als „unsicher” einstuft, wie der Einsatz von Biokohle, Emissionseinsparungen im Zusammenhang mit Torf und Ernährungsumstellungen, könnte der landwirtschaftliche Sektor im Schnitt weitere 3,7 GtCO2e im Jahr 2030 einsparen. Das bedeutet, dass allein die Maßnahmen im landwirtschaftlichen Sektor zusammen ausreichen würden, um fast die Hälfte der Emissionslücke zu schließen, die der Verwirklichung des 2-Grad-Ziels im Wege steht. Noch viel mehr Emissionen könnten durch das Wiederaufforsten von Wäldern und die Vermeidung weiterer Abholzung eingespart werden. Lösungen präsentiert der Bericht zuhauf - jetzt ist es Zeit für eine beschleunigte Umsetzung, lautet das Fazit der Autoren. (ab)

30.10.2017 |

Weltbank: Durch Dürren zerstörte Ernten könnten 81 Millionen ernähren

Dürre
Dürrebedingte Ernteausfälle haben schwerwiegende Folgen (Foto: CC0)

Mit den Lebensmitteln, die durch Dürren verloren gehen, könnte ganz Deutschland ein Jahr lang ernährt werden. Das vermeldete die Weltbank und fordert ein verbessertes Wassermanagement. In einem neuen Bericht betont sie, dass langanhaltende Trockenphasen weltweit erschreckend gravierende und oft versteckte Auswirkungen auf Bauernhöfe, Firmen und Familien haben. Die Weltbank beschreibt Dürren als „Elend in Zeitlupe“, das anhaltende Auswirkungen auf die Gesundheit und das Einkommen von Familien habe und nachfolgende Generationen in Armut und Mangelernährung gefangen halte. Den Autoren zufolge zerstörten Dürren zwischen 2001 und 2013 so viele Lebensmittelkalorien wie nötig wären, um rund 81 Millionen Menschen über ein Jahr hinweg jeden Tag mit 2000 Kalorien zu ernähren. In diesem Zeitraum summierten sich die Verluste in Gebieten, die von Dürren heimgesucht wurden, auf 59,2 Billionen Kilokalorien. Zu den Regionen, in denen die Produktion durch Dürren große Verluste erlitt, gehören Südmexiko und Zentralamerika, der Norden Südamerikas, Westeuropa, weite Teile der Sahelzone und Südafrika, Indonesien und Südaustralien. „Viele der betroffenen Regionen überlappen sich mit den Gebieten, die bereits ein großes Nahrungsmitteldefizit aufweisen und als verletzlich eingestuft werden“, so der Bericht.

Der Bericht zeigt, wie sich Dürren in Verbindung mit Wasserknappheit auf die Landwirtschaft, Firmen und Familien auswirken. Für Familien zieht sich das Vermächtnis von Dürren über Generationen hinweg und schadet nicht nur den Frauen, die sie erlebten, sondern auch ihren Kindern. Im ländlichen Afrika seien Frauen, die während extremer Trockenphasen geboren wurden, ihr ganzes Leben lang gezeichnet. Wegen der Ernteverluste sind sie oft physisch und psychisch beeinträchtigt und unterernährt. Ihr Leiden wird oft auf die nächste Generation übertragen: Es ist wahrscheinlicher, dass ihre Kinder unterentwickelt und nicht gesund sind, wodurch sich der Teufelskreis der Armut fortsetzt. Für Bauernhöfe gehen Dürren mit starken Ertragseinbußen einher. Selbst leichte Trockenphasen verringern die Produktivität. Doch wenn mehrere Jahre infolge weniger Regen als im Durchschnitt fällt, sehen sich Bauern in armen Ländern gezwungen, in umliegende Wälder vorzudringen, da sie durch die Ausweitung der Anbauflächen Ernteeinbrüche zu kompensieren suchen. Da Wälder das Klima stabilisieren und dazu beitragen, den Wasserhaushalt zu regulieren, verringert Abholzung die Wasservorräte und verstärkt den Klimawandel.

Für Unternehmen sind laut dem Bericht die wirtschaftlichen Folgekosten von Dürren viermal so hoch wie bei Überschwemmungen. Die Weltbank schätzt, ein einziger Wasserausfall den Umsatz einer Firma in der Stadt um 8% reduzieren kann. Und wenn die Firma im informellen Sektor angesiedelt ist, wie es so oft in Entwicklungsländern der Fall ist, brechen die Verkäufe um 35% ein. Dies zerstört Existenzen und bringt das Wirtschaftswachstum in Städten zum Erliegen. „Diese Auswirkungen zeigen, warum es immer wichtiger wird, dass wir Wasser wie die wertvolle, endliche und zerstörbare Ressource behandeln, die es ist“, sagte Guangzhe Chen, ein führender Weltbankmitarbeiter. „Ohne sorgsames Wassermanagement – von der Quelle bis zum Wasserhahn und zurück – wird aus der heute beobachteten Krise die Katastrophe von morgen“, schreibt er im Vorwort des Berichts. Richard Damania, einer der Autoren, warnt zudem, dass sich die Wasserknappheit in andere Weltregionen ausdehnen könnte, wenn der zunehmende Wassermangel und die stärkeren und häufigeren Stürme, die mit dem Klimawandel einhergehen, nicht ernstgenommen werden. Das könnte möglicherweise gewaltsame Konflikte, Leid und Migration weiter verschärfen.

Doch der Bericht liefert auch Vorschläge, um diesen Herausforderungen zu begegnen. „Die Vermeidung dieses Elends in Zeitlupe erfordert einen grundlegen Wandel beim gegenwärtigen Wassermanagement.“ Die Autoren empfehlen die Einrichtung einer neuen Infrastruktur zur Wasserspeicherung und zum Wassermanagement. Bewässerungsinfrastruktur besitzt ebenfalls das Potenzial, dürrebedingte Verluste bei Feldfrüchten abzufedern und so zu verhindern, dass Bauern ihr Ackerland ausweiten. Doch die Autoren geben auch zu bedenken, dass die kostenlose Bereitstellung von Wasser zur Bewässerung in ariden Gebieten zu einer schlechten Praxis führen kann, wenn Landwirte wasserintensive Pflanzen anbauen, die ihre Verwundbarkeit gegenüber Dürren weiter verstärken. Die Produktivität der Pflanzen könnte bei Dürren dann überproportional leiden, da sie enorm viel Wasser benötigen, und Dürren könnten dann noch schlimmere Folgen haben. Der Bericht fordert zudem die Einrichtung von Sicherheitsnetzen, um besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen zu schützen, wenn Überschwemmungen und Dürren zu wirtschaftlichen Einbußen führen. Auf dem Land könnte dies die Gestalt von Ernteversicherungen annehmen, während in Städten eine vorsichtige Regulierung nötig ist, um erschwinglichen Zugang zu sauberem Wasser zu gewährleisten. (ab)

25.10.2017 |

FAO: Förderung ländlicher Gebiete hilft gegen Armut, Hunger und Migration

Bauer
Die FAO fordert mehr Investitionen in ländliche Gebiete (Foto: A. Beck)

Ländlichen Gebieten kommt eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung von Hunger und Armut und der wirtschaftlichen Entwicklung in armen Ländern zu. Das ist die Botschaft des „State of Food and Agriculture 2017”, der am 9. Oktober von der Welternährungsorganisation FAO veröffentlicht wurde. Da die meisten Menschen, die an Unterernährung und Armut leiden, auf dem Land leben, hänge der Erfolg bei der Umsetzung der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung entscheidend davon ab, ob es gelingen wird, das enorme Potenzial ländlicher Gebiete zu entfalten und den Menschen dort Perspektiven und Arbeit zu geben. Dem Bericht zufolge hat wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gebieten es seit den 1990er Jahren hunderten Millionen Landbewohnern ermöglicht, sich selbst aus der Armut zu befreien. Doch die Erfolge sind ungleichmäßig verteilt und viele Länder in Subsahara-Afrika und Südasien hinken hinterher. Die niedrige Produktivität in der Subsistenzlandwirtschaft, der geringe Raum für Industrialisierung vielerorts und die Verstädterung tragen dazu bei, dass in Entwicklungsländern nicht alle Menschen über ausreichend Nahrung und Arbeit verfügen.

Als weitere Herausforderung nennt der Bericht das schnelle Bevölkerungswachstum, vor allem die rasche Zunahme junger Menschen. Schätzungen zufolge wird die Zahl der 15- bis 24-Jährigen zwischen 2015 und 2030 um 100 Millionen auf 1,3 Milliarden ansteigen. Der Großteil des Bevölkerungsplus wird auf Subsahara-Afrika entfallen. Landbewohner, die in die Städte abwandern, riskieren dann mehr als je zuvor, sich in die Masse der Armen in den Städten einzureihen anstatt einen Weg aus der Armut zu finden. Doch die FAO sieht eine Lösung in einer umfassenden Transformation ländlicher Räume. Damit sich die ländlichen Räume entfalten und dynamische Lebensmittelsysteme entstehen können, bedarf es allerdings zielgerichteter politischer Maßnahmen und Investitionen. Der Bericht argumentiert, dass ein wesentlicher Hebel zur Umgestaltung ländlicher Räume die steigende Nachfrage städtischer Lebensmittelmärkte sein wird, die für bis zu 70% der Lebensmittelverbrauchs verantwortlich sind – selbst in Ländern mit einer großen Landbevölkerung. Die Autoren schätzen dass das Marktvolumen urbaner Lebensmittelmärkte in Subsahara-Afrika zwischen 2010 und 2030 von 150 auf 500 Milliarden US-Dollar anwachsen wird.

Die Urbanisierung bietet daher eine riesige Chance für die Landwirtschaft. Doch sie stellt auch eine Herausforderung für die Millionen Kleinbauern dar“, schreibt FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva im Vorwort zum Bericht. Er warnt, dass profitablere Märkte zu einer Konzentration der Produktion von Lebensmitteln in großen kommerziellen Farmen, zu von großen Verarbeitern und Händlern dominierten Wertschöpfungsketten und zur Ausgrenzung von Kleinbauern führen könnten. Die Nachfrage aus den Städten allein werde nicht automatisch die Produktion und Marktbedingungen für Kleinbauern verbessern.

Der Bericht zeigt daher drei Handlungsbereiche auf, um eine umfassende Transformation des ländlichen Raums zu erreichen. Erstens sind unterstützende Politiken und Investitionen nötig. „Um sicherzustellen, dass kleine Lebensmittelproduzenten dabei partizipieren können, die städtische Lebensmittelnachfrage zu bedienen, bedarf es politischer Maßnahmen. Diese sollen die Hürden beseitigen, die den Zugang von Kleinproduzenten zu Inputs beschränken, nachhaltige Ansätze und Technologien fördern, den Zugang zu Krediten und Märkten verbessern, die Mechanisierung von Bauernhöfen erleichtern, landwirtschaftliche Beratungsdienste wiederbeleben, Landrechte sichern und Kleinproduzentenorganisationen stärken“, so da Silva. Zweitens müssen die notwendige Infrastruktur geschaffen werden, um ländliche Gebiete und städtische Märkte zu verbinden. Der Bericht beklagt, dass in vielen Entwicklungsländern auf dem Land Straßen, Stromnetze, Lagermöglichkeiten und Kühltransportsysteme fehlen und Bauernes so schwer haben, die städtische Nachfrage nach frischem Obst, Gemüse, Fleisch und Milchprodukten zu bedienen.

Drittens müssen ländliche Gebiete an kleinere städtische Zentren angeschlossen werden. Die Hälfte der urbanen Bevölkerung in Entwicklungsländern – oder 1,45 Milliarden Menschen – lebt in Städten mit unter 500.000 Einwohnern. „Territoriale Netzwerke aus kleinen Städten sind wichtige Bezugspunkte für Landbewohner – die Orte, wo sie ihr Saatgut kaufen, ihre Kinder zur Schule schicken und medizinische und andere Versorgung in Anspruch nehmen“, schreibt Silva. Die Umstrukturierung in ländlichen Wirtschaften wird kein Patentrezept sein, um die Abwanderung in die Städte zu stoppen und Armut und Hunger anzugehen, doch sie könnte dringend benötigte Jobs schaffen und dazu beitragen, dass sich Menschen eher bewusst für den Umzug in die Stadt entscheiden statt aus Notwendigkeit. (ab)

19.10.2017 |

Insektensterben: Forscher warnen vor „ökologischem Armageddon“

Schmetterling
Fluginsekten wie Schmetterlinge schwinden immer schneller (Foto: CC0)

Das Ausmaß des Insektensterbens könnte noch schlimmer als befürchtet sein: In den deutschen Naturschutzgebieten tummeln sich 76% weniger Schmetterlinge, Bienen und andere Fluginsekten als noch vor 27 Jahren. Das geht aus einer Studie hervor, die am 18. Oktober im Fachmagazin PLOS ONE veröffentlicht wurde. Den Wissenschaftlern zufolge ist die Abnahme bestimmter Insektenarten schon seit Langem kein Geheimnis mehr. „Doch die Tatsache, dass die Fluginsektenbestände mit solch einer Geschwindigkeit und in so einem großen Gebiet abnehmen, ist eine noch sehr viel alarmierendere Entdeckung“, betont Hans de Kroon, Projektleiter an der Radboud University in Nijmegen. Als mögliche Ursache für den Rückgang vermuten die Forscher die landwirtschaftliche Intensivierung in den Gegenden rund um die Naturschutzgebiete. „Insekten machen etwa zwei Drittel allen Lebens auf der Erde aus“, sagte Mitautor Professor Dave Goulson von der Sussex University. „Es scheint so, als ob wir gerade weite Landstriche unbewohnbar für die meisten Formen des Lebens machen und uns gegenwärtig auf dem Weg zu einem ökologischen Armageddon befinden. Bei dem derzeit eingeschlagenen Kurs werden unsere Enkel eine überaus verarmte Welt erben.“

Für die Studie erhoben Insektenforscher aus Krefeld zwischen 1989 und 2016 an 63 verschiedenen Stellen in Naturschutzgebieten in ganz Deutschland Daten. Dort wurden die Fluginsekten in sogenannten Malaise-Fallen über die komplette Saison von März bis Oktober hinweg gefangen, die gesamte Biomasse wurde gewogen und verglichen. Wissenschaftler aus den Niederlanden, Deutschland und Großbritannien werteten dann diese umfangreiche Datensammlung aus. Ihr Ergebnis: Die Insektenmenge ging in den 27 Jahren im Schnitt um 76% zurück. Im Hochsommer, wenn die meisten Insekten unterwegs sind,fiel der Rückgang mit 82% noch stärker aus. „All diese Gebiete stehen unter Schutz und die meisten von ihnen sind Naturschutzgebiete mit Management. Dennoch hat sich dieser dramatische Rückgang ereignet“, beklagt Caspar Hallmann von der Radboud University. Laut den Wissenschaftlern sind die genauen Ursachen noch unklar, doch der Schwund könne nicht auf Veränderungen beim Wetter, der Landschaft oder Pflanzenarten allein zurückgeführt werden. „Ein Teil der Erklärung könnte daher sein, dass die Schutzgebiete, aus denen die Insekten stammen, durch die landwirtschaftlich genutzten Felder in der weiteren Umgebung beeinflusst und belastet werden.“ Die Autoren vermuten, dass die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft den Rückgang der Insektenbestände in den Schutzgebieten verschärft haben könnte. „Die Forschungsgebiete sind vorwiegend klein und von landwirtschaftlichen Flächen umgeben“, fügte Hallmann hinzu. „Diese Gebiete in der Nähe ziehen Fluginsekten an und sie können dort nicht überleben. Möglicherweise wirken diese Gegenden wie ein „ökologische Falle“ und gefährden die Insektenbestände in den Naturschutzgebieten.“

Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse als Weckruf dienen, damit weiter nach den Ursachen geforscht wird und die Bestände überwacht werden. „Da ein gesamtes Ökosystem von Insekten als Nahrungsquelle und Bestäuber abhängt, stellt dies den Rückgang von insektenfressenden Vögeln und Säugetieren in einen ganz neuen Kontext“, sagt Hans de Kroon. „Wir können uns kaum vorstellen, was geschehen würde, wenn dieser Abwärtstrend weiter ungebremst voranschreitet.“ Der Studie zufolge sind etwa 80% aller Wildpflanzen auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen und 60% der Vögel nutzen Insekten als Nahrungsquelle. Der Wert dieser Ökosystemdienstleistungen durch wildlebende Insekten wird für die USA allein auf 57 Milliarden US-Dollar geschätzt. „Das Einzige, was wir nun tun können, ist mit größter Vorsicht zu agieren. Wir müssen die Dinge zurückfahren, von denen wir wissen, dass sie negative Auswirkungen haben wie der Pestizideinsatz und wir müssen das Verschwinden von blütenreichen Feldrändern aufhalten“, so de Kroon. „Aber wir müssen uns auch bemühen, unsere Naturschutzgebiete auszuweiten und den Anteil der an landwirtschaftliche Flächen grenzenden Gebiete verringern.“ (ab)

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